Von Kronsbein, Joachim
Für den Erzähler ist das Ende eine "Erleichterung". Jahrelang hat er sich mit dem Kauz Simon Brenner abgequält, hat ihn hochgepäppelt, ihm eine Sprache gegeben, und schließlich ist Brenner auch noch berühmt geworden und sogar beim Film gelandet. Nun reicht''s. Es musste sein.
Simon Brenner ist die einzigartig skurrile Detektivfigur, die der Österreicher Wolf Haas, 42, vor bald sieben Jahren erstmals in einem Roman auftauchen ließ. Von Anfang an war Brenner etwas Besonderes, nicht einer dieser toughen Jungs, die clever und cool mit Grips oder Knarre ihre Fälle lösen.
Brenner ist ein Tollpatsch und Grübler, ein dumpfer Loser, der seinen Job bei der Polizei nebst Dienstwohnung aufgegeben hat und nun durch Österreich zieht, um gelegentlich heikle Fälle zu lösen - wider Willen fast und immer mit dem Zufall als Hilfskommissar. Brenner, der Anti-Detektiv.
Dank dieser Figur ist Haas mittlerweile einer der meistprämierten deutschsprachigen Krimi-Autoren, gelobt von der Literaturkritik und von seinen Lesern kultisch verehrt.
Jetzt, im sechsten und möglicherweise letzten Roman der Brenner-Serie, "Das ewige Leben", lässt Haas seinen Detektiv noch einmal zu Hochform auflaufen, bevor er ihn - wie er es zur Trauer seiner Gemeinde angekündigt hatte - endgültig in die Krimi-Literaturgeschichte verabschiedet*. Aber was heißt in einem Roman mit
dem Titel "Das ewige Leben" schon endgültig? Jedenfalls gönnt der Autor zum Schluss seiner Erfindung noch einmal eine besonders hanebüchene Story.
Brenner, inzwischen 53, erwacht zu Beginn des Romans in der Landesnervenklinik Sigmund Freud im Grazer Stadtteil Puntigam, die bei der Bevölkerung nur als "Puntigam links" bekannt ist - wegen der Wegbeschreibung: "Autobahnabfahrt Puntigam und dann links".
In Puntigam links eröffnen die Ärzte Brenner, der an partiellem Gedächtnisverlust leidet, dass sein Selbstmordversuch leider missglückt sei. Die Kugel habe ihm Professor Hofstätter allerdings bewundernswert geschickt aus dem Kopf herausoperiert.
Ganz langsam dämmert es dem Brenner, dass hier wohl ein Irrtum vorliegen muss. Je mehr sein Gedächtnis aus der Vergangenheit freigibt, desto klarer wird ihm, dass er wohl diesmal selber ein Opfer ist.
Unbeholfen macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Und da muss er tief tauchen. In seiner Jugend, als er noch Polizeischüler in Graz war, hat er mit drei Kumpels nämlich etwas zu gut aufgepasst, als es im Unterricht um die Sicherheitsvorkehrungen einer Grazer Bank ging.
Das Polizeianwärter-Quartett brauchte Geld und plante den Bruch. Die Sache ging schief, einer der Polizeischüler-Ganoven kam bei der Aktion ums Leben, was als Verkehrsunfall getarnt wurde. Die anderen verloren sich aus den Augen. Doch nun stellt Brenner fest, dass einer von ihnen Hausmeister im Arnold Schwarzenegger Stadion von Graz geworden ist und der Dritte es gar zum Polizeipräsidenten der Stadt gebracht hat.
Also wühlt Brenner die alte Geschichte wieder auf. Den Hausmeister findet er bei seinen Recherchen erschossen in dessen Wohnung im Stadion, und der Polizeipräsident ist verständlicherweise überhaupt nicht angetan von Brenners Aktivitäten. Die Interessen aller Beteiligten kollidieren schließlich derart unglücklich, dass es am Ende tatsächlich nur noch Brenners letzter Fall gewesen sein könnte.
Doch die Fans der Haas-Romane - der Autor hat inzwischen weit über 600 000 Exemplare davon verkauft - mögen nicht nur die krausen Plots ihres Idols, sie sind mindestens genauso fasziniert von Haas'' ungewöhnlicher, durchaus gewöhnungsbedürftiger Sprache.
Für seine Romane hat sich der Autor einen geheimnisvollen Ich-Erzähler zugelegt, der den Leser dreist duzt und ihn erbarmungslos in die Schraubzwinge seiner Geschwätzigkeit nimmt. Wie von einem Zwang zu beichten besessen, breitet das anonyme Plapper-Ich neunmalklug die Vorkommnisse aus wie jemand, der nach einer durchzechten Nacht am Kneipentresen einem Unbekannten sein Leben offenbart: ein bisschen wirr, ein bisschen wahr und ganz und gar unbelastet von den geringsten grammatikalischen Bedenken.
Eine typische Haas-Tirade hat einen vorwärtsdrängenden Rhythmus und eine unverwechselbare Tonlage:
"Überhaupt muss ich sagen, der Brenner immer sehr gut von seinen Großeltern erzogen, da gibt es gar nichts. Nur wenn er in den schwierigen Jahren einmal zu spät heimgekommen ist, vielleicht ein bisschen angedudelt, Jimi Hendrix und alles, dann hat sein Großvater manchmal gesagt, du wirst genauso ein Zigeuner wie dein Vater. Nicht wörtlich gemeint, aber in diesen Jahren hat der junge Bursch sich immer gewünscht, dass es stimmt, weil Zigeuner immer ein bisschen weite Welt."
Der Autor erklärt sich den Ursprung dieser speziellen Kurz-Sprache mit Kindheitserlebnissen. Seine Eltern arbeiteten in der Gastronomie, in einer Kneipe auf dem Land bei Salzburg. Und da hockte der Bub am Tisch und lauschte den Gesprächen der Erwachsenen.
Viel verstand er nicht, das Wenige reimte er sich auch noch falsch zusammen. Aber er bekam im Wirtshaus offenbar ein Ohr für die Melodien des Mündlichen.
Gelesen hat er als Kind sowieso nicht, das kam erst als "Erwachsener, so mit 19". Und da wollte er nichts mehr nachholen von dem, was man als gebildeter Mensch eigentlich gelesen haben muss. Und so stürzte sich Haas gleich auf die experimentelle Literatur der konkreten Poesie, sein Lieblingsautor war der Sprachkünstler Ernst Jandl. Nach dem Germanistikstudium verfasste Haas auch noch eine Doktorarbeit über seine Lieblingsliteratur: "Sprachtheoretische Grundlagen der konkreten Poesie".
Tatsächlich müht sich auch der Autor Haas nur scheinbar um die authentische Wiedergabe gesprochener Alltagssprache, in Wahrheit reichert er seine virtuose Imitation mit viel absurder Komik an - und eben die schätzen Leser und Kritiker an den Haas-Romanen am meisten. Die scheinbare Realitätsnähe seiner Prosa sei selbstverständlich reine Täuschung, versichert Haas: "Alles, was natürlich tut, ist hoch künstlich."
Milde und leise gibt der Autor Auskunft. Er tut es mit dem ruhigen Gewissen eines Mannes, der weder sich und vor allem nicht den anderen beweisen muss, was er kann. Aber auch Zurückhaltung kommt nicht immer an: "Man wirft mir manchmal sogar vor, dass ich mit meiner Bescheidenheit hausieren gehe."
Bevor Haas seine literarischen Sprachspielereien in Romanen veröffentlichte, stellte er sein Talent einer Wiener Werbeagentur zur Verfügung. Einer seiner Slogans, der den populären Radiosender Ö1 noch populärer machen sollte, wirkt heute noch: "Ö1 gehört gehört".
Nebenbei entstanden in langer, mühsamer Arbeit Texte mit literarischem Anspruch. Aus einem dieser Fragmente ergab sich der erste Roman mit der Brenner-Figur: "Auferstehung der Toten". Der Detektiv wird darin mit dem kalten Tod eines betagten amerikanischen Touristenehepaars konfrontiert. Die beiden Oldies sind nachts in Zell am See in einem Sessellift erfroren.
Dieses erste Buch war zwar noch kein Publikums-, aber immerhin schon ein Kritikererfolg. "Komm, süßer Tod", der dritte Brenner-Roman schaffte es dann schon auf den ersten Platz der österreichischen Bestseller, und als das Buch mit dem Kabarettisten Josef Hader als Brenner verfilmt wurde, war der Detektiv eine Art Maigret der Experimental-Literatur geworden. Seine Fans konnten nicht genug bekommen vom absonderlichen Sprachwitz und den abstrusen Szenarien. Und Haas ließ sich nicht lumpen.
In "Der Knochenmann" erfand er eine Hendlbraterei in der Steiermark, auf deren Abfall zwischen den abgenagten Geflügelknochen Teile eines menschlichen Skeletts auftauchen.
Aber was kommt nach solchen als Detektiv-Roman verbrämten Ausflügen ins Absurde? Etwa "richtige" Literatur, die sich hinter dem Krimi-Genre nun nicht mehr verstecken kann?
Haas bleibt gelassen. Er wisse es auch nicht genau. Aber ein neues Werk, beruhigt er, sei bereits in Arbeit. Vielleicht doch ein weiterer Brenner-Roman?
Ungeduldige sollten sich mit der Erkenntnis des nimmermüden Erzählers aus Haas'' Brenner-Requiem trösten: "Aber ich sage, man muss nicht immer alles vom Ende her betrachten. Man kann auch einmal eine gute Sekunde einfach gelten lassen. Einfach nicht zu weit Richtung Ende schauen, dann geht es schon."
JOACHIM KRONSBEIN
DER SPIEGEL 11/2003
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