17.03.2003

SERBIENZurück ins Chaos

Den Belgrader Premier und Reformpolitiker Zoran Djindjic haben vermutlich Kriegsprofiteure und Mafiosi auf dem Gewissen. Der jungen Demokratie stehen nun schwere Zeiten bevor.
Tot nütze ich meinem Volk nicht mehr", sagte Zoran Djindjic, als er 1999 während der Nato-Angriffe vor Milosevics Todesschwadronen nach Montenegro floh.
Auch nach dem Sturz des jugoslawischen Diktators blieben Attentäter dem einstigen Star der Opposition auf den Fersen: Djindjic sei der meistgefährdete Politiker der Welt, fanden BND-Sicherheitsbeamte 2001 heraus. Deutsche Behörden stellten gar einen Bombendetektor zur Verfügung.
Djindjic, 50, reagierte auf die Bedrohung nur noch achselzuckend: "Es ist mein Job, ich muss damit leben." Sein Tatendrang und sein Optimismus wurden indes immer häufiger von der Sorge überschattet, dass ihm nicht mehr viel Zeit bliebe, die notwendigen Reformen für Serbien umzusetzen.
"Vor zwei Wochen traf ich ihn in Frankfurt, wo er Spenden für den Bau einer orthodoxen Kirche in Belgrad sammelte", berichtet der ehemalige Koordinator für den Balkan-Stabilitätspakt, Bodo Hombach, "wir rätselten, ob man gegen Distanzschüsse gefeit ist, und kamen überein, dass man schon amerikanischer Präsident sein und die ganze Stadt sperren müsse."
Doch der promovierte Philosoph war eben nur serbischer Premier - ausgestattet mit einem zweifelhaften, teilweise korrupten Sicherheitsapparat.
Beim Attentat am vergangenen Mittwoch um 12.25 Uhr wurde Djindjic seinen Mördern wie auf einem Tablett serviert. Der präzise Schuss aus dem zweiten Stock eines 200 Meter entfernten Gebäudes traf ihn in die Brust, als er im ungeschützten Hof des Regierungssitzes aus seiner Dienstlimousine steigen wollte. Für Djindjic kam jede Hilfe zu spät, die rechte Herzkammer war völlig zerstört. Er sei auf den Boden gestürzt wie ein gefällter Baum, berichtete ein Augenzeuge später.
Bei der Einlieferung ins Krankenhaus war Djindjic bereits klinisch tot. Selbst eine
Panzerweste hätte ihn nach Expertenmeinung nicht gerettet. Das Kaliber war zu groß; die Tatwaffe, ein Gewehr vom Typ M76, stammt aus Armeebeständen und wurde zu Beginn des jugoslawischen Erbfolgekriegs auch an Freiwillige verteilt.
Die Ermittlungen belegen, dass die Leibwächter dem Premier beim Aussteigen aus dem gepanzerten Fahrzeug keinerlei Deckung gaben - schwer verständlich, denn die Polizei wusste längst, dass auch ein nur knapp vermiedener Zusammenstoß mit einem Lastwagen auf einer Autobahn am 21. Februar ein Attentatsversuch war. Er wurde vermutlich von derselben Gruppe begangen, die Djindjic vergangene Woche tötete.
Der Serbenpremier hatte sich während seines politischen Aufstiegs unzählige Feinde gemacht. Als eine Art Verkörperung des demokratischen Wandels fegte er im Oktober 2000 mit den 18 Parteien des Oppositionsbündnisses DOS den Despoten Slobodan Milosevic aus dem Präsidentenpalast. Dass sich der "Schlächter vom Balkan" vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten muss, ist vor allem das Verdienst von Djindjic - und möglicherweise seine größte politische Leistung.
Gegen den Widerstand des damaligen jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica ließ er Milosevic in einem nächtlichen Coup im April 2001 nach Den Haag ausfliegen. Während Kostunica öffentlich wirksam gegen das Tribunal wetterte und damit die Sympathien vieler Serben für sich gewann, empfahl Djindjic, mit Den Haag zu kooperieren.
Ausgerechnet die jüngste Vorhersage des ebenfalls angeklagten Nationalisten Vojislav Seselj über die nahe Zukunft Serbiens scheint nun finstere Realität zu werden. Blutbäder und Attentate stünden bevor, hatte der Radikalenführer gewarnt, bevor er nach Amsterdam flog, um sich dem Kriegsverbrechertribunal selbst zu stellen. Auslöser dafür werde Djindjics auf Druck der USA erteilte Zusage sein, den dringend gesuchten serbischen General Ratko Mladic sowie drei weitere hohe serbische Offiziere bis Juni in die Niederlande auszuliefern.
Der Belgrader Verfassungsexperte Stevan Lilic ist überzeugt, dass die Mörder des Regierungschefs in der "Haager Lobby", also in den Reihen der Milosevic-Anhänger in Armee und Unterwelt, zu suchen sind, die nun um ihre Pfründen bangen. Denn der Serbenpremier wollte Ernst machen mit der Ankündigung, den Belgrader Sumpf aus Korruption und Kriminalität trocken zu legen.
Einen Tag nach Djindjics Tod sollte der Haftbefehl gegen zahlreiche Mafiabosse unterschrieben werden. Auf der Liste stand auch Milorad Lukovic, genannt "Legija", der ehemalige Kommandeur einer Spezialeinheit der serbischen Geheimpolizei. Er führt zusammen mit 22 weiteren Paten den berüchtigten Zemun-Clan. Mindestens neun der spektakulärsten Morde an Politikern seit 1996 werden dieser kriminellen Gruppe zugeschrieben, dazu Entführungen, Erpressungen und die Liquidierung lästiger Konkurrenten.
Dass die serbische Camorra nicht längst hinter Gittern sitzt, verdankt sie ihrer engen Verflechtung mit Polizei und Geheimdienst. Nach dem Sieg des DOS-Bündnisses hatte sich die Unterwelt - ein unter Milosevic formiertes Zweckbündnis zwischen Politikern, Kriminellen, Sicherheitsorganen und Wirtschaftsbossen - nur kurz verkrochen. Dann schlug sie mit doppelter Kraft zurück. Das Signal hatte Jugoslawiens Ex-Präsident Kostunica gegeben, der die korrupten Kader noch monatelang in ihren Ämtern beließ. Heute gilt Serbien als ein Zentrum für Drogenhandel, Zigarettenschmuggel und Prostitution.
Dutzende von Verdächtigen wurden mittlerweile verhaftet, unter ihnen ehemalige hohe Sicherheitsbeamte aus dem Milosevic-Regime wie dessen ehemaliger Geheimdienstchef Jovica Stanisic.
Vergangene Woche versprach Innenminister Dusan Mihajlovic, man werde "den Premier rächen und alle liquidieren, die bei ihrer Festnahme Widerstand leisten". Einen Beweis ihrer Entschlossenheit bot die Regierung wenig später: Bulldozer zerstörten im Belgrader Vorort Zemun ein Privathaus und ein Einkaufszentrum, beides im Besitz einer bekannten Mafia-Größe. Serbien stehen schwere Zeiten bevor.
Dass die Hintermänner des Attentats namentlich je bekannt werden, ist indes kaum zu erwarten. Das Attentat auf Djindjic, sagt Verfassungsexperte Lilic, sei "eine klare Warnung an dessen Nachfolger".
Angst, fürchten EU-Vertreter, könnte künftig die Nachfolger des ermordeten Premiers dazu bewegen, den eingeschlagenen Reformkurs dramatisch zurückzufahren. Denn wie kein anderer Politiker in Serbien hatte sich der Premier dem Westen als Garant für die dringendsten Reformen empfohlen. Das Attentat auf ihn, prophezeien Wirtschaftsexperten, werde die ohnehin skeptischen Investoren aus dem Ausland abschrecken. "Viele haben mehr in Djindjic investiert als in das Land", beschreibt Vladimir Gligorov vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche die besondere Rolle des Regierungschefs. Ohne den Reformpolitiker werde es die serbische Regierung künftig schwerer haben, Geldgeber zu einem Abenteuer auf dem Balkan zu überreden.
Um langfristig an die EU anzudocken, wollte Djindjic die verkrusteten Strukturen der Milosevic-Ära aufbrechen. Ehrgeizig trieb er den wirtschaftlichen Umbau voran, mit dem Ziel, die ruinöse kommunistische Volkswirtschaft zu modernisieren. Mit bescheidenem Erfolg: Die Hyperinflation konnte Djindjic besiegen, mit vier Prozent im vergangenen Jahr ist das Land auf bescheidenem Wachstumskurs. Dennoch sind viele Serben unzufrieden, knapp 30 Prozent haben keinen Job.
Inzwischen hat Serbiens Vizepremier Nebojsa Covic provisorisch die Nachfolge Djindjics angetreten. Doch schon an diesem Montag will die Demokratische Partei, die wichtigste Gruppierung im DOS-Bündnis, einen neuen Kandidaten für das Amt des Regierungschefs präsentieren.
Die Gefahr, dass Serbien für seine Krisen keine Lösung findet, ist ohne Djindjic größer als je zuvor. Die Union mit Montenegro könnte am Kompetenzgerangel noch vor Ablauf von drei Jahren scheitern. Dann wäre Montenegro frei, über seine Unabhängigkeit abzustimmen.
Im Kosovo mag vorerst Zufriedenheit herrschen, da die von Djindjic geforderten Gespräche über den künftigen Status der Provinz einstweilen abgewendet sind. Langfristig hatte der serbische Premier eine Teilung des Kosovo, wenn nicht sogar dessen Unabhängigkeit in Betracht gezogen. Bei seinen Nachfolgern wird ein solches Entgegenkommen kaum erreichbar sein.
Wenige Tage nach dem Attentat steht Serbiens Hauptstadt noch immer unter Schock. Wiederholt hatten die Medien Djindjic in den vergangenen Monaten als mögliches Attentatsopfer ausgemacht, hatte die Zeitschrift "Vreme" sogar eine Schießscheibe mit einem Bild des Ministerpräsidenten und der Unterschrift versehen: "Niemand ist unverwundbar." Doch ernsthaft mochte kaum jemand glauben, dass sich das Kartell der Kriegsprofiteure und Mafiosi mit dem machtvollen Regierungschef anlegen werde.
"Ich fühle mich wie kurz vor Milosevics Sturz", klagte eine Passantin nach dem Anschlag, "Chaos und Gewalt liegen in der Luft." Nackte Angst vor einem Militärputsch löste schon die Äußerung des Generalstabs aus, die Militärs würden "alles unternehmen, um die Ursachen für das Attentat zu beseitigen".
"Vielleicht", sagte ein Serbe, der vor dem Regierungsgebäude Blumen niederlegte, "hat uns Djindjics Tod eines vor Augen geführt: Nicht er musste sich ändern, sondern wir - das Volk." RENATE FLOTTAU,
MARION KRASKE
* Unmittelbar nach dem Anschlag zerren Leibwächter den tödlich verletzten Zoran Djindjic zur Fahrt ins Krankenhaus auf den Rücksitz der Regierungslimousine.
Von Renate Flottau und Marion Kraske

DER SPIEGEL 12/2003
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