01.03.2003

MILITÄRKampfpiloten auf Speed

Zwei Piloten der US-Luftwaffe droht ein Prozess vor dem Kriegsgericht. In Afghanistan töteten sie vier kanadische Soldaten mit einer Bombe. Nach Ansicht der Verteidiger trägt die Air Force die Schuld - sie versorgt ihre Piloten mit Drogen, damit sie länger wach bleiben. Von Uwe Buse
Wenn es geschehen ist, kommen sie zu zweit, als wäre es einem Menschen nicht zuzumuten, eine so fürchterliche Nachricht allein zu überbringen. Sie parken den Wagen vor dem Haus und steigen aus. Ein kanadischer Offizier in Uniform und ein kanadischer Priester. Er trägt Schwarz, nur sein weißer Kragen leuchtet.
Sie klingeln an dem Haus in Edmonton. Es ist spät in der Nacht, und es dauert eine Weile, bis sich die Tür öffnet. Im Flur steht Marlyn Léger, 28 Jahre alt, blonde Haare, Angestellte einer Versicherung, spezialisiert auf das Abwickeln von Unfallschäden. Die beiden Männer sehen, dass es ihr nicht gut geht. Marlyn Léger hat vor kurzem ihr erstes Kind verloren. Es war eine Frühgeburt, das Kind kam tot zur Welt, und sie hat den Verlust noch nicht überwunden.
Als sie erkennt, wer sie so spät besucht, fingert sie nach Halt an der Tür. Sie weiß, was es bedeutet, wenn ein Offizier und ein Priester unangekündigt vor der Tür einer Frau stehen, die mit einem Soldaten verheiratet ist.
Einer der Männer beginnt zu reden. Er spricht von "einer traurigen Nachricht", vom "höchsten Opfer, das ein Soldat für die Freiheit und den Frieden bringen kann", von "Mut" und "Stolz". Er spricht von Marlyns Ehemann, Marc Léger, einem kanadischen Soldaten, der vor wenigen Stunden in Afghanistan von einer US-amerikanischen Bombe getötet wurde. Mit ihm starben drei weitere Soldaten aus Kanada, acht wurden verletzt.
Neun Monate später, im Januar dieses Jahres, sitzt Marlyn Léger auf einem Holzstuhl in einem spärlich möblierten Raum der Air-Force-Basis in Barksdale (Louisiana). Das Licht ist künstlich, die Wände sind weiß, und sie teilt sich den Raum mit den Mitgliedern der drei kanadischen Familien, die im April vergangenen Jahres ebenfalls ungebetenen Besuch von einem Offizier und einem Priester bekamen, weil ein Sohn oder der Ehemann von der amerikanischen Bombe getötet worden war.
Alle blicken auf eine Leinwand an der Stirnseite des Raums, auf der Brigadegeneral Stephen T. Sargeant zu sehen ist, ein Mann mit straffem Scheitel und tadellos gepflegten Händen. Sargeant rekonstruierte das Unglück in Afghanistan, und nun sitzt er hier, in Barksdale, vor einer Kommission der U. S. Air Force, um seine Ergebnisse in knappen Sätzen zu erläutern. Hin und wieder, wenn Geheimes besprochen wird, stoppt die Übertragung aus dem Sitzungssaal, und auf der Leinwand erscheint dann CNN.
Der Sitzungssaal ist ungemütlich wie der Raum, in dem Marlyn Léger auf die Leinwand starrt. Er liegt in einem anderen Gebäude, ein paar hundert Meter entfernt. Kameras übertragen das Geschehen aus dem Saal in das Besucherzentrum, in dem die Familien sitzen. Die Aussage des Generals wird mit darüber entscheiden, ob der Pilot, der die Bombe abwarf, vor ein Kriegsgericht gestellt werden wird.
Marlyn Léger sitzt auf ihrem Stuhl, und um den Hals trägt sie eine Kette, an der ein Ring hängt. Ihr Mann trug ihn früher. Sie wirkt gefasst, ihre Stimme ist klar und fest. Marlyn Léger ist es mittlerweile gewohnt, über den Tod ihres Mannes zu sprechen. In Kanada ist sie, wie die anderen Hinterbliebenen, eine Berühmtheit.
Sie sagt, sie wisse nicht, ob ein Schuldspruch nötig sei, damit sie mit ihrem Leben fortfahren könne. Dann schweigt sie, schaut an die Wand und sagt: "Doch, es würde mir helfen, wenn er im Gefängnis landet."
Blickt Marlyn Léger auf die Leinwand, sieht sie Harry Schmidt, den Piloten, der sie zur Witwe machte, schräg von hinten. So zeigt ihn die Kamera, wenn Schmidt an seinem Tisch im Verhandlungsraum sitzt. Er sitzt sehr gerade in seiner blauen Luftwaffenuniform, die Ellbogen liegen auf der Tischplatte, die Hände sind meist gefaltet. Er bewegt sich nur wenig, ist schlank, und sein Gesicht ist klassisch. Eine gerade Nase, ein gutes Kinn, hohe Wangenknochen. Sollte Hollywood die Tragödie verfilmen, die er verschuldet hat, könnte er sich selbst spielen.
Normalerweise schützen die amerikanischen Streitkräfte Soldaten wie ihn vor der Öffentlichkeit. Als gegen Ende des Golfkriegs zwei amerikanische Piloten neun britische Soldaten töteten, wurden die Namen der Piloten der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt. Sie mussten sich auch nicht vor einem Kriegsgericht verantworten. Die Namen der Soldaten, die während des Luftkriegs in Afghanistan eine Hochzeitsgesellschaft beschossen und 40 Menschen töteten, sind bis heute ebenfalls unbekannt. In diesem Fall ist es anders.
Wie die Familien der Opfer können Journalisten die Anhörung in einem separaten Gebäude auf einer Leinwand verfolgen, dort erfahren sie den Namen von Schmidt und seinen Dienstgrad. Er ist Major, und er flog während des Einsatzes eine F-16, einen Jagdbomber.
Schmidt absolvierte die "Top Gun"-Ausbildung der Navy, lehrte danach als Instrukteur, funktionierte fehlerlos selbst unter feindlichem Beschuss. Schmidt war ein Vorzeigesoldat. Man behängte ihn mit Orden.
Es ist seltsam, dass er der Öffentlichkeit präsentiert wird. Normalerweise behandelt das amerikanische Militär diese Probleme als Familienangelegenheit. Es sei so entschieden worden, dieser Satz ist alles, was als Begründung geboten wird. Vielleicht geschieht es, weil der Krieg im Irak noch bevorsteht und Kanada sich nicht weiter von Amerika entfernen soll.
Vor dem Unglück waren die Einsätze kanadischer Soldaten kaum mehr als staatlich organisierte Abenteuer. Wer in die Armee eintrat, tat es, um etwas von der Welt zu sehen. So war es bei Marc Léger. Das Risiko, während eines Einsatzes getötet zu werden, war nur eine sehr entfernte Möglichkeit. Vor 50 Jahren, in Korea, war zum letzten Mal ein kanadischer Soldat während eines Kriegs umgekommen. Aus dem Golfkrieg, aus Bosnien, dem Kosovo kehrten Kanadas Soldaten vollzählig und lebend zurück.
Die amerikanische Bombe traf die Soldaten, die Politiker und die Medien des Landes unvorbereitet, und auch Amerikas Kampfpiloten kamen nicht unversehrt davon. Zu Beginn der Anhörung wurde bekannt, dass Schmidt während der Mission das Aufputschmittel Dexedrin geschluckt hatte.
Plötzlich war in Zeitungen, im Fernsehen die Rede von Drogen, die Air-Force-Ärzte den Piloten gaben - und zwar mit Billigung der Kommandeure. Es ging um Speed, um Wachmacherpillen, und es wurden eine Menge unangenehme Fragen gestellt: Was für Nebenwirkungen haben die Pillen? Darf der Staat mit Drogen dealen? Schlucken auch Zivilpiloten den Stoff? Sind Amerikas Helden ein Haufen Junkies?
Es war der Anwalt des Piloten, der dafür sorgte, dass Amerika über die Drogen debattierte. Charles Gittins behauptete, dass die Tabletten, von den Piloten "go-pills" genannt, das Urteilsvermögen beeinträchtigen: "Die Piloten werden gezwungen, diese Pillen zu nehmen. Wer sie nicht nimmt, fliegt nicht", sagte er während einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Gelände der Air-Force-Basis.
Die Tabletten, die zehn Milligramm des Aufputschmittels Dexedrin enthalten, werden den Piloten vor dem Flug ausgehändigt. Alle vier Stunden soll der Pilot eine Pille schlucken, so lautet die interne Anweisung. "Es ist der Königsweg, um Piloten wach zu halten", sagt Oberst Peter Demitry, ein Arzt der U. S. Air Force, der von den Anwälten des Verteidigungsministeriums in den Presseraum geschickt wurde, um die Fragen der Journalisten zu beantworten. Die Anwälte der Piloten und die des Ministeriums kämpfen nicht nur um den Ausgang der Anhörung, sondern auch um Geländegewinne in den Medien.
Ein Sprecher der US-Luftwaffe bestätigte, dass den Piloten Aufputschmittel angeboten werden. Die Einnahme sei freiwillig und üblich. Anders seien die Einsätze nicht zu bewältigen. Mit dem Briefing vor dem Flug, dem Check des Flugzeugs, dem stundenlangen Flug zum Operationsgebiet, dem Aufenthalt dort, dem Rückflug und dem Debriefing ziehen sich Einsätze oft 24 Stunden hin.
Langzeitstudien über die Auswirkungen des Mittels auf Piloten gibt es nicht. Es gibt Vermutungen über ein gesteigertes Aggressionspotenzial. Gittins spricht von unvorhersehbaren Wechselwirkungen, die durch das Schlucken von Go- und No-go-Pillen entstehen. No-go-Pillen schlucken die Piloten, um nach den Einsätzen einschlafen zu können.
Der erste Akt der Tragödie, die den Piloten Harry Schmidt vor den Richter und den Soldaten Marc Léger unter die Erde bringt, beginnt am 17. April 2002 um 19.35 Uhr Ortszeit. Fünf Lastwagen, ein Notarztwagen und mehrere gepanzerte Fahrzeuge verlassen das Gelände des Militärflughafens Kandahar. Das Ziel des Konvois ist ein ehemaliges Qaida-Trainingslager, das jetzt den Namen "Tarnak Farms" trägt. Es liegt 4,5 Kilometer südlich des Flughafens. Im Innern der Fahrzeuge sitzen die Mitglieder der A-Kompanie des III. Bataillons. Sie werden auf dem Gelände des Trainingslagers mehrere Stunden mit scharfer Munition üben.
In den vergangenen sechs Wochen waren die Einheiten auf dem Flughafen mehrere Mal das Ziel von nächtlichen Blitzangriffen der Taliban. Die Übung soll die Soldaten kampffähig halten. Eine Gruppe wird das instinktive Schießen auf plötzlich auftauchende Ziele üben, die zweite Gruppe wird mit panzerbrechenden Waffen trainieren.
An Bord eines Fahrzeugs ist Marc Léger, er ist 29 Jahre alt, und es ist ein Zufall, dass er im Wagen sitzt. Eigentlich hat er Dienst im Lager, aber ein Mitglied der Trainingsgruppe ist krank, und Marc Léger nutzt die Chance, dem langweiligen Lageralltag zu entkommen.
19.50 Uhr: Harry Schmidt startet in seinem F-16-Jagdbomber von der Air-Force-Basis al-Dschabir in Kuweit. In einem zweiten Jet sitzt Major William Umbach. Er ist Schmidts Vorgesetzter während dieses Einsatzes. Ihr Ziel ist der Nordosten Afghanistans. Dort werden sie mit ihren Flugzeugen mehrere Stunden kreisen, für den Fall, dass amerikanische Bodentruppen Luftunterstützung brauchen. Die Bordkanonen sind mit 20-Millimeter-Munition bestückt, unter den Tragflächen jedes Jagdbombers hängen vier lasergesteuerte Bomben vom Typ GBU-12. In neun von zehn Fällen treffen diese Bomben ihr Ziel. Sie wiegen 360 Kilogramm, und sie werden für 19 000 Dollar pro Stück produziert. Es sind erprobte militärische Massenartikel.
Die beiden Piloten kennen einander, es ist nicht der erste gemeinsame Einsatz. Beide sind erfahrene Piloten. Sie haben mehr als 3000 Stunden im Cockpit eines Flugzeugs gesessen.
20.00 Uhr: Der kanadische Konvoi erreicht das Übungsgelände. Die Soldaten bilden zwei Gruppen. Die Gruppe von Marc Léger macht sich auf den Weg in ein ausgetrocknetes Flussbett, das sich Richtung Norden zieht.
20.31 Uhr: Am Flussbett angekommen, laden die Soldaten ihre Waffen, entsichern sie und beginnen im Flussbett vorzurücken. Nach einigen Metern ist das erste Ziel sichtbar. Ein Soldat beginnt zu feuern.
Gegen 1.30 Uhr: Schmidt und Umbach verlassen ihr Operationsgebiet im Nordosten Afghanistans. Ihr Einsatz war ereignislos. Sie fliegen Richtung Südwest, um sich mit einem Tankflugzeug zu treffen.
1.45 Uhr: Die Kampfgruppe von Marc Léger beginnt die zweite Trainingsphase und nähert sich in dem Flussbett ihrem ersten Ziel, der Silhouette eines feindlichen Soldaten. Ein Mitglied von Marc Légers Gruppe, Unteroffizier René Paquette, feuert mehrere Salven. Nicht alle Kugeln treffen das Ziel. Querschläger und Leuchtspurmunition steigen mehrere hundert Meter hoch in den Nachthimmel.
1.46 Uhr: Schmidt und Umbach sind 37 Meilen ostnordöstlich von Kandahar. Ihre Jets fliegen in etwa 8000 Meter Höhe, und die Piloten bereiten ihr Treffen mit der fliegenden Tankstelle vor. Sie wechseln von der Funkfrequenz, die für Kampfeinsätze vorgeschrieben ist, zu der Frequenz, die für das Auftanken während des Fluges benutzt werden muss. Sie entspannen sich ein wenig. Das Wechseln auf die Tank-Frequenz zeigt Piloten, dass sie ihr Einsatzgebiet verlassen haben und nun über ungefährlicherem Territorium unterwegs sind.
Gegen 1.51 Uhr: Schmidt informiert Umbach, dass er Leuchtspurfeuer vom Boden sieht, das auf die Jets zielt. Schmidt und Umbach lösen ihre Flugformation auf. Umbach positioniert sich vier bis fünf Meilen entfernt von Schmidt, er fliegt höher und hinter ihm. Schmidt verringert die Flughöhe und die Geschwindigkeit seines Jets. Er will sich die vermeintlichen Angreifer genauer anschauen.
Brigadegeneral Sargeant, der das Unglück untersuchte, wird später sagen, dass dieses Verhalten von Schmidt falsch, gefährlich und unüblich sei. Die angemessene Reaktion eines Kampfpiloten in einer solchen Situation sei, das Gefahrengebiet so schnell wie möglich zu verlassen, "an Höhe gewinnen und an Geschwindigkeit, genau das Gegenteil von dem, was Schmidt tat". Aus einer sicheren Position soll der Pilot die Situation dann einschätzen.
1.53.33 Uhr: Schmidt kontaktiert die fliegende Einsatzzentrale Awacs. Er hat ein Ziel ausgemacht und will seine Bordkanonen abfeuern. Die Antwort lautet: Warten Sie ab.
1.53.45 Uhr: Umbach sagt Schmidt, er müsse sich vergewissern, dass sich dort am Boden keine Alliierten befinden. Zur Sicherheit richten Schmidt und Umbach die Lasermarkierer ihrer Jets auf einen Punkt am Boden, etwa in der Mitte von Marc Légers Gruppe. Die Kanadier bemerken das nicht.
1.54.50 Uhr: Die Gruppe von Marc Léger feuert die nächste Salve auf ein Ziel. Wieder steigen Querschläger und Leuchtspurmunition in den Himmel. Auf den Nachtsichtgeräten der Jets ist auch das Mündungsfeuer eines Granatwerfers zu sehen.
1.55.00 Uhr: Schmidt erhält vom Awacs-Flugzeug den Befehl, noch nicht anzugreifen.
1.55.04 Uhr: Schmidt bestätigt den Befehl und sagt dann merkwürdigerweise: "Ich habe hier, äh, ich habe hier Männer auf einer Straße, und es sieht so aus, als ob sie mit ihrer Artillerie auf uns schießen. Ich greife an, in Notwehr." Schmidts F-16 kippt über den rechten Flügel Richtung Ziel. Auf dem Audioband, das während des Angriffs in Schmidts Jet mitlief, ist das angestrengte Atmen des Piloten zu hören. Aber seine Stimme ist ganz ruhig, keine Spur von Panik.
1.55.17 Uhr: Umbach hindert ihn nicht am Angriff. Stattdessen erinnert er Schmidt, seine Waffeneinstellungen zu prüfen. Auch das wird später von Brigadegeneral Sargeant gerügt werden.
1.55.19 Uhr: Schmidt bestätigt.
Zwanzig Sekunden später trennt Schmidt die Bombe vom Flugzeug. Es ist eine mondlose Nacht. Die Bombe gleitet lautlos. Nach 21 Sekunden schlägt sie zwischen den Soldaten ein. Marc Léger stirbt schnell und ahnungslos. Seine Verletzungen beweisen, dass er im Moment der Detonation auf die Bombe zuging, ihr das Gesicht zuwandte.
Neun Sekunden nach seinem Tod meldet die Awacs-Zentrale: "Angriff abbrechen. Es sind Alliierte."
Am nächsten Tag erreicht die Schockwelle den nordamerikanischen Kontinent. US-Präsident George W. Bush ruft den kanadischen Premierminister Jean Chrétien an und spricht ihm sein Bedauern aus. Chrétien antwortet, dass der Zwischenfall "ein fürchterlicher Unfall gewesen zu sein scheint, aber dass die Familien der Opfer, dass alle Kanadier viele Fragen haben, die beantwortet werden müssen". Chrétien und der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vereinbaren, dass kanadische Offiziere die amerikanischen Ermittler bei der Untersuchung des Unglücks unterstützen werden, und in Kanada beginnt eine heftige Debatte über den Sinn dieses Einsatzes und über die Frage, wie der Tod der Soldaten durch "friendly fire", durch die Geschosse befreundeter Einheiten, hätte verhindert werden können.
Es war ein Unglück, das typisch sein dürfte für die Kriege des 21. Jahrhunderts, denn die Unübersichtlichkeit auf den Schlachtfeldern nimmt zu. Große, konzentrierte Truppenverbände sind keine mächtigen Waffen mehr, sie sind zu langsam, zu schwerfällig und deshalb gute Ziele für moderne Lenkbomben. Aus diesem Grund diskutieren amerikanische Militärplaner das "swarming", den Einsatz kleiner Einheiten, die weitgehend unabhängig vom Rest der Streitkräfte operieren.
Der Afghanistan-Krieg war der erste Krieg, der ausschließlich durch den Einsatz kleiner Kommandoeinheiten und Bomber gewonnen wurde. Die Zahl der getöteten US-Soldaten war gering, es starben 14 Kämpfer, der Prozentsatz der Toten durch friendly fire war hoch: etwa 20 Prozent. Ähnlich war es im Golfkrieg, dem ersten Krieg, in dem in größerem Umfang "intelligente" Bomben eingesetzt wurden. 367 US-Soldaten wurden getötet, 17 Prozent durch friendly fire. In beiden Kriegen starben die Soldaten, weil verbündete Kämpfer übermüdet waren und überfordert.
In den zukünftigen Kriegen Amerikas sollen die Soldaten tagelang marschieren, ohne müde zu werden. Sie sollen weniger bluten, schneller heilen und weniger Schmerz spüren als die Soldaten in Afghanistan. Wenn in militärischen Laboren über die neuen Kämpfer gesprochen wird, fallen Begriffe wie "metabolische Dominanz" und "physiologische Ingenieurskunst". Finanziert werden diese Arbeiten von der "Defense Advanced Research Projects Agency" (Darpa), einer Forschungseinrichtung für das Pentagon.
Um die Soldaten biologisch aufzurüsten, arbeiten zwei Wissenschaftler in New York an der Manipulation des menschlichen Gehirns. Der Neuropsychologe Yaakov Stern und die Psychiaterin Sarah Lisanby sollen dem Pentagon den immerwachen Piloten schenken, der keine Go-Pillen mehr schlucken muss.
Möglich machen soll das ein Gerät im Keller des Instituts für Biologische Psychiatrie. Es steht in einem schulterhohen Gitterkäfig und besteht aus sechs obstkistengroßen Metallboxen, die durch Kabel verbunden sind. An der Vorderseite der obersten Box hängt ein Kabel, das in einem Metallstück endet. Es ähnelt in Größe und Form vage einem Tischtennisschläger.
Die Boxen produzieren einen starken magnetischen Impuls, der durch den Tischtennisschläger abgestrahlt wird. Das magnetische Feld regt Neuronen im Hirn an, und ihre Aktivität lässt sich messen, darstellen und erlaubt Rückschlüsse auf komplexe Hirnfunktionen wie Sprache, Erinnerung, Sehfähigkeit. Oder auf das Bedürfnis nach Schlaf. Stern und Lisanby sind dabei zu verstehen, welche Hirnregionen zusammenspielen, wenn der Mensch vom Schlaf außer Gefecht gesetzt wird. Diesen Mechanismus wollen sie stoppen.
Mediziner nennen diese Methode der Hirnforschung "Transcranial Magnetic Stimulation" (TMS). Mit ihrer Hilfe sollen depressive Patienten schonender und effektiver geheilt werden, als es jetzt der Fall ist. Bevor Stern und Lisanby TMS für ihre Forschung entdeckten, war es eine rein medizinische Therapie, nun ist es ein Dual-Use-Produkt.
Im Sommer dieses Jahres werden Lisanby und Stern ihre Ergebnisse ihrem Arbeitgeber, der Darpa, vorstellen, danach wird es neues Geld geben, und zusammen mit einem zweiten Forscherteam wird ein funktionsfähiger Prototyp entwickelt werden, der in ein Flugzeugcockpit passt. Wird der Pilot müde, drückt er einen Knopf, ein magnetischer Impuls schießt in sein Hirn, und er ist wieder wach. So soll es funktionieren.
Am letzten Tag der Anhörung auf der Air-Force-Basis in Barksdale sprechen die Piloten zum ersten Mal. Sie liefern keine Erklärung für die Tragödie, sie entschuldigen sich nur. Umbachs Entschuldigung klingt echt. Schmidt spricht hölzern, als wäre er ein Kind und müsste in der Schule ein Gedicht aufsagen. Marlyn Léger glaubt Schmidt die Entschuldigung nicht: "Er will sich damit nur entlasten."
Die Anwälte des Verteidigungsministeriums werfen Schmidt und Umbach vor, grob fahrlässig gehandelt zu haben. Es sei bekannt gewesen, dass es südlich der Stadt Kandahar ein Gebiet gebe, in dem befreundete Einheiten in regelmäßigen Abständen mit scharfer Munition trainieren.
Die Anwälte der Piloten geben den Drogen die Schuld. Zwischen den Anwälten der beiden Seiten herrscht ein Patt. Niemand kann eine überzeugende Erklärung bieten für das Unglück. Es könnte sehr schnell wieder passieren, im nächsten Krieg vor den Toren Bagdads. Das ist das Beunruhigende.
General Bruce Carlson, der Kommandeur der "8th Air Force", wird nun entscheiden, ob Schmidt und Umbach vor ein Militärgericht gestellt werden. Meist geht das Militär milde um mit seinen fehlbaren Helden. In den vergangenen Jahren wurde nur ein Soldat wegen eines tödlichen Irrtums vor ein Kriegsgericht gestellt. Er wurde freigesprochen.
Marlyn Léger wird die Entscheidung des Generals in ihrer Wohnung in Edmonton erwarten und an ihrem neuen Leben arbeiten. Manchmal spricht sie mit Marc, und einmal sprach er mit ihr.
Es geschah ein paar Wochen nach seinem Tod. Jemand klingelte an der Tür, draußen stand ein Blumenbote. Marlyn nahm den Strauß entgegen, sie fand eine Karte, öffnete sie und las: "Ich wäre gern bei Dir." Marc hatte die Blumen vor seiner Abreise nach Afghanistan bestellt. Der Strauß war schön.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 10/2003
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