Von Haberl, Tobias
Der Krieg am Golf hat die deutschen Tresen erreicht. Im Hamburger Amüsierviertel St. Pauli etwa bietet die Bar Zoë passend zu den Abendnachrichten einen feurigen Drink mit dem Namen "Brennendes Ölfeld" an - gedacht als alkoholischer Friedensappell.
Wie die Hamburger Kneipiers huldigen viele junge Szenemenschen dem neuen Peace-Schick. Für den Frieden zu sein, das ist dieser Tage in Pop, Mode und Jugendkultur eine Haltung oder ein Geschäft, im günstigsten Falle beides zugleich.
Friedensfreunde pinnen Regenbogenfahnen mit Pazifismusparolen an Hausfassaden und Auto-Rückfenster, Musiker produzieren dutzendweise Anti-Kriegs-Songs, selbst berufene Lyriker dichten mit beim Internet-Wettbewerb der "Poets Against the War". Alternative Mode-Labels wie das in Hamburg und Berlin residierende "Elternhaus - Maegde und Knechte" steuern hippe Friedensklamotten bei: Auf den T-Shirts der "Elternhaus"-Betreiber stehen witzige, aber ideologisch einwandfreie Slogans wie "Iran Irak Ikea". Renner des Labels ist zum Friedenspreis von 25 Euro ein Shirt mit zwei sich gegenüberstehenden Panzern und dem Schriftzug "Bis einer heult".
Künstler und Promis, Idealisten und Raffzähne - wer kann, springt auf den Anti-Kriegs-Zug auf und würzt sein Engagement mit einem rührigen Statement. Weil Peace derzeit Pop ist, blendet der Musiksender Viva seit Kriegsbeginn statt des Sender-Logos das Peace-Zeichen ein, in deutschen Großstädten verteilten Viva-Leute Friedensshirts und -buttons.
In den Plattenläden finden sich so viele auf CDs publizierte aktuelle Protestlieder, als hätten die Musiker regelrecht auf den Krieg gewartet - manche Werke lagen tatsächlich längst in der Schublade. Der Anti-Kriegs-Rap "Kriegstagebuch" des hannoverschen HipHoppers Spax erreicht dabei naturgemäß weit mehr Jugendliche als die Pazifismus-Senioren Konstantin Wecker und Hannes Wader, die mit Gesinnungsgenossen wie Herman van Veen oder Bettina Wegener gleich eine Sammel-CD mit dem schlichten Titel "Gebt uns endlich Frieden" herausgebracht haben.
Der bisher eher als Schauspieler aufgefallene Peter Lohmeyer ist der Sänger des Titels "Bagdad Blues", den die Hamburger Popgruppe Fink komponierte: "Ein paar Bomben und Granaten / und dann wird alles wieder gut / heute zieh''n wir gegen Bagdad / und sprengen alles in die Luft", heißt es in der unter Mitwirkung von Ulrich Tukur eingespielten Satire auf den amerikanischen Präsidenten.
Die Modewelt arbeitet da vergleichsweise feinsinnig - und setzt meist auf die Wiederbelebung traditioneller Friedenssymbolik. Ironisch verfremdet nutzt beispielsweise die Berliner Designerin Kirsten
Palz den schon länger populären Militärlook. Sie lässt auf die Rückseiten von Militärjacken Insignien des Friedens sticken: Tauben, beschützt von Adlern. "Frieden" steht auf dem rechten Ärmel. Zwischen 10 und 20 Euro pro verkauftes Exemplar spendet die gebürtige Dänin an Terre des Hommes. "Wear in public areas! Wear with pride! Wear for peace!", heißt es in einem begleitenden Manifest.
Gekauft werden solche Stücke von genau den jungen Leuten, die noch vor wenigen Jahren als unengagierte "Spaßgesellschaft" verhöhnt wurden. Aus der "Generation Golf" ist die "Generation Golfkrieg" (SPIEGEL 13/2003) geworden, die, anders als die Friedensaktivisten früherer Zeiten, politischen Druck auszuüben versucht, ohne auf Hipness und Stilbewusstsein zu verzichten.
Gerade die Jungen zeigen energisch Engagement, ganze Schulklassen schwänzen den Unterricht, um an Demonstrationen und Friedenswachen teilzunehmen. Aktuelle Termine werden per Mobilnetz verbreitet. "Die Handy-Generation schreibt SOS - per SMS", notierte die "Süddeutsche".
Teenie-Idol und Sängerin Jasmin Wagner, ehemals unter dem Kampfnamen "Blümchen" im Geschäft, machte es sich mit der Friedensliebe beneidenswert einfach. Praktisch pinselte sie "Peace" - die Botschaft der Stunde - auf die Rückseite ihrer Jeans. Wenn ihr schon jemand auf den Hintern starre, so sagte sie einer TV-Interviewerin, solle er wenigs-tens für die aktuelle Lage sensibilisiert werden. TOBIAS HABERL
DER SPIEGEL 14/2003
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