01.03.2003

„Sei patriotisch und denk nicht!“

Susan Sontag über den hegemonialen Feldzug der Amerikaner im Nahen Osten, die Spaltung des Westens und islamische Glaubenssoldaten
Sontag, 70, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin ("Der Liebhaber des Vulkans") und Kulturkritikerin ("Krankheit als Metapher"), gilt laut "Time" als "Amerikas öffentliches Gewissen". Jetzt erschien in den USA ihr jüngstes Buch: "Regarding the Pain of Others", das im Herbst im Hanser Verlag auf Deutsch herauskommt. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Frau Sontag, Präsident Bush ist offenbar wild entschlossen, Krieg gegen Saddam Hussein zu führen. Haben Sie noch Zuversicht, dass es nicht so weit kommen wird?
Sontag: Ich glaube nicht, dass der Krieg aufzuhalten ist. Selbst wenn Saddam abgesetzt oder ermordet wird oder ins Exil geht. Die Amerikaner sind entschlossen, den Irak zu besetzen. Sie sind auf eine Neuordnung des Nahen Ostens aus.
SPIEGEL: In Europa gibt es hartnäckigen Widerstand gegen diesen Krieg. Auch die Einstellung der Amerikaner ist zunehmend gemischt, schenkt man Umfragen Glauben.
Sontag: Aber achten Sie doch nur auf die Rhetorik dieser Regierung. Das "Wir", das Bush und die anderen benutzen, ist das königliche "Wir", nicht das "Wir" der Verfassung, das "Wir, das Volk". Wenn Sie George W. Bush und seine Ratgeber mit dem Beweis konfrontieren würden, dass eine Mehrzahl der Amerikaner den Krieg ablehnt, würde deren Antwort lauten: "Es ist unsere Aufgabe zu führen." Ihre Außenpolitik ist dem demokratischen Prozess entzogen. Sie haben sich einer gefährlichen Politik verschrieben.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Bush die Anschläge vom 11. September nur als Vorwand nimmt für das, was er immer schon vorhatte - nämlich die Invasion Iraks?
Sontag: In seinem Buch "Bush at War" weist der Journalist Bob Woodward darauf hin, dass Rumsfeld bereits am 12. September 2001 dafür plädiert hat, erst gegen den Irak und dann gegen Afghanistan vorzugehen. Ich denke, der 11. September war das Einfallstor. Die Bush-Administration hat sofort ver-
standen, dass von jetzt an alles möglich sein würde: eine neue Außenpolitik, in der militärische Expansion als Selbstverteidigung gerechtfertigt sein würde.
SPIEGEL: Von der anfänglichen Solidarität mit den Amerikanern nach dem 11. September ist in Europa nicht mehr viel übrig geblieben, die Kriegslogik der USA wird immer kritischer beurteilt. Wächst die Kluft zwischen den USA und Europa?
Sontag: Ja, die Kluft wird immer größer. Die USA entfernen sich immer weiter von den Gesellschaften Westeuropas. Und natürlich hat sich auch Europa entwickelt. Der Streit um den Krieg ist ja nur die Spitze eines Eisbergs. Es gibt etliche Grundhaltungen, die die politische und moralische Kultur in Europa nachhaltig von der amerikanischen unterscheiden. Erstens ist da die Todesstrafe. Amerikaner verstehen noch nicht einmal die europäischen Einwände dagegen. Wenn Europäer erklären: "Wir bestrafen Verbrecher, aber wir wollen sie nicht gerade töten", dann halten Amerikaner das für eine Ausrede. Zweitens akzeptieren Europäer die Notwendigkeit, die eigene Souveränität in gewissen Belangen zu opfern ...
SPIEGEL: ... wie etwa die Währung.
Sontag: Ja, doch in Amerika ist die Abgabe nationaler Souveränität an eine übergeordnete Instanz wie die EU buchstäblich undenkbar. Und drittens ist Europa säkular, wohingegen die riesige Mehrheit in diesem Land an Gott glaubt. Die USA sind in vielerlei Hinsicht ein anarchisches Land. Das ist auch der Grund, weshalb Bushs polarisierende Sprache hier so gut ankommt. Die kulturelle Kluft zwischen Europa und Amerika ist so tief wie der Grand Canyon.
SPIEGEL: Der Mangel an Bereitschaft, Souveränität aufzugeben, steckt dann auch hinter dem US-Unilateralismus, etwa dem Widerstand gegen das Kyoto-Protokoll und den Internationalen Strafgerichtshof?
Sontag: Natürlich, die Bush-Junta verhält sich da überaus logisch. Warum sollte sie irgendeinen Vertrag unterzeichnen, wenn sie Gefahr läuft, dass sie eines Tages daran gehindert werden könnte, ihre Interessen zu verfolgen? Im Prinzip möchte sie durch keinen einzigen Vertrag gebunden sein.
SPIEGEL: Allerdings sind die USA vor die Uno gegangen, um Beistand im Krieg gegen den Irak zu bekommen.
Sontag: Sie sind vor die Uno gegangen, weil sie eh nicht vor März in den Krieg hätten ziehen können. Es war eine Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken. Sie brauchten ein paar Monate, um Soldaten und Gerät hinzuschaffen und die Invasion vorzubereiten. Aber sie werden auch ohne Resolution handeln. Wenn es zu keiner Resolution kommt, ist die Uno, in Bushs Worten, "irrelevant".
SPIEGEL: Wie ist Ihre Haltung zum Krieg. Sind Sie eine Pazifistin?
Sontag: Ich habe neulich in New York gegen den Krieg demonstriert wie alle, die ich kenne. Ich bin aber keine Pazifistin, ich bin nicht gegen jeden Krieg.
SPIEGEL: War etwa der Krieg gegen Milosevic in Bosnien und im Kosovo gerechtfertigt?
Sontag: Ja, die Nato-Intervention gegen das schreckliche Morden war gerechtfertigt. In Bosnien zumindest genügte die minimale Anwendung von Gewalt, den Krieg zu beenden, und das wäre schon zwei Jahre früher möglich gewesen. Als schließlich die Bomben fielen, hat es, glaube ich, nicht sehr viele Opfer gegeben. Im Kosovo sind unglücklicherweise viel mehr Menschen getötet worden.
SPIEGEL: Aber wo setzen Ihre Einwände gegen den Krieg im Irak ein?
Sontag: Zunächst muss man die Komplexität der Anti-Kriegs-Haltung eingestehen. Man muss grundsätzlich festhalten, dass Saddam ein Diktator von grenzenloser Bosheit ist. Er hat den Tod unzähliger Menschen verursacht. Die Invasion, die wir ablehnen, wird von der Mehrheit der Iraker begrüßt werden. Das dürfen wir nicht vergessen. Und es macht unsere Opposition nicht leichter.
SPIEGEL: Und warum sind Sie dann gegen diesen Krieg?
Sontag: Es gibt noch andere Optionen, als Städte zu bombardieren. Aus vielerlei Gründen wird die Regierung nicht Pjöngjang unter Feuer nehmen, und sie muss es auch nicht mit Bagdad machen. Das Weiße Haus zieht in den Krieg, um den Irak zu besetzen.
SPIEGEL: Amerika hat seit Vietnam das Gespenst vom ungerechten Krieg verfolgt. Wie kommt es eigentlich, dass dieser Alptraum nicht mehr wirkt?
Sontag: Weil wir nicht mehr zwei Parteien haben. Es gibt nur noch die Republikanische Partei, die einen Ausläufer besitzt, der Demokratische Partei heißt. Es gibt keine ernst zu nehmende Opposition in diesem Land. Es gibt zwar in der Bevölkerung jede Menge Opposition, die aber im politischen Prozess keinen Niederschlag findet. In den sechziger und siebziger Jahren fand sich eine politische Opposition, und das Land war in eine offene politische Debatte verwickelt. Heute fehlt das.
SPIEGEL: Gleich nach dem 11. September haben Sie einen Kommentar geschrieben, mit dem Sie sich wütende Kritik und Morddrohungen einhandelten. Man nannte Sie "Osama Bin Sontag".
Sontag: Nach dem 11. September war das Motto "United We Stand". Was mich betrifft, heißt das: "Sei patriotisch und denk nicht nach. Tu, was dir gesagt wird."
SPIEGEL: An jenem 11. September hielten Sie sich in Berlin auf und nicht in New York. Machte das einen Unterschied?
Sontag: Ja, vermutlich. Als ich schrieb, habe ich ja nur auf Fernsehbilder und diese gewisse Ideologie von amerikanischer Überlegenheit und Unverwundbarkeit reagiert, mit der über die Anschläge berichtet wurde.
SPIEGEL: Wie denken Sie heute über den Konflikt, der seit dem 11. September entstanden ist - ein Zusammenstoß der Kulturen?
Sontag: Nein, aber sicherlich ein Konflikt über Werte und das Projekt der Moderne. Allerdings bin ich Mitglied in einer Gruppe, die die Hälfte der Menschheit umfasst - nämlich Frauen. Der radikale Islam ist, um es milde auszudrücken, schlecht für Frauen. Ich lebe in einer Kultur, in der Frauen ganz selbstverständlich Lebenschancen haben wie Männer - und der radikale Islam verbietet Frauen diese Möglichkeiten. Deshalb bin ich schon aus ethischen Gründen eine Gegnerin dieser Religionsauslegung. Aber ich füge hinzu, dass jeder Fundamentalismus schlecht für Frauen ist.
Ich sehe auch, dass es eine radikale Strömung im Islam gibt, die mehr und mehr Menschen erfasst, die gemischte Gefühle gegenüber der Moderne hegen. In vielen Teilen der Erde werden Männer zum Protest gegen das mobilisiert, was sie als Ungerechtigkeit, politische Unfähigkeit und Korruption in ihren Ländern erachten - und daraus entstehen Glaubenssoldaten in einem religiösen Krieg, der zuallererst an der Front gegen Frauen geführt wird.
SPIEGEL: So ähnlich argumentiert auch das Weiße Haus und zieht daraus den Schluss zur Neuordnung des Nahen Ostens.
Sontag: Aber wird er demokratischer? Ein wichtiges Argument gegen den Krieg ist ja, dass er den bestehenden Zustand nur verschlimmert. Eine fast unabwendbare Konsequenz wird sein, dass es noch mehr Terrorismus gibt, noch mehr Gewalt, noch mehr Zerrüttung. Und außerdem werden die säkularen Kräfte in dieser Region noch stärker geschwächt ...
SPIEGEL: ... für die in gewisser Weise auch der Irak steht.
Sontag: Saddam ist wirklich das Monster, für das er gehalten wird, und ich wäre froh, wenn er abgesetzt würde. Das einzig Gute an ihm ist jedoch, dass er ein säkulares Monster ist. Auf lange Sicht könnte seine Beseitigung aber ein fundamentalistisches Regime ans Ruder bringen. Der radikale Islam findet Widerhall an vielen Orten der Welt. Er kann die Vereinigten Staaten nicht besiegen. Aber er kann für viele Tote sorgen.
SPIEGEL: Frau Sontag, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Carolin Emcke und Gerhard Spörl.
Von Carolin Ehmcke und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 10/2003
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