24.02.2003

MOBILFUNKMittleres Beben

Der Software-Gigant Microsoft will nun auch den Handy-Markt erobern. Mit France Telecom und der Deutschen Telekom hat Bill Gates erste Verbündete rekrutiert.
Gedanklich war Bill Gates seiner Zeit schon häufiger ein Stück voraus. Bereits Mitte der achtziger Jahre, als Personalcomputer nicht einmal zur Grundausstattung jedes Büros gehörten, verkündete der Microsoft-Gründer selbstbewusst: Eines Tages stehe ein PC "in jedem Haus und auf jedem Schreibtisch".
Inzwischen ist die Vision fast Realität geworden. Und das von Microsoft entwickelte Betriebssystem Windows arbeitet weltweit in mehr als 90 Prozent aller Personalcomputer. Doch mit dem Quasi-Monopol gibt sich Gates nicht zufrieden. Nun treibt den Software-König eine neue Vision um.
"Es geht nicht mehr nur darum, vor einem PC zu sitzen", überraschte er Ende vergangenen Jahres seine Zuhörer bei einer Messe in Las Vegas. "Die Magie der Software", fabulierte Gates, "breitet sich jetzt auf die unterschiedlichsten Geräte aus" - etwa auf Armbanduhren, Wecker, Schlüsselanhänger und andere Gebrauchsgegenstände.
Ein Alltagsgerät hat es Gates besonders angetan: das Handy. Mehr als eine Milliarde Menschen rund um den Globus nutzen inzwischen das Mobiltelefon.
Ausgerechnet auf diesem Massenmarkt, der weit mehr Kunden bedient als die Computerindustrie, ist der größte Software-Konzern der Welt aber ein Nobody. Das Geschäft machen Handy-Hersteller wie Nokia, Motorola, Samsung oder Siemens unter sich aus.
Das soll sich nun möglichst schnell ändern: Noch in diesem Sommer bringt der Telekom-Ableger T-Mobile das erste Handy in Deutschland auf den Markt, das mit einer neu entwickelten Software von Microsoft ausgestattet ist. Auch die T-Mobile-Ableger in England und Amerika sollen das Multimedia-Handy mit dem Betriebssystem Smartphone 2002, einer stark abgespeckten Windows-Version, anbieten.
Die Ankündigung löste vergangene Woche unter den Handy-Herstellern ein mittleres Beben aus. "Nokia ist in ernsthafter Gefahr, seine Marktführerschaft bei Mobiltelefonen an Microsoft zu verlieren", orakelt Technikexperte Jochen Schiller, der an der FU Berlin Software für mobile Endgeräte erforscht.
Ernst zu nehmen ist die Kampfansage aus den USA auf jeden Fall. Denn nun müssen die Handy-Hersteller fürchten, dass der mit Barreserven von über 40 Milliarden Dollar gut gepolsterte Konzern in der Telefonbranche einen ähnlichen Verdrängungswettbewerb anzettelt wie bei der Bürosoftware, bei den Internet-Browsern oder zuletzt bei den Videospielkonsolen.
Am Ende, so die Befürchtung, könnte das Handy-Geschäft so aussehen wie der PC-Markt: Microsoft entwickelt die lukrative Software, Intel liefert die Chips, und die Hersteller bauen aus den Komponenten Geräte mit Mini-Margen. Schon 2005 will Gates jedes vierte Handy, das weltweit verkauft wird, mit dem Windows-Logo ausstatten. "Mobile Geräte", so die neue Konzernstrategie, "sind für die zukünftige Entwicklung des Unternehmens absolut überlebenswichtig."
Der Angriff auf den Handy-Markt wurde von langer Hand vorbereitet. Schon das Codewort für das Projekt war Programm: "Stinger" wurde die Entwicklung nach dem Vorbild einer US-Militärrakete in der Konzernzentrale in Redmond genannt.
Zunächst verfehlte die Stinger-Rakete aus Redmond ihr Ziel. Als Gates 1999 erste Entwürfe für sein Smartphone präsentierte, winkten Handy-Hersteller und Netzbetreiber gelangweilt ab. Grundsätzlich andere Funktionen als die etablierten Anbieter konnte auch der Newcomer nicht bieten - schließlich ist die Übertragungstechnik bis ins kleinste Detail international geregelt. Nur beim Zusammenspiel mit dem Computer, etwa beim Zugriff auf den elektronischen Briefkasten Outlook oder beim Datenabgleich mit dem heimischen PC, kann das Smartphone punkten.
Gates ließ sich von der Abfuhr nicht entmutigen. Kurzerhand übernahm er eine Beteiligung an der britischen Handy-Firma Sendo, die 1999 von zwei ehemaligen Philips-Managern gegründet worden war und bald mit ungewöhnlich zierlichen Design-Handys von sich reden machte. Schon im Herbst 2001, so die Verabredung, sollte Sendo die ersten Handys mit Microsoft-Innenleben auf den Markt bringen.
Aber der schöne Plan ging schief. Mehrmals wurde der Start des Smartphones verschoben. Am Ende hatten sich die Partner total verkracht und zerrten sich gegenseitig vor Gericht. Die Hoffnung der etablierten Handy-Hersteller, dass Microsoft damit einen schweren Rückschlag erlitten habe, erwies sich jedoch als Trugschluss.
Wenige Wochen nachdem die Partnerschaft mit Sendo geplatzt war, überraschte die englische Mobilfunkfirma Orange die Branche mit einem Gerät, das in enger Zusammenarbeit mit Microsoft entwickelt worden war. Das SPV (Sound Pictures Video) genannte Super-Handy, das Orange unter anderem auch in Frankreich, Dänemark und der Schweiz verkauft, leite "den Beginn einer neuen mobilen Revolution" ein, verkündeten die Manager der France-Telecom-Tochter.
Das Revolutionäre ist aber nicht die Technik, sondern das Marketingmodell. Auf dem SPV steht nämlich nicht der Name eines Handy-Herstellers, sondern das Logo des Netzbetreibers Orange. Microsoft liefert nur die Software, die Herstellung übernimmt die taiwanische Firma HTC, die sich auf die Auftragsproduktion von Mobilfunkgeräten spezialisiert hat.
Mit der Strategie, sich selbst im Hintergrund zu halten und gleichzeitig den Markennamen der Netzbetreiber zu stärken, konnte Microsoft im März 2002 auch den damaligen T-Mobile-Chef Kai-Uwe Ricke überzeugen. Mit France Telecom und der Deutschen Telekom als starken Verbündeten kommt der Kampf der Systeme nun in die heiße Phase. Denn auch Branchenprimus Vodafone und die spanische Telefónica zeigen Interesse an den Microsoft-Offerten.
Ohnehin sind die Netzbetreiber nicht gut auf die Handy-Konzerne zu sprechen. "Wir haben uns von Nokia und Co. viel zu lange abhängig gemacht", schimpft Ricke, der im November zum Telekom-Chef avancierte. Denn die Netzbetreiber sind zwar die größten Kunden, können aber nicht bestimmen, wie die Geräte aussehen und welcher Markenname draufsteht.
Die etablierten Handy-Hersteller haben die Gefahr erkannt. Eilig versuchen sie, die Reihen um ein altes Bündnis unter dem Namen Symbian zu schließen. Das von Nokia, Ericsson und Motorola unterstützte Software-Haus Symbian, dem sich inzwischen auch Matsushita (Panasonic), Siemens und Samsung anschlossen, ist seit 1998 dabei, eine gemeinsame Plattform für die Multimedia-Handys zu entwickeln. An der geballten Marktmacht soll der Microsoft-Angriff abprallen.
Doch ganz so fest steht die Allianz der Etablierten nicht. Nicht einmal Gründungsmitglied Motorola setzt allein auf Symbian. Als größte Wackelkandidaten gelten aber Samsung und Siemens.
Rudi Lamprecht, im Siemens-Vorstand für die Mobilfunksparte zuständig, macht daraus gar keinen Hehl: "Wir sind zwar an Symbian beteiligt, aber das bedeutet doch nicht, dass wir deshalb nicht offen für andere Partnerschaften wären." Jetzt, sagt der Siemens-Manager, komme es erst einmal darauf an, dass "wir den Markt wieder beleben". KLAUS-PETER KERBUSK
Von Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 9/2003
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