10.03.2003

AUFBAU OSTWeg mit den Alleen!

Eine junge Unternehmerin sorgt in Radebeul für Tempo. Im Heimatland des Trabi eröffnete sie die erste Ferrari-Filiale in den neuen Ländern.
Radebeul ist eine stolze Stadt. Hier betreibt man die "weltälteste funktionstüchtige mechanische Wellenmaschine", die "deutsche Bad-Geschichte mitgeschrieben" hat. Hier gibt es die "Villa Shatterhand", das Blockhaus "Bärenfett" sowie die "legendären Waffen" Silberbüchse und Henrystutzen des bedeutendsten Sohnes der Stadt, Karl May. Seit kurzem hat die Kleinstadt bei Dresden eine neue Attraktion: Sibylle Thomas-Göbelbecker, Chefin der ersten Ferrari-Filiale in Ostdeutschland.
Ferrari in Sachsen, der Heimat des Trabant? Zweitakter versus 400 PS? Italienische Grandezza für Provinzler zwischen Altkötzschenbroda und Possendorf? So viel ist sicher, hier prallen neuerdings Welten aufeinander.
Über 16 Prozent Arbeitslosigkeit plagen die Region, die Ausgaben für Sozialhilfe haben sich seit 1996 verdoppelt: Wer soll sich hier Ferrari leisten?
Frau Thomas hat also viel zu kämpfen mit ihrem Pionierunternehmen von Radebeul - gegen holpriges Pflaster, das leicht an ihren flachen Sportwagen kratzt. Gegen Neid und Missgunst. Gegen Paragrafen und die Politik. Ja, sogar gegen die Mächtigen von Ferrari, die ihr fünf Jahre lang nicht glauben wollten, dass das geht: 125 000 Euro teure Autos zu verkaufen fernab jeder Prachtmeile in der ostdeutschen Provinz. Deshalb wurde ihr ausdauernd der Händlervertrag verwehrt.
Aber nun geht es doch: Drei Ferrari hat die 32-Jährige seit Januar schon verkauft und zwei Maserati obendrein, auch wenn sie über die Käufer lieber schweigen möchte. Neid und Missgunst - siehe oben.
"Ich sage immer: Der Sozialismus ist vorbei", sagt Thomas in ihrem Büro, während im futuristischen Showroom aus Stahl, Glas und Beton zwei Radebeuler in karierten Jacketts um den 360 Spider streichen, zuerst die Auspuffrohre und Armaturen begutachten, dann die Golf-Ausrüstung in den Vitrinen und schließlich wortlos den Laden verlassen.
Man könnte Thomas für eine Business-Lady aus dem Denver-Clan halten, so sorgfältig ist sie geschminkt, so passend ist die getönte Brille gewählt, so elegant wirkt der schwarze Hosenanzug. Steht eine Ausfahrt an, springen zwei Mechaniker herbei, einer prüft die Bremsen, der andere das Öl. "Wunderschöne Kulisse", sagt Thomas dann, und damit ist bei einem Ferrari nicht die Aussicht gemeint, sondern die silbern glänzende Schaltung.
Fast 40 Mitarbeiter hören auf ihr Kommando, zwei BMW-Handlungen gehören neben dem Ferrari-Laden zu ihrem Reich. Keine Frage, das sächsische Wirtschafts- und Wagenwunder sorgt für Furore: Männer in ihren Gebrauchtwagen verrenken die Köpfe, wenn Thomas mal im silbernen Maserati über Radebeuls ziemlich demolierte Straßen brettert, mal im schwarzen Ferrari bei 250 km/h über die Autobahn jagt. "Das ist die richtige Geschwindigkeit", findet sie.
Radikale Ansichten gehören in dieser Branche zum Beruf. Frau Thomas zum Beispiel meint, dass man die alten Alleen abholzen sollte - und zwar alle. Oder dass Frauen einfach nicht Auto fahren können, weil sie zu sehr hinter dem Steuer verkrampfen. Oder dass Fahrradfahrer von den Straßen zu verbannen sind. Sie alle behinderten nur den Verkehr.
Frau Thomas ist 32. Sie ist blond. Und sie hat Benzin im Blut. Rennfahrer reden so. Und ein Autonarr war schon Frau Thomas' Vater. Während Ferrari-Fahrer in Monza und Monte Carlo die Motoren aufheulen ließen, brachte es Lothar Thomas mit seinem aufgemotzten Skoda-Coupé 130 RS zum zweifachen Sieger der "DDR-Meisterschaftsläufe für Tourenwagen" - mit 160 PS und 200 km/h.
"Leidenschaft und Enthusiasmus pur", schwärmt Tochter Sibylle noch heute über die rasenden Trabis, Wartburgs und Skodas auf dem Sachsenring und dem Schleizer Dreieck. Fast jedes Wochenende hat sie sich das angeguckt. Doch die Autowelt blieb ihr verbaut. "Reine Männerdomäne", sagt Thomas über das Thema PS und DDR - undenkbar, Mechaniker zu werden und die Skoda-Werkstatt vom Vater zu übernehmen.
Sibylle wurde Schneiderin. Mit 18 fuhr sie 1988 ihren ersten Zweitakter, einen Trabant 605, zu Schrott und ihre Träume damit auch. Dann kam die Wende. Thomas lernte in Aachen, wie man Autos verkauft, und ihr Vater ersetzte die Skoda-Werkstatt durch eine BMW-Handlung.
Seit 1996 ist Tochter Sibylle der Chef. Jetzt kam eine zweite BMW-Filiale hinzu, vor allem aber: die Thomas Sportwagen GmbH mit dem schwarzen Ferrari-Pferd auf gelbem Grund. "Ein Lebenstraum", sagt sie. Und vielleicht auch ein bisschen ihre Rache an der Geschichte.
Manches freilich ist immer noch wie in der DDR, wo vier bis fünf Jahre warten musste, wer in der alten Skoda-Werkstatt von Vater Thomas neue Felgen bestellte. Geduld brauchen auch die Kunden von Tochter Sibylle. Nur wenige Ferrari im Jahr hat die italienische Zentrale ihrer Filiale Radebeul bewilligt, ein Bruchteil der weltweiten Produktion von 4000 Stück. Anderthalb Jahre Wartezeit sind die Regel.
Mangelware wie zu alten Zeiten - im Grunde betreibt Frau Thomas bloß eine andere Form der Planwirtschaft. Nur mit mehr PS. FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 11/2003
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