10.02.2003

ÄTHIOPIENUnter Geiern

Nach Missernten drohen Hungersnot und Seuchen. Das große Sterben hat bereits begonnen.
Das Leben der Äthiopierin Agenyo Tebeje endete am 22. Januar um fünf Uhr in der Früh. Als sie die letzten Kräfte verließen, fiel fahles Licht durch die ovale Öffnung ihres Tukuls, und neben der Sterbenden zuckte der ausgezehrte Körper ihres malariakranken Sohns im Fieberwahn. Agenyo Tebeje starb im Alter von 35 Jahren den Hungertod - in ihrem Dorf Kwalessa im Hochland von Amhara, einer kargen und dürren Landschaft. Seit Monaten hat es hier nicht mehr richtig geregnet.
Seit Wochen schon künden unheilvoll gewaltige Schwärme von Geiern vom Tod in Abessinien. In Scharen sind sie zuerst über Zehntausende verendender Rinder hergefallen. Nun kreisen sie gefräßig über Kwalessa, und die verbliebenen Bewohner des Dorfes müssen sich beeilen mit der Beerdigung ihrer Toten. Zwei sind es an diesem Tag.
"Die Ersten starben bereits im Dezember", sagt Tadju Bimer, 34, Gemeindevorsteher des traurigen Ortes, es starben die Säuglinge und die Alten. Jetzt sterben schon die aus der mittleren Generation. Mit einer verzweifelten Geste deutet der junge Mann auf die Reihe mit frischen Gräbern. Über 30 seien bereits der Unterernährung zum Opfer gefallen in dem Dörfchen, das wohl nicht mehr als 500 Einwohner zählt.
Vor August ist nicht mit der nächsten Ernte zu rechnen. "Der Tod kommt früh dieses Jahr", sagt der Buchhalter des Sterbens, und er blickt dort hinüber, wo die Spaten der schwitzenden Totengräber in die harte rotbraune Erde stechen. "Herr, steh uns bei!", murmelt ein orthodoxer Priester, notdürftig geschützt mit einem bunten Schirm vor der infernalischen Sonne.
Die Toten von Kwalessa sind wahrscheinlich nur die düsteren Vorboten einer noch viel größeren Katastrophe. Nach Schätzungen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen sind in Äthiopien 14,3 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht - jeder fünfte Einwohner des Landes und damit weit mehr als doppelt so viel wie in Jahren mit durchschnittlicher Ernte: Die letzte brachte ein Viertel weniger als die des Vorjahres ein.
Und in einigen Regionen Amharas sieht es noch schlimmer aus. "Wir hatten 50 Prozent weniger Niederschlag", sagt Bernhard Meier zu Biesen von der Deutschen Welthungerhilfe, "50 Prozent weniger Niederschlag heißt 80 Prozent weniger Ernte."
Das bedeutet Hunger, Seuchen und massenhaften Tod hier oben, wo man eine Höhe von 1800 Metern als Tiefland bezeichnet und Meier zu Biesen mit gut gemeinten Projekten gegen Erosion und Verwüstung ankämpft. Und dann zieht er doch wieder jedes Jahr den Kürzeren.
Dabei sind die Menschen Dürre und Hunger gewohnt in dem Land, dem Mitte des 19. Jahrhunderts bereits der Abessinien-Reisende Richard Burton "fatale Hitze am Tag und tötende Kälte in der Nacht" attestierte. Der großen Hungersnot, die von 1888 bis 1892 das Land heimsuchte, fiel rund ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer. Der zur Beobachtung des Desasters entsandte französische Physiker R. Wurtz registrierte: "Die Menschen sterben in solchen Massen, dass die Lebenden nicht mehr die Toten begraben."
Auch in den letzten Jahrzehnten wurde das Land, fast von der Größe Spaniens und Frankreichs, immer wieder von katastrophalen Dürren heimgesucht. Die von 1973 kostete den in Saus und Braus herrschenden Kaiser Haile Selassie den Thron. Und 1984/85 starb rund eine Million den Hungertod auch deshalb, weil die marxistische Clique um den damaligen Diktator Mengistu Haile Mariam sogar Lebensmittel ausführte, um von dem Erlös Waffen zu kaufen.
Dass Unterernährung die Gefahr der Ausbreitung von Seuchen dramatisch steigen lässt, ist bekannt. "Die Hungersnot", notiert etwa der britische Wissenschaftler Richard Pankhurst, "wurde in der äthiopischen Geschichte oft vom Ausbruch von Epidemien begleitet und einem rasanten Anstieg der Todesrate durch Krankheiten."
"Wir wissen alle, was uns noch bevorsteht", klagt der Krankenpfleger Enguahone Teffera, "dennoch werden jetzt nur Maissäcke geliefert und keine Medikamente." Dreimal so viel Malariafälle wie sonst registriert er in seiner kleinen Krankenstation.
Und dabei bekommt er lediglich diejenigen zu Gesicht, die es irgendwie über die Berge schaffen - sich entweder selbst über die mühsamen Pfade schleppen oder das Glück haben, von Stärkeren getragen zu werden. An das heimliche Sterben in der Einöde Abessiniens mag er gar nicht denken: "Die meisten werden verscharrt. Ihr Tod taucht in keiner Uno-Statistik auf."
Angesichts der äthiopischen Tragödie wächst die Kritik an den Helfern der Weltgemeinschaft. Mit ihren jährlichen Hilfslieferungen selbst in Zeiten ordentlicher Ernte sei eine Abhängigkeit der Äthiopier von Lebensmittelgaben erst produziert worden, behauptet etwa der Leiter der Abteilung für landwirtschaftliche Beratung in Süd-Gonder, Yibabe Adane.
Und Klaus Feldner, 59, für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit seit 1996 in der Region, steht nicht allein mit seiner Vermutung, dass die als altruistisch gepriesene internationale Hilfe eher einen Selbstzweck der Industrienationen erfüllte: "Das Welternährungsprogramm kauft in den westlichen Ländern subventionierte Lebensmittel auf, um sie in Afrika zu verteilen - und zerstört damit den Markt der einheimischen Bauern, die ihre Produkte nicht mehr verkaufen können." Die Folgen seien Lethargie und eine unterentwickelte Infrastruktur zur Selbstversorgung.
Für die Sterbenden Kwalessas kommt ohnehin jede Hilfe zu spät. Als in der sengenden Mittagshitze der Leichnam der allein erziehenden Mutter Agenyo Tebeje in die äthiopische Erde gesenkt wird, werden nur ein paar hundert Meter entfernt Maissäcke ausgeladen. Auf ihnen prangen die Embleme der Europäischen Union und des Welternährungsprogramms.
Die Säcke landen in einem großen Speicher, der schon halb voll ist. Die Regierung im fernen Addis Abeba wolle mit der Verteilung aber erst noch warten, bis die Hungersnot voll ausbricht, sagt Gemeindevorsteher Bimer, mit einem Blick, der Ratlosigkeit verrät.
Agenyo Tebeje muss in den letzten Wochen ihres Lebens das Motorengeräusch der Hilfslaster mehrmals am Tag gehört haben. Das eine oder andere Mal stand sie wohl auch am Zaun und sah, wie die milden Gaben aus der Ersten Welt ausgeladen wurden. Geholfen hat ihr das nicht. THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 7/2003
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