19.04.2003

BANKEN„Natürlich gab's Exzesse“

Henry Paulson, 56, Chef des US-Bankriesen Goldman Sachs, über die ökonomischen Folgen des Irak-Kriegs
SPIEGEL: Der Irak-Krieg war noch nicht gewonnen, da begann schon das Gerangel darum, welche Länder den Wiederaufbau übernehmen - und welche Firmen dabei die größten Aufträge bekommen. Wie wird der Kuchen verteilt?
Paulson: Wichtig ist nicht, wer etwas macht, sondern dass so schnell wie möglich etwas geschieht. Man muss den Menschen eine Perspektive geben - und dazu gehört, dass der Aufbau oberste Priorität hat. Ich hoffe, dass sich daran alle Nationen gemeinschaftlich beteiligen werden. Dies würde auch eine Chance zur Reparatur der Beziehungen zwischen den USA, Deutschland und Frankreich bieten.
SPIEGEL: Wird der Krieg für die US-Wirtschaft zu einem lukrativen Geschäft?
Paulson: Kriege sind nie ein lukratives Geschäft. Sie sind das Resultat von Instabilität - es wird etwas zerstört, nicht geschaffen. Die direkten und indirekten Kosten sind für die Wirtschaft immens.
SPIEGEL: Seit dem Angriff auf den Irak sind die Börsenkurse weltweit gestiegen. Wie lässt sich diese zynische Reaktion der Finanzmärkte erklären?
Paulson: Die Kapitalmärkte brauchen Planungssicherheit - die Unsicherheit vor dem Krieg hat die Wirtschaft in den vergangenen Monaten enorm belastet. Diese Phase ist jetzt vorbei, aber ich befürchte, dass die so genannte Erleichterungsrallye nicht von Dauer sein wird.
SPIEGEL: Wieso sind Sie so pessimistisch?
Paulson: Wir werden uns noch sehr lange mit dem Irak und seinem Wiederaufbau beschäftigen müssen. Zudem bremst die SARS-Epidemie das Wachstum in Asien, einer der dynamischsten Regionen der Welt. Und auch der Kampf gegen den Terrorismus ist eine sehr langfristige Angelegenheit - und noch lange nicht vorüber.
SPIEGEL: Überschätzen Sie hier nicht den Einfluss des Kampfs gegen den Terrorismus auf die Weltwirtschaft?
Paulson: Ich glaube nicht. Letztendlich kämpfen wir doch noch immer mit den Nachwirkungen der enormen Blase der späten neunziger Jahre und dem massiven Abschwung seit März 2000. Viele Unternehmen haben bis heute zu hohe Kosten, die Erträge sowie das Vertrauen der Konsumenten und Anleger ist noch lange nicht zurückgekehrt. All das belastet die Unternehmen. Wir haben es deshalb mittelfristig mit anderen, fundamentalen Herausforderungen in der Wirtschaft zu tun.
SPIEGEL: Zwischen den USA und vielen europäischen Ländern hat sich in der Irak-Frage eine Kluft aufgetan. Wie tief ist der Spalt?
Paulson: Ich kann mir nicht vorstellen, dass historische Allianzen und die tiefen kulturellen Bindungen - allen voran die der USA und Deutschlands - auf Dauer gestört sind. Schließlich gibt es neben der Politik einen sehr starken transatlantischen Dialog zwischen den Vertretern der Wirtschaft.
SPIEGEL: Auch der ist in Gefahr. Einige US-Fondsmanager sagten, dass sie auf Grund der deutschen Haltung zur Irak-Frage keine deutschen Aktien mehr kaufen wollen. Die ersten französischen und deutschen Unternehmen haben bereits US-Geschäfte verloren.
Paulson: Das mag es in Einzelfällen geben. Kein Wirtschaftsführer wird die Einstellung zur Globalisierung oder die engen Verbindungen zwischen unseren Kontinenten in Frage stellen - oder auch nur überdenken.
SPIEGEL: Wenn die Differenzen anhalten, könnte die Kluft sich vergrößern?
Paulson: Sie sagen, das Glas ist halb leer. Ich sage, es ist halb voll, weil ich mir sicher bin, dass die Spannungen nur sehr kurzlebig sein werden. Dazu sind die wirtschaftlichen Beziehungen für beide Seiten zu wichtig. Sie sind die einigende Kraft, die diese Dinge wieder ins Lot bringen werden.
SPIEGEL: Wie können Wirtschaftsführer wie Sie dazu beitragen?
Paulson: Ich hoffe, dass wir einen entscheidenden Beitrag dazu leisten können, dass auf allen Ebenen wieder mehr miteinander und weniger übereinander geredet wird.
SPIEGEL: Goldman Sachs ist eine amerikanische Investmentbank. Spüren Sie Vorbehalte in Europa?
Paulson: Nein. Die Globalisierung schweißt uns in einem positiven Sinn zusammen. Wir beschäftigen in Europa Tausende von Leuten und fühlen uns auch in Deutschland als deutsches Unternehmen.
SPIEGEL: Vor drei Jahren galten Sie und Ihre Investmentbank-Kollegen noch als Helden. Nach vielen Skandalen werden Banker nun oft als Betrüger wahrgenommen. Wie kommen Sie damit klar?
Paulson: Wir neigten nie zum Größenwahn, sondern sahen uns als Erfüllungsgehilfen, die Kunden helfen, ihre Ziele zu erreichen. Doch natürlich gab es Exzesse in dem beispiellosen Markt der neunziger Jahre.
SPIEGEL: Waren die Investmentbanker nicht mit schuld an der Spekulationsblase?
Paulson: Diese Blase war eine ökonomische Kraft, nicht eine Erfindung der Investmentbanker. Sie hat uns 18 Jahre Wohlstand, gewaltige Produktivitätsgewinne und reales Wachstum gebracht. In solch einer Periode wird es immer Auswüchse geben. Auch unsere Branche, auch Goldman Sachs, hat dabei Fehler gemacht. Doch das waren in ihrer großen Mehrheit einfach Fehlurteile.
SPIEGEL: Trotzdem haben Sie nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen 50 Millionen Dollar Strafe zahlen müssen.
Paulson: Richtig ist, dass wir im Rahmen eines internationalen juristischen Vergleichs unseren Teil zu dieser Branchenlösung beigetragen haben. Viele Kleinanleger, für die wir nicht arbeiten, haben enorm viel Geld verloren. Deshalb mussten die Untersuchungsbehörden aktiv werden. Nun wird die große Herausforderung sein, mit den vielen neuen Regulierungen umzugehen.
INTERVIEW: CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG REUTER
Von Christoph Pauly und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 17/2003
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