DER SPIEGEL



KINO

Die Liebe ist kein Pipifax

Von Beyer, Susanne und Höbel, Wolfgang

Die Schauspielerin Marie Bäumer, 33, über ihre Rolle in Oskar Roehlers Beziehungsdrama "Der alte Affe Angst", übereifrige Kollegen und den kreativen Nutzen von Nervenzusammenbrüchen

SPIEGEL: Frau Bäumer, die meisten Zuschauer kennen Sie entweder als stolze Schönheit wie im TV-Vierteiler "Napoleon" oder als komische Heldin aus "Der Schuh des Manitu". Was hat Sie dazu gebracht, nun in Ihrem neuen Film eine junge Frau zu spielen, die mit ihrem Partner in einer wahren Beziehungshölle lebt, sich mit ihm fetzt und prügelt - und mit dieser 92-Minuten-Marter durchaus auch den Kinozuschauer quält?

Bäumer: Wenn Sie den Eindruck haben, den Zuschauern würde etwas angetan, dann bin ich sehr zufrieden. Was kann denn Besseres passieren? Endlich quält da mal was! Wann kommt man denn heutzutage noch aus dem Kino und ist richtig angefasst? Die meisten Filme hat man nach drei Stunden vergessen. Das passiert Ihnen bei "Der alte Affe Angst" nicht - da bleibt was hängen, ob es nun eine echte Erkenntnis über die Liebe ist oder nur ein Unbehagen. Ich habe mir zum Beispiel den fertig geschnittenen Film zusammen mit meinem Vater und einer hochschwangeren Freundin angeguckt. Die beiden haben immer wieder geweint - da habe ich mich dann doch gefragt, ob das noch zumutbar ist.

SPIEGEL: Der Regisseur Oskar Roehler erzählt in seinem Film mit einer Direktheit, die es seit Rainer Werner Fassbinder im deutschen Kino nicht mehr gab, von der Unfähigkeit zur Liebe und vom Tod - und er bekennt ganz offen, dass es beim Filmen auch um seine eigene Person geht. Haben Sie und Ihr Mitspieler André Hennicke sich da nicht mitunter benutzt gefühlt für einen Egotrip?

Bäumer: Nein, absolut nicht. Es gibt ganz sicher Regisseure, die versuchen, ihre Schauspieler zu manipulieren. Regisseure, die ihre Schauspieler bloßstellen und in ihrer Persönlichkeit zermürben, bis nur noch ein Haufen Elend übrig bleibt. Diesen Haufen Elend wollen sie dann als Material für ihre Filme benutzen. Aber Oskar Roehler ist keiner von dieser Sorte. Er ist nie hinterhältig oder manipulativ, sondern vollkommen offen. Der möchte gerade, dass seine Schauspieler nachvollziehen können, worum es ihm geht. Oskars Filme sind wahrscheinlich für ihn eine Art Therapie.

SPIEGEL: Roehler hat sich in dem hoch gelobten Film "Die Unberührbare" mit seiner Mutter beschäftigt, der durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Schriftstellerin Gisela Elsner; im neuen Film geht es unter anderem um den Tod des Vaters, der sich wohl in jungen Jahren kaum um ihn kümmerte.

Bäumer: Oskar hatte nicht bloß eine wirklich schwierige Kindheit, sondern eigentlich überhaupt keine. Ich habe mich oft gefragt, was in so einem Menschen vorgeht, dem nie das Gefühl vermittelt worden ist, dass es schön sei, dass er auf der Welt ist. Der hatte, glaube ich, eine Kindheit ohne jede Wärme. Wenn man wie ich das Glück gehabt hat, dass sich Eltern für einen interessieren, einen unterstützen und begleiten, kann man das Ausmaß dieser Not kaum nachfühlen.

SPIEGEL: Und doch war genau das beim Drehen des Films Ihr Job. Übertreibt Roehler denn, wenn er von heftigen Auseinandersetzungen, Nervenzusammenbrüchen und Heulkrämpfen während der Dreharbeiten berichtet?

Bäumer: Die Intensität, die der Film vermittelt, hat sich auch am Set gezeigt, aber wir haben die Auseinandersetzungen produktiv genutzt. Natürlich gab es Momente, in denen die Zusammenbrüche, die der Film zeigt, nicht mehr gespielt werden mussten. Ich erinnere mich an eine Szene, wo ich meinen Partner voller Wut schlagen sollte und nach Stunden einfach die physische Kraft nicht mehr hatte, um das richtig hinzukriegen.

SPIEGEL: So aufgelöst sieht das dann auch aus. "Der alte Affe Angst" erzählt von schlimmen Vertrauensbrüchen und mörderischer Sexgier ebenso wie davon, dass die beiden Helden vor lauter Liebe nicht dazu im Stande sind, miteinander tollen Sex zu haben - ist diese ganze Story, für die der Regisseur bei der Berlinale auch von manchen Kritikern Prügel bekam, nicht ein wenig aberwitzig?

Bäumer: Ich habe die Geschichte ja nicht geschrieben. Als Schauspielerin verkörpere ich erst mal die Sehnsucht des Regisseurs und Drehbuchautors. Aber im Übrigen ist es ja so, dass fast jeder, spätestens jenseits der dreißig, extremes Leid und Verletzungen in Beziehungen erfahren hat. Die Liebe ist doch kein Pipifax. Also müssen wir auch im Kino nicht so tun, als könnte man sie immer nur durch die rosarote Linse schildern. Ich bin mir sicher, dass unser Film von Gefühlen erzählt, die vielen Menschen in Ansätzen bekannt sind.

SPIEGEL: Gehören Sie zu den Schauspielern, die sich mit einer Rolle ganz und gar identifizieren und in ihrem Inneren nach eigenen Erfahrungen wühlen?

Bäumer: Eher nicht. Ich versuche, immer zwischen meinem Beruf und meinem wirklichen Leben zu unterscheiden. Ich gehöre nicht zu denen, die monatelang nicht mehr aus einer Rolle herausfinden. Es soll ja Kollegen geben, die während des Drehs sogar ihren richtigen Namen vergessen; man kann die gar nicht mehr als Privatperson ansprechen, weil die nur noch Rolle sind. Das ist bei mir anders. Der Set ist mein Büro, mein Arbeitsplatz; und von da aus gehe ich nach Hause und versuche, auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, wobei mir mein fünfjähriger Sohn sicher sehr hilft. Am liebsten esse ich auch erst einmal etwas. Was Warmes im Magen tut immer gut.

SPIEGEL: Warum suchen Sie sich bei dieser pragmatischen Berufsauffassung extreme Rollen wie in "Der alte Affe Angst" aus - weil kaputte Charaktere die dankbareren Rollen sind?

Bäumer: Ich würde es anders ausdrücken: Je kontroverser eine Rolle, desto spannender. Ich versuche tatsächlich, meinen Beruf pragmatisch zu sehen. Natürlich freue ich mich über Rollen, die mehr sind als nur Abziehbilder. Es passiert selten genug, dass ein Regisseur wie Oskar Roehler versucht, die Fassaden einzureißen und sich einer Wahrheit zu nähern, auch wenn sie wehtut.

SPIEGEL: Für die Rolle der Marie in "Der alte Affe Angst" haben Sie prompt nicht bloß viel Lob bei der Berlinale, sondern auch den Bayerischen Filmpreis bekommen. Dafür gab''s früher auch öfter mal Prügel von der Kritik - trifft Sie so was sehr?

Bäumer: Ziemlich am Anfang meiner Karriere, als ich gerade von der Schauspielschule kam und in Detlev Bucks "Männerpension" mitgespielt hatte, habe ich mit einem Soloabend in den Hamburger Kammerspielen ein echtes Desaster erlebt. Aber die Kritiker hatten Recht. Der Regisseur und ich hatten uns übernommen. Das Stück war überhaupt nicht durchdacht und gar nicht fertig, als wir es auf die Bühne brachten. Ich fühlte mich dann auch, als ob ich aufs Schafott müsste, und bin einmal sogar auf der Bühne zusammengeklappt.

SPIEGEL: Sie haben seither kaum wieder Theater gespielt. Trauen Sie sich nicht mehr?

Bäumer: Doch. In den letzten Jahren habe ich mich zwar intensiv fürs Filmen interessiert, aber jetzt bekomme ich wieder Lust aufs Theater.

SPIEGEL: Sie haben sehr unterschiedliche Filmrollen gespielt. "Der Schuh des Manitu", in dem Sie eine heißblütige Wildwest-Braut spielten, war eine Komödie, "Der alte Affe Angst" ist ein Melodram, "Adam und Eva", der Ende Juni in die Kinos kommt, ist eine verdrechselte Beziehungskomödie. Warum sind Sie so flatterhaft?

Bäumer: Weil ich mich nicht festlegen will. Weil ich lernen will. Ich denke, dass mir dramatische Rollen eher liegen, muss aber sagen: Die Komödie ist das schwerste Genre. Vor allem für mich. Ich verstehe Witze immer als Letzte. Alle um mich herum prusten schon los, und ich habe wieder mal die Pointe verpasst. In Komödien kommt es aber auf Tempo und genaues Timing an, und dafür bin ich meistens nicht schnell genug.

SPIEGEL: Das ist doch alles durch "Der Schuh des Manitu" absolut widerlegt. Seither gelten Sie als eine zweite, ulkigere Romy Schneider. Haben Sie vielleicht auch deshalb in "Der alte Affe Angst" mitgespielt - damit man Sie künftig statt mit Romy mit der Fassbinder-Muse Hanna Schygulla vergleicht?

Bäumer: Quatsch. Ich bin überhaupt noch nie so häufig wie nach den Berlinale-Aufführungen vom "Alten Affen Angst" mit Romy Schneider verglichen worden. Die Leute haben mich sogar gefragt, ob ich im Film meine Haare mit Absicht so hochgesteckt hätte wie Romy. Diesen Vergleich werde ich wohl so schnell nicht los. INTERVIEW: SUSANNE BEYER,

WOLFGANG HÖBEL

* Heike Makatsch, Detlev Buck, Marie Bäumer, Til Schweiger.

DER SPIEGEL 17/2003
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