DER SPIEGEL



LITERATUR

200 Seiten Zärtlichkeit

Von Hacker, Doja

Maxim Biller schildert in seinem neuen Roman das Protokoll einer scheiternden Beziehung - und kokettiert mit dem autobiografischen Gehalt des Buchs.

Der Schriftsteller hat gute Laune, und dafür gibt es zwei Gründe: Erstens ist er neu verliebt. Und zweitens lässt sich die Geschichte schon jetzt so kompliziert an, dass er sich darin heimisch fühlen kann.

Hinzu kommt, dass ein paar junge Filmregisseure Interesse an Maxim Billers gerade erschienenem zweiten Roman angemeldet haben - und das, obwohl darin nicht viel geschieht, verglichen mit Billers Romandebüt "Die Tochter", in dem es unter anderem um eine bizarre Inzeststory ging. Billers neues Buch "Esra" dagegen variiert eine alte, einfache Geschichte: Adam will Esra, und Esra will Adam "fast auch"*.

Das kleine Wort "fast" enthält das Drama: Es stockt zwischen den beiden. Die deutschtürkische Schauspielerin und Malerin Esra entzieht sich dem Werben des Intellektuellen Adam; sie leidet, so Biller, an einem typischen "Widerspruch der Emanzipation": Bemüht Adam sich um sie, fühlt sie sich bedrängt, lässt er sie in Ruhe, zweifelt sie an seiner Liebe. Zieht er sich ganz zurück, taucht sie überraschend wieder auf.

So taumelt über mehr als 200 Seiten einer hinter dem anderen her: ohne viel Hoffnung füreinander und manchmal auch ohne Gnade - für die Heldin des Buchs und für die Leser.

Autor und Ich-Erzähler gleichzusetzen ist bekanntlich verboten, aber hier sehr verführerisch. Der Autor Biller, 42, versucht auch kaum, den Eindruck durch falsche Fährten zu verwischen, ganz im Gegenteil, er kokettiert mit Ähnlichkeiten: "Es wird Zeit, kurz etwas über mich zu erzählen", entscheidet Adam in der Mitte des Buchs: "Dass ich aus Prag komme,

Jude bin und oft über Deutschland schreibe, ist kein Geheimnis."

Allein sein Privatleben sei bislang "kein großes Thema" gewesen. Nun aber sollen vor allem die Leser der Billerschen "100 Zeilen Hass"-Kolumne begreifen, dass der für sein Wüten berüchtigte Journalist und Schriftsteller in Wahrheit ein so sensibler wie liebessehnsüchtiger Mensch ist.

Bevor er eine Brustwarze seiner Liebsten "sanft hin und her rollt", bemerkt er noch, dass sie ein "Kinderunterhemd von Schlichting" trägt. Das Beim-Namen-Nennen der Kleidermarken, das zum Erfolgston der Popliteratur gehört, wirkt in Billers Erzählstil besonders gekünstelt. Man muss schon sehr modefest sein, um zu wissen, dass ein "Top von Dries Van Noten" (das er ihr schenkt) mehr wert ist als ein "weißes Comme-des-Garçons-Kleid" aus dem Schlussverkauf (das sie von seinem Vorgänger hat).

Die Zärtlichkeit, zu der er sich berufen fühlt, vermisst er bei ihr. "So zärtlich ist sie mit mir nie gewesen", denkt er, während sie eine Katze krault: "Mir hat sie immer nur einen runtergeholt." Vergebens sucht er bei seiner "kleinen armen Sklavinnenseele" nach Zeichen der Zuneigung. Aber immer wieder sieht er in ein "versteinertes Gesicht", hört denselben "sturen Tagträumerton".

Der Roman "Esra" ist der Liebe gewidmet. Der Liebe als zwanghaftem Zustand zwischen Verfolgungsjagd und Verfolgungswahn. Da liegt auch die Schwäche des Buchs: Die Geschichte entwickelt sich nicht, sie ist von Anfang an ohne Chance auf Glück, sie endet ohne beschlossene Trennung - und ohne dass Adam um eine Einsicht reicher geworden wäre. Dafür beschleicht den Leser oft das Gefühl, unfreiwillig Zeuge privater Botschaften zu werden, die eher Aneinanderreihungen narzisstischer Kränkungen sind als literarisch gestaltet. Ist Billers Aufarbeitungsprotokoll im Grunde nicht allein an die Frau adressiert, von der erzählt wird?

Gegen den Vorwurf des allzu Privaten hat Biller sich gewappnet. Mit einer verkaufsfördernden These: Der Roman, behauptet er, behandle das Problem einer ganzen Generation. Er meint die heute etwa 40-Jährigen "vom Leben verwöhnten Individualisten", die immer noch "zwischen Freiheitsdrang und Bindungslust pendeln" und die "die große Liebe für eine einfache Sache halten, bei der der andere sich hauptsächlich dadurch auszeichnet, dass er nicht nervt". Geht eine solche Beziehung schief, dann war es eben nicht die große Liebe. Schwamm drüber. Neuer Versuch.

Anders Adam. Seine Liebe zu Esra hat ihn gezeichnet. Adam zerbricht sich den Kopf, ob die eskapistische Esra schlicht generationstypischer Oberflächlichkeit anheim gefallen ist oder ob er irgendwie alles falsch macht. Sein zwanghaftes Grübeln verschlimmert die Sache nur noch: "Wie soll eine Frau einen Mann lieben, der sie stets analysiert?", fragt Biller und freut sich an der Entdeckung: "Dieser Adam ist doch ein Arsch."

Sein Buch sei gemeint als "Aufruf an alle Liebenden der westlichen Hemisphäre, es besser zu machen". Und Biller ist guter Dinge, dass dieser Ruf gehört werden wird, denn "ihre Liebesgeschichten sind doch das Einzige, wofür sich die Menschen heute noch brennend interessieren. Für Politik interessiert sich doch in Wahrheit keiner mehr".

Vielleicht ist gerade das der Fehler im Leben der Romanfiguren: Es mangelt ihnen an Beschäftigung mit anderem als sich selbst. Sie hätten sich ein Beispiel an ihrem Autor nehmen sollen: Der ist trotz Liebessehnsucht noch an anderem interessiert. Zum Beispiel am Leuteärgern.

Die Mutter der Heldin beschreibt Biller als egomanisches Scheusal. Auch hier kein Versuch der Verfremdung. Nun drohen Konsequenzen: Die türkische Umweltaktivistin, die - wie im Buch behauptet - den alternativen Nobelpreis erhielt, könnte sich in der Rolle der bösen Schwiegermutter wiedererkennen und klagen. Das fürchtet jedenfalls Billers Verleger Helge Malchow.

Ein wenig herumerzählte Furcht vor einer einstweiligen Verfügung hat noch keinem Buch geschadet. Biller sinnt derweil schon über eine weitere Grußbotschaft nach: Da die Frau, der dieses Buch gewidmet ist, die "echte Esra", die Lektüre des Buchs verweigere, soll bei der Taschenbuchausgabe des Romans Billers neue Freundin, die "zweite Esra", das Cover schmücken. DOJA HACKER

* Maxim Biller: "Esra". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 224 Seiten; 18,90 Euro.

DER SPIEGEL 10/2003
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