28.04.2003

KARRIEREN Krank in Goslar

Die Wochen der Einsamkeit sind vorbei: Der ehemalige Ministerpräsident Sigmar Gabriel entfaltet sich neuerdings wieder als Kanzlerkritiker. Von Matthias Geyer
Auf dem Sudmerberg, einem kleinen Hügel am Rand von Goslar, steht ein Haus, das so aussieht, als wäre es nicht mehr bewohnt. Aus einem Dachfenster quillt Dämmmaterial, es gibt eine Hecke, die lange nicht mehr geschnitten wurde, die Vorhänge sind zugezogen. Am Balkon hängt ein dicker Schnitzengel, der auf einer Geige spielt.
Um zehn Uhr kommt Sigmar Gabriel aus der Haustür. Sein Gesicht ist braun gebrannt, das Polohemd aufgeknöpft, an den Füßen trägt er leichte Schuhe ohne Strümpfe.
"Hören Sie, ich hab eine Lungenentzündung. Ich hab den Arzt da. Können Sie in einer Viertelstunde noch mal wiederkommen?" Dann hustet er etwas.
Eine Viertelstunde später verlässt jemand das Haus, der so aussieht, als wäre er der Arzt. Aber es ist ein Mann von der "Frankfurter Allgemeinen".
"So, jetzt können wir", sagt Sigmar Gabriel. Er hat schon Kaffee gekocht.
Ist es eine schwere Lungenentzündung?
"Eine leichte", sagt er. "Man muss aufpassen, dass es keine Bronchitis wird."
Es ist am Donnerstagvormittag der vergangenen Woche, als Sigmar Gabriel eine Lungenentzündung hat, die zur Bronchitis werden kann, und einen Arzt, der von der "FAZ" kommt. Vielleicht hat er sich einfach zu viel zugemutet in den letzten Tagen.
Dienstags war er in Berlin, bei Sandra Maischberger im Fernsehstudio. Er fuhr zweieinhalb Stunden hin und zweieinhalb Stunden zurück, obwohl die Nase schon dicht war. Aber er wollte das unbedingt.
Das letzte Mal, dass Gabriel ins Fernsehen kam, war Anfang Februar. Der SPD-Ministerpräsident von Niedersachsen hatte die Landtagswahl verloren. Dann wurde es still. Bis vor einer Woche, als ein Aufsatz in der "Frankfurter Rundschau" erschien, den er verfasst hatte, eine ganze Seite lang.
Sigmar Gabriel, der abgewählte Ministerpräsident aus Hannover an der Leine, beschrieb darin, wie man Deutschland retten kann. Erst lederte er gegen Gerhard Schröder und die Regierung - "Dilettantismus", "Desaster", "Praktikantenstadel" -, dann gegen die SPD-Linke, die Schröders Reformen nicht will, und schließlich entwarf er einen Masterplan für die Republik, und zwar einen mit richtigen Reformen.
Dann rief Frau Maischberger an. Es gab auch Kommentare in den überregionalen Zeitungen. Sigmar Gabriel war jetzt fast schon so berüchtigt wie Oskar Lafontaine.
Er sitzt in seinem Wohnzimmer auf einem Korbstuhl, neben einer Glasvitrine, in der er Kristallfiguren sammelt, und zieht die Schultern nach oben. Er guckt auf ein Regal mit einer Menge schwerer Literatur, Marx, Engels, Konfuzius, Rosa Luxemburg. "Wissen Sie", sagt er, "Rosa Luxemburg hat mal gesagt: ''Die revolutionärste Tat ist und bleibt zu sagen, was ist.''"
Er greift ein Buch aus dem Regal, es heißt "Mehr Politik wagen", es hört sich nach Willy Brandt an, aber es ist von Sigmar Gabriel. Er blättert darin, es handelt von der Zukunft des Landes und beginnt mit einem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry über das weite, endlose Meer.
Gabriel klappt das Buch zu und schlägt mit der Hand auf den Tisch: "Die Idee der SPD war Inklusion und Emanzipation. Und was machen die? Die streiten über vier kleine Reformen. Das macht mich irre."
Es klingelt an der Haustür. Draußen warten eine Katze, die "Smilla" heißt, und ein Gärtner, der wissen will, wie er die Hecke schneiden soll. Es dauert etwas.
"Wo waren wir?"
Dass es ihn irre macht.
Vielleicht ist es ja nicht nur die SPD, die ihn irre macht. Vielleicht ist es die Summe aus allem: aus der SPD, der Katze, dem Gärtner, Goslar, Niedersachsen und der Opposition im Landtag, die er jetzt führen muss. Es ist alles so klein geworden. Ehe er die Wahl verlor, hieß es, Gabriel könne Schröders Nachfolger werden; er war erst 43 Jahre alt und schon die Zukunft der SPD; man fotografierte ihn in kurzen Hosen auf einem Segelboot, mit der schönen Freundin Ines Krüger am Steuer.
Jetzt ist er Chef einer Fraktion mit ehemaligen Ministern, die keinen Dienstwagen mehr haben. Mittwoch hatte er einen Termin bei einem Landesbischof außer Dienst. Er sagte ab, wegen der Lungenentzündung.
Gabriel erzählt, er habe nach der Wahl wochenlang keine Zeitung gelesen. Es habe ihn alles nicht mehr interessiert.
Er hatte die Macht in Hannover von Schröder geerbt. Und er wollte die Macht behalten, wie Schröder. Er wollte keinen Beifall von der Partei, er wollte Beifall von den Wählern. Er machte im Wahlkampf Politik gegen den Kanzler, und er glaubte, der mache das mit, weil er früher genauso war.
Gabriel vergaß bloß, dass der andere nur dann spielt, wenn er selber die Regeln bestimmen kann. Schröder ließ ihn vertrocknen da draußen an der Leine. Am Abend bevor er die Macht verlor, redete er mit der Berliner Führungsmannschaft, Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Wolfgang Clement und Frank-Walter Steinmeier, es war jetzt kein Spiel mehr, es ging um einen Deal. Gabriel wollte aufhören mit der Politik und sagte: "Okay, ich gehe morgen da raus und werde die Schuld auf mich nehmen. Das erleichtert euch die Situation. Und danach reden wir mal." Die anderen sollten ihm einen neuen Job besorgen.
Er brauchte ein paar Tage, dann fand er es besser, Politiker zu bleiben. Die Partei, die ihn nach oben brachte, könne er nicht allein lassen, wenn es runtergehe, sagt er.
Gabriel spricht jetzt leise. Aber er hält das nicht lange durch. Er hebt sich aus dem Stuhl und läuft durch das Wohnzimmer, seine Arme schwingen durch die Luft, er sagt: "Gerhard Schröder ist ein Kanzler des Übergangs. Er sagt ja selber, dass danach andere kommen."
Das soll heißen: Irgendwann beginnt ein neues Spiel. In drei, vier, fünf Jahren vielleicht. Irgendwann ist der Schröder weg, und dann braucht es neue Leute in der SPD, Leute, die einen Masterplan entwerfen können, wie Sigmar Gabriel das in einem einzigen Zeitungsaufsatz kann.
Im Juni, beim SPD-Sonderparteitag, will er seinen eigenen Reformantrag einbringen, die Agenda aus Goslar gewissermaßen.
Gabriel nennt Schröder jetzt "den Meister aus Berlin". Von dem, sagt Gabriel, hat er keinen Anruf mehr zu erwarten, also spielt er jetzt allein weiter. Er nennt es "einen Emanzipationsprozess mit der eigenen Vergangenheit". Dann klingelt das Telefon.
Franz Müntefering, der Fraktionschef, ist in der Leitung, "ja, Franz, Moment". Gabriel verlässt das Wohnzimmer, "Franz, darf ich zwei Sachen dazu sagen?", Müntefering ruft wegen des Artikels an.
Nach zehn Minuten kommt Gabriel zurück, er lächelt, erleichtert irgendwie. Der Franz sei nicht sauer gewesen, jedenfalls nicht sehr. Er kann gut mit dem Franz, sagt er. Der Franz hat es auch nicht leicht.
Die Partei wird bald 140 Jahre alt. Sigmar Gabriel sagt, man müsse den Menschen erklären, warum es die SPD auch in den nächsten 140 Jahren noch geben soll. Das sei die Aufgabe. Vielleicht wird er demnächst ein paar Aufsätze darüber schreiben. Es muss ja weitergehen.
* Links: beim Segeltörn mit seiner Lebensgefährtin Ines Krüger in der nördlichen Ägäis; rechts: vor seinem Goslarer Haus. * Am 21. Januar bei einer Wahlkampfveranstaltung in Goslar.
Von Geyer, Matthias

DER SPIEGEL 18/2003
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