10.02.2003

RUSSLANDEinzigartiges Volk

Mit seinem Werk über die Rolle der Juden im Sowjetreich provoziert Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn erneut kontroverse Debatten.
Dass ein russischer Autor in wenigen Wochen 95 000 russische Käufer für ein neues Buch findet, kommt nicht mehr häufig vor. Doch Alexander Solschenizyns "200 Jahre zusammen" über das Verhältnis zwischen Juden und Russen reizt seine Landsleute wie kaum ein anderes Werk nach dem Untergang der Sowjetunion. Nun ist der zweite Band erschienen.
Das 552-Seiten-Opus befasst sich mit der Zeit von 1917 bis zum Ende des Sowjetregimes. Mit einer Fülle von Quellen und Zitaten vor allem jüdischer Autoren zeichnet der 84jährige Nobelpreisträger Solschenizyn ein detailliertes Bild der Erfahrungen, Empfindungen und Lebensumstände von zeitweilig etwa fünf Millionen Juden im Weltreich unter Hammer und Sichel.
Das "einzigartige Volk" der Juden, eine sich vorwiegend durch familiäre Herkunft definierende Gemeinschaft innerhalb Russlands, hat den Schriftsteller mit zunehmendem Lebensalter immer mehr beeindruckt. Solschenizyn schildert, wie die Mehrzahl der Juden im Russischen Reich die bürgerliche Revolution und den Sturz des Zaren im Februar 1917 begrüßte - nicht zuletzt deshalb, weil sie dadurch die Freiheit gewann, zu wohnen und zu arbeiten, wie es ihr gefiel.
Und er weist nach, dass - anders als in antisemitischen Zirkeln verbreitet - die russischen Juden 1917/18 mehrheitlich zionistische und gemäßigt linke Parteien den Bolschewiki vorzogen.
Nach dem Oktober-Umsturz 1917 sei es Spitzenfunktionären jüdischer Herkunft in der Bolschewiki-Führung, insbesondere Lew Bronstein, bekannter als Leo Trotzki, gelungen, zunehmend junge Juden für das neue Regime zu gewinnen. Jüdische Zuwanderer vor allem aus der Ukraine rückten in Moskau und Petrograd an die Stelle der bürgerlichen russischen Intelligenz und Beamtenschaft, deren Angehörige sich den roten Revolutionären verweigerten.
Lebten 1920 nur rund 28 000 Juden in der russischen Hauptstadt, so wuchs ihre Zahl bis 1939 auf 250 000 an. Die Zuwanderer besetzten leitende Positionen in Staat und Wissenschaft. Überdurchschnittlich hoch war in den zwanziger Jahren mit mehr als 50 Prozent der Anteil jüdischer Genossen in Leitungsfunktionen der berüchtigten Geheimpolizei Tscheka.
Gleichfalls dominierend war, wie Solschenizyn belegt, in den Jahren der von Lenin initiierten Neuen Ökonomischen Politik die Stellung jüdischer Händler im russischen Wirtschaftsleben. Die "jüdische Klein- und Mittelbourgeoisie" habe nun "die Positionen des russischen Klein- und Mittelbürgertums" besetzt, stellte das später auf Stalins Geheiß hingerichtete Politbüromitglied Nikolai Bucharin 1927 fest.
Pauschale Urteile über die Haltung "der Juden" den Bolschewiki gegenüber vermeidet Solschenizyn. Er weist darauf hin, dass während des Bürgerkriegs zwischen Roten und Weißen 200 000 bürgerliche Juden aus Russland geflohen seien und Tausende gemäßigter jüdischer Sozialisten sich von der Bolschewiki-Diktatur abgewandt hätten.
Dem krassen Dissens allerdings zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten innerhalb des jüdischen Milieus misst Solschenizyn wenig Bedeutung bei. Der nationalkonservative Gulag-Überlebende fragt nicht, wie es Stalin gelingen konnte, den vorwiegend von jüdischen Genossen formierten Parteiflügel um Trotzki lahm zu legen.
Auch erhellt Solschenizyns Verquickung jüdischer Familiennamen zu einer Ansammlung großer, mittlerer und kleiner Lichter der sowjetischen Hierarchie nicht die komplizierten Mechanismen, mit denen Stalin sein System errichtete - ein System, das perfide genug war, um von Antisemiten für jüdisch und von Zionisten für antisemitisch gehalten zu werden.
Wie wenig ein ethnischer Ansatz zur Erklärung der sowjetischen Anfangsjahre taugt, zeigt ein Beispiel: Trotzki hatte durch die brutale Politik des "roten Terrors" und seine "Militarisierung der Arbeit" bald selbst bei vielen Anhängern der Bolschewiki verspielt.
Als Vollstrecker des Terrors stießen er und andere Juden, wie Solschenizyn dokumentiert, auf antisemitische Reaktionen. Ironie des Schicksals war es dann, dass Trotzki, von Stalin ins Exil gedrängt, 1940 in Mexiko erschlagen wurde - Organisator des Mordes war der Geheimdienstgeneral Nahum Eitingon, Jude wie Trotzki selbst.
Der zweite Band von "200 Jahre zusammen" zeichnet nach, wie unter Stalin ein Prozess der Entfremdung vieler Juden von der Sowjetmacht begann, wie der Diktator die Geschäfte jüdischer wie auch nichtjüdischer privater Händler um 1930 schließen und den Anteil jüdischer Mitarbeiter in Partei und Geheimdienst NKWD reduzieren ließ und wie die blutigen Säuberungen vor allem ab 1937 auffällig viele jüdische Kommunisten trafen.
Eine Wende brachte nicht einmal die Gründung eines Jüdischen Antifaschistischen Komitees Ende 1941, das Hilfe aus Amerika gegen den Überfall Hitler-Deutschlands mobilisierte. Der Geheimdienst zerschlug das Gremium 1948 und ermordete führende Mitglieder. Stalin hatte diese Juden nur als Kitt benutzt, um die Kriegskoalition mit den USA zusammenzuhalten.
Den Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Juden und Sowjetherrschaft markierte schließlich die so genannte Ärzte-Verschwörung im Januar 1953. Sie gipfelte in dem Vorwurf, von Zionisten gelenkte Mediziner hätten Stalin ermorden wollen.
Erst nach dem Tod des Diktators im März 1953, während des so genannten Tauwetters unter dem neuen Parteichef Nikita Chruschtschow, erwachte langsam wieder jüdisches Leben in Russland, zunächst vorsichtig mit Literaturabenden und Hebräisch-Kursen. In Folge des Sechs-Tage-Kriegs 1967 im Nahen Osten allerdings zeigten immer mehr jüdische Sowjetbürger Sympathie für den jüdischen Staat und gerieten in Loyalitätskonflikte mit der Sowjetmacht. Die Zahl der Ausreisewilligen stieg rapide. Mehr und mehr junge Juden engagierten sich in Dissidentengruppen.
Zwar formuliert es Solschenizyn so nicht, aber sein Material zeigt doch eines: In der Endphase der Sowjetära waren viele russischsprachige Juden der mobile Vortrupp des sich ankündigenden Umbruchs, ähnlich wie vor 1917. Im erstarrten alten System sahen sie keine Perspektive mehr.
Der Publizist Dmitrij Bykow kommt in einer Besprechung des Solschenizyn-Buches sogar zu der Behauptung, Juden hätten gewissermaßen an Stelle der Russen russische Geschichte gemacht. Sie hätten zuerst den sowjetischen Unterdrückungsstaat errichtet und später die Dissidentenbewegung hervorgebracht, die ihn mit zerstörte. Revolution, Konterrevolution, Atombombe, Wasserstoffbombe, der Fortschritt in der Literatur - alles von Juden initiiert. Das russische Volk dagegen sei passiv und suche stets nur bei anderen historische Schuld.
Aber der vom Dichter erhobene Vorwurf, die Juden trügen eine besondere "moralische Verantwortung" für das missratene Sowjetexperiment, wird von der russischen Leserschaft dennoch nur bedingt geteilt.
"Den ehrlichen, aufrichtigen Wunsch, ein objektives Buch zu schreiben", könne er bei Solschenizyn durchaus erkennen, erklärt Alexander Ossowzow, bis vor kurzem Vize-Präsident des Russischen Jüdischen Kongresses. Aber wenn ein Nichtjude die Prozentanteile jüdischer Bolschewiki zähle, so Ossowzow kategorisch, sei das dennoch Antisemitismus.
UWE KLUSSMANN
Von Uwe Klussmann

DER SPIEGEL 7/2003
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