01.03.2003

TIER-TVUnd es hat wuff gemacht

Die Liebe der Deutschen zum Haustier bringt Quote: Sendungen wie „Hundkatzemaus“ und „Tiere suchen ein Zuhause“ begeistern ein Millionenpublikum.
Es ist Sonntagabend. Der Kuchen ist halb verdaut, die Zweitligaergebnisse sind halb verkraftet, gottergeben biegt der einfallslose Zuschauer auf die "Lindenstraße" ein, nun ja, was wird Mutter Beimer wohl nun schon wieder groß erleben.
Doch - miez, maunz und wuff - für andere Konsumenten schlägt die große Stunde. Denn sie sehen Lupus. Sein Fell glänzt. Die sabbernden Lefzen sind abgewischt, die schlammige Rute wirkt trocken wie die Wüste. Der Köter - hässliches Rassenkauderwelsch - ist ein "Kaukasischer Schäferhund-Berner-Sennenhund-Mischling", also ganz schön groß. Und ganz schön haarig. Lupus, meint die Moderatorin Claudia Ludwig, 42, sei schwer vermittelbar, und der Westerwälder Tierschutzexperte Frank Weisskirchen, 39, weiß, warum: "Er steht mit seinen fünf Jahren mitten im Hundeleben und ist nicht mehr formbar." Ähnlichkeiten zum Menschen sind unvermeidlich.
Der reife Hunderüde stammt aus dem Tierheim wie die 24 anderen Viecher, die in der 50-minütigen WDR-Sendung "Tiere suchen ein Zuhause" enthospitalisiert werden sollen. Was die für die WDR-Sendung Verantwortlichen noch mehr verwundert als der hohe Vermittlungserfolg - 80 Prozent der vorgeführten Tiere findet ein neues Heim -, ist der über die Jahre gewachsene Zuschauererfolg. "Wir erreichen alle Schichten", sagt die verantwortliche Redakteurin Gina Göss, 38, "vom Wasserschlossbesitzer bis zum Arbeiter."
Und der WDR ist nicht der einzige Tierfreund. Der NDR (dessen offizielles Logo von 1978 bis 2001 das Hagenbecker Zoo-Walross Antje war) sendet "Lieb und struppig sucht ...", der Hessische Rundfunk seit 27 Jahren "Herrchen gesucht", der MDR "Tierisch, tierisch" (nicht, pardon, "Dierisch, dierisch"), der SWR "Hund und Katz" sowie 3sat "Teletipps vom Tierarzt". Die Privaten bellen natürlich mit: am lautesten und erfolgreichsten "Hundkatzemaus" (Vox). Zählt man die Quoten zusammen, dann wohnen über fünf Millionen Deutsche Woche für Woche zur besten Vorabendsendezeit dem Samariterdienst an der Kreatur bei.
So viel Tierliebe war nie. Denn neben den Sprechstundensendungen laufen tierische Serienhelden wie der Schimpanse "Unser Charly", die Seelöwin "Hallo Robbie", der Schäferhundsbeamte "Kommissar Rex" und bald auch"Rettungshunde" von RTL durchs Programm, ganz in der Nachfolge von, jaul, "Lassie", "Fury", "Black Beauty" und "Flipper".
Das Erbe Professor Grzimeks, dessen legendäre Reihe "Ein Platz für Tiere" jahrzehntelang die Deutschen begeisterte, lebt ebenfalls erfolgreich fort. Seriöse Dokumentationen haben in den heutigen TV-Programmen einen festen Platz, besonders solche der BBC, die mit leidenschaftlicher Nüchternheit moderne Verhaltensforschung transportieren.
Unter dem freundlichen Dach der Fernsehtierliebe wohnen höchst widersprüchliche Gefühle. Der gnadenlosen Vermenschlichung der Kreatur können noch so gescheite Dokumentationen wenig anhaben. Ein Frettchenbesitzer behauptet in der Vox-Sendung "Hundkatzemaus", seine zahmen Marder röchen nicht, während die Nachbarn den Gestank kaum ertragen können - Liebe macht die Nase zu.
In derselben Sendung berichtet Moderatorin Diana Eichhorn, 33, von den Schönheiten des Zusammenschlafens mit dem vierbeinigen Freund. Da werde der Hund zum "Möter", halb Mensch, halb Köter.
Im Mitleid mit den tierischen Heimkindern sieht WDR-Frau Göss "das schlechte Gewissen der Nation". Im von fünf Millionen Hunden und sieben Millionen Katzen - nach den Briten haben die Deutschen in Europa die meisten Haustiere - bevölkerten Land würden viele Kreaturen schäbig gehalten; nach Weihnachten, dem Fest der Liebe, werden Tausende verschenkte Tiere an Autobahntankstellen angebunden oder sonst wie ausgesetzt.
Dass ein Tier ein fremdes, eigenen Regeln und Gesetzen folgendes Geschöpf ist, wie die eindrucksvollen Dokumentationen immer wieder lehren, wollen viele Menschen nicht wahrhaben. Beliebt ist, was dem Menschen ähnelt.
Vox-Moderatorin Eichhorn behauptet denn auch: "Wir sind keine Sendung für Tiere, sondern für Menschen. Es dreht sich im Grunde um die Gefühle, Hoffnungen und Ängste der Menschen. Hinter jedem Tierschicksal steckt ein Menschenschicksal."
Und manchmal ein gnädiges. Mischling Lupus hat ein Frauchen gefunden, eine ältere Dame aus Würzburg. Der Lateinerspruch "Homo homini Lupus" hat neuen Sinn.
NIKOLAUS VON FESTENBERG,
IVONNE VON OPEL
Von Nikolaus von Festenberg und Ivonne von Opel

DER SPIEGEL 10/2003
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