DER SPIEGEL



JUSTIZ

Das Geld, die Gier, der Sex

Von Dahlkamp, Jürgen; Kurz, Felix; Röbel, Sven; Voigt, Wilfried; Wassermann, Andreas

Ein kaum glaubliches Verbrechen schockt die Republik: Ein Ring von Pädophilen soll im Saarland über Jahre Kinder missbraucht und einen Fünfjährigen getötet haben.

Pascals Turnschuhe: blau mit Klettverschlüssen. Sein Pulli: hellblau mit langen Ärmeln. Sein Fahrrad: blau-gelb, mit verrostetem Gepäckträger. Es ist einer dieser Kinder-Steckbriefe im Internet, wo alles schon den Flor des Tragischen trägt, weil jeder ahnt, dass Pascal Z. nicht einfach so wieder auftauchen wird. Dass der Junge, verschwunden am 30. September 2001 im Alter von fünf Jahren, tot ist. Und sehr wahrscheinlich ermordet.

Doch was die Saarbrücker Polizei-Sonderkommission "Hütte" derzeit an Erkenntnissen zusammenträgt, gestützt auf vier Geständnisse, übersteigt jede Vorstellung von Tragik und Trostlosigkeit: Wenn die Polizei richtig liegt, wurde Pascal von einem Kinderschänder-Ring erst angelockt, dann sexuell missbraucht und schließlich umgebracht. Sollte sich die Theorie der Fahnder tatsächlich bewahrheiten, wäre dies ein Verbrechen, wie es die Republik noch nicht erlebt hat.

Neun Männer und fünf Frauen saßen schon Mitte dieser Woche im Saarland hinter Gittern; gegen zwei lautet der Vorwurf auf sexuellen Missbrauch, gegen zwölf aber zusätzlich auf gemeinschaftlichen Mord. Für die Schlüsselfigur hält die Polizei dabei Christa W., 50, die Ex-Wirtin einer Saarbrücker Kneipe. Sie war schon länger im Visier einer anderen Soko, die in einem Fall von Kindesmissbrauch ermittelt.

Die Frau soll nicht nur Pascal und einen seiner Spielkameraden als Lustknaben missbraucht haben. Als eine Art Quartiermeisterin für Pädophile, so der Verdacht, habe sie in ihrer Gastwirtschaft auch Freier mit Kindern versorgt. Es gibt Hinweise auf ein Mädchen, heute acht, und auf drei weitere Kinder; die Polizei spricht von einem "Riesensumpf".

Im Hintergrund des Puzzles, das die Ermittler nun zusammensetzen, steht der Saarbrücker Stadtteil Burbach, ein Sozialhilfe-Kiez, in dem Pascal aufwuchs - und in dem auch mehrere der Verdächtigen leben. Bevor die örtliche Stahlhütte Mitte der achtziger Jahre dichtmachte, war Burbach ein klassisches Arbeiterviertel, seitdem ist es ein klassisches Arbeitslosenviertel. Die Quote liegt bei rund 25 Prozent; die Kriminalitätsrate ist so hoch wie sonst nirgendwo in Saarbrücken, und in billigen Animierschuppen wie der "Strapsi-Bar" ertränken Burbacher ihren Frust im Alkohol.

Dass hier ein Fünfjähriger allein mit seinem Fahrrad losfährt und keiner nachher so genau weiß, ob er zu einem Freund oder einer Kirmes will, schien da anfangs nur zu gut ins Bild zu passen. Genauso die Festnahme der älteren Stiefschwester Melanie wenige Tage später: Die zweite Stiefschwester Manuela hatte behauptet, Melanie habe Pascal mit einem Holzscheit geschlagen. Doch kurz danach verhaspelte sich die Jüngere, zog schließlich die Aussage zurück; die Polizei verlor die einzige scheinbar heiße Spur.

Die neue Fährte führt nun zu einem Flachbau, gerade mal 50 Quadratmeter groß - und nur 100 Meter von Pascals Elternwohnung an der Hochstraße entfernt. Bis November 2002 war hier eine der Schmuddelkneipen von Burbach, die frühere "Tosa-Klause", geführt von Christa W. Das ist der Ort, so die Vermutung der Fahnder, wo der kleine Pascal bereits am Tag seines Verschwindens gestorben sein soll.

Schon seit dem 19. November sitzt Christa W. in Haft, eine Frau, die ihren zweifelhaften Ruf noch zweifelhafteren Kaschemmen verdankt, die sie jahrelang betrieb. Bis Mitte 1992 führte sie etwa die "Pilsstube" im Nachbarstadtteil Malstatt, eine triste Eckkneipe, die als Umschlagplatz für Drogen galt und deshalb den Spitznamen "Gasthaus zum goldenen Schuss" hatte.

Und die Lokale waren nicht ihre einzige Einnahmequelle; Christa W. vermietete auch Wohnungen an Sozialhilfeempfänger, miese Absteigen soll sie zu stark überzogenen Preisen vergeben haben.

Das Geld, die Gier, der Sex: bei brutalen Pädo-Spielen mit Burbacher Kindern in der Tosa-Klause könnte das dann nach Erkenntnissen der Ermittler für Christa W. alles zusammengekommen sein. Mit gewohnter Geschäftstüchtigkeit soll sie bei den Freiern der Kinder abkassiert haben. Stammkunden durften offenbar sogar anschreiben lassen.

Bis zum vergangenen Jahr. Auf die Spur der mutmaßlichen Kinderschänder kamen die Fahnder im September, durch einen Spielkameraden von Pascal Z. Der Junge hatte mit seiner geistig zurückgebliebenen Mutter bei der Wirtin gewohnt, in einem Haus im nahen Städtchen Riegelsberg.

Eine merkwürdige Wohngemeinschaft: Wie aus einem vertraulichen Bericht hervorgeht, den der Saarbrücker Amtsrichter Johannes Schmidt-Drewniok Ende November im Rechtsausschuss des Landtags vortrug, litt Andrea M., heute 38, unter einer "frühkindlichen Hirnschädigung", hatte zeitweilig auf der Straße gelebt - und stand dann unter der Betreuung von Christa W. Gleichzeitig war Christa W., sonst knallharte Geschäftsfrau, auch noch Vormund und Pflegemutter des Jungen.

Wie auch immer die Wirtin das Jugendamt Saarbrücken überzeugt hatte, dass ausgerechnet sie eine gute Pflegemutter sei - hier laufen zurzeit Ermittlungen gegen eine Mitarbeiterin des Amts -, in Wahrheit konnte von Pflege offenbar keine Rede sein.

Im Januar 2001 erhielten die Behörden Hinweise, dass der Junge nicht genug zu essen habe, dass er an Alkohol und an Zigaretten herankomme, dass er sogar zur Strafe Spülmittel trinken müsse.

Der Bruder von Christa W. erstattete Anzeige wegen Vernachlässigung und körperlicher Misshandlung. Und obwohl sich Christa W., von 1997 bis 2000 Schöffin für Jugendsachen am Saarbrücker Amtsgericht, bester Kontakte zur Polizei rühmte, holte das Jugendamt den Sechsjährigen im Dezember 2001 Jahres aus dem Lotterhaus. Von nun an lebte er in einer Pflegefamilie.

Dort dauerte es knapp ein Jahr, bis der Kleine Vertrauen zu seiner Ersatzmutter fasste, dann aber erzählte er von einem kaum zu glaubenden Martyrium, das, sollte die wilde Schilderung des Kindes zutreffen, schlimmste Befürchtungen übertraf. Den sofort eingeschalteten Ermittlern berichtete Pascals Freund, wie Christa W. ihn im Haus in Riegelsberg gezwungen habe, sie in allen erdenklichen Varianten zu befriedigen. Auch Pornofilme habe er mit ihr gucken müssen. Mehr noch: Die eigene Mutter habe von ihm Petting und Geschlechtsverkehr verlangt, ihr Lebensgefährte ihn zum Analverkehr gedrängt. Und der Freund der Wirtin habe sich gleich mit mehreren Kumpels an seinem Penis zu schaffen gemacht.

Damit nicht genug, soll die Chefin der Tosa-Klause ihn aber auch noch für die Prostitution angelernt haben. Erst habe der Junge zusehen müssen, wie dort seine eigene Mutter mit Freiern schlief. Schließlich, im Alter von drei Jahren, habe er seine eigene Haut hinhalten müssen.

Alles nur Erfindungen, Phantasien eines Kindes aus zerrütteten Verhältnissen? Möglich ist das sehr wohl, aber zumindest konnte eine Psychologin keinen Hinweis auf eine Lügengeschichte entdecken. Dafür aber diagnostizierte ein Mediziner, dass der Anus des Jungen "weiter als altersüblich" sei.

Also griff die Polizei zu: Am 19. November durchsuchten 80 Beamte Wohnungen, Häuser und Gaststätten, beschlagnahmten rund 1000 Videos, nahmen die vier Hauptverdächtigen fest, später noch vier weitere Kneipenbesucher, die ebenfalls in den Kindersex-Skandal verwickelt sein sollen.

Was die Ermittler erst recht elektrisierte: Von der Kinder-Mafia schien plötzlich eine Direktverbindung zum Vermisstenfall Pascal Z. zu führen. Mit Pascal habe er gespielt, sagte der missbrauchte Junge, überhaupt hätten sich öfter Kinder in der Kneipe von Christa W. aufgehalten. Auch Pascal.

Tatsächlich bestätigt heute Melanie, die Stiefschwester, sie sei mehrere Male mit ihrem Bruder in der Tosa-Klause gewesen. Und Amtsrichter Schmidt-Drewniok notierte in seinem Bericht für den Landtag: "Es gibt persönliche Bekanntschaften zum Teil zwischen dem hier betroffenen Personenkreis und der Familie des Pascal Z."

Damit konzentrierten sich nun auch die Ermittler der Soko "Hütte" auf Christa W., erst recht, weil Andrea M., die denkschwache Mutter von Pascals angeblichem Spielkameraden, inzwischen zu reden begonnen hatte. Zuerst waren es sexuelle Kontakte zu ihrem Sohn, von denen sie erzählte, dann packte sie über das aus, was nach ihrer Schilderung mit Pascal passiert war. Der Junge, gab sie zu Protokoll, sei mehrmals in der Tosa-Klause sexuell missbraucht worden, auch am letzten Tag seines kurzen Lebens, dem 30. September.

Fest steht: Gegen 16 Uhr verließ der Junge die elterliche Wohnung, 25 Minuten später sah ihn ein Freund zum letzten Mal - in der Nähe der Schenke. Dann verlor sich seine Spur. Gegen 21 Uhr erstatteten seine Mutter und sein Stiefvater Vermisstenanzeige.

Was dazwischen passiert sein soll, glaubt die Polizei aus ihren Vernehmungen von Beschuldigten nun zumindest grob rekonstruieren zu können. Pascal soll auch an diesem Spätnachmittag im Hinterzimmer der Tosa-Klause Opfer der Perversionen von Christa W. und ihren Stammkunden geworden sein. Die Mutter seines Spielkameraden sei dabei gewesen, insgesamt zwölf Gaffer, Macher, Täter; sechs von ihnen, darunter zwei Frauen, nahm die Polizei am Montag dieser Woche fest.

Wenn das Szenario tatsächlich stimmt, muss Pascal, ein Hänfling, gerade 15 Kilo schwer und wegen einer Stoffwechselstörung ständig kränklich, an diesem Tag besonders gelitten haben. Deshalb wurde er, so die Vermutung der Ermittler, mit Gewalt ruhig gestellt. Bis sich der Junge nicht mehr rührte. Ob er zu diesem Zeitpunkt schon tot oder nur bewusstlos war, ist unklar. Nach der Polizei-Theorie soll aber die Kinderschänder-Bande nun in Panik geraten sein. Der Junge sei in ein Auto verfrachtet und Richtung Frankreich gebracht worden.

So zumindest schilderten es neben Andrea M. noch drei weitere Inhaftierte, deren Aussagen sich nach Angaben der Ermittler bis in Details deckten. Von einem der Beschuldigten bekam die Polizei zusätzlich noch den Tipp, der tote Pascal liege in einer Sand- und Kiesgrube im lothringischen Schoeneck. Dort suchten Beamte in dieser Woche nach dem Schlüssel zur Aufklärung: der Leiche. Christa W., ihr Lebensgefährte und der Freund von Andrea M. streiten dagegen sämtliche Vorwürfe ab.

Dafür redet die Großmutter von Pascal. Wenige Wochen vor seinem Verschwinden will sie Veränderungen bei ihrem Enkel beobachtet haben. Dass er zu stottern begann. Dass er ins Bett nässte. Seine Mutter Sonja habe ihm schließlich ein Schild für die Tür seines Kinderzimmers schreiben müssen. In Großbuchstaben mit roter Farbe habe da gestanden: "Frauen haben keinen Eintritt. Verbot! Pascal".

JÜRGEN DAHLKAMP, FELIX KURZ, SVEN RÖBEL,

WILFRIED VOIGT, ANDREAS WASSERMANN

* In der Kies- und Sandgrube im lothringischen Schoeneck am 24. Februar.

DER SPIEGEL 10/2003
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