24.02.2003

FUSSBALLDas Münchner Machtkartell

Ein Deal mit Kirch machte den FC Bayern München zum Lobbyisten des Medienriesen. Führte Manager Uli Hoeneß als Unterhändler der Bundesliga die Kollegen hinters Licht? Die Konkurrenz ist empört - und fürchtet, dass jetzt Brüssel ihr TV-Vermarktungsmodell kippt.
Es muss eine Art Reflex gewesen sein, der den Manager von Hertha BSC Berlin dazu trieb, umgehend dem in die Bredouille geratenen Bruder beizuspringen. Als Dieter Hoeneß vergangenen Mittwoch vom ominösen Kirch-Vertrag mit dem FC Bayern erfuhr, fand er in der Wirtschaftsratssitzung seines Clubs gleich beruhigende Worte. Bruder Uli, Manager beim Liga-Konkurrenten aus München, habe ihm mitgeteilt: Die Angelegenheit sei "aufgebauscht".
Mit dieser Haltung steht er in der Bundesliga ziemlich allein da. Eine Welle der Entrüstung brandete an die Mauern der Münchner Clubzentrale an der Säbener Straße, als durch einen Bericht des "manager magazins" Ungeheuerliches aufgedeckt worden war: Gemäß einer schriftlichen Vereinbarung mit der inzwischen insolventen Kirch-Gruppe hatte Deutschlands Rekordmeister die Rolle eines bezahlten Lobbyisten für den TV-Rechteverwerter der Liga gespielt.
Rund 19 Millionen Euro sind für die vergangenen zwei Spielzeiten an den FC Bayern gezahlt worden. Außerdem überwiesen die Kirch-Insolvenzverwalter bei der Auflösung des geheim gehaltenen Kontraktes im Dezember 2002 weitere 2,5 Millionen Euro.
Bis zu 97 Millionen Euro hätten insgesamt bei Erfüllung des Vertrages fließen sollen. Dieter Krein, Präsident von Energie Cottbus, sprach von "Betrug und Wettbewerbsverzerrung".
Der Imageschaden ist bereits jetzt beträchtlich. Schon immer polarisierte der ruhmreiche Vorzeigeclub in Deutschland: von der einen Hälfte der Fans geliebt, von der anderen gehasst. An den zweiten 50 Prozent, prahlte kürzlich noch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge launig, "sind wir nicht interessiert". Doch jetzt schlitterte der Münchner Musterbetrieb mitten ins Zentrum einer Fußball-Moraldebatte.
Die geballte Empörung gilt einem irritierenden Zeugnis jener unkontrollierten Meinungsmacht des Branchenführers, die vielen immer schon ein Dorn im Auge war. Denn nur dank ihrer besonderen Geltung konnten sich die Münchner ihr Wohlverhalten in wichtigen Vermarktungsfragen von Kirchs Medienimperium bezahlen lassen - andere besaßen solche Extravereinbarungen nicht.
"Unglaublich" nannte der Bochumer Vereinsboss Werner Altegoer den Handel, und Schalke-Manager Rudi Assauer, der in der ersten Erregung von "großem Beschiss" sprach, hält ihn zumindest für "moralisch anfechtbar".
Hatte sich also ausgerechnet der Hoeneß-Club, der sich so gern als moralische Anstalt des Fußballsports und Wohltäter der Liga geriert, korrumpieren lassen? Die "Süddeutsche Zeitung" ortete das "dubiose Vertragswerk" einstweilen auf der "Anrüchigkeitsstufe eins".
Ans Tageslicht kam mit der Kirch-Vereinbarung endlich eine Erklärung für den erstaunlichen Münchner Sinneswandel in Sachen Fernsehvermarktung. Monatelang hatten die Bayern-Funktionäre Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, der heutige Vorstandschef, im fraglichen Jahr 1999 gegen die seit 1965 in Deutschland gängige Praxis gewettert, wonach der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Spiele im Paket vermakelte. Die Wettbewerbshüter der Europäischen Union wähnte der FC Bayern wegen der Kartellgesetze auf seiner Seite.
Für die Kirch-Gruppe, die seit 1992 die Rechte besaß und gerade um einen neuen Bundesligadeal kämpfte, war Kontinuität in diesem Punkt von elementarer Bedeutung: Nur wenn die TV-Rechte weiter von Frankfurt aus en bloc veräußert werden konnten, war die Bundesliga überhaupt wieder als Ganzes zu erwerben. Vom FC Bayern drohte also die größte Gefahr.
Dessen Einschüchterungsversuche nahmen im Sommer 1999 groteske Formen an. Einmal drohten die Münchner mit Stadionverbot für Fernsehteams. Über den damaligen DFB-Vizepräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, immer ein Verfechter relativ gleichmäßiger Ausschüttung an die gemeinsam vermarkteten Mitglieder der Profifußball-Familie, spottete Hoeneß, der wolle "den Sozialismus im Fußball einführen".
Die Bayern, die nach herkömmlichem Modell seinerzeit jährlich rund 14 Millionen Mark TV-Geld für Bundesligaspiele überwiesen bekamen, hatten Besseres vor. Sie wollten mit dem selbständigen Verkauf der laufenden Bilder so viel erlösen wie Spitzenclubs in Italien. Die kassierten damals bis zu 100 Millionen Mark aus der TV-Vermarktung nach einem Mischmodell - der Großteil floss aus dem dezentralen Verkauf der Bezahlfernseh-Rechte.
Doch als es im Herbst 1999 im hessischen Neu-Isenburg zur Abstimmung kam, stimmte nur Borussia Dortmund nicht für die zentrale Vermarktung. Die Bayern hatten unvermittelt die Seiten gewechselt. Scheinbarer Trostpreis für den Serienmeister: Dank eines modifizierten Verteilungsschlüssels sollten Spitzenclubs fortan einen höheren Anteil erhalten.
Was aber war aus dem Traum von italienischen Dimensionen geworden? Die Differenz zu den erwünschten TV-Honoraren - in der Geheimvereinbarung "Zieleinnahmen" genannt - zahlte Kirch, wie man jetzt weiß.
Und im April 2000 erhielt der Münchner Medienmogul schließlich für weitere vier Spielzeiten den Zuschlag der Liga - auf Empfehlung der dreiköpfigen Verhandlungskommission. In der saß - neben Mayer-Vorfelder und DFB-Direktor Wilfried Straub - erstmals Bayern-Emissär Hoeneß.
Dessen Behauptung, bei dem nun aufgeflogenen Kontrakt mit der Kirch-Tochter TaurusSport habe es sich um einen seinerzeit gängigen Vermarktungsvertrag gehandelt, erscheint absurd. Agenturen wie die Ufa oder ISPR hatten sich Ende der Neunziger gegen Honorar vorsorglich die Vermarktungsrechte an Heimspielen von Clubs wie Werder Bremen oder Hertha BSC gesichert - für den Fall, dass der Zentralverkauf durch den DFB kippen würde. Der Kirch-Deal der Bayern dagegen galt ausdrücklich nur für den Fortbestand der zentralen Vermarktung.
In der entscheidenden Frage lässt der Vertrag zwischen der Club-Tochter "FC Bayern Sport-Werbe GmbH" und Taurus keinen Interpretationsspielraum:
Sport-Werbe GmbH und FC Bayern München befürworten eine zentrale Vermarktung der TV-Verwertung der Fußballbundesliga, da eine solche zentrale Vermarktung in der derzeitigen medialen Situation für den Aufbau einer optimierten Verwertung der Bundesligaspiele größere Vorteile erwarten lässt, als sie nur möglicherweise bei einer dezentralen Vermarktung eintreten könnten.
Damit war klar, wie sich die Bayern im Streit um die Vermarktungspraxis innerhalb der Ligagremien sowie gegenüber Kartellamt und EU-Kommission zu verhalten hatten. Die "optimierte Verwertung" sah für den Münchner Vorzeigeclub dann so aus: Sie wünschten sich Gesamterlöse von zunächst 60 Millionen Mark, von der Saison 2003/2004 an sogar 80 Millionen Mark - und den Fehlbetrag zwischen real existierenden TV-Einnahmen und dem erträumten Geld zahlte Kirch.
Die nachgereichte Hoeneß-Erklärung, er persönlich sei doch schon immer für die Zentralvermarktung gewesen, wirkt eingedenk der damaligen Verteilungskämpfe wie ein vorgezogener Faschingsscherz. Von einem Wechsel zur Einzelvermarktung durch die Clubs würden am Ende "alle profitieren", sagte er etwa im Mai 1999.
Ein wenig erinnern die Münchner Beschwichtigungsversuche an den Fall Sebastian Deisler. Als bekannt geworden war, dass die Bayern ihr Werben um das seinerzeit noch von Hertha BSC beschäftigte Mittelfeldtalent mit einer Vorabzahlung von 20 Millionen Mark bekräftigt hatten, wiegelte Hoeneß ab wie ein ertappter Lausbub. Es habe sich bei dem Scheck bloß um "eine Art Darlehen" gehandelt, keineswegs um ein Handgeld für einen vorzeitigen Vertrag.
Generös waren die Münchner Fußballzaren ja immer. Und waren sie, fragte man sich Ende 1999, nicht vielleicht doch aus Solidarität zu den weniger begüterten Clubs auf den Kurs der zentralen Vermarktung eingeschwenkt? Engelbert Kupka, Präsident der Spielvereinigung Unterhaching und damals gemeinsam mit Rummenigge in der "TV-Kommission" der Liga, erinnert sich an die Begründung für den Rückzieher: "Rummenigge sagte: Wir wollen nicht diejenigen sein, die den Kriegsfall zementieren."
Andere zogen gar den Hut, weil man glaubte, die Bayern hätten freiwillig auf Geld verzichtet. "Dafür kann man nicht genug Hochachtung zollen", applaudierte Bayer Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser im Oktober 1999.
Der FC Bayern hat kein Opfer gebracht, wie im Vertrag mit Kirch nachzulesen ist. Umso größer ist jetzt der Verdruss über die Chuzpe, mit der die Nimmersatten ihre Meinungsführerschaft ausspielten.
Mit Kirch im Rücken bildeten sie jahrelang ein Kartell der Macht. Club-Chef Franz Beckenbauer, lange schon Meinungsmacher bei "Bild", unterschrieb 1999 beim Kirch-Sender Premiere - und kassierte 20 Millionen Mark für vier Jahre fußballfachliche Gelegenheitsanalysen. Rummenigge macht derweil als Sprecher der "G 14", des Zusammenschlusses europäischer Spitzenclubs, große Fußballpolitik.
Derzeit lassen die Bayern im Ringen mit den Nationalverbänden die Muskeln spielen. Sie verlangen mehr Geld dafür, dass sie ihre Spieler für die Nationalmannschaften zur Verfügung stellen. Rummenigge sprach eine "letzte Warnung" aus.
Das Gewicht des Bundesliga-Krösus wirkt bisweilen beängstigend. So verlangte er einmal vom übertragenden Sender RTL - zusätzlich zum festgeschriebenen TV-Honorar - für Trainingsbilder und Interviews im Vorfeld der Champions-League-Spiele eine Million Mark. RTL zahlte.
Widerspenstige bekommen die geballte Bayern-Macht zu spüren. Als ihr Ex-Profi Lothar Matthäus im Streit um die Gewinnabrechnung seines Abschiedsspiels, das die Bayern vor knapp drei Jahren vertragsgemäß für ihn organisierten, Klage einreichte, donnerte Uli Hoeneß: Das sei, "als greife einer mit dem Luftgewehr fünf Panzer an". Der ehemalige Bayern-Trainer Udo Lattek kommentierte: "Der Club kann Leute vernichten."
Nach außen spielt der ewige Sieger häufig den barmherzigen Samariter. Die Bayern traten in Benefizspielen zu Gunsten brasilianischer Straßenkinder in Osnabrück an, für den unheilbar kranken Ex-Profi Krzystztof Nowak in Wolfsburg, für Hochwasser-Opfer in Cham und Riesa.
Wohl deshalb registrierten viele den Münchner Meinungswechsel in der Vermarktungsfrage ohne Argwohn. Der Düsseldorfer Funktionär Heinz Hessling, seinerzeit Mitglied der TV-Kommission, glaubt noch heute, dass "die Bayern das für den deutschen Fußball gut gemeint haben".
Auch die Mitglieder des DFB-Ligaausschusses wussten ja nicht, was der FC Bayern hinter ihrem Rücken sonst noch so vereinbart hatte. So holten sie Uli Hoeneß mit ins Boot, als es um die Prüfung der konkreten Offerten der TV-Vermarkter ging. Der Münchner Manager hatte sich stets über mangelndes Verhandlungsgeschick der Verbandsleute beklagt. Also, erinnert sich der Hachinger Kupka, "haben wir ihn gebeten: Stellen Sie doch Ihre Fähigkeiten der gesamten Liga zur Verfügung".
Im Nachhinein überrascht es nicht, wie Hoeneß im April 2000 bei der Wahl zwischen drei Anbietern votierte. Den Zuschlag bekam Kirch, der drei Milliarden Mark für vier Jahre geboten hatte. Dabei machte die Luzerner Agentur Aim das numerisch bessere Angebot: 2,7 Milliarden Mark für drei Jahre.
Auffallend war, wie vehement sich der Bayern-Mann für Kirch ins Zeug legte. Als Clubvertreter kurz vor dem Entscheid im Ligaausschuss anregten, die Konkurrenz-Gebote von Aim und Kinowelt-Chef Michael Kölmel doch noch einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, schimpfte Hoeneß "in seiner ureigenen, sehr direkten Art", wie sich Sitzungsteilnehmer Holzhäuser erinnert. "Ohne Rücksicht bewertete er die geistige Beurteilungsfähigkeit der Kollegen."
Bis zuletzt verteidigte Hoeneß den Partner des Lobbying-Vertrags. Noch auf dem Höhepunkt der Kirch-Krise verlangte er, "dass die Liga in diesen schweren Zeiten hinter ihrem Partner Kirch steht".
Dass zumindest die Bayern hinter dem Rechteinhaber standen, war in den Jahren der juristischen Hinterzimmergespräche von entscheidender Bedeutung. Kirch musste Vorsorge treffen, dass Brüssel die Zentralvermarktung nicht untersagen würde. Der Kniff des DFB bestand seinerzeit in der Behauptung: Seine Gemeinschaftsvermarktung bringe den "beteiligten Unternehmen", allen Clubs also, wirtschaftlichen Fortschritt.
Hätten sich damals die Bayern als Widersacher bei der EU-Kommission über das Modell beschwert, "wäre die zentrale Vermarktung in Frage gestellt worden, womöglich sogar rückwirkend", sagt der Insider Holzhäuser.
Jetzt schließt sich der Kreis. Damals stellte die EU-Kommission die Frage zurück, bis über die zentrale Vermarktung der Champions League durch die Uefa entschieden sei. Deren Antrag auf Ausnahmegenehmigung wird voraussichtlich im März stattgegeben, danach steht der Beschluss zur Bundesliga an.
Wenn sich in Brüssel herumgesprochen habe, wie damals die behauptete Liga-Solidarität erkauft wurde, unkt ein Fürsprecher der Zentralvermarktung, könne dies "massiven Einfluss" auf die EU-Entscheidung haben. MAIK GROßEKATHÖFER,
JÖRG KRAMER, MICHAEL WULZINGER
* Mit Kirch-Vize Dieter Hahn (2. v. l.) und dem damaligen DFB-Vize Gerhard Mayer-Vorfelder (2. v. r.).
Von Großekathöfer, Maik, Kramer, Jörg, Wulzinger, Michael

DER SPIEGEL 9/2003
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