10.02.2003

SOZIALDEMOKRATENDer Tankwart

Oskar Lafontaine arbeitet an seinem Comeback. Auf einer Tournee durch Deutschland verrät der ehemalige SPD-Chef, wie das Land zu retten ist.
Im Warteraum A 23 des Frankfurter Flughafens sitzt ein kleiner Mann und liest die "Frankfurter Allgemeine Zeitung." Er hält sie mit beiden Händen genau vors Gesicht. Er sieht aus wie jemand, der für die "Frankfurter Allgemeine" eins von diesen Werbefotos machen lässt, auf denen behauptet wird: "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf."
Es ist der Kopf von Oskar Lafontaine.
Gleich muss er ins Flugzeug steigen, das ihn nach Hamburg bringt. Lafontaine blättert hastig durch den Wirtschaftsteil, seine Lesebrille sitzt schief, seine Augen fliegen über die Seiten, er muss nur die Überschriften sehen, dann weiß er Bescheid.
Er weiß sowieso alles. Die Welt geht den Bach runter. Und er muss etwas dagegen tun.
Zwei Polizisten in Uniform führen ihn ins Flugzeug, an der Warteschlange vorbei. Lafontaine trägt einen Lederkoffer und eine Plastiktüte in der Hand, in der er ein Buch transportiert. Er bekommt einen Platz in der Business Class.
Er ist jetzt 59 Jahre alt und gewissermaßen wieder im Dienst. Der SPD, die mal seine SPD war, geht es schlecht. Sie hat gerade zwei Landtagswahlen verloren, sie stürzt in den Umfragen immer tiefer, der Kanzler liegt im Staub. Je schlechter es der SPD geht, desto besser geht es Lafontaine.
Lafontaine hat, seit er 1999 aus seinen Ämtern als Parteichef und Finanzminister floh, ein paar Bücher und dann auch montags eine Kolumne in der "Bild"-Zeitung geschrieben. Er schrieb über die SPD, die eine falsche Politik macht, und über einen Kanzler, der es nicht kann.
Aber Schröder regierte, und Lafontaine war weit weg, in einem Einfamilienhaus im Saarland, fast schon in Frankreich. Keiner wollte etwas von ihm, nicht mal die Parteilinken, nur die "Bild"-Zeitung.
Wahrscheinlich hat er das nicht ausgehalten. Es fing damit an, dass er sagte, er wolle der SPD im Saarland behilflich sein. Erst mal. Natürlich fragten Journalisten die anderen von der SPD, ob sie jetzt Angst hätten vor Lafontaine. Schröder sagte, der Saarländer sei ein "lokales Ereignis".
Jetzt breitet sich das lokale Ereignis aus. Am Montag vergangener Woche ist es mittags in Berlin und abends in München, am Dienstag in Kiel, am Mittwoch in Frankfurt und in Hamburg. Es ist kaum mehr zu stoppen.
"Wer das Kainsmal der Unzuverlässigkeit und Unglaubwürdigkeit auf der Stirn trägt, wird abgewählt", hat Lafontaine nach den Landtagswahlen geschrieben.
Er ist zuverlässig und glaubwürdig.
"Es geht um soziale Gerechtigkeit", sagt er. Wenn er davon spricht, bekommt er immer etwas rote Backen. Er wettert gegen die "neoliberale Glaubensgemeinschaft" in Berlin. Sie verrate die Sozialdemokratie, meint er. Vielleicht wird er irgendwann vom Saarland in Berlin ankommen und die Sozialdemokratie wieder einführen.
Er muss klein anfangen, das ist schon klar. Vorigen Montag ist Lafontaine in der Hauptstadt und unterhält sich mit Lesern der "Bild"-Zeitung im Internet. Seine Gesprächspartner haben sich Phantasienamen gegeben, sie heißen "Wurmloch", "Tele-Chinese" und "Schmalzlocke". Eine Frage heißt: "Hallo, Herr Lafontaine, warum geht es Deutschland so sehr schlecht, dass sogar Ü-Eier besteuert werden?" Lafontaine antwortet: "Steuererhöhungen jetzt auch bei Überraschungseiern sind falsch, weil die Konjunktur lahmt."
Danach fliegt er weiter nach München.
Dort wartet Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk. Lafontaine wird als "Publizist" vorgestellt. Der Publizist sagt, dass er "relativ unabhängig" sei und grinst dabei etwas hintergründig.
Der Publizist ist relativ unabhängig von allem, was außer ihm sonst noch so passiert. Solange er Politik gemacht habe, sagt er, sei vernünftig Politik gemacht worden. Dann ging er weg, und die Welt veränderte sich. Er könnte auch sagen: Dann ging ich weg, und deshalb veränderte sich die Welt. Aber er redet lieber in Bildern.
Die deutsche Wirtschaft, sagt er, gleicht einem Motor, an dem viele Experten rumfummeln, Experten für Zündkerzen, Experten für Vergaser. Aber keiner hat begriffen, dass der Motor Benzin braucht, um zu laufen.
Lafontaine meint Geld. Deutschland hat zwar gar kein Geld, sondern nur Schulden. Es gibt das Drei-Prozent-Kriterium. Aber Lafontaine denkt nicht in kleinen Prozenten. Das Volk braucht eine Volldruckbetankung. Und er ist der Tankwart.
Es ist kurz vor eins am vergangenen Mittwoch, als sich im Erdgeschoss des Frankfurter "Main Tower" die Fahrstuhltür hinter Oskar Lafontaine schließt. Jemand drückt auf einen Knopf, der Fahrstuhl schnurrt in die 53. Etage. Oben wartet Michel Friedman. Friedman sendet eigentlich immer nur live, spätabends, aber abends muss Lafontaine wieder in Hamburg sein. Friedman macht eine Ausnahme, das Gespräch wird aufgezeichnet.
Sie sitzen auf diesem roten Sofa, wo Friedman normalerweise seine Gäste grillt, als wäre es ein elektrischer Stuhl. Normalerweise. Normalerweise ist es Friedman, der hier brüllt. Diesmal brüllt Lafontaine.
"Ich kann auch weiterbrüllen", sagt Lafontaine. "Dann brüllen Sie noch ein bisschen", sagt Friedman.
"Künnijunschutz", brüllt Lafontaine. Er meint "Kündigungsschutz", aber er verschluckt die Silben. Die Neoliberalen, sagt Lafontaine, wollen den Sozialstaat abschaffen; sie wollen die Arbeitsbedingungen der Dritten Welt in den Industriestaaten einführen.
Wolfgang Clement will zwar den Sozialstaat gar nicht abschaffen, er will nur den Kündigungsschutz für Kleinbetriebe lockern, damit die wieder mehr Leute einstellen. Aber so genau darf man es nicht nehmen. Die Leute klatschen jedenfalls immer, wenn Oskar Lafontaine "Künnijunschutz" sagt.
Sie klatschen sowieso ständig, weil alles so einfach ist, was er sagt. Jeder kann es verstehen. In der Welt gibt es Gute und Böse, Arme und Reiche, Linke und Rechte. Die Guten sind arm und links, die Bösen sind reich und rechts. Lafontaine ist nicht arm, aber trotzdem links und gut.
Ein 7er BMW mit Ledersitzen und Sichtblenden hat ihn zum Flughafen gebracht, er sitzt jetzt in einem Airbus auf Platz 4A am Fenster. Vor ihm liegt das Buch, das in der Plastiktüte war, aber er liest noch nicht darin. Er guckt manchmal in den Gang, wo andere Passagiere noch in der Schlange stehen. Guckt jemand zu ihm? Neben ihm dämmert ein Chinese. Niemand guckt. Lafontaine schlägt sein Buch auf. Das Buch hat den Titel "Wirtschaft - Das sollte man wissen". Es hilft jedem, der verstehen will, wie die weite Welt des Geldes funktioniert. Die Kapitel heißen "Unsere Wirtschaft aus der Vogelperspektive" oder "Die unvollendete Revolution".
Vogelperspektive. Revolution. Lafontaine guckt aus dem Fenster auf das Land, das unter ihm liegt.
Um halb sechs ist er in seinem Hotel in Hamburg, seine Veranstaltung beginnt um acht. Er hat noch etwas Zeit und schaltet den Fernseher ein. Er sieht Colin Powell vor dem Uno-Sicherheitsrat und Joschka Fischer, der den Uno-Sicherheitsrat mit einem kleinen Holzhämmerchen dirigiert. Eine Milliarde Menschen weltweit gucken zu.
Dann muss Lafontaine in die Evangelische Akademie, einen Vortrag halten. Vor 200 Menschen. Das Thema heißt "Politik braucht Prinzipien". Im Foyer kann man Lafontaines Bücher kaufen.
Lafontaine steht an einem Pult neben einem Gummibaum und spricht fast nur über Außenpolitik. Vielleicht hat das mit Fischer und dem Sicherheitsrat zu tun.
Was der Sicherheitsrat in New York veranstalte, sagt Lafontaine, sei eine "öffentliche Inszenierung". Die da in New York täten so, als ginge es um Krieg oder Frieden, "dabei ist der Krieg längst im Gange". Lafontaine sagt: "Ich argumentiere von der Position der Wahrheit her."
Um 22 Uhr ist er mit der Wahrheit durch. Er bekommt eine Flasche Rotwein geschenkt, einen Médoc, Château La Gorce. Er nimmt ihn mit in sein Hotel. Oskar Lafontaine sieht irgendwie glücklich aus. Um Mitternacht kommt die Aufzeichnung von Friedman. MATTHIAS GEYER
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 7/2003
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