24.02.2003

FLEISCHSKANDALGift mit Qualitätssiegel

Anstrengungen der deutschen Lebensmittelwirtschaft, das Vertrauen der Verbraucher in Fleischwaren zurückzugewinnen, werden durch den Skandal um mehr als 2000 Tonnen dioxinverseuchtes Futtermittel in Thüringen zunichte gemacht. Denn mindes-tens zehn der mit belastetem Tierfutter belieferten Tiermastbetriebe dürfen ihre Produkte mit dem im Herbst vergangenen Jahres eingeführten "QS-Prüfzeichen" versehen.
Das neue Qualitätssiegel hatten die Verbände der konventionellen Ernährungswirtschaft nach der BSE-Krise und diversen Futtermittelskandalen lanciert. QS steht für "Qualität und Sicherheit". Das System verspricht eine mehrstufige Kontrolle und lückenlose Dokumentation - vom Landwirt bis zur Fleischtheke.
Vertreter von Mast- und Schlachtbetrieben, die sich der Initiative anschlossen und auf mehr Sicherheit hofften, sind nun entsetzt über den neuerlichen Skandal. "Das System ist krank", klagt Hans-Jürgen Scheler, Vorstand der Agrargenossenschaft im thüringischen Schalkau. Er müsse darauf vertrauen können, dass "mein Vorlieferant sicher ist" - genau das sei jedoch offenbar nicht der Fall gewesen. Die industriekritische Organisation Foodwatch aus Berlin wirft der Futtermittelbranche vor, mit Schlagworten wie Qualität und Sicherheit nur zu werben, statt ihr "Gefahrenbewusstsein" zu sensibilisieren. So sei beim QS-Siegel ausgerechnet der Deutsche Raiffeisenverband, der 2002 im Zusammenhang mit dem Nitrofen-Skandal in Verruf geriet, für die Sicherheit von Tierfutter zuständig.
Unterdessen gibt es Hinweise, dass in dem Skandalbetrieb im thüringischen Apolda möglicherweise mit Giftstoffen belastetes Holz als Brennstoff die Dioxin-Quelle gewesen sein könnte. Der Betrieb ist nicht nur für Futtertrocknung zertifiziert, sondern auch für "Holzrecycling". Eine Holzprobe enthielt neben Chlor auch Fluor. Der "ausgewiesene Fluor-Gehalt", so die Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach in einer Stellungnahme für das Verbraucherschutzministerium, weise möglicherweise darauf hin, dass "Anteile von imprägniertem Holz verfeuert wurden". Am 14. Februar gab das Landwirtschaftsministerium in Erfurt einen Untersuchungsauftrag an die Landesanstalt für Umwelt und Geologie. Sie soll die gesamte Giftpalette prüfen, die für "kontaminierte Energieträger (Holzhackschnitzel)" charakteristisch ist. Ergebnisse werden in dieser Woche erwartet.

DER SPIEGEL 9/2003
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