17.03.2003

„Rechtswidrig und unmoralisch“

Der katholische Theologe Hans Küng über die ethischen Bedingungen eines Irak-Kriegs, den christlichen Fundamentalisten George W. Bush und die Rolle der Religionen für den Frieden
SPIEGEL: Herr Professor Küng, vor zwölf Jahren hat der SPIEGEL mit Ihnen, zwei Muslimen und zwei Juden darüber diskutiert, ob sich die monotheistischen Weltreligionen auf ein gemeinsames Ethos als Bedingung eines weltweiten Friedens einigen könnten. Damals standen wir unter dem Eindruck des zweiten Golfkriegs, Sie waren trotzdem ziemlich optimistisch. Nun steht der nächste Nahost-Krieg bevor. Aus der Traum vom Frieden auf Erden?
Küng: Es ist keine Frage, dass wir in einer hochdramatischen Situation leben, auch für die Religionen. Ich bin schon froh, dass die Religionen nicht diejenigen sind, die die Irak-Krise anheizen. Immerhin: Es gibt, vermutlich erstmals, eine Einheitsfront gegen den Krieg - vom Papst und dem Erzbischof von Canterbury über den Weltrat der Kirchen zum US-Kirchenrat. Ich bin sicher, dass auch die Mehrzahl der islamischen Führer und die aufgeschlossenen Rabbiner auf unserer Seite sind.
SPIEGEL: Aber aus unterschiedlichen Motiven. Auch die islamistische Qaida ist gegen diesen Krieg.
Küng: Es gibt in jeder Religion relativ kleine fanatische Gruppen, die aber sehr großen Einfluss haben, das ist im Weißen Haus nicht anders.
SPIEGEL: Sie stellen die Fundamentalisten im Weißen Haus und die Qaida-Leute auf eine Stufe?
Küng: Nein, natürlich nicht. Das sind ja sozusagen hochanständige Christenmenschen, die im Weißen Haus als Berater und Redenschreiber Zugang haben, während die Qaida eine verbrecherische Organisation ist.
SPIEGEL: Warum sind Sie dagegen, Saddam Hussein mit Gewalt zu beseitigen?
Küng: Dass ich der Erste bin, der sich freut, wenn dieses Regime wegkommt, ist keine Frage. Saddam ist ein blutrünstiger Tyrann, der sein Volk seit Jahrzehnten unterdrückt. Aber es geht darum, ob ein Krieg zur Beseitigung dieses Diktators legitim ist. Außerdem sollte man nicht vergessen: Diejenigen, die jetzt die größten Kriegstreiber sind, haben ihm zur Macht verholfen.
SPIEGEL: Aber deshalb muss Saddam ja nicht ewig an der Macht bleiben.
Küng: Wird er auch nicht. Doch bin ich als Theologe aus Überzeugung gegen diesen Krieg. Nach klassischer theologischer Lehre müssen sechs Kriterien erfüllt sein, um einen Krieg zu rechtfertigen.
SPIEGEL: Und das sind?
Küng: Das erste Kriterium ist der gerechte Grund. Eine bloß im Entstehen vermutete Bedrohung ist eben kein Kriegsgrund. Ein Präventivkrieg auf Verdacht hin ist völkerrechtswidrig und unmoralisch.
Das zweite Kriterium ist die ehrliche Absicht. Beseitigung der Massenvernichtungswaffen? Nein, jetzt sogar Regimewechsel. In Wirklichkeit wollen sie im Nahen Osten ihr Konzept eines weltweit agierenden US-Imperiums durchsetzen.
Drittes Kriterium ist die Verhältnismäßigkeit. Man kann doch nicht wegen der Beseitigung eines menschenverachtenden Diktators eine humanitäre Katastrophe mit Tausenden Toten und Hunderttausenden Flüchtlingen in Kauf nehmen. Wenn sie schon Saddam Hussein stürzen wollen, dann müssen sie mindestens ebenso gegen Kim Jong Il in Nordkorea vorgehen, der im Grunde viel gefährlicher ist.
SPIEGEL: Man könnte dem entgegnen: Irgendwo muss ein Anfang gemacht werden. Und von Saddam Hussein geht sicherlich eine große Bedrohung aus, er ist eine Gefahr für seine eigenen Staatsbürger und für Nachbarstaaten. Das hat er bewiesen im Krieg gegen Iran, bei der Besetzung Kuweits und bei seinem Feldzug gegen die Kurden.
Küng: Das war vor mehr als zehn Jahren. Man soll diese Bedrohung nicht überschätzen. Der Irak ist heute wesentlich schwächer als im Golfkrieg und nach Aussage von Donald Rumsfelds Vorgänger William Cohen keine Bedrohung für seine Nachbarn.
SPIEGEL: Und Ihre restlichen drei Kriterien?
Küng: Das vierte ist die bevollmächtigte Instanz. Das ist, nachdem niemand angegriffen wurde und auch keine unmittelbare Bedrohung besteht, allein der Weltsicherheitsrat. Fünftens muss der Krieg Ultima Ratio sein, das letzte Mittel, um ein Übel zu beseitigen. Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass eine Eindämmung Saddams ohne Krieg möglich wäre, mit einem genauen Zeit- und Arbeitsplan für die Uno-Inspektoren und ständiger Überwachung.
Und schließlich Kriterium Nummer sechs: Das internationale Völkerrecht muss eingehalten werden. Nach den Erfahrungen des Afghanistan-Kriegs besteht keine Garantie, dass die Amerikaner die humanitären Regeln achten. Siehe die menschen-
unwürdige Behandlung der Kriegsgefangenen in Ketten und Käfigen in Guantanamo auf Kuba. Amerikanische Soldaten sollen beim Massenmord an etwa 3000 Kriegsgefangenen durch afghanische Truppen anwesend gewesen sein. Alle sechs Kriterien müssen erfüllt sein, um einen Krieg zu rechtfertigen. Faktisch ist kein einziges erfüllt. Krieg gegen den Irak ist daher unmoralisch.
SPIEGEL: Besser hätte der Papst es auch nicht formulieren können.
Küng: Ja, da stimme ich mit ihm überein.
SPIEGEL: Hört der Papst auf Sie, oder hören Sie jetzt auf den Papst?
Küng: Ich habe mich stets gefreut, dass Ideen über Weltreligionen, Weltfrieden und Weltethos, die ich schon seit zwei Jahrzehnten vertrete, auch vom Papst vertreten werden. Meine Kontroverse mit ihm beschränkt sich auf innerkirchliche Angelegenheiten.
SPIEGEL: Sie haben vom Papst eine "spektakuläre Aktion" gefordert. Sollte er jetzt noch nach Bagdad fahren?
Küng: Wenn ich wüsste, dass das noch mehr helfen würde als die ausgesandten päpstlichen Legaten, wäre ich sofort dafür.
SPIEGEL: Den amerikanischen Präsidenten würde das vermutlich wenig beeindrucken. Der Christ Bush lässt sich nicht beirren, obwohl seine Glaubensgenossen, die Methodisten, zu den Kritikern seines Irak-Kurses gehören. Was treibt diesen Mann um?
Küng: Bush hatte mit 40 Jahren als Alkoholiker ein Bekehrungserlebnis, das ihn zu Gott geführt hat. Er ist überzeugt: Wenn er das nicht gehabt hätte, wäre er wieder dem Alkohol verfallen. Er glaubt, auch zur Präsidentschaft sei er von Gott berufen. Er macht Außenpolitik mit der Autorität Gottes im Rücken. Bestärkt wird er darin von christlichen Fundamentalisten, denen er zum großen Teil seinen Wahlsieg zu verdanken hat.
SPIEGEL: Ist Bush selber Fundamentalist?
Küng: Ich glaube, man muss ihn in diesem politischen Sinn als Fundamentalisten bezeichnen. Andere in seiner Administration sicher nicht. Richard Cheney und Rumsfeld sind kühle Machtpolitiker. Wichtig ist auch die Israel-Lobby im Hintergrund: Paul Wolfowitz, Richard Perle, Ari Fleischer und Freunde Scharons auch von der christlichen Rechten.
SPIEGEL: Offenbar sind die Fundamentalisten, egal ob im Christentum oder im Islam, die Hauptgegner Ihres Projekts Weltethos.
Küng: Nur die gewalttätigen Fundamentalisten. Es gibt Millionen andere, die überhaupt nicht gewalttätig sind.
SPIEGEL: Aber zum Wesen des Fundamentalismus gehört die Intoleranz. Und die führt zur Gewalt. Siehe die Geschichte des Christentums.
Küng: Nicht zwangsläufig. Ich habe beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos den türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan gehört. Er tritt ehrlich für islamische Toleranz und Demokratie ein. Hoffentlich treibt ihn Bush nicht in einen verhängnisvollen Krieg mit den Kurden.
SPIEGEL: Und Ihr Freund Tony Blair? Der britische Premier hat vor zweieinhalb Jahren in Tübingen einen Vortrag über die Umsetzung des von Ihnen propagierten Weltethos in konkrete Politik gehalten. In Sachen Irak ist er neben Bush der sturste Hardliner. Ist Blair zum gewalttätigen Fundamentalisten mutiert?
Küng: Dies nicht. Doch bin ich enttäuscht, dass er von vornherein auf die Linie der Bush-Administration eingeschwenkt ist. Er war ehrlich davon überzeugt, dass er Präsident Bush bremsen könne, und hat dafür gewirkt, dass der Sicherheitsrat eingeschaltet wird. Ich habe Tony Blair meine Bedenken in einem freundschaftlichen Brief ausgedrückt. Und er hat erfreulicherweise bei aller Hektik Zeit gefunden, mir in einer handschriftlichen Antwort seine Position zu erläutern. Und wenn ich auch mit seiner Position nicht einverstanden sei, solle ich wenigstens davon überzeugt sein, dass er nicht einfach für den Krieg sei, um den Amerikanern zu gefallen, sondern dass er ehrliche Motive habe. Mehr konnte ich nicht erwarten.
SPIEGEL: Aber er hat Sie nicht überzeugt, dass der Krieg der richtige Weg ist?
Küng: Nein. Damit hat er wohl auch nicht gerechnet. Aber ich habe da nicht als Richter zu fungieren.
SPIEGEL: Ist die unverhoffte Allianz zwischen dem harschen Papstkritiker Küng und dem Heiligen Vater ausbaufähig?
Küng: Dieser Papst hat leider zwei Gesichter. Das eine zeigt er nach außen: freundlich, tolerant, auf Versöhnung aus, für Menschenrechte, für Frieden. Das andere zeigt er nach innen. Er übt Intoleranz und Inquisition. Menschenrechte gelten nicht für kritische Theologen und andere Kirchenmänner. Auch ist er nach wie vor gegen Empfängnisverhütung und gegen die Ordination der Frau und hält rigorose Positionen in der Abtreibungsfrage. Die ökumenischen Beziehungen hat er außerordentlich belastet. Summa summarum: ein höchst widersprüchliches Pontifikat. Immerhin: Der Papst scheint begriffen zu haben, dass es Fragen gibt, die unendlich viel wichtiger sind als innerkirchliche Kontroversen.
SPIEGEL: Zu den nach wie vor aktuellen innerkirchlichen Kontroversen gehört die Haltung des Vatikans zur Ökumene. Sie finden es gut, dass Katholiken und Protestanten auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin Ende Mai gemeinsam Abendmahl feiern wollen - die Kirchenoberen nicht.
Küng: Die Hierarchie ist einfach hinter der Entwicklung von Theologie, Kirchenvolk und Klerus zurückgeblieben. Sie haben im SPIEGEL ja die Zahl derjenigen Katholiken veröffentlicht, die wollen, dass in Berlin ein gemeinsames Abendmahl gefeiert werden soll: 88 Prozent.
SPIEGEL: Was trennt die Kirchen heute noch voneinander?
Küng: Das kann man schnell sagen: die amtlichen Machtstrukturen. Theologisch ist längst eine Einigung vorbereitet.
SPIEGEL: Sie werden am 19. März 75 Jahre alt. Kein Datum, um Frieden mit Ihrer Kirche zu schließen?
Küng: An mir hat es nie gelegen, ich war immer gesprächsbereit. Aber dieser Papst hat es bis heute abgelehnt, mich zu sehen.
SPIEGEL: Und es gibt auch in jüngster Zeit keine Signale von ihm?
Küng: Nein.
SPIEGEL: Aber von anderen. Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, würde "gerne" zwischen Ihnen und Rom vermitteln.
Küng: Bischof Fürst will mit mir bald darüber reden. Er, wie früher Kardinal Karl Lehmann, hat anerkannt, dass ich sehr viel für die Theologie und meine Kirche geleistet und dieser Kirche die Treue gehalten habe, trotz allem.
SPIEGEL: Und auch der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper, Chef des vatikanischen Einheitsrats, hat öffentlich erklärt, er würde es "dankbar" begrüßen, wenn eine Aussöhnung möglich wäre.
Küng: Besonders freut mich, dass Kardinal Kasper sagt, zur Versöhnung seien "Schritte von beiden Seiten notwendig". Ich mache sie seit 25 Jahren. Es wäre nun an der Kurie, ihrerseits nicht nur zu dekretieren, zu verurteilen oder zu ignorieren. Aber vielleicht ist auch so etwas wie eine pragmatische Versöhnung denkbar, dass Rom mich - ungeachtet noch ungeklärter Fragen - wieder als den katholischen Theologen gelten lässt, der ich für den Großteil unserer Kirchengemeinschaft immer geblieben bin.
SPIEGEL: Herr Professor Küng, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Martin Doerry, Ulrich Schwarz und Peter Wensierski. * Mit dem Rabbiner Israel Lau und dem muslimischen Geistlichen Scheich Taisir Tamimi in der Kirche Notre Dame.
Von Martin Doerry, Ulrich Schwarz und Pter Wensierski

DER SPIEGEL 12/2003
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DER SPIEGEL 12/2003
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