17.03.2003

GELDHeißes Pflaster

Der deutsche Zoll fand im Wagen von „Miami Vice“-Star Don Johnson Belege über rund acht Milliarden Dollar. Nun sind ihm die Steuerfahnder auf der Spur.
Damals, in der ARD, als Miami die heißeste Großstadthölle südlich der Bronx war und Don Johnson so cool wie ein Eiswürfelautomat, da wusste er als Detective Sonny Crockett noch, dass man sich da draußen auf der Straße keine Fehler leisten darf. Schon gar nicht Anfängerfehler.
Heute ist Johnson, 53, Star aus über 100 Folgen der flamingogrellen Krimiserie "Miami Vice", offenbar etwas nachlässig geworden - auch wenn das heiße Pflaster inzwischen nur noch die Zufahrt zum deutsch-schweizerischen Grenzübergang Bietingen ist. Denn als der ewige Sonnyboy dort am 6. November vergangenen Jahres um 14.10 Uhr in die Bundesrepublik einreisen wollte, lagen in der schweren Limousine mit Schweizer Nummer Papiere, die man besser nicht mit sich herumschleppt. Schon gar nicht, wenn man eigentlich nur einen Ausflug über die Grenze nach Stuttgart machen will, um sich bei DaimlerChrysler eine Luxuskarosse der Marke Maybach anzusehen.
Bei einer Durchsuchung von Johnsons Wagen fanden deutsche Grenzer diverse verdächtige Bankbelege - in der schwarzen Aktenmappe eines seiner beiden Begleiter, der als rechte Hand des Schauspielers gilt. Als die Ermittler die Zahlen zusammenrechneten, kamen sie auf eine unglaubliche Summe: rund acht Milliarden US-Dollar. Seitdem muss sich Johnson die Frage gefallen lassen, was er mit diesem enormen Reichtum zu tun hat. Vor allem: was er damit vorhatte.
Ging es um Geldwäsche? War ein Großbetrug geplant? Oder waren es ganz legale Geschäfte, eine Möglichkeit, die der Chef des Stuttgarter Zollfahndungsamtes, Hans-Joachim Brandl, keineswegs ausschließen will?
Johnson ist der bislang prominenteste Name, der dem deut-
schen Zoll bei seiner Jagd auf Steuersünder und Geldwäscher an der deutschschweizerischen Grenze untergekommen ist - in den vergangenen drei Jahren förderte allein das Hauptzollamt Singen mehr als sieben Milliarden Euro Schwarzgeld zu Tage. Bei dem Smart-Cop von "Miami Vice" reichten die Hinweise zwar nicht aus, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Aber immerhin fanden die Fahnder die Belege so ominös, dass sie ihre amerikanischen Kollegen verständigten. Erste Konsequenzen muss der Film-Cop schon verkraften: Zwei seiner US-Konten wurden geschlossen - dabei steckt der Fall noch voller Rätsel.
Johnsons Pressesprecher etwa ließ verlauten, der Star sei "so sauber wie einst Lieutenant Castillo", Crocketts Film-Vorgesetzter bei "Miami Vice". Johnson selbst erklärte: "Diese Dokumente gehören mir nicht, und ich habe nichts damit zu tun." Er sei nur in der Schweiz gewesen, um über die Finanzierung von Filmprojekten zu verhandeln; nun sieht er sein Image ramponiert und droht den deutschen Behörden mit Schadensersatzforderungen.
Merkwürdig nur, dass Johnsons zweiter Begleiter, der 28-jährige Vermögensberater Alexander H. aus Zürich, gegenüber dem SPIEGEL eine andere Version anbietet: Der Schauspieler habe mit einer Bank ins Geschäft kommen wollen. Die Dollar-Berge habe Johnson für einen potenten Geldgeber, einen Amerikaner namens James Rowland Hodges, investieren sollen. Bevorzugte Anlageform: Devisengeschäfte. Dafür, so mutmaßt H., habe sich Johnson eine erkleckliche Provision ausgerechnet.
Die Milliarden-Belege, die tatsächlich auf den Namen Hodges ausgestellt sind, sollten angeblich nur dazu dienen, die Banker von der überwältigenden Bonität des Hintermanns zu beeindrucken. Dann aber, so behauptet es der selbständige Vermögensberater, der Kunden für eine Bank rekrutiert, habe Johnson einräumen müssen, dass er den Unbekannten mit dem großen Geld nicht nach Zürich schaffen könne - "deshalb ist das Geschäft dann geplatzt", so H.
Klingt interessant, muss aber nicht wahr sein. Denn von alldem steht im zollinternen "Tatbericht" nichts. Dafür steht dort, was Johnson heftig bestreitet: dass er "Besitzer dieser Unterlagen" sei.
Zudem notierten die Beamten, dass Johnson ein wenig aus der Rolle gefallen sei. "Herr Johnson äußerte heftige Kritik und hatte Bedenken, dass die Daten und Unterlagen an amerikanische Steuer- und Finanzbehörden weitergeleitet werden könnten", so der Bericht.
Verständlich wäre diese Sorge, denn in den Dokumenten geht es beispielsweise um eine Summe in Höhe von 1 000 000 000 US-Dollar, die über das Steuerparadies Cayman Islands transferiert wurde; in anderen Unterlagen der Bank of Taiwan ist von Tranchen à zwei und fünf Milliarden Dollar die Rede. Welchem Amerikaner solche Summen auch gehören mögen - sicher ist, dass sich US-Steuerfahnder für die Herkunft interessieren.
Und das tun sie im Fall Johnson so sehr, dass sie erst mal mächtig sauer auf ihre deutschen Kollegen sind: Der zuständige Attaché an der US-Botschaft beschwerte sich über die deutschen Zöllner, weil die den Namen Don Johnson jetzt öffentlich ausposaunten - damit hätten sie die Fahndung nach etwaigen Hintermännern wie dem ominösen Herrn Hodges erheblich erschwert. JÜRGEN DAHLKAMP,
FELIX KURZ
* Mit seinem Filmpartner Philip Michael Thomas.
Von Jürgen Dahlkamp und Felix Kurz

DER SPIEGEL 12/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 12/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GELD:
Heißes Pflaster

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen