17.02.2003

Krieg aus Nächstenliebe

Mit dem Sturm auf Bagdad will US-Präsident George W. Bush einen göttlichen Auftrag erfüllen. Selten sind im tiefgläubigen Amerika nationale Machtinteressen und fundamentalistische Frömmelei eine so innige Verbindung eingegangen. Christliche Eiferer rufen zum Kreuzzug gegen den Islam.
Washington ist eine gottesfürchtige Stadt. Zu den Ritualen im Weißen Haus gehört es, dass Kabinettssitzungen mit einem Gebet eröffnet werden. Der Präsident bittet einen Minister um ein paar Worte der Besinnung, und alle im Saal senken die Köpfe, schließen die Augen, falten die Hände. Donald Rumsfeld, der alte Kämpe, flehte Gott an, er möge die "lust for action", die Gier loszuschlagen, zügeln.
Auch trifft sich ein Bibelkreis regelmäßig zu Lektüre und Exegese ausgewählter Stellen im Neuen oder Alten Testament. Zwar gibt es für die Mitarbeiter des Weißen Hauses keine Verpflichtung zur Teilnahme, aber es wird durchaus registriert, wer dabei ist und wer fehlt.
Fromme, moralische, gute Menschen bevölkern den Amtssitz des Präsidenten. Flüche sind verboten, es wird weder geraucht noch getrunken. Niemand darf dort arbeiten, der nicht das ungeschriebene Kriterium erfüllt: "keinen Joint seit dem College". Ein "moderner Evangelikalismus" durchflute das schöne Haus an der Pennsylvania Avenue, berichtet durchaus begeistert der einstige Redenschreiber des Präsidenten, David Frum.
George W. Bush sagt von sich, dass er täglich in der Bibel liest. Er spricht neuerdings auch auffallend häufig von der Kraft, die aus der inneren Sammlung kommt. "Ich bete", sagt er, "ich bete um Stärke, um Anleitung, um Vergebung. Und ich bitte den freundlichen und großzügigen Allmächtigen, meinen Dank anzunehmen."
Je näher der Krieg gegen den Irak rückt, desto öfter erzählt der Präsident von seinem Glauben und seinen Werten. Seiner Frömmigkeit misst er großen Einfluss auf seine Handlungen zu. Es versteht sich in Amerika fast von selbst in Zeiten einer nationalen Krise, dass der Präsident sich in einen Prediger verwandelt, der Trost und Kraft spendet.
Der pastorale Ton greift aber mittlerweile auch auf die Begründung der Politik über. George W. Bush ist überzeugt, dass Gott es ist, der ihn in diesem geschichtlichen Moment dieses Amt versehen lässt. In seinen Gebeten, sagt Bush, bitte er vor allem um Stärke für seine Mission: "Gott hat uns aufgerufen, unser Land zu verteidigen und die Welt zum Frieden zu führen."
Das Weiße Haus ist nicht nur Herz und Hirn der heute maßlos überlegenen Supermacht, sondern war schon häufiger ein Ort der Frömmigkeit. Etliche Präsidenten vor Bush haben versucht, ihren persönlichen Glauben mit dem Anspruch der USA auf imperiale Entfaltung in Einklang zu bringen. Jimmy Carter nahm sein Christentum sogar so ernst, dass er vorübergehend die sanfte Verbreitung der Menschenrechte harter Interessenpolitik vorzog. Der wenig fromme Ronald Reagan hingegen bemäntelte mit biblischen Anspielungen ("Reich des Bösen") seinen Vorsatz, die konkurrierende Supermacht zu Grunde zu rüsten. George W. Bush aber ist es offenbar mit beidem ernst: mit dem Glauben an den Menschensohn und mit der imperialen Machtprojektion.
Wann immer ein amerikanischer Präsident sein Christentum mit dem Wunsch nach Neuordnung der Interessensphären aufs Harmonischste verbinden will, antworten die Europäer mit tiefer Skepsis. Mit ihrem weltlichen Verständnis von Macht und Politik verträgt sich nicht die uramerikanische Berufung auf ein "manifest destiny" - die Schicksalsbestimmung der Vereinigten Staaten, Frieden durch Krieg in die Welt zu bringen. Doch wer die Rolle der Religion in "God''s own country" (US-Selbstverständnis) nicht ernst nimmt, auf dessen Währung "In God we trust" eingraviert ist, der versteht Amerika nicht.
Von Anfang an wollten die USA jene "Stadt auf dem Berge" sein, von der die Bibel gesprochen hat, aber eben auch viele US-Präsidenten. Der ganzen Menschheit wollte sich Amerika anbieten: als verwirklichte Utopie und Vorgriff auf das künftige Himmlische Jerusalem zugleich.
Solch maßloser Anspruch dominiert auch die Außenpolitik. Für den Krieg gegen den Irak hat die Regierung Bush wechselnde Begründungen gefunden. Zuerst galt es als entscheidend, dass es direkte Drähte zwischen Saddam Hussein und Osama Bin Laden gab - was sich jedoch nicht untermauern ließ. Dann stellte sich der Regimewechsel wahlweise als Selbstzweck, als Voraussetzung zur Vernichtung der irakischen Massenvernichtungswaffen, als Sicherung der Ölreserven des Nahen Ostens vor einem amerikafeindlichen Diktator oder als Mittel zur Demokratisierung der gesamten Region dar. Zuletzt argumentierte der Präsident mit dem Menschenrecht der Iraker auf Befreiung von der Tyrannei - ehe er zum unbewiesenen Ausgangspunkt zurückkehrte, der Zusammenarbeit Saddams mit Bin Laden.
Im Weißen Haus war die Geduld, Einwände zu ertragen und Gegenargumente zur Kenntnis zu nehmen, von Anfang an schwach ausgeprägt. Die Folgen sehen momentan ziemlich verheerend aus. Das Verhältnis zwischen Amerika und Europa ist gestört wie kaum je zuvor, wobei sich die Europäer auch noch den Luxus leisten, sich in zwei Lager zu spalten, je nachdem, wie die Länder zum Irak-Krieg stehen.
Der atlantische Graben ist auch deshalb tiefer geworden, weil Amerika anders ist - aber wie ist es? Was zeichnet das organisierte Christentum aus, dem Bush seine Präsidentschaft verdankt, und zu welchen Prioritäten treibt ihn diese moralische Mehrheit? Von welchen Antriebskräften lässt sich George W. Bush leiten - und ist er eine Marionette vom Big Business, wie viele Europäer meinen, oder ein Präsident aus eigenem Recht?
Die doppelte Wiedergeburt
Anfang Oktober 2001 lud Präsident Bush fünf religiöse Führer - drei christliche, einen jüdischen, einen muslimischen - ins Weiße Haus ein. Er informierte sie über den Stand des Kriegs gegen den Terrorismus und meinte, einige entscheidende Gefechte stünden bevor. Dann bat er sie unvermittelt, für ihn zu beten - die Einleitung zu einer überraschenden Selbstoffenbarung: "Sie wissen ja, dass ich ein Alkoholproblem hatte. Wenn alles so weitergelaufen wäre, säße ich jetzt in einer Bar in Texas, anstatt im Oval Office. Es gibt nur
einen einzigen Grund, weshalb ich hier im Oval Office bin und nicht in der Bar: Ich habe zum Glauben gefunden. Ich habe Gott gefunden."
Nur äußerst selten erzählt Bush von seiner Zeit als Trinker, und so gut wie nie gibt er zu, dass er nahe dran war, sein Leben wegzuwerfen. Obwohl - oder gerade weil - er im Reichtum und mit Privilegien aufwuchs, liest sich seine Biografie bis zum 40. Geburtstag wie die Studie eines umfassenden Versagers.
Er wurde nach seinem Vater benannt, der Erfolge feierte, was immer er auch unternahm: im Zweiten Weltkrieg, für den er sich mit 18 freiwillig meldete, im Sport und im Studium, im Geschäftsleben, wo er Millionen mit texanischem Öl verdiente, und in der Politik, wo er es zum Botschafter in China, zum CIA-Chef, zum Vize - und schließlich zum Präsidenten brachte.
George W., der älteste Sohn, ging dieselben Wege, allerdings viele Jahre lang glück- und erfolglos: Er war ein dürftiger Student in Yale. Als er, gerade Präsident geworden, an die Elite-Universität an der Ostküste zurückkehrte, hielt er eine bemerkenswert nachdenkliche Rede: "Ich hatte keine große Ahnung, was ich tun sollte, als ich hier weggegangen bin. Ich kannte einige Leute, die einen Plan hatten. Aber es stellte sich bald heraus, dass auf uns alle möglichen Siege und Niederlagen warten - die meisten zu unserer großen Überraschung. Das Leben nimmt seine eigenen Wendungen, stellt ganz eigene Anforderungen an uns, schreibt seine eigenen Geschichten. Und auf unserem Lebensweg beginnen wir langsam zu verstehen, dass wir nicht die Autoren sind."
Anders als sein Vater wurde er nie Kapitän der Baseballmannschaft von Yale, er bekam auch keine Kriegsauszeichnung. Bush Junior blieb bei der Nationalgarde von Texas, wo er sich vor einem Einsatz in Vietnam drückte, und er erlitt eine Bruchlandung beim ersten Versuch, in die Politik zu gehen.
Als Bush 26 Jahre alt war, fuhr er in angetrunkenem Zustand seinen Wagen zum Haus seiner Eltern in Washington. Er verlor die Kontrolle über das Auto, stürzte ein paar Mülleimer der Nachbarn um und schleifte sie wild kurvend die Straße hinunter. Sein Vater stellte ihn zur Rede, was den Sohn aber vollends in Wut versetzte. Der verzweifelt erfolglose Junior drohte dem notorisch erfolgreichen Senior Prügel an.
Vater Bush schickte seinen Sohn umgehend nach Texas zurück in ein Sozialprogramm, in dem er unterprivilegierten Kindern helfen musste - Anschauungsunterricht in realem Elend. "Wir wussten nicht, dass er ein Alkoholproblem hatte", meinte Mutter Barbara im Nachhinein, "was nicht heißen soll, dass er nie ein bisschen zu viel getrunken hat." Als wahrer Erbe des Vaters galt der jüngere, strebsamere Sohn Jeb, der heute Gouverneur in Florida ist.
George Bush Junior büßte Millionen im Ölgeschäft ein. Freunde seines Vaters mussten ihn aus der finanziellen Not befreien, ein Vorgang, der sich wiederholte. Nach einer Reihe von Demütigungen, die ihm seine Minderwertigkeit bezeugten, begann er mit dem schweren Trinken: Bier, Bourbon on the rocks, Wein. Das ging so bis zum 27. Juli 1986, als er mit Freunden und vielen Getränken seinen 40. Geburtstag nachfeierte.
Am Tag darauf hatte er einen schweren Kater und nahm sich vor, von jetzt an trocken zu bleiben. Seine Frau Laura sagte, er habe diesen Vorsatz ein Jahr lang gewälzt, doch es gab immer wieder Rückfälle. Als er am Ende einer wochenlangen Sauftour aufwachte und in den Spiegel sah, entdeckte er sein mit Erbrochenem verschmiertes Gesicht. Er fiel auf die Knie und bat um Gottes Hilfe. Amerika liebt solche Geschichten von der Heimkehr des verlorenen Sohns.
Zur Rehabilitation trugen offenbar therapeutische Seelenerforschungen mit Billy Graham bei, dem großen Star der protestantischen Erweckungsbewegung, der in vielen Ländern die Säle füllte. Der charismatische Prediger kam öfter auf den Landsitz nach Kennebunkport, um mit der Familie Bush und Freunden zu beten und Gespräche über Gott und die Welt zu führen. Bush Junior nahm offenbar erst lustlos, dann aber mit wachsendem Interesse teil. Graham habe, meinte er später, "ein Senfkorn in mein Herz gepflanzt, und ich fing an, mich zu ändern".
Die Entscheidung, vom Alkohol zu lassen, war wahrscheinlich seine erste eigene von einiger Tragweite. Anscheinend traute er sich jedoch selbst so wenig zu, dass er nicht glaubte, die Kehrtwende aus eigenem Antrieb geschafft zu haben, sondern sie einer höheren Macht zu verdanken. Seitdem gehört er zu den rund 60 Millionen Amerikanern, die sich als "wiedergeborene Christen" betrachten und ihrem Gott beständig Dankbarkeit für ihre Läuterung bezeugen. Von Bush ist zudem der Satz überliefert, dass er Jesus als den wichtigsten politischen Philosophen aller Zeiten betrachtet, "weil er mir half, mit dem Trinken aufzuhören".
Der Sohn trat von nun an erfolgreicher in die Fußstapfen seines Vaters. Erst wählten ihn die Texaner zweimal zu ihrem Gouverneur, dann gewann er die umstrittenste Präsidentschaftswahl seit Menschengedenken.
Der texanische Prediger Tony Evans, einer seiner geistlichen Berater, erinnert sich: "Die Lehren der Bibel waren ein Grund für seinen Entschluss, sich um das Präsidentenamt zu bewerben. Er fühlt, dass Gott zu ihm spricht." Seine Aufgaben definierte Bush hinfort als Auftrag: "Ich bin überzeugt, dass wir unsere gesamte Kultur grundsätzlich und für immer ändern müssen. Wir brauchen spirituelle Erneuerung in Amerika."
Aus dem gelegentlichen Kirchgänger war ein frommer Mann geworden, der auch im Weißen Haus rigorose Disziplin übt und täglich die entsprechende Bibelpassage im Losungsbuch liest. Aus dem haltlosen Trinker wurde ein Präsident, mit dem sich Mainstream-Amerikaner gerade wegen dessen Durchschnittlichkeit, Fehlbarkeit und Gläubigkeit identifizieren können.
Die zweite Wiedergeburt des George W. Bush fand am 11. September 2001 statt. Bis zu diesem Tag war er ein zielloser, genügsamer Amtsinhaber gewesen, umgeben von Klügeren und Besseren, die ihm leicht den Glanz stahlen, wogegen er sich noch nicht einmal zur Wehr zu setzen schien. Erst die mörderischen Anschläge von New York und Washington gaben seiner Präsidentschaft Ziel und Zweck. Sie verwandelten den Amtsinhaber im Weißen Haus, dem es zur Gewohnheit geworden war, sich klein zu machen und sein unverhofftes Glück zu genießen, in einen Präsidenten, der die Interessen seines Landes durchsetzen will.
Diese Veränderung bemerkten zuerst die Staats- und Regierungschefs, die nach dem 11. September zu Kondolenz- und Erkundungsbesuchen anreisten. Bush erschien ihnen nicht länger als uninformiertes, uninteressiertes Leichtgewicht. Er ist zwar noch immer nicht besonders kenntnisreich und welterfahren, er verhaspelt sich mit der Sprache nach wie vor auf groteske Weise, und auf sein Gedächtnis kann er sich auch nicht blind verlassen, aber seine Grundhaltung ist seither klar und eindeutig: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns.
Für den gewandelten Bush ist Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Dabei scheint er einerseits vom Optimismus beflügelt zu sein, der sich auf die Stärke der amerikanischen Militärmacht verlässt. Andererseits klingt gelegentlich Pessimismus an, wonach Amerika trotz aller Überlegenheit mehr denn je auf neue Terroranschläge gefasst sein muss.
In diesem Dilemma entscheidet sich Bush fürs Risiko, wo immer es geht. Aus dem geistig abwesenden Präsidenten ist ein entschlossen handelnder Kriegsherr geworden, von seiner Mission überzeugt, die im Glauben wurzelt.
Als er einer Schule in Crawford, dem texanischen Städtchen in der Nähe seiner Ranch, einen Besuch abstattete, stellte ihm eines der Kinder die Frage, ob er denn seine Entschlüsse rasch und ohne langes Zweifeln fasse. "Ich weiß, woran ich glaube", antwortete Bush wie in selbstvergessenem Ernst, "und ich weiß, wohin ich das Land führen möchte. Um ehrlich mit dir zu sein, meine Entscheidungen fallen mir ziemlich leicht."
An Ronald Reagan, als dessen eigentlicher Erbe sich der Präsident immer deutlicher profiliert, hat Bush "the vision thing" - der Mut zur Vision - nachhaltig imponiert.
So wie Reagan mit großer Geste dem "Reich des Bösen" sein Ende prophezeite, so sagt Bush Osama Bin Laden und dem Irak das Ende vorher. Nur hat sich das eine ab 1991 wie von selbst eingestellt, während weder Saddam noch der Terrorismus sich wie von selbst erledigen. Bush aber hängt der Illusion an, dass Amerika kraft seiner gewaltigen militärischen Überlegenheit endgültige Lösungen erzwingen kann.
In diese manichäische Weltsicht, die nur Freunde oder Feinde kennt, fügt sich die eher zufällig entstandene Wortschöpfung von der "Achse des Bösen" lückenlos ein, die bis in die Terminologie hinein Reagan nachempfunden ist. Eigentlich gab es vor einem Jahr keinen Anlass, Iran und Nordkorea auf eine Stufe mit dem Irak zu setzen. Bush aber war besonders stolz auf die Kreation - die sich rasch als katastrophaler Fehler erwies.
Gemessen an Nordkorea hat der Irak nachrangige Bedeutung. Dass Kim Jong Il ein oder zwei Atombomben besitzt, die Kalifornien erreichen können, wie CIA-Chef George Tenet gerade im Senat bestätigt hat, zwingt Amerika früher oder später zu diplomatischen Verhandlungen, anstatt den "Schurkenstaat" umgehend bestrafen zu können, wie es die neue Bush-Doktrin eigentlich vorschreibt. Und da die USA in Iran, das ebenfalls Massenvernichtungswaffen anstrebt, mittlerweile wieder ein Zwischending von Mullah-Regime und Reformregierung sehen, hat sich die "Achse des Bösen" innerhalb eines Jahres verflüchtigt.
Geblieben aber ist der Irak, geblieben ist Saddam Hussein. Geblieben sind auch die amerikanischen Geschäftsinteressen an den enormen Öl-Ressourcen und am Zerschlagen des Opec-Kartells, das den Weltpreis für das Barrel noch immer beinahe nach Belieben diktieren kann. Das alles spielt eine große Rolle - doch darauf allein lässt sich Bushs Kriegsvorhaben nicht reduzieren.
Bush ist zwar ein beredtes Exemplar des amerikanischen Amigo-Kapitalismus, in dem Freunde viel füreinander tun und effiziente Börsenkontrolle als Gräuel betrachtet wird. Doch seine Mission gründet tiefer, sie schöpft ihre Radikalität aus der Frömmigkeit, die ebenfalls eine große Tradition in Amerika besitzt.
Inzwischen haben auch die Gerüchte an Berechtigung verloren, dass Bush nicht regiert, sondern regieren lässt. Dabei nimmt er das präsidiale System wörtlich: Er behält sich das große Ganze vor und verteilt an Donald Rumsfeld, Colin Powell oder Condoleezza Rice die Feinarbeit.
Vizepräsident Richard Cheney ist jetzt eher bevorzugter Berater als Premierminister wie bis zum 11. September. Seine Autorität beruht nicht zuletzt auf seiner überdimensionalen Loyalität. Er spielt in der Öffentlichkeit den Herold des Präsidenten, an dem er "Zielgerichtetheit und Pflichtbewusstsein" preist - Charakterstärken, zu denen er ziemlich spät im Leben gefunden hat.
Bush hat seine erste Wiedergeburt darin bestärkt, dass er trotz Mangels an Begabung zu Größerem berufen ist. Die zweite Wiedergeburt hat diesen Prädestinationsglauben ins Historische gesteigert.
Schwache Präsidenten können gefährlich sein, weil sie ihren Untergebenen freie Hand lassen. Gläubige Präsidenten aber können die Welt verschlimmern, indem sie grandios am Verbessern scheitern.
Die Fundamentalisten
Perfekt spiegelt der Präsident das Land wider, das er regiert: Von so schlichter Frömmigkeit wie Bush sind große Teile der USA. Bis zu 95 Prozent der US-Bürger - je nach Umfrage - glauben an einen Gott, eine verschwindend geringe Minderheit bezeichnet sich als Atheisten.
Pro Kopf stehen in den Vereinigten Staaten mehr Kirchen, Synagogen, Tempel und Moscheen als irgendwo sonst auf der Erde: Ein Gotteshaus kommt auf 865 Menschen. "Es gibt eine tiefe Sehnsucht nach spiritueller Anlehnung - einen Hunger nach Gott", resümierte das Gallup-Institut eine Umfrage im Mai.
Im Unterschied zu Europa will Amerika offenbar beweisen, dass Modernität nicht Gottlosigkeit nach sich zieht. Jeder zweite Amerikaner gibt an, wöchentlich mindestens einmal zur Kirche zu gehen, in Westeuropa besuchen allenfalls 20 Prozent regelmäßig Gottesdienste, in Osteuropa gar nur 14 Prozent.
In den USA ruft solcher Atheismus nur Kopfschütteln hervor - und bestärkt das Bewusstsein, in Wahrheit "Gottes Heimat" zu sein. Es ist ein historisch gewachsenes Bewusstsein, das mit jenen von den britischen Inseln geflohenen Calvinisten seinen Anfang nahm, die 1620 an Bord der "Mayflower" auf Cape Cod landeten. Die "Pilgrims" verstanden sich als Flüchtlinge aus dem Reich einer allmächtigen Staatsreligion, und der Wunsch, nach eigener Façon selig zu werden, ist seither ein Grundpfeiler amerikanischer Frömmigkeit.
Zusammen mit einer in der Verfassung festgeschriebenen Trennung von Kirche und Staat verhinderte solch individualistischer Glaube die Herausbildung einer eigenen Staatsreligion und bescherte dem Land bis heute etwa 200 verschiedene Kirchen, zu über 90 Prozent christlichen Glaubens. Die weitaus größte davon ist die katholische Kirche mit derzeit 62 Millionen Mitgliedern. Trotzdem sind die USA nie ein katholisch geprägtes Land gewesen.
Doch auch die Glaubensgemeinschaften des alten protestantischen Establishments verlieren an Einfluss, weil ihnen die Gläubigen davonlaufen. "Je liberaler eine Religionsgemeinschaft wahrgenommen wird, desto mehr Mitglieder verliert sie", resümierte der Soziologe Ken Sanchagrin bei der Vorstellung seiner jüngsten Statistiken zum Glauben der Amerikaner. "Die wachsenden Kirchen sind die konservativ ausgerichteten."
So leeren sich die Kirchenbänke der Lutheraner, Presbyterianer und Methodisten, während die Glaskathedralen der freikirchlichen Fernsehprediger, die Sportarenen der Erweckungseiferer, die Gemeindesäle der Pfingstgläubigen und der Charismatiker sowie die türmebewehrten Tempel der Mormonen regen Zulauf haben.
Es sind Bush-Wähler, die hier beten. Beispielsweise in der Belle View Baptist Church an der Big Spring Avenue von Midland in Texas, wo der Präsident als Kind gelebt hat. Belle View ist eine konservative Kirche mit ausschließlich weißen Mitgliedern. Dass die protestantischen US-Kirchen noch immer nach Hautfarbe getrennt sind, beklagt auch der Mann im Weißen Haus. Er wettert dagegen, dass Amerika ausgerechnet sonntags morgens um elf Uhr, wenn sich traditionell die Gotteshäuser füllen, ein Bild vollendeter Rassentrennung bietet.
Pastor Andrew Stewart stört das nicht so sehr. Er betet dafür, dass der allmächtige Gott "die Feinde unserer Nation für immer vernichten" und seinen Segen über "unseren Präsidenten, Freund und texanischen Landsmann George Walker Bush" ausschütten möge. Der Herr, so der Pastor wenig später, solle "unseren Präsidenten gegen unsere Feinde führen".
Es sind die Kirchen mit den simplen Überzeugungen, die großen Zulauf haben, Kirchen, die ein anständiges, ein moralisches Amerika predigen, in denen das Wort der Bibel noch unumstößlich ist und nicht von liberalen Theologen so weit verwässert wird, dass die alten Überzeugungen gar nicht mehr erkennbar sind: "Give me that oldtime religion" ist eine ihrer Lieblingshymnen.
In der Thomas Road Church in Lynchburg (Virginia) treffen sich jeden Sonntag 2000 Gläubige nicht nur zum höheren Ruhme ihres Gottes, sondern auch um sich selbst zu feiern: als moralische Mehrheit, als Kernfamilie, als das saubere Amerika. Junge Familien bringen ihre Babys nach vorn, damit der Pastor sie segnen möge, was Jerry Falwell, der auch mit 69 Jahren sein cherubgleiches Lächeln und seine verlässlich bigotte Bonhomie nicht verloren hat, gern tut. Der bekannte Fernsehprediger sorgt dafür, dass die jüngsten Gemeindemitglieder per Close-up Millionen Zuschauern vorgestellt werden, die sich allsonntäglich zu Falwells Quotenrenner versammeln.
Die Predigten in den fundamentalistischen, charismatischen oder erweckungsbewegten Gemeinden der christlichen Rechten beschränken sich keineswegs auf Ratschläge für ein gottgefälliges Leben. Der konservative, evangelikale Protestantismus Nordamerikas ist längst zu einem wahlentscheidenden Faktor geworden. Nach den letzten Präsidentschaftswahlen klagte Bushs Chefstratege Karl Rove, dass der Präsident nur deswegen die Stimmenmehrheit verpasst habe, weil er knapp ein Viertel der Wähler aus der christlich-fundamentalistischen Ecke nicht mobilisieren konnte. Das soll nicht wieder vorkommen.
Über nichts predigen die Falwells so häufig wie über die Unfehlbarkeit der biblischen Schriften. Das scheint nur oberflächlich Teil eines jahrhundertealten theologischen Diskurses zu sein - das leidige Thema ist vielmehr Ausdruck eines immer noch höchst aktuellen Kulturkampfs. Denn Amerikas fromme Fundis fühlen sich als Opfer eines kulturellen Umbruchs, der seit den sechziger Jahren für eine Umwertung aller Werte gesorgt habe.
Ihre Gegner sind die Liberalen - bei der christlichen Rechten inzwischen nicht mehr nur ein Schimpfwort, sondern bereits ein Synonym für Vaterlandsverräter -, die Feministen, die Schwulen, die Linken, die Abtreibungsbefürworter und die Waffengegner, kurz: jenes ganze gottlose Gesindel, welches schuld daran ist, dass der Herr nun seinem eigenen Land zürnt und sich als Werkzeug seiner Rache ausgerechnet Osama Bin Laden erkoren hat. Der 11. September, glaubt Pastor Falwell, sei Gottes Strafe für die Sünden seines Volkes.
Und gegen die hilft nur treueste Gefolgschaft gegenüber Gottes Wort, das Gut von Böse zu trennen weiß, Frauen Untertänigkeit lehrt und Kindern Respekt vor den Eltern.
Solche Wortgläubigkeit ist selbstverständlich höchst selektiv. Spötter ärgern konservative Pastoren durch hinterlistige Internet-Anfragen, mit denen sie sich beispielsweise danach erkundigen, ob der wahre Gläubige neben Mexikanern auch Kanadier versklaven könne. Schließlich heiße es in Levitikus, Kapitel 25, Vers 44, dass Sklaven nur dann erlaubt seien, wenn sie von Nachbarvölkern erworben würden.
Die fundamentalistische Kultur, die diese besonders bibeltreuen Kirchen pflegen, hat sie in den vergangenen 20 Jahren militanter und intoleranter werden lassen. Das Wort des Psalmisten, der Herr "zerschmettert das Haupt seiner Feinde", bleibt keineswegs bloße Floskel. Sogar Bin Ladens Worte müssten bei den protestantischen Eiferern Gefühle von Seelenverwandtschaft hervorrufen. Die Überzeugung des Terrorpropheten, nach welcher die Anschläge der Beginn eines "Glaubenskriegs gegen den Unglauben und die Ungläubigen" gewesen seien, wird jedenfalls von vielen fundamentalistischen Predigern übernommen.
Den Boden dafür hatten die radikalen Kirchen seit längerem bereitet. Wer etwa die Abtreibung als "Holocaust an den Ungeborenen" geißelt, darf sich nicht wundern, wenn derart angefeuerte Gottesstreiter Brandbomben auf Abtreibungskliniken werfen oder abtreibungswillige Frauenärzte erschießen. Dahinter steckt die gleiche Logik, die auch Bin Laden lehrt - das alte Übel: Wer sich vor der eigenen Verdammnis retten will, muss "das Böse" kompromisslos bekämpfen; wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.
Der Präsident, der sich eines solchen Vokabulars selbst nur zu gern bedient, hat aber immer wieder davor gewarnt, den Terror der militanten Islamisten mit dem Islam zu verwechseln. Viele seiner frommen Mitstreiter teilen solche Skrupel nicht.
Franklin Graham, 50, ist Sohn jenes Großpredigers, der einst den verlorenen Sohn George W. auf den Pfad der Tugend zurückgeführt hat. Er hat inzwischen von seinem Vater das familiäre Religionsgeschäft übernommen, das im Jahr 2000 Einnahmen von 126 Millionen Dollar erzielte. Überdies hat er bei der Amtseinführung seines geretteten Schützlings das Eröffnungsgebet gesprochen.
Franklin Graham stimmt keinesfalls überein mit seinem Präsidenten, seine Schuldzuweisungen sind radikaler: Für ihn ist der gesamte Islam "eine äußerst böse und verwerfliche Religion". Nicht wir hätten den Islam angegriffen, predigt der Reverend, "der Islam hat uns angegriffen".
Sein Kollege Jerry Vines, Hauptpastor der First Baptist Church von Jacksonville (Florida) und ehemaliger Präsident der mächtigen Southern Baptist Convention, erklärte auf einer Versammlung von Baptisten-Predigern: "Das Christentum wurde von unserem Herrn Jesus Christus gegründet, dem von einer Jungfrau geborenen Gottessohn. Der Islam wurde dagegen von Mohammed gegründet, einem von Dämonen besessenen Pädophilen, der zwölf Frauen hatte - und die letzte war ein neun Jahre altes Mädchen." Vines im Donnerton eines alttestamentarischen Propheten: "Und ich sage euch, Allah ist auch nicht Jehova. Jehova hat noch niemanden in einen Terroristen verwandelt."
Dergleichen wird jubelnd aufgenommen von einer kreuzzugsbereiten Klientel, der die zornigen US-Prediger die Worte des "kleinen Propheten" Joël beibringen, der dazu aufruft, "Schwerter aus Pflugscharen und Lanzen aus Winzermessern zu schmieden".
Bush kann es verhältnismäßig leicht verwinden, dass die katholischen Bischöfe Hirtenbriefe gegen den Irak-Krieg verfassen und schwarze Gemeinden gegen den Aufmarsch am Golf protestieren. Es braucht ihn auch nicht weiter zu stören, dass führende Geistliche seiner eigenen methodistischen Kirche den Kriegskurs seiner Administration verurteilten - solange er die christliche Rechte hinter sich weiß, kann er den Irak-Krieg als Teil seines Kampfes gegen das Böse und damit auch als gottgefällig und fromm vermitteln.
Seit den Anschlägen vom 11. September hat die Apokalypse des Johannes, das Buch der Offenbarung, wieder einmal Hochkonjunktur bei den fundamentalistischen Kirchen Amerikas. Im Angesicht des Waffengangs gegen Saddam scheuen die einfältigen Exegeten des letzten Buches im Neuen Testament keine noch so platte Aktualisierung der rätselhaften Schrift. Für sie sind die Vereinten Nationen die bevorzugte Wirkungsstätte des Antichristen, weil Offenbarung 17,13 lehrt, dass die Könige der Erde "ihre Macht und Gewalt dem Tier übertragen". Der Papst, Kriegsgegner auch er, gilt als "Hure Babylons", weil die nach Offenbarung 17,9 auf "sieben Bergen" thront, wie Rom auf sieben Hügeln liegt. Dass die EU ihre Existenz den Römischen Verträgen verdankt, macht ganz Europa zum Werkzeug des Teufels.
Bloßes Lächeln über solche Spinnereien unterschätzt den Einfluss der militanten Rechtschristen. Viele sind felsenfest überzeugt, dass die Anschläge von New York und Washington jenen Prozess in Gang gebracht haben, der zum Ende der Welt, zur Wiederkehr Christi und zum Anbruch des verheißenen tausendjährigen Gottesreichs führen wird. Wenn diese Gläubigen ihren Präsidenten über die "Achse des Bösen" reden hören, sind sie sicher, dass er ihre eigene Sprache spricht - ein Gottesstreiter wie sie.
Besonders deutlich wird diese eschatologische Ausrichtung der christlichen Rechten im Verhältnis zu Israel. Noch 1981 verursachte der damalige Vorsitzende der Southern Baptist Convention, Reverend Baily Smith, einen Skandal, als er erklärte: "Gott erhört nicht die Gebete eines Juden."
Heutzutage feiern 1200 evangelikale Christen im Wernher-von-Braun-Zentrum von Huntsville (Alabama) das Pessach-Fest. Gary Bauer, seit Jahrzehnten einer der politischen Führer der christlichen Rechten, verschickt täglich 100 000 E-Mails an treue Anhänger, in denen er für den harten Kurs des israelischen Premiers Ariel Scharon wirbt. Amerikas Verpflichtung, Israel beizustehen, sei ein biblisches Gebot, so Bauer, "Evangelikale glauben, dass Gott das Land dem jüdischen Volk versprochen hat".
Vollständig uneigennützig ist die merkwürdige Allianz rechter Christen mit den amerikanischen Unterstützern von Scharon nicht: Die Existenz des Staates Israel ist für sie die Voraussetzung für das Erscheinen des Antichristen, den Endkampf zwischen Gut und Böse von Armageddon und die Wiederkunft Christi (der dann, was seine US-Apologeten gern verschweigen, gemäß ihrer Glaubensüberzeugung all jene Juden schnurstracks in die Hölle schicken würde, die ihn nicht als Messias anerkennen). Eine Umfrage, die der bekannte Prediger Hal Lindsay unter Christen abgehalten hat, die sich selbst als "wiedergeboren" bezeichnen, zeigt, dass 72,5 Prozent der Befragten dem Satz zustimmen: "Ich glaube daran, dass wir derzeit die Anfänge jenes Krieges sehen, der zum Antichristen und zu Armageddon führt."
Die Unterstützung durch das Heer der radikalen Christen wird vor allem von jenen Neokonservativen begrüßt, die einen wichtigen Teil der zivilen Führung des Pentagon ausmachen. Der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz und Pentagon-Berater Richard Perle haben ihre politischen Karrieren bei den Demokraten begonnen, geprägt vom schon legendären Senator Henry ("Scoop") Jackson, einem der wortgewaltigsten Israel-Freunde in der US-Politik. Heute arbeiten sie neben ihrer Regierungstätigkeit erfolgreich daran, jüdische Wähler ihrer traditionellen politischen Heimat, der Demokratischen Partei, zu entfremden und den Republikanern zuzuführen. War Bush Senior bei amerikanischen Juden als israelskeptischer Präsident verschrien, gilt sein Sohn mittlerweile als fester Verbündeter der israelischen Hardliner.
Perle und Wolfowitz - Pentagon-Spitzname: Kosher Nostra - drängen nicht nur auf einen Krieg gegen den Irak, weil er angeblich das Signal für einen demokratischen Umbruch der arabischen Welt sein könnte. Sie sehen die Einnahme von Bagdad auch als Absicherung des Heiligen Landes in einer Welt von Feinden und damit als Voraussetzung für jede wirkliche Friedensregelung in Nahost.
Darin werden sie von der christlichen Rechten vorbehaltlos unterstützt, etwa von der Southern Bapt i st Convention, mit 41 500 Kirchen und 15,9 Millionen Mitgliedern der harte Kern der Fundi-Frommen. In einem langen Artikel begründet beispielsweise Richard Land, der Präsident der Kommission für Ethik und Religionsfreiheit bei den Südstaaten-Baptisten, warum der Krieg gegen Saddam nach Meinung seiner Glaubensgemeinschaft ein gerechter Krieg ist. Und er kommt zu einem Ergebnis, das andere Kirchenführer wie etwa Johannes Paul II. als pure Blasphemie empfinden müssen. Land schreibt: "Einen gerechten Krieg zu führen ist ein Akt christlicher Nächstenliebe. Das Böse muss bestraft, das Gute belohnt werden. Die Zeit für Gewalt ist gekommen."
So viel Seelenverwandtschaft mit dem Präsidenten darf dennoch nicht übersehen, dass im Weißen Haus nicht nur gebetet wird, sondern dass die Regierung handfeste imperiale Machtpolitik betreibt.
Während Bushs Radikalität den Glauben zur Rechtfertigung benötigt, kommt etwa das Hardliner-Duo Donald Rumsfeld und Richard Cheney ohne Bezug auf eine höhere Instanz aus. Die Selbstbehauptung der USA als einzige Supermacht auf Erden ist ihnen Zweck genug - Rumsfeld und Cheney sind Fundamentalisten der Macht. Der Verdacht liegt nahe: Sie nutzen den religiösen Eifer ihres Präsidenten, dessen Bekehrungswahn, für ihre höchst weltlichen Ziele aus.
Rumsfeld wie Cheney lassen keinerlei Zweifel am Primat des Politischen und haben mehreren Präsidenten in den letzten 35 Jahren gedient. Beide überlegten selbst, ob sie fürs Weiße Haus kandidieren sollten, und beide ließen davon ab. Beide sind steinreich geworden, der eine als Vorstandsvorsitzender eines Pharmakonzerns, der andere als erster Mann beim weltweit größten Öldienstleister Halliburton. Beide sind auf ihre älteren Tage in die Politik zurückgekehrt, und beide sind überzeugte Machtpolitiker, die von allen Mitteln, die Amerika besitzt, im Zweifelsfall vollen Gebrauch machen wollen.
Die beiden Falken hätten einen frühen Präventivschlag ihrer Streitkräfte gegen Saddam vorgezogen. Dagegen aber übte mit seinem beträchtlichen Nimbus Colin Powell Widerstand. Auch er ist ein Veteran in Washington, auch er verwarf den Wunsch, selbst als Präsident zu kandidieren, und kehrte als vielfacher Millionär in die Politik zurück.
Powell setzte sich für den Gang in die Vereinten Nationen und ein geregeltes Verfahren zur Verurteilung Saddams im Sicherheitsrat ein. Doch der hinhaltende Widerstand in der Uno hat unangenehme Rückwirkungen für ihn: Mit seiner Sonderrolle ist es jetzt vorbei.
Ihm machen die Hardliner, aber auch der Präsident, den Vorwurf, dass er die Mehrheitsverhältnisse in der Uno falsch eingeschätzt hat. Um nicht in die Isolation zu geraten, ist Powell zu den Falken übergelaufen. Seitdem geht es in Washington nur noch darum, wann der Krieg anfängt. Ob die Uno dazu den förmlichen Auftrag erteilt oder am Ende lediglich eine "Koalition der Willigen" mitmacht, ist zweitrangig geworden.
Pentagon-Chef Rumsfeld wird dann Herr des Kriegsgeschehens sein. Präsident Bush hofft auf raschen Regimewechsel, ohne dass Saddam Massenvernichtungswaffen einsetzen kann. Vize Cheney lotet schon die Möglichkeiten aus, Nordkorea zur Rechenschaft zu ziehen.
In Washington und New York aber gehen in den Geschäften die Folien fürs Abdichten der Fenster und die Jod-Tabletten aus. Es kommt zu Massenkäufen, weil die Behörden die Bürger zum Schutz vor Anschlägen mit biologischen und chemischen Waffen oder sogar mit so genannten dreckigen Bomben aufrufen.
So sind denn Himmel und Erde bereitet für den Marsch auf Bagdad. In dieser Woche werden die US-Streitkräfte rund um Irak auf 150 000 Mann aufgestockt - Mindestvoraussetzung für eine Invasion, die ab 1. März anstehen soll. Und am vergangenen Donnerstag sprach Bush vor Marineangehörigen in Jacksonville (Florida).
Er versicherte seinen Soldaten, dass das ganze Land für sie bete. Er ermahnte sie, ihre Pflicht zu tun, nicht so sehr wie ein anfeuernder Kommandeur, sondern eher wie ein Feldkaplan: "Arbeitet nicht nur daran, ein guter Soldat oder ein guter Matrose zu sein, sondern liebt euren Nächsten, wie ihr selbst geliebt werden möchtet."
Pietätvoller wurde selten eine Streitmacht in die Schlacht geschickt.
HANS HOYNG, GERHARD SPÖRL
* Mit Außenminister Colin Powell (2. v. l.) und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (2. v. r.) im Weißen Haus.
Von Hans Hoyng und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 8/2003
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DER SPIEGEL 8/2003
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