DER SPIEGEL



EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Der Weltumsegler

Von Buse, Uwe

Warum ein Yachtbesitzer vier Monate im Ärmelkanal kreuzte

Es ist schon dunkel, als die Yacht "Gentoo of Antarctica" aus dem Hafen von Portsmouth gleitet. Ein frischer Nordwestwind füllt ihre Segel und schiebt sie Richtung Süden. Der Tag war sonnig und warm.

Am Steuerrad steht Adrian Cross, der Eigentümer. Er ist ein kompakt gebauter Mann, und er hält die Sonne, die heute schien, für ein gutes Omen. Cross bewegt sich sicher an Bord, er hat viel Zeit auf dem Meer verbracht, er hat viele Stürme erlebt. Als Teenager diente er in der Marine Großbritanniens, später segelte er in die Antarktis und in die Arktis. Und heute, am 12. Oktober 2002, beginnt sein größtes Abenteuer, sein Meisterstück. Er will die Welt umsegeln. Drei Jahre soll es dauern, so lange hat er unbezahlten Urlaub, so lange sollen seine Ersparnisse reichen. Es wird die verzweifelte Irrfahrt eines Weltumseglers, der nicht von der Stelle kommt.

Freunde warnten Cross, die Reise im Herbst zu beginnen. Das Wetter sei im Herbst zu unberechenbar. Zu oft zögen Sturmtiefs über die Nordsee. Doch Cross will nicht mehr warten. Er ist 50 Jahre alt. Er hat schon viel zu lange gewartet.

Als die "Gentoo" den Hafen von Portsmouth verlässt, nimmt Cross Kurs Richtung Süden, und britische Meteorologen beobachten mehrere Tiefausläufer, die über die Nordsee ziehen.

Cross' erstes Etappenziel ist der Hafen von Yarmouth auf der Isle of Wight. Hier plant er nur einige Stunden zu bleiben, doch schon während der Nacht dreht der Wind auf Südost und gewinnt an Kraft. Ein Sturm macht es Cross unmöglich, den Hafen zu verlassen. Er misst Böen, 100 Stundenkilometer stark, und er schreibt in sein Tagebuch: "Der Wind drückt uns gegen die Hafenmauer, der Strom im Ort fiel aus."

Nach zwei Tagen verebbt der Wind, Cross nimmt Kurs auf Cherbourg, Frankreich. Der Sturm der vergangenen Tage hat die See im Ärmelkanal aufgewühlt, Cross wird seekrank, aber die "Gentoo" erreicht Cherbourg zügig. Es soll für lange Zeit das letzte Mal sein, dass Cross ein Etappenziel ohne Zwischenfälle erreicht.

Nach einer Nacht im Hafen von Cherbourg segelt Cross weiter um das Cap de la Hague Richtung Guernsey, eine der Inseln im Ärmelkanal. Er hofft, die Insel innerhalb eines Tages zu erreichen, doch das nächste Sturmtief trifft ihn und sein Boot. Cross muss umkehren nach Cherbourg. Erst am Ende der ersten Woche erreicht Cross die Insel, und auch hier muss er länger bleiben als geplant. Viel länger. Eine Woche lang bläst es mit acht Windstärken. Eine zweite Woche kaum weniger stark. Cross versucht, trotz allem optimistisch zu bleiben. Er nutzt die Zeit, um Schäden an der "Gentoo" auszubessern.

Am 4. November, drei Wochen nach dem Beginn seiner Reise, verlässt Cross Guernsey und nimmt Kurs auf Frankreich. Ein neues Tief stoppt ihn. Er schafft es nur bis zur Nachbarinsel.

Am nächsten Tag erreicht er die französische Hafenstadt St. Malo. Cross hofft, von nun an besser voranzukommen. Jeden Morgen um 5.35 Uhr hört er den BBC-Wetterbericht. Vier Wochen später ist er immer noch dort.

Einmal wagt er es, den Hafen zu verlassen. Auf der offenen See kommen die Wellen hoch, hart und schnell. Cross schreibt in sein Tagebuch: "Jede dritte Welle trifft die 'Gentoo' schwer und bringt sie fast zum Stillstand. In den vergangenen drei Stunden legte ich nur acht Seemeilen zurück." Cross klingt verzagt. Er kehrt zurück nach St. Malo. In der Hafenbar wird er wie ein alter Freund begrüßt.

Weihnachten verbringt Cross bei seiner Familie in England. Das sei so geplant gewesen, sagt er. Als er St. Malo verlässt, ist er seit über zwei Monaten unterwegs und hat etwa 250 Seemeilen zurückgelegt. Andere Segler haben in dieser Zeit den Globus umrundet. Cross sagt, er denke nicht daran aufzugeben.

Mitte Januar kehrt Cross nach St. Malo zurück. Er ist ausgeruht und zuversichtlich, kein Sturmtief in Sicht. Am 17. Januar verlässt die "Gentoo" den Hafen, und Cross erlebt einen schönen Tag auf dem Wasser. Es ist mild, es geht ein stetiger, starker Wind. Cross genießt die folgenden Tage. Er erreicht Brest erst am 27. Januar. Vielleicht hätte er sich beeilen sollen, diesen Teil der See hinter sich zu lassen. Mit ihm trifft ein Tief ein. Regen und starker Wind zwingen Cross in eine Bar in Brest, sie heißt "Le Tour du Monde". Er wird auch hier ein Stammgast.

Drei Wochen später glaubt Cross, Brest verlassen zu können. Er geht zum Hafenmeister und erfährt, dass ein riesiger Ölteppich im Golf von Biskaya schwimmen soll. Er messe 12 mal 200 Kilometer, und er stamme aus dem gesunkenen Tanker "Prestige". Die französische Küstenwache rät Cross, in Brest zu bleiben oder den Ölteppich weit zu umfahren. Das traut sich Cross nicht zu. Er fürchtet, von ebenfalls umgeleiteten Frachtern und Tankern gerammt zu werden. Er bleibt in Brest. Ein paar Tage später kehrt er mit einer Fähre nach Großbritannien zurück. Er sagt, er sei nicht geschlagen. Er will seine Weltumseglung im März fortsetzen.

Heute, an diesem Montag, soll es losgehen. Wenn das Wetter es zulässt.

UWE BUSE


DER SPIEGEL 12/2003
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