14.04.2003

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDie Front im Besenschrank

Wie ein afrikanischer Kriegsreporter den Krieg erfand
Am fünften Tag des Kriegs, als Bagdad noch schien wie eine Festung und das Ende der Schlacht so fern, stand Phesheya Dube um 5.30 Uhr auf, draußen war es dunkel und neblig. Er spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht, stieg in seine Trainingshose, streifte sich ein Sweatshirt über und schlich in sein voll gestopftes Arbeitszimmer. Den Videorecorder hatte er am Abend zuvor programmiert, er ließ leise CNN durchspulen und machte sich Notizen. Er hätte sich gern Kaffee gekocht; aber dafür war keine Zeit.
Er musste eine Radiosendung vorbereiten, die sein Leben verändern würde.
"Asiboni ngekufana", wie man in Swasiland sagt, alles hat zwei Seiten, auch die Wahrheit. Und wenn jetzt die Moralapostel im Parlament seinen Kopf fordern und sich dann noch alle Zeitungen und die BBC auf ihn stürzen, wenn alle Welt ihn zum Vollidioten kürt oder kreuzigen will - gerecht ist das nicht.
Aber Mr. Phesheya Dube erträgt es. Dube, 35, Universitätsabsolvent, Vater zweier Kinder, etwas rundlich, dunkle Anzüge, bunte Krawatten, erträgt den Spott, die Angriffe, vor allem aus dem eigenen Sender, das "friendly fire". Er weiß, was er seiner Position schuldig ist, als Programmchef des Staatlichen Radiosenders in Mbabane: Also bleibt er eisern bei seiner Version, fügt höchstens hinzu, dass er die Aufregung übertrieben finde, und sein Freund und Mitarbeiter Moses Matsebula würde ergänzen, dass man auch morgen noch auf Sendung geht.
Die Sendung heißt "Breakfast Show". Sie beginnt um 6.30 Uhr, und die Hausfrauen in den Vororten, die das Porridge anrühren, die Geschäftsleute in den Cafés auf der Umdada-Street, die Taxifahrer, die zum Matsapa-Flughafen rausfahren - alle hören zu. Erstens, weil es praktisch keinen anderen Sender gibt in dem winzigen Reich im Südosten Afrikas. Zweitens, weil es auf der Welt keinen Moderator gibt wie ihn: Moses Matsebula. Der heimliche König, der Radiokönig von Swasiland.
Moses kann gurren und schnurren, dass den Frauen ganz anders wird, er kann aber auch so witzig sein, dass selbst der echte Monarch, Mswati III., schmunzeln muss. Vor allem aber spielt Matsebula die richtigen Songs. Von den Black Roses und von den Ncandweni Christ Ambassadors.
Dazwischen: Nachrichten. Korrespondentenberichte. Seriös, aktuell, auch von den Kriegsschauplätzen dieser Welt, auch aus dem Irak.
Und so fing alles an.
Mr. Dube, Matsebulas Programmchef, saß also im Arbeitszimmer und notierte: Luftangriffe nördlich von Kirkuk, wo immer das lag. Chemiewaffenfabrik bei Nadschaf erobert, vielleicht aber nur eine Düngemittelfabrik, diese verdammten Angaben waren immer so unklar. Walter Rodgers pflügt auf einem Panzer durch die Wüste. Christiane Amanpour steht irgendwo und reißt die Augen auf. Das war das Weltgeschehen, die große Bühne, und er, Phesheya Dube, hockte hier. Na wartet. Massive Luftangriffe auf Bagdad.
Um kurz nach 6.30 Uhr würde Moses anrufen, wegen einer Drei-Minuten-Zusammenfassung.
Asiboni ngekufana, alles hat zwei Seiten, auch die Wahrheit, und so gibt es auch zwei Versionen dessen, was an jenem Morgen des 24. März über den Sender ging. Die eine Version vertreten praktisch nur Dube und sein Kult-Moderator. Danach habe Dube korrekt seine Zusammenfassung zum Besten gegeben und Matsebula einen oder zwei verunglückte Witze gerissen, in der Art, Dube möge auf sich aufpassen, wenn er da so in Bagdad steht.
Die andere Version vertreten mehr oder weniger alle anderen Menschen in Swasiland. Danach war das Ganze eine Inszenierung, abgefeimt und doof zugleich.
Gemäß dieser Version kündigt Moses Matsebula um 6.40 Uhr einen "telefonischen Live-Bericht aus Bagdad" an. Dube legt los. Luftangriffe auf Mossul und Stellungen nördlich von - von - Badouuuum! Irgendwas kracht, explodiert.
Dube spricht weiter. Aber verzerrt. Mühsam. Abermals kracht es. Sind das Schüsse da im Hintergrund, Flak-Feuer? Dube müht sich um Fassung, er ist Profi, auch in der Kampfzone, auch angesichts des Todes. "Pass auf dich auf! Such einen Keller, wo du vor den Raketen sicher bist", Matsebula, quasi im Hauptquartier, behält die Nerven, einer muss ja. Es kracht, zischt, pfeift, und da ist Dube wieder, verzerrt, ist er getroffen, liegt blutend im Staub? "Oh, Landsleute", Matsebulas Stimme bebt, "betet mit mir, auf dass wir einen so guten Reporter nicht verlieren ..."
Und während wahrscheinlich unzählige Hausfrauen, Geschäftsleute, Taxifahrer für Phesheya Dube ein Gebet gen Himmel sandten, schlurfte der Journalist, "embedded" durch die Kraft der Behauptung, in die Küche, um sich endlich Kaffee zu kochen, schön stark.
Gemäß dieser Version haben Matsebula und Dube ihre Bagdad-Show drei Tage lang durchgezogen. Ganz Swasiland wähnte somit den Mann in Bagdad, bis Dube im Parlamentscafé von Mbabane gesehen wurde; so kam alles raus. Im Parlament kam es zum Eklat. "Warum", donnerte der Abgeordnete Jojo Dlamini, "warum lügen die Journalisten der Nation vor, der Mann sei im Irak, wenn er hier in Swasiland steckt und aus einem Besenschrank berichtet?"
Weil alles zwei Seiten hat? Weil man auch in Bagdad der Wahrheit nicht viel näher gewesen wäre? Oder weil Phesheya Dube den Frieden liebt, so sehr, dass er auch im Krieg nicht auf ihn verzichten wollte? RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 16/2003
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Die Front im Besenschrank

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