28.04.2003

KINOBunker Cannes

Das wichtigste Filmfestival der Welt zeigt erneut keinen deutschen Beitrag im Wettbewerb - zum zehnten Mal in Folge. Doch die hiesige Branche bleibt gelassen.
Wer sich der südfranzösischen Stadt Cannes vom Meer aus nähert, kann bereits deutsches Kulturgut bestaunen, bevor er die Küste erreicht: Aus dem Bewuchs der vorgelagerten Inseln ragen noch heute die Überreste von Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg. Von dieser Nachhaltigkeit kann das deutsche Kino nur träumen.
Denn das Festivalpalais in Cannes, von den Franzosen bei seiner Eröffnung 1983 "Le Bunker" getauft, erweist sich für deutsche Filmemacher mehr und mehr als uneinnehmbare Festung. Als Festivalleiter Thierry Frémaux, 42, vergangene Woche die Nominierungen für das diesjährige Wettbewerbsprogramm bekannt gab, hieß es wieder mal: Allemagne - zéro points.
Im zehnten Jahr in Folge hat es kein deutscher Film in die wichtigste Reihe des noch immer bedeutendsten Filmfestivals der Welt geschafft, das am 14. Mai eröffnet wird. Eben noch schwebten deutsche Filmoffizielle auf Wolke sieben - Oscar für "Nirgendwo in Afrika", über 5 Millionen Zuschauer für "Good Bye, Lenin!" -, da wurden sie aus ihren Träumen gerissen und landeten unsanft neben dem roten Teppich.
Statt auch im Bunker die neue deutsch-französische Freundschaft zu feiern, schlägt Cannes dem Nachbarland erneut die Tür vor der Nase zu - doch statt wie in früheren Jahren in selbstmitleidiges Lamento zu verfallen, reagiert die hiesige Branche diesmal cool und selbstbewusst. Auf die Palme bringt die neue Abfuhr niemanden mehr.
"Wir haben uns die Aussicht, unseren Film vielleicht in Cannes zeigen zu können, gar nicht groß ausgemalt, sondern ihn in Ruhe fertig gestellt", sagt der Regisseur Max Färberböck, dessen neues Werk "September" über die Erschütterungen von Ground Zero es immerhin in die Festival-Nebenreihe "Un Certain Regard" schaffte. "Der Wettbewerb ist natürlich das Praliné", meint er, "aber gute Schokolade ist auch nicht schlecht."
Ein Grund für die neue Gelassenheit liegt darin, dass sich die Berlinale in den letzten beiden Jahren von einer Schlachtbank zum Schaufenster für deutsche Produktionen gewandelt hat. "Seither wird eher auf Berlin hin produziert", beobachtet Michael Weber, Leiter des Weltvertriebs Bavaria Film International. So entschied sich etwa Oskar Roehler, an dessen Film "Der alte Affe Angst" Cannes Interesse gezeigt hatte, für die Berlinale.
"Wenn die guten deutschen Filme in Berlin laufen, ergibt das Lamentieren über Cannes wenig Sinn", meint Wim Wenders. Solch ein Satz eines Cannes-Veteranen, der siebenmal im Wettbewerb an der Croisette vertreten war, bestätigt die Filmauswahl von Berlinale-Chef Dieter Kosslick: "Wir sitzen nicht mehr in der Deppenkurve", frohlockt Kosslick, "nach zwei Berlinalen hat sich gezeigt, dass der deutsche Film auf internationalen Festivals bestehen kann."
Und offenbar nicht nur auf Festivals: Waren deutsche Filme in Frankreich in den vergangenen Jahren so beliebt wie Bierschinken - selbst Tom Tykwers Welterfolg "Lola rennt" floppte hier -, stoßen sie nun plötzlich auf Gegenliebe. Um die Verleihrechte für "Good Bye, Lenin!" balgten sich während der Berlinale gleich fünf französische Verleiher - zu einem Zeitpunkt, als der Film seinen Siegeszug in den deutschen Kinos noch nicht einmal angetreten hatte.
"Der deutsche Film wird in Frankreich von Weltvertrieben und Verleihern jetzt wieder viel stärker wahrgenommen", spürt Thomas Kufus, dessen Firma zero film Färberböcks "September" produzierte und an "Vater und Sohn", dem diesjährigen Cannes-Wettbewerbsbeitrag des russischen Regisseurs Alexander Sokurow, beteiligt war.
Da träumt mancher schon wieder von den guten alten Zeiten. Von 1979 bis 1987 gewannen deutsche Filmschaffende zweimal die Goldene Palme für den besten Film, zweimal den Regiepreis und einmal den Preis für die beste schauspielerische Leistung - eine beeindruckende Erfolgsbilanz. Doch nach 1993, als Wenders für "In weiter Ferne, so nah!" den Spezialpreis der Jury erhielt, riss diese Tradition jäh ab.
Ein Grund dafür mag sein, dass Gilles Jacob, 72, der das Festival über zwanzig Jahre lang leitete und 2001 Frémaux als Nachfolger installierte, immer noch die Strippen zu ziehen versucht. Jacob gilt als Anhänger des klassischen Autorenfilms - in Deutschland, wo man den Trauerflor für Rainer Werner Fassbinder über zwanzig Jahre nach seinem Tod endlich abgelegt hat, eine selten gewordene Gattung.
So verpasste Jacob die Gelegenheit, 1999 "Lola rennt" zu zeigen - in der Gerontokratie von Cannes gab man der Jugend nur selten eine Chance. "Doch die Stimmung schlägt um", glaubt die Filmkritikerin Christiane Peitz, die für Cannes deutsche Produktionen sichtet. "Vor allem an Filmemachern der mittleren Generation, von Roehler bis Christian Petzold, ist Cannes interessiert."
"Es hat sich definitiv etwas geändert", glaubt auch Färberböck. "Die Cannes-Juroren schauen sich die deutschen Filme sehr genau an und machen sich die Entscheidung nicht leicht. Eine Blockade gibt es nicht." Die Betonfraktion in der Jury scheint zu bröckeln, so dass der Bunker am Mittelmeer eines Tages vielleicht doch wieder zu jener Hochburg des deutschen Kinos werden könnte, die er einst war.
LARS-OLAV BEIER, MARTIN WOLF
Von Lars-Olav Beier und Martin Wolf

DER SPIEGEL 18/2003
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