24.03.2003

FUSSBALLRECHTEBayerische Bande

Dokumente über den Millionen-Deal zwischen dem FC Bayern und Kirch lassen keinen Zweifel: Der Club sollte heimlich Firmenpolitik für den Medien-Tycoon betreiben.
Der Manager des Fußball-Bundesligisten FC Bayern München, in der Szene auch bekannt als "Abteilung Attacke", wählte die bewährte Strategie: Uli Hoeneß ergriff die Flucht nach vorn.
Als bei den deutschen Proficlubs die Empörung über den unlängst enthüllten millionenschweren Geheimvertrag eskalierte, den der Rekordmeister mit der Kirch-Gesellschaft TaurusSport abgeschlossen hatte, wetterte Hoeneß: "Alle müssen sich wieder bei uns entschuldigen, wenn sich herausstellt, was dahinter steckt." Auch der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge echauffierte sich: "Ich war kein Lobbyist für Kirch." Der "wesentliche Punkt" der Vereinbarung sei gewesen, "unsere Spiele im Pay-per-View zu zeigen".
Die Branche wartet seither gespannt auf Nachrichten aus der Zentrale der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt, wo Geschäftsführer Wilfried Straub die-
se Woche sein Urteil fällen will. Bleibt der Club unbehelligt, weil der Deal über maximal 190 Millionen Mark "einfach ein Geschäft" gewesen ist, wie Bayern-Präsident Franz Beckenbauer gewohnt locker zum Besten gab? Oder drohen dem FC Bayern massive juristische Sanktionen, weil die Vereinschefs den Vertrag entgegen den Liga-Statuten nicht offen legten?
Bislang unbekannte Details der 17 Seiten umfassenden Vereinbarung, die dem SPIEGEL vorliegt und die erstmals in voller Länge ausgewertet werden kann, lassen keinen Zweifel: Die Bayern-Bosse haben sich zu geheimen Handlangern von Leo Kirch gemacht und die Öffentlichkeit darüber mit ihren bisherigen Stellungnahmen schlicht getäuscht.
In der Vereinbarung hat sich der Großpleitier eindeutig die Dienste des Nobelclubs für seine Firmeninteressen erkauft. Denn das Geld, so heißt es auf Seite fünf, sollte nur unter "nachfolgend genannten Voraussetzungen" fließen: Der Bayern-Vorstand unterschrieb, er werde "sich auch weiterhin dafür einsetzen und dabei mithelfen, dass die zentrale Vermarktung sämtlicher TV-Rechte aufrechterhalten bleibt". Darum, das gelobten die Münchner, würden sie sich "weiterhin bestmöglich bemühen und insoweit auch auf die anderen Bundesligavereine einwirken". Im Klartext: Die Bayern mussten in der Liga für Kirch die Lobbyisten geben.
Zudem machte der Medienunternehmer in dem Geheimpakt vom 3. Dezember 1999 zur Bedingung, dass die TV-Verwertungsrechte der Fußball-Bundesliga "für die Spielzeiten 2000/2001 bis mindestens 2002/2003 im Wege der zentralen Vermarktung insgesamt exklusiv an Unternehmen vergeben werden, an welchen ein Unternehmen der Kirch-Gruppe zumindest in Höhe von 50 Prozent beteiligt ist".
Eine Klausel, die für den deutschen Profifußball enorme Sprengkraft birgt. Denn um die Vergabe der Rechte an Kirch zu befördern, setzten die mächtigen Bayern ihr gesamtes diplomatisches Geschick ein.
Tatsächlich entschied der Liga-Ausschuss am 28. April 2000, der Kirch-Gruppe für drei Milliarden Mark die TV-Rechte der Bundesliga bis Ende Juni 2004 zu übertragen - trotz eines weitaus lukrativeren Angebots der Schweizer Agentur Aim International.
Diskret hatte der FC Bayern, seine Kirch-Millionen vor Augen, knapp fünf Monate lang auf die ahnungslose Liga eingewirkt. Rummenigge, damals Vizepräsident, bereiste als TV-Visionär das Land und eilte von einer Managertagung zur nächsten. Auch Hoeneß tat am Tag der Abstimmung vor dem Liga-Ausschuss, was er konnte - als Gastredner hielt er noch einmal ein Plädoyer für Kirch.
Es hat sich gelohnt. Die erste Tranche der insgesamt 37,5 Millionen Mark, die der Medien-Tycoon den Bayern überwies, floss laut Vertrag am 1. September 2000. Doch Kirch hatte zu hoch gepokert. An Heiligabend 2002 war das bereits insolvente Unternehmen beim FC Bayern mit Zahlungen in Höhe von 9,25 Millionen Mark im Rückstand - "eine weitere Rate in Höhe von 7,5 Millionen Mark", so hält der Aufhebungsvertrag vom 24. Dezember fest, "hätte im August als Abschlusszahlung in Rechnung gestellt werden können".
Das Ende nahte. Bis spätestens 27. Dezember musste die TaurusSport eine "Schlusszahlung" von 2,8 Millionen Euro "zuzüglich Mehrwertsteuer" auf ein Konto beim Bankhaus Hauck & Aufhäuser überweisen - dann waren die obskuren bayerischen Bande zwischen Kirch und dem Club aufgelöst.
Wie explosiv der Millionendeal war, wussten beide Seiten von Anfang an. Kirch und der FC Bayern verständigten sich auf eine "Geheimhaltungsverpflichtung", die mehr als eine halbe Seite füllte. Demnach war der Vertrag "auch intern nur Mitarbeitern der obersten Entscheidungsträgerebene zugänglich zu machen".
Über "Abschluss und Inhalt" galt "striktes Stillschweigen"- sogar "über die Laufzeit dieser Vereinbarung hinaus".
MARCEL ROSENBACH, MICHAEL WULZINGER
* Oben: am 16. März auf der Cebit in Hannover; unten: mit Gerhard Mayer-Vorfelder, dem damaligen Vorsitzenden des Liga-Ausschusses, am 17. Juli 1999 in Leverkusen.
Von Marcel Rosenbach und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 13/2003
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