10.02.2003

Akte Saddam (III)Mutter aller Niederlagen

Die Vernichtung der irakischen Streitkräfte im Golfkrieg führt zu Aufständen gegen Saddam Hussein - und zu einer Blamage für Washington: Die Hoffnung von Präsident Bush Sr. auf einen Regimewechsel erfüllt sich nicht, der Diktator überlebt ein Jahrzehnt halbherziger Umsturzversuche.
Nach Beginn der Angriffe am 17. Januar 1991 gelang es der alliierten Luftwaffe sehr schnell, die Kommandostrukturen des Irak und seine Luftabwehr zu zerstören. Amerikanische Kampfpiloten fanden dabei rasch heraus, dass ihre irakischen Kollegen schlecht ausgebildet waren. Sie schossen annähernd drei Dutzend irakische Kampfjets ab, verloren aber nur ein einziges Flugzeug. Die Angreifer schalteten einen Großteil der Wasser- und Stromversorgung sowie die Ölproduktion aus, zerstörten Brücken und Eisenbahnlinien, unterbrachen den Verkehr auf den Fernstraßen und bombardierten pausenlos die irakischen Streitkräfte.
Besonders heftig attackierte die Koalition jene Fabriken, in denen das Regime Massenvernichtungswaffen herstellen ließ. Der Irak wehrte sich, indem Saddam Scud-Raketen mit vergrößerter Reichweite auf Israel, Saudi-Arabien und Bahrein abschießen ließ. Dennoch gelang es den USA, die Israelis aus dem Krieg heraus- und die Saudis bei der Stange zu halten.
Angesichts der Überlegenheit der Allianz war es ein Rätsel, warum sich Saddam der Forderung nach einem Rückzug aus Kuweit selbst dann noch widersetzte, als die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten eine riesige Streitmacht von über 700 000 Mann, 3500 Panzern und 1700 Flugzeugen in der Golfregion aufgeboten hatten, um Kuweit zurückzuerobern. Nach Aussage des später übergelaufenen Geheimdienstchefs, General Wafik Samarraï, tat Saddam die militärischen Fähigkeiten Amerikas als unbedeutend ab: "Er prahlte. Als wir ihm zum Beispiel sagten, die Amerikaner hätten Stealth-Kampfflugzeuge vom Typ F-117 zum Golf gebracht, sagte er: ''Selbst unsere Schafhirten können die sehen!'' Als wir die Marschflugkörper erwähnten, sagte er: ''Wir werden die Marschflugkörper auf dem Weg zum Ziel einfach blenden. Wir werden ihren Kurs ändern.'' Als wir fragten: ''Wie machen wir das?'', antwortete er: ''Wir schießen Schlamm und Wasser auf die Radarschirme, die diese Marschflugkörper lenken.'' Wir fragten: ''Was machen wir, wenn wir mit den Apache-Kampfhubschraubern konfrontiert werden? Die können aus sehr großer Entfernung sechs verschiedene Ziele gleichzeitig angreifen.'' Er antwortete: ''O nein, machen Sie sich keine Sorgen. Das ist lediglich ein Mythos.''"
Zweifellos hatte Saddam eine übertriebene Vorstellung von der angeblichen politischen und militärischen Schwäche der internationalen Allianz und eine maßlos optimistische Sicht der eigenen Stärke. Doch nun stellten die Iraker prompt fest, dass alle ihre Berechnungen nicht aufgegangen waren. Schon Mitte Februar zeigte sich Saddam sehr besorgt, dass die Luftangriffe der Koalition seinen Truppen in Kuweit größeren Schaden zufügten, als er jemals erwartet hatte. Saddam fürchtete, dass diese Angriffe seine Armee in Kuweit so sehr schwächen könnten, dass sie einem Angriff der US-Bodentruppen nicht mehr standhalten würde. Als die Offensive am 24. Februar schließlich begann, war die Zahl der irakischen Soldaten durch Scharen von Deserteuren von 550 000 auf 350 000 geschmolzen.
Jetzt endlich versuchte Saddam, sich aus Kuweit herauszuverhandeln, indem er russische Politiker als Vermittler einschaltete.
Obwohl er zu Anfang offenbar lediglich einen Bombardierungsstopp erreichen wollte, wuchs seine Verzweiflung zusehends, so dass er schließlich alles daran setzte, seine Truppen heil aus Kuweit herauszubekommen. Eine Vernichtung von Armee und Republikanischer Garde hätte zu Aufruhr, wenn nicht gar zu einem landesweiten Putsch geführt.
Mitte Februar hatte es bereits erste Demonstrationen in den südirakischen Städten Basra und Diwanija gegeben, bei denen Saddam-feindliche Parolen erklangen und mehrere Funktionäre der Baath-Partei getötet wurden. Am 22. Februar erklärte sich Bagdad bereit, binnen 24 Stunden den Rückzug aus Kuweit anzutreten, falls die Allianz ihre Angriffe einstellen und die Vereinten Nationen die Sanktionen aufheben würden. Aus Saddams Sicht kam dieses Angebot dem Eingeständnis einer Niederlage gleich.
Doch die Amerikaner und ihre Verbündeten lehnten das Angebot ab und begannen zwei Tage später die Bodenoffensive. Die Frontlinie mit den irakischen Infanteriedivisionen löste sich schlicht auf - in wilder Massenflucht oder Kapitulation einzelner Truppenteile. Die Strategie der Koalition bestand im Wesentlichen aus einem Ablenkungsangriff der amerikanischen Marineinfanteristen auf den Südosten Kuweits, während das 7. US-Korps, mit der stärksten Konzentration von Panzern in der gesamten Militärgeschichte, in einem Flankenmanöver die irakischen Linien im Westen umging.
Der "Fog of War", die Unübersichtlichkeit des Kriegsgeschehens, erfasste nun allerdings auch die politische und militärische Führung der Amerikaner und führte zur umstrittensten Entscheidung des ganzen Feldzugs. In den letzten Stunden des 27. Februar glaubte das US-Oberkommando, dass Saddams Republikanische Garde beinahe komplett zerstört sei. Hinzu kamen Berichte über ein Massaker, das Flugzeuge der Allianz unter irakischen Soldaten angerichtet hätten, die aus Kuweit flohen (überwiegend in gestohlenen kuweitischen Fahrzeugen, die mit Beute überladen waren). Der Präsident spürte bereits politischen Druck, den Krieg und das "Abschlachten" irakischer Soldaten zu beenden. Mit der Zustimmung des Oberkommandos und des Pentagon ordnete Bush am Morgen des 28. Februar das Ende der Operation an.
Die Wahrheit sah etwas anders aus: Von den sechs Divisionen der Republikanischen Garde, die in Kuweit stationiert waren, waren drei zerschlagen worden; eine vierte hatte etwa die Hälfte ihrer Schlagkraft verloren. Das US-Oberkommando wusste einfach von einigen eigenen Einheiten nicht, wo sie sich befanden und wähnte sie viel weiter vorgeprescht. Auch waren die Rückzugswege aus Kuweit keineswegs versperrt. Wenigstens zwei Divisionen der Republikanischen Garde waren bereits über den Euphrat entkommen und rüsteten sich zur Verteidigung der Hauptstadt.
Auch das so genannte Abschlachten auf dem "Highway des Todes" hatte es so nie gegeben: Der größte Teil der Iraker flüchtete aus seinen Fahrzeugen, sobald die ersten Flugzeuge erschienen. In Hunderten von Autowracks fanden sich nur wenige Dutzend Leichen. Infolgedessen gab es für die US-Regierung Anfang März ein böses Erwachen, als die CIA berichtete, dass 842 irakische Panzer die "Operation Wüstensturm" überstanden hatten und dass sich die Überlebenden der Republikanischen Garde daran machten, Aufstände gegen die Herrschaft von Saddam niederzuschlagen.
Hatte der Diktator im Herbst 1990 seine Erfolgschancen grob falsch eingeschätzt, so war es im Frühjahr und Sommer 1991 die Regierung Bush, der schwere Fehleinschätzungen unterliefen. Zum Zeitpunkt der Waffenruhe am 28. Februar 1991 war die irakische Armee in Auflösung begriffen, und insgesamt blieben nur noch wenige Divisionen der Republikanischen Garde zwischen den Streitkräften der Koalition und Bagdad. Es stand außer Frage, dass die Allianzstreitkräfte die irakische Hauptstadt hätten einnehmen können - und zwar schnell. Aber die Regierung Bush entschied sich, darauf zu verzichten.
Wie Präsident Bush und sein Sicherheitsberater Brent Scowcroft später schrieben, hatten sie nie geglaubt, dass ihnen diese Option offen stand. Das Mandat durch die Vereinten Nationen hätte lediglich gelautet, Kuweit zu befreien. Weder die Allianz noch das amerikanische Volk seien darauf vorbereitet gewesen, einen Regierungswechsel im Irak mit Gewalt herbeizuführen.
Der Grund: Die Regierung Bush blieb im alten geopolitischen Denken der achtziger Jahre verhaftet, das davon ausgegangen war, ein starker Irak sei als Gegengewicht zu Iran unverzichtbar. Die USA fürchteten, ihr Marsch auf Bagdad könne das Land auseinander brechen lassen.
Etwa zur selben Zeit, als sich Washington entschloss, nichts zu unternehmen, um Saddam zu stürzen, entschieden viele Iraker, dass der rechte Moment gekommen sei, genau das zu tun. Die irakische Intifada begann am 1. März in Basra, als sich müde, hungrige und wütende irakische Soldaten gegen das Regime wandten und viele Schiiten vor Ort davon überzeugen konnten, sich ihnen anzuschließen. Innerhalb von 24 Stunden stürzte die Millionenstadt ins Chaos. Kleine Rebelleneinheiten lieferten sich Straßenkämpfe mit loyalen Truppen des Regimes. Binnen weniger Tage brachen in zwei Dutzend weiteren Städten des Irak ähnliche Aufstände aus.
Die Revolte im Süden war überdies ein Signal für die irakischen Kurden, die seit der Operation al-Anfal auf eine Gelegenheit gehofft hatten, ihre Unabhängigkeit zu erringen. Während der Aufstand der Schiiten fast spontan und unkoordiniert war, hatten die Kurden ihre Offensive bereits seit der Invasion Kuweits geplant - in der Hoffnung, dann loszuschlagen, wenn Saddams Truppen eine Niederlage einstecken müssten. Bis zum 19. März hatten Kurdenkämpfer die Kontrolle über fast alle alten Stammesgebiete errungen und auch die größeren Städte Arbil, Dahuk, Kirkuk und Suleimanija eingenommen.
Die irakische Intifada bot der Regierung Bush eine weitere Möglichkeit, Saddam zu stürzen. Denn bis zu einem gewissen Grad war Washington mitverantwortlich für den Aufstand. Die USA hatten das irakische Volk auf Flugblättern angestachelt, das Regime zu kippen, und hatten damit das Versprechen verbunden, eine solche Revolte auch zu unterstützen. In zwei Reden, die im Irak zu empfangen waren, hatte Präsident Bush am 15. Februar verlangt: "Das irakische Militär und das irakische Volk sollten die Dinge in die eigene Hand nehmen und den Diktator Saddam Hussein zwingen abzutreten."
Einige Mitglieder der Administration forderten, Schiiten und Kurden mit Waffen auszurüsten, um so das Versprechen einzulösen und einen Regimewechsel zu erreichen. Andere verlangten ein direktes Eingreifen der Vereinigten Staaten, zumindest mit Luftschlägen gegen loyale Regierungstruppen. Doch wieder einmal erhoben der Präsident und seine wichtigsten Berater Einwände.
Obwohl es erhebliche Beweise dafür gibt, dass Millionen Iraker die Revolte begrüßten und ihren Erfolg wünschten, waren doch sehr viel weniger bereit, sich der Republikanischen Garde entgegenzustellen. Die meisten nutzten einfach die Gelegenheit, zu plündern und Läden sowie Lagerhäuser auszurauben. Die schlichte Tatsache, dass Saddam so viele Angriffe auf seine Herrschaft überlebt hatte und sich die Iraker so sehr vor seiner Rache fürchteten, falls der Aufstand fehlschlagen würde, veranlasste die große Mehrheit, lieber abzuwarten und zu sehen, wer gewinnen würde. Das führte dazu, dass die loyalen Streitkräfte die Intifada innerhalb weniger Wochen niederschlagen konnten.
Auch nach dem Ende des Golfkriegs 1991 verpassten die USA die besten Gelegenheiten, das Regime Saddam Hussein zu entmachten. Präsident George Bush Sr. und seine wichtigsten Berater, die zum großen Teil heute auch die Helfer seines Sohnes sind, wiegten sich in dem Glauben, dass Saddams Sturz und sein Tod unmittelbar bevorstünden. Damals fielen viele Entscheidungen vor dem Hintergrund solcher kurzfristigen Erwartungen.
Am 7. Mai 1991 verkündete der stellvertretende Sicherheitsberater Robert Gates, dass Saddam Hussein diskreditiert sei und sich auch nicht ändern werde. Daher "müssen die Iraker die Zeche zahlen, solange er an der Macht bleibt. Alle denkbaren Sanktionen werden so lange aufrechterhalten, bis er beseitigt ist".
Doch Washington hatte nicht vor, sich allein auf Sanktionen zu verlassen. Wenig später unterzeichnete Präsident Bush eine Anweisung für eine verdeckte Aktion, um "die Bedingungen für den Sturz Saddam Husseins zu schaffen". Ein paar Monate später erhöhte die Administration die Mittel für das Umsturzprogramm von 15 Millionen auf 40 Millionen Dollar.
In Wahrheit hatte damals kaum ein Mitarbeiter der CIA an einen Erfolg geglaubt. Der aussichtsreichste Ansatz der Geheimdienstler betraf eine Gruppe von Exilanten, die sich Irakische Nationale Einheit oder arabisch al-Wifak nannten. Diese Gruppe bestand hauptsächlich aus ehemaligen irakischen Offizieren und Beamten, von denen viele immer noch Kontakte zu den Streitkräften des Regimes und den Sicherheitsdiensten hielten.
Vor allem im Sommer 1991 hatten sich die US-Agenten um den Exil-Iraker Ahmed Schalabi bemüht, einen ehemaligen Banker, der als Koordinator eine effektive Exil-Opposition unter einem Dachverband formen sollte. Alle oppositionellen Gruppen hatten sich als schwach und streitsüchtig erwiesen, und Schalabi war ausgewählt worden, weil er vermögend war und über Organisationstalent verfügte. Ein US-Beamter bezeichnete ihn als "Bürovorsteher" - und mehr sollte er auch nicht sein. Die CIA dachte, als unbeschriebenes Blatt werde er keine Einwände der etablierteren Gruppen provozieren. Dennoch bedeutete das Fehlen jeglicher Unterstützung für Schalabi, innerhalb wie außerhalb des Irak, dass er einen mühsamen Kampf vor sich haben würde, eine vereinigte irakische Opposition aufzustellen, selbst wenn die CIA dabei half.
Anfang März 1995, in Washington regierte längst Bill Clinton, geriet ein weiterer Teil des Umsturzprogramms außer Kontrolle. Mit Hilfe einiger CIA-Beamter ersann der übergelaufene General Samarraï mit den beiden großen Kurdenparteien und Schalabis Irakischem Nationalkongress (INC) einen Plan, um Saddam zu stürzen. Dank der US-Geheimdienstler waren sie dahinter gekommen, dass die 38. irakische Infanteriedivision, die südlich der Kurden-Hochburg Arbil aufgestellt war, kurz vor dem Kollaps stand.
Die Kurden nahmen Kontakt zu einem Bataillonskommandeur auf, der ihnen berichtete, dass seine gesamte Einheit bereit sei überzulaufen. Die Verschwörer hofften, ein großer Verband von Kurden könne die 38. Division überrollen und dann weiter auf Bagdad vorstoßen. Doch der Plan hatte Tücken: Eine von Kurden geführte Revolution würde wahrscheinlich die loyalsten sunnitischen Militäreinheiten nur fester an das Regime binden. Außerdem war unklar, wer im CIA-Hauptquartier in Langley wusste, was die Agenten vor Ort planten; innerhalb der US-Regierung war niemand in das Vorhaben eingeweiht. Zu allem Überfluss hatte man in Langley erfahren, dass Saddams Geheimdienste das Putschvorhaben entdeckt hatten.
Das veranlasste Massud Barsanis Kurdische Demokratische Partei, von der Operation abzurücken. Die anderen Aufständischen entschieden sich weiterzumachen, und am 6. März starteten etwa 10 000 Peschmerga, unterstützt von einigen hundert INC-Anhängern, ihren Angriff auf die 38. Division. Die Aktion war gut vorbereitet und wurde planmäßig durchgeführt. Wie erhofft, ergaben sich große Truppenteile. Die Opposition, ermutigt durch einige CIA-Betreuer, hoffte noch immer darauf, dass die USA Flugzeuge schicken würden, um einen weiteren Vorstoß der kurdischen und INC-Verbände zu decken. Gleichzeitig versuchten die Verschwörer, andere irakische Armee-Einheiten zum Überlaufen zu bewegen. Doch Saddams Agenten hoben Samarraïs Komplizen in den Streitkräften aus, und US-Aufklärungssatelliten entdeckten den Aufmarsch von Einheiten der Republikanischen Garde.
Washington warnte die Kurden, sie sollten sich verschanzen und nicht darauf hoffen, dass ihnen die USA zu Hilfe eilen würden. Der Aufstand endete mit einem schmählichen Fehlschlag, und danach waren die beteiligten Kurden, der INC und die CIA-Verbindungsoffiziere überzeugt, dass Washington einen möglichen Sturz Saddams verpatzt hatte.
Im Sommer 1996 scheiterte ein weiterer Putschversuch der CIA. Der Geheimdienst hatte eine Zeit lang mit al-Wifak gearbeitet, der oppositionellen Gruppe, die hauptsächlich aus ehemaligen irakischen Offizieren bestand. Sie hatten Kontakte mit hochrangigen Kameraden aus Sicherheitsdiensten, Armee, Luftwaffe und selbst Sondereinheiten der Republikanischen Garde geknüpft, die den Aufstand mittragen wollten. Doch wieder einmal erfuhren Saddams Spitzel im Voraus von dem Komplott. Im Juni schnappte die Falle zu. Innerhalb weniger Tage wurden Hunderte Verschwörer verhaftet, und die CIA-Teams, die die Operation unterstützt hatten, mussten aus der Region fliehen.
Wie die kurdischen Angriffe vom März 1995 stellte der Zusammenbruch des Putsches von Juni 1996 ein großes Problem dar - für beide Seiten. Für die USA bedeutete es den Misserfolg eines weiteren Umsturzversuchs, den die CIA mitgetragen hatte. Saddam dagegen war ein weiteres Mal mit knapper Not entkommen. Das Regime in Bagdad war getroffen durch das Ausmaß der Kabale und die Teilnahme von Offizieren, die zu den Sondereinheiten der Republikanischen Garde gehörten - angeblich Saddams verlässlichste Truppe. Geschockt war der Diktator auch über die Tatsache, dass die CIA derart tief ins Innerste des Regimes hatte vordringen kön-
nen. Wenig später boten ihm die internen
Streitigkeiten zwischen den Kurdenführern Massud Barsani und Dschalal Talabani eine Möglichkeit zur Revanche. Im verzweifelten Bemühen, die schwindende Moral seiner Streitkräfte, vor allem die der Republikanischen Garde, wiederherzustellen, bot die Zerschlagung von Talabanis Milizen Saddam die Gelegenheit, seinem Militär einen Sieg zu schenken. Gleichzeitig bekam er die Chance, die CIA und die von ihr geförderte Opposition aus dem Nordirak zu vertreiben, die Autorität des Regimes neu zu behaupten und dem Volk des Irak seine Stärke zu demonstrieren.
Unter dem Deckmantel einer Übung konzentrierte er zwei Divisionen der Republikanischen Garde und drei reguläre Armeedivisionen um Arbil, wo Talabanis Truppe und der INC ihre Hauptquartiere hatten. In der Nacht zum 31. August 1996 schlugen die Iraker zu und überrollten mit Hilfe der Barsani-Milizen Arbil in wenigen Stunden. Die Iraker nahmen über 200 INC-Leute fest, die hingerichtet wurden, bevor die Truppen des Regimes am nächsten Tag abzogen und die Stadt in den Händen Barsanis ließen.
Obwohl damals kaum jemand das ganze Ausmaß begriff, war die Arbil-Krise ein Desaster für die USA. Danach machte sich die Clinton-Regierung erst Anfang 1999 wieder daran, Optionen zum Sturz von Saddam zu entwickeln. Aber es gab interne Probleme. Die CIA war nach ihren unerfreulichen Erfahrungen von 1995 und 1996 äußerst zurückhaltend. Sie verlangte eine Garantie, dass die Administration ihr politisch zur Seite stehen würde. Deshalb entwickelte der Dienst einen übervorsichtigen Plan für eine verdeckte Aktion, der vor allem sicherstellte, dass ihnen die Operation nicht aus dem Ruder laufen würde.
Die CIA wollte überdies nichts mehr mit dem Irakischen Nationalkongress zu tun haben, nachdem sie viele Jahre lang beobachten musste, dass er weder über bemerkenswerte Unterstützung verfügte noch irgendwelche Massenübertritte im irakischen Militär oder gar eine Revolte zu Stande gebracht hatte. Überdies hatte das Hauptquartier in Langley mit Schalabi schlechte Erfahrungen gemacht. Schließlich versank die irakische Opposition im Laufe des Jahres 1999 in einem heillosen Chaos. Die Kurden bekämpften sich gegenseitig, al-Wifak war geschwächt und versuchte langsam, die Verbindungen zu irakischen Militärs wieder aufzubauen.
All diese Probleme hätten Pläne zum Sturz des Regimes ohnehin zum Scheitern verdammt. Was jedoch alle Vorbereitungen für eine Rebellion in Bagdad wirklich zunichte machte, war der Kosovo-Krieg. Als die Welt begriff, dass die Regierung Clinton letztlich doch keinen entschlossenen Versuch zum Sturz Saddams unternehmen würde, verstärkte dies im Ausland den Wunsch, sich mit Bagdad gut zu stellen. Als Folge davon stieg der Schmuggel in den Irak sprunghaft an. 1999 schätzten die USA, dass etwa 5 Prozent der irakischen Einkünfte aus dem Uno-Programm "Öl für Lebensmittel" illegal in Saddams Taschen landeten. 2001 lag diese Zahl trotz der scharfen Uno-Kontrollen schon bei etwa 20 Prozent. Syrien, langjähriger Feind des Irak, öffnete die irakisch-syrische Pipeline, die seit 1982 gesperrt war, und nahm den Irakern täglich bis zu 200 000 Barrel Öl ab - eine flagrante Verletzung der Uno-Sanktionen. Der Irak begann, für jedes verkaufte Barrel Öl einen illegalen Aufschlag zu fordern, zahlbar auf Privatkonten außerhalb des von der Uno abgesegneten Handels - und die Firmen zahlten. Ende 2000 war Washington praktisch nicht mehr in der Lage, die rasche Aushöhlung der Sanktionen aufzuhalten.
Als die Administration von George W. Bush im Januar 2001 ihr Amt antrat, glaubten viele, dass der neue Präsident einen Regimewechsel im Irak zur ersten und höchsten Priorität machen würde. Das schien sich zu bestätigen, als die Regierung ankündigte, ihre erste umfassende außenpolitische Lageanalyse werde den Irak betreffen. Doch vor dem 11. September 2001 handelte sie nicht viel anders als ihre Vorgängerin. Außenminister Colin Powell näherte sich dem Irak mit ähnlicher Skepsis. Auch er glaubte, der Irak sei ein kleines, schwaches Land, das die US-Außenpolitik nicht monopolisieren dürfe. Saddam könne kostengünstig in Schach gehalten werden, was der neuen Regierung Raum für andere wichtige außenpolitische Initiativen ließe. Doch eine Gruppe um Vizepräsident Dick Cheney und den stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz vertrat den entgegengesetzten Standpunkt. Sie waren geradezu fixiert darauf, Saddam loszuwerden, und betrachteten den Irak als ebenso bedrohlich wie verwundbar. Vom ersten Tag an drängten sie auf eine aggressive Strategie zum Sturz Saddams. Ihr Dogma lautete: Das irakische Regime ist die Wurzel beinahe allen Übels, unter dem die USA leiden könnten, von den Auswirkungen arabisch-israelischer Gewalt bis hin zum internationalen Terrorismus. Gleichzeitig aber warte das irakische Volk darauf, sich gegen Saddam zu erheben, und täte dies auch, wenn die USA nur zeigten, dass es ihnen ernst mit einem Umsturz sei.
Erst die Reaktion auf die Terrorattacken vom 11. September änderte die Lage gründlich. Auf einmal schien die Strategie der Falken durchführbar zu sein. Amerika war jetzt offenbar bereit, sich der Aufgabe zu stellen, die Mittel und das politische Kapital für einen Sturz Saddams aufzubringen.
ÜBERSETZUNG: ILSE LANGE-HENCKEL, MARTINA STOSCH
Von Kenneth Pollack
* Mit Verteidigungsminister Richard Cheney und Generalstabschef Colin Powell am 18. Januar 1991 im Pentagon. * Zusammen mit kurdischen Kämpfern nach der Niederschlagung des Aufstands gegen Saddam im April 1991.
Von Kenneth Pollack, Ilse Lange-Henckel (Übersetzung) und Martina Stosch (Übersetzung)

DER SPIEGEL 7/2003
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