Von Nimtz-Köster, Renate
Der Tisch ist üppig gedeckt im Reich der Königinnen: Mit ihrem Nektar locken nun, nach dem ungewöhnlich kalten Frühlingsbeginn auf der kroatischen Adria-Insel Unije, blau blühender Rosmarin und lila Thymian. Die Baumheide, bis zu zwei Meter hoch und mit weißen Glöckchen übersät, ist in diesen Wochen Hauptnahrungsquelle der Bienen, danach entfaltet der wilde Salbei seinen starken Duft.
Das abgelegene Eiland mit seiner Kräutervielfalt ist für die Honigbienen Paradies und Trainingslager zugleich: Die gestachelten Süßkostler, aus verschiedenen Herkunftsländern hierher verfrachtet, sollen ihrer gepeinigten Art "das Überleben sichern", wie Ralph Büchler sagt. Im Kampf gegen die weltweit wütenden Varroa-Milben, denen schon über ein Drittel aller deutschen Bienenvölker zum Opfer gefallen ist, erprobt Büchler eine chemiefreie Strategie, die jetzt, nach Ablauf eines dreijährigen Überlebenstests, Forschern und Imkern auf Unije vorgestellt wurde.
Gemeinsam mit kroatischen und österreichischen Kollegen will der Wissenschaftler vom hessischen Bieneninstitut in Kirchhain die Abwehr der nützlichen Insekten genetisch trainieren: Durch natürliche Auslese und Zucht soll die Widerstandskraft der Bienen gestärkt werden, bis sie den mörderischen Parasiten gewachsen sind.
"Apis mellifera", die westliche Art der Honigbiene, so meinen die Forscher, könnte auf diese Weise ebenso unbeschadet mit der Milbe zu leben lernen, wie es "Apis cerana", ihre asiatische Schwester, längst kann.
In Deutschland wurde "Varroa destructor", die zerstörerische Milbe, erstmals vor etwa 25 Jahren entdeckt. Möglicherweise reiste der Schädling als Rucksackpassagier mit Bienen aus Südostasien ein, die zu Forschungszwecken importiert wurden. Die Folgen für die ungewappneten Wirtstiere Europas waren verheerend: Der 1,2 Millimeter lange rot-braune Schmarotzer klammert sich mit seinen vier Beinpaaren schon an die Insektenbrut und sticht sie an, um sich vom Bienenblut, der "Hämolymphe", zu ernähren. Zugleich überträgt die Milbe Bakterien und Viren, die sich oft schlimmer auswirken als der Befall selbst.
Geschwächt und verkrüppelt siechten im Lauf der grassierenden Seuche immer mehr Völker dahin, nach nasskalten Sommern wie dem vergangenen brachen viele Bienenkolonien gänzlich zusammen: Ein Großteil der mehr als 85 000 Hobby-Bienenzüchter und 3500 Haupt- und Nebenerwerbsimker fanden zum Winterende nur noch tote Bienen auf den Waben und Böden ihrer Stöcke.
Von der "Varroose" sei mittlerweile in Europa kein einziges Volk mehr verschont, sagt Büchler. Die Preise für heimischen Honig werden deshalb im Land der Honigliebhaber ansteigen. Die Deutschen vernaschen jährlich rund 1,2 Kilogramm pro Kopf und zählen damit zu den Weltmeistern im Honigverbrauch. Doch folgenschwerer ist das Bienensterben für die Obstblüte: "300 000 Bienenvölker", so Büchler, "fehlen uns in diesem Jahr bei der Bestäubung."
Wenn weniger Bienen fliegen, gibt es weniger und schlechter entwickelte Äpfel, Kirschen, Birnen, Beeren oder auch Feldfrüchte. Auch Einbußen durch geringere Erträge beim Raps werden schon vorhergesagt. Zahlreiche Wildpflanzen können sich ohne die emsigen Insekten schlecht vermehren, der drastische Bienenschwund bedeutet eine Bedrohung der Vielfalt.
Weil Pestizide den Schmarotzern nichts mehr anhaben konnten und obendrein Rückstände im Honig hinterließen, sprühen die Imker nun alternative Mittel wie Ameisen- oder Oxalsäure - mit mäßigem Erfolg: Denn, so Büchler, "der Plagegeist ist ungeheuer tückisch und hartleibig".
Das Rettungsprojekt in der Adria, gefördert von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und vom Landwirtschaftsministerium in Zagreb, setzt deshalb auf eine Strategie gänzlich ohne Chemie: Die Nektarsammler werden ihrem schlimmsten Feind direkt ausgesetzt; in einer Art Survival-Test werden so die Widerstandsfähigsten ausgelesen. "Unser Ziel", sagt Büchler, "ist eine Biene, die aus eigener Kraft, ohne Medikamente, den Angriff durch Milben und Viren überleben kann."
Die friedliche Koexistenz, zu der die jahrtausendelange Entwicklung die asiatischen Bienen befähigt hat, sollen ihre westlichen Verwandten nun im Zeitraffer üben. Doch dafür bedarf es einiger Bienengenerationen, jede davon dauert mindestens zwei Jahre. Büchler hofft: "In zehn Jahren haben wir mit der Milbe kein existenzielles Problem mehr."
Auf Einladung von Nikola Kezic, Bienenexperte an der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Zagreb, wählte Büchler die Insel Unije als Experimentierort. "Das Desaster haben wir Menschen verursacht", sagt Kezic, "nun müssen wir den Bienen helfen zu überleben." Wenn irgendein anderes Nutztier "derart in Not geraten wäre", meint der Agrarforscher, "hätte es längst einen Aufschrei gegeben".
Die 17 Quadratkilometer große Insel in der nördlichen Adria, ehemals von 1500 Bauern und Fischern besiedelt, zählt nun nur noch ganze 100 Einwohner, die verwilderten Gärten und Olivenhaine sind längst von duftendem Gebüsch überwuchert. Vom Meer umgeben, das die Bienen nicht überfliegen, war dies der ideale Platz für eine Quarantänestation. So wurden auf Unije im Mai 2000 insgesamt 117 Versuchsvölker aus Kroatien, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, Österreich und Polen auf kleine Bienenstände verteilt.
Inmitten der Macchia, ungestört und ohne andere Bienen auf Nachbarinseln und Festland zu gefährden, mussten sich die neu angesiedelten Gäste unterschiedlicher Bienenrassen mit jeweils 270 Varroa-Milben auseinander setzen, die ihnen zugesetzt wurden - "im Dienste der Wissenschaft und der leidenden Bienenvölker" (Büchler).
Wie befürchtet, raffte die Invasion schon im ersten Winter die meisten Völker dahin: "Wir mussten sie sterben lassen, um Hinweise auf resistente Linien zu bekommen", sagt Büchler. Tatsächlich schafften es 17 der 117 Völker bis zum Sommer 2002. Obwohl sie die bohrenden Vampire am Leibe hatten, trugen sie bis zu 40 Kilogramm Honig zusammen - was einer normalen Ernte entspricht.
Besonders hart für die Versuchsvölker war dann der vergangene Sommer. Ungewöhnlich feuchte Witterung auf der Adria-Insel bot den Milben so günstige Vermehrungsmöglichkeiten, dass sie alle Völker bis auf eines auslöschten. Geradezu "überwältigt" war Büchler, als er beim letzten Kontrollgang wenige Tage vor Ostern den letzten überlebenden Stand, A14, aufsuchte. Dort, im Norden der Insel, nur durch sieben Kilometer Fußmarsch erreichbar, hatte ein Nest von Widerständlern den Härtetest überstanden.
Das Elitevolk hatte sich, aus eigener Kraft, stark entwickelt. Nur 6,4 Prozent der Arbeiterinnen, das ergaben Büchlers Stichproben, sind vom Parasiten heimgesucht - "nach drei Jahren ohne Behandlung", so der Forscher, "ist das noch nirgendwo dokumentiert. Die Bienen haben jetzt gute Chancen, noch weiter zu überleben".
Das Durchhaltevermögen der Bewohner von A14 hat den Wissenschaftler ermutigt, als "Beleg, dass es sehr wohl schon heute Bienen gibt, die das ohne Medikamente können".
Milbenfeste Völker wie diese sollen künftig, nach weiteren Beobachtungen, vermehrt werden. Indessen kann die Quarantäne-Insel schon jetzt kommerziell genutzt werden, um der geplagten Art und den Imkern wieder auf die Beine zu helfen: Hier wachsen Drohnen für die Nachzucht von Europas Bienen heran.
Die Zuchtverbände verschiedener Länder schicken Königinnen nach Unije, die zuvor eine spezielle "Leistungsprüfung" abgelegt haben - auf gewünschte Eigenschaften wie "Sanftmut" und "Sammelfleiß". Unter Leitung von Damir Sekulja, Bienenpathologe aus Rijeka, werden sie dann mit Männchen gepaart, die aus unbehandelten Drohnenvölkern stammen.
Die Auslese der Spermienspender, so Sekulja, "überlassen wir wieder der Natur". Im normalen Imkerbetrieb hingegen werden gerade die sprichwörtlich faulen Drohnen, deren einziger Lebenszweck die Paarung ist, besonders intensiv gegen Varroa behandelt, denn sie werden von den Blutsaugern bis zu 20-mal so stark befallen wie die Arbeiterinnen.
Im Hochzeitsflug, bei dem die Königin von begattungslustigen Drohnenschwärmen verfolgt wird, sind infizierte Männchen nicht konkurrenzfähig: Durch Milbenbefall geschädigt, fliegen sie schlechter, und die Spermienproduktion, so zeigte sich im Labor, ist weitaus geringer. Zum Zuge kommen deshalb nur die unbefallenen Männchen - und damit ist die Selektion ohne Zutun vollzogen: Die "Spermatheka", in der die Königin nach einem einzigen Flug fürs ganze Leben Samen speichert, ist mit bester Qualität gefüllt.
Mit der Pinzette zieht Büchler die dicken weißen Drohnenpuppen aus ihrer Brutzelle. Schon zeigt das unfertige Insekt die typischen großen Mosaikaugen, die Beine sind noch auf der Bauchseite zusammengelegt. Der Milbenbefall ist mit bloßem Auge zu erkennen: Als dunkelroter Punkt hockt das Parasitenweibchen auf seinem Opfer.
Vier der zehn stichprobenhaft entnommenen Tiere sind infiziert, notiert Büchler im Versuchsprotokoll. Die Testdrohnen lässt er liegen - ein Leckerbissen für die schlanken Arbeitsbienen: Die Mädchen für alles - vom Herrichten der Brutzellen übers Füttern von Maden und Königin bis hin zum Sammeln von Pollen und Nektar und schließlich dem Wach- und Verteidigungsdienst am Flugloch - entschädigen sich nun für ihre Plackerei mit hochwertiger Eiweißnahrung.
Während Sekulja, mit Imkerhut und Schleier ausgerüstet, die einzelnen Rahmen mit den Waben aus den Bienenstöcken hebt, schiebt Büchler das summende Volk auf dem Wachs behutsam mit bloßen Händen beiseite: "Wie ein Schäfer" kann der Wissenschaftler, der wie sein Kollege leidenschaftlicher Imker ist, die "lieben Bienen" vor sich her treiben; im Sommer imkert er am liebsten in der Badehose. Alle Drohnenvölker gehören der höchst friedfertigen Rasse "Carnica" an, einer von der dalmatinischen Küstenregion stammenden Biene, die inzwischen in ganz Europa anderen, ehemals verbreiteten angriffslustigeren Unterarten vorgezogen wird.
In Plastikbecher streift Büchler Proben von jeweils 250 erwachsenen Drohnen und Arbeiterinnen, die dann im Kirchhainer Institut untersucht und gewogen werden. Aus dem Dunkel des Stockes der Sonne ausgesetzt, bietet sich das ganze wimmelnde Leben des "Superorganismus" dar, wie die Forscher den hoch sozialen Bienenstaat nennen: "Den anstrengendsten Moment in ihrem Leben" (Büchler) erlebt gerade eine Arbeiterin: Sie strampelt sich aus der mit einem Wachsdeckel verschlossenen Brutzelle heraus, spreizt dann, im Licht angekommen, die weißlichen Flügel.
Um die mit einer winzigen aufgeklebten Zahlenplakette markierte Königin Nr. 18 scharen sich schützend die halb so schweren Arbeiterinnen, die jüngeren sind pelzig behaart, die älteren schon blank. Kugelig wölbt sich die dicke Zelle ihrer Majestät inmitten der vielen sechseckigen Gehäuse des ordinären Volks hervor.
Im Mai werden nun erstmals auf Unije gepaarte Königinnen privaten Imkern zum Kauf angeboten. Mit einem kleinen Hofstaat und hinreichend Süßem versehen, wird der künftige Exportschlager der Insel in gelbe Kunststoffkästchen geschoben und per Post versandt - für 35 Euro zuzüglich Versandkosten. RENATE NIMTZ-KÖSTER
DER SPIEGEL 17/2003
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