05.05.2003

BETRUGDoppelt oder nichts

Die Bundesregierung betreibt in Namibia die Auslieferung eines Mannes, der als einer der gerissensten Gauner der Republik gilt: Der Großwildjäger Hans-Jürgen Koch soll Hunderte Kommunen in Milliardendeals verwickelt und dabei rund 31 Millionen Euro abgegriffen haben.
Bad Heilbrunn, Ganghoferweg 2: So trostlos kann dieser Ort sein, ohne den Glanz von Hans-Jürgen Koch.
Da ist zum Beispiel der Flaggenmast im Vorgarten, an dem Honorarkonsul Koch vor seiner Flucht nach Afrika die stolze Fahne der Republik Namibia flattern ließ; jetzt klimpert die Leine nackt im Wind. Oder die Überwachungskamera an der Wand, solch ein Großkaliber im grauen Gehäuse, wie es an Ministerien und Grenzübergängen hängt - längst stillgelegt. Nicht zu vergessen der schmiedeeiserne Hirsch, der immer noch vom Fenstergitter röhrt - nur dass die vergilbte Hausfassade jene Pflege vermissen lässt, die für die artgerechte Haltung schmiedeeiserner Hirsche in besseren Wohnlagen unerlässlich ist.
Koch wohnt hier nicht mehr. Er hat den Glanz gegeben, er hat den Glanz genommen, er hat jahrelang die halbe Republik damit geblendet, bevor er sich Ende 1999 nach Namibia absetzte; nun erinnert am Ganghoferweg nur noch Abglanz an eine Karriere, wie sie das Land noch nicht gesehen hat: den Aufstieg des Hans-Jürgen Koch aus Bad Heilbrunn vom kleinen Schwindler zum größten mutmaßlichen Kapitalanlagebetrüger, der jemals die Kassen der öffentlichen Hand geplündert hat.
Seit 1984 hat der heute 54jährige Finanzmakler aus Oberbayern Milliarden durch die Republik gelotst. Ein Kuppler, der Kommunen, die Geld brauchten, und Kommunen, die Geld anlegen wollten, miteinander ins Geschäft brachte, gegen Provision natürlich, trotzdem zu Zinssätzen, wie sie die Städte bei den Banken nicht bekommen hätten.
Jahrelang ging das glatt, jahrelang schickten gutgläubige, leichtgläubige, blindgläubige Kämmerer auf ein simples Fax der Finanzberatung Koch Millionensummen durch die Republik, Steuergelder, so als wäre der Mann die Bundesbank persönlich. Bis sich am Ende 329 Kreise, Städte und Gemeinden in einem gigantischen Kreditlabyrinth aus Zahlungen und Rückzahlungen heillos verirrt hatten. Darunter zwölf Kommunen, bei denen Koch in diesem Durcheinander rund 31 Millionen Euro abgeschöpft haben soll - Münchner Staatsanwälte ermitteln in 203 Fällen von Betrug, in 12 Fällen von Steuerhinterziehung.
Es ist also die Geschichte einer öffentlichen Affäre, die der Bund der Steuerzahler für einen der "größten finanzpolitischen Skandale der Nachkriegszeit" hält; es ist aber auch die Lebensgeschichte eines Mannes, dessen größte Angst nie der Skandal, immer nur die Mittelmäßigkeit war. Ein Lebensweg vom Banklehrling zum Milliardenjongleur, vom Bankrotteur zum Konsul, aus dem Mehrfamilienhaus in Offenbach auf eine Luxus-Jagdfarm in Namibia. Und erst jetzt, drei Jahre nach der Flucht in eine neue Glitzerwelt, doch noch in eine Gefängniszelle.
In Tsumeb, 350 Kilometer nördlich der Hauptstadt Windhuk, beginnt am Montag kommender Woche das Auslieferungsverfahren auf Antrag der Bundesrepublik Deutschland, zwei Tage später trifft sich in Berlin Bundesjustizministerin Brigitte Zypries mit ihrem namibischen Kollegen Ngarikutuke Tjiriange. Es geht auch um Koch; er soll endlich bezahlen. Wenn schon nicht seine Schulden, dann wenigstens für seine Schuld.
Es wäre vielleicht das erste Mal, dass bei einer Abrechnung mit Koch nichts mehr offen bleibt, und das erste Mal, dass er keinen anderen für sich zahlen lassen kann. Keinen Kunden. Keinen Arbeitgeber. Nicht einmal seinen Vater.
Der Vater war der Erste, der für ihn zahlte. 76 000 Mark, aus Angst vor einem Skandal.
Damals, in den Sechzigern, ist der Beamte Herbert Koch Büroleiter im Offenbacher Rathaus, seine Frau bei der Bundesbank. Auch die beiden Söhne sollen etwas lernen, womit man es mal besser hat. Nach der Realschule geht Hans-Jürgen, ihr Ältester, zu Schröder Münchmeyer Hengst & Co, Privatbankiers in Frankfurt, sehr nobel. Doch gerade aus der Lehre und im Beruf, will Hans-Jürgen kein kleines Rädchen mehr sein, will ein großes Rad drehen, macht sich mit einem Kompagnon als Börsenmakler selbständig. Und verzockt mit riskanten Investments Geld, das ihm Kapitalanleger anvertraut haben.
Vater Koch löst seine Lebensversicherung auf - er glaubt an eine Jugendsünde. Den Rest stottert Hans-Jürgen ab - er glaubt an den nächsten Versuch. Von jetzt an gilt doppelt oder nichts.
Sein neues Revier ist München; der junge Koch hält sich nicht lange damit auf, Taxis zu fahren und Getränkekisten auszuliefern, er verkauft. "Koch ist ein geborener Verkäufer, er versteht es, perfekt zu überzeugen", sagt seine zweite Ehefrau Gabriele, die heute nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Erst verkauft Koch Luxusautos - Porsche, Ferrari, Mercedes -, dann Schmuck. Nur dass er einen Teil der Klunker schwarz verscherbelt, an der Firma vorbei. Sein zweiter Griff nach dem großen Geld. Doppelt oder nichts.
Koch fliegt auf, Koch fliegt raus. Und noch einmal, noch dieses eine Mal, haut ihn sein Vater aus einer Sache heraus. Zahlt die Schulden. Rettet den Sohn, den er bald nur noch den "verlorenen Sohn" nennen wird, vor der Anzeige wegen Unterschlagung. Es ist ein letzter Versuch, Koch senior nimmt ihn sogar wieder bei sich auf, in Huglfing, Oberbayern, dorthin ist der Vater nach der Pensionierung gezogen.
Für den jungen Koch müssen es bleierne Monate sein. Eine erste Ehe gescheitert, wieder bei den Eltern und weit weg von der großen Welt, die sich nur auf großes Geld reimt und die in seinem Kopf steckt. Immer noch.
Immer mehr. Im Frühjahr 1983 bekommt Kochs Vater Besuch: Ulrich B., Industriemanager, sehr angetan vom smarten Sohn seines Freundes Herbert. Er denkt an seine Tochter in Düsseldorf, Gabriele, ledig, Chefsekretärin, für die wäre der jun-
ge Mann doch was. Und Hans-Jürgen erkundigt sich: nach dem teuersten Hotel der Stadt, dem Breitenbacher Hof, nach der Flugverbindung München-Düsseldorf. Nach groß, schön, teuer. Tatsächlich ist er so pleite, dass er sich bei seiner Mutter das Auto leiht und von Gabriele das Benzingeld für die Rückfahrt, doch auch um dieses Geld muss er nicht kämpfen: Bei ihr ist es Liebe auf den ersten Blick.
Wie soll man den Sog erklären, mit dem Koch alle Vernunft, alle Vorsicht in seiner Umgebung abzusaugen schien, damals beim gestandenen Manager Ulrich B., später dann bei Stadtkämmerern landauf, landab? "Ich habe 1000 Stunden gebraucht, ihn zu verstehen, und habe es nicht geschafft", sagt Günter Lücking, Geschäftsmann aus dem Hessischen, der jahrelang mit Koch zu tun hatte. Auch Gabriele gibt seinerzeit nichts auf die Warnung des einzigen Mannes, der Hans-Jürgen Koch Mitte der achtziger Jahre wirklich kennt: "Mein Sohn hat so viele Schulden, der hat schon so viel Mist gebaut, der kann auf die nächsten zehn Jahre keine Familie ernähren", beschwört Vater Koch die junge Frau. Im Juni 1984 geben sich Hans-Jürgen und Gabriele das Jawort.
Es ist das Jahr, in dem sich für Koch plötzlich alle Dinge fügen, wenn auch zunächst nur zu einer Vorstellung seines künftigen Aufstiegs. Koch fängt als Makler beim Münchner Finanzvermittler KaDeGe an. "Das große Geld kann ich nur machen, wenn ich selbständig bin", mault er schon nach ein paar Monaten - bei der KaDeGe klaut er die Geschäftsidee dafür. Deren Chef Helfried Gast vermittelt nämlich bereits seit 1973 kurzfristige Kredite zwischen Kommunen; die einen suchen, die anderen bieten Geld an, Gast bringt sie zusammen und kassiert die Provision.
Ein Dreivierteljahr lernt Koch das Geschäft, dann spielt er wieder doppelt, dreht heimlich an der Laufzeit eines Kredits herum und wird fristlos gefeuert.
"Dass der Koch eine kriminelle Energie hatte, zeigt doch sein ganzes Vorleben", wundert sich Gast heute über den Leichtsinn, mit dem später die Kommunen ausgerechnet Koch zu ihrem Vertrauensmann machen sollten. Warum aber auch er Koch damals nicht in einen Gerichtssaal bringt, sondern sich nur den Schaden ersetzen lässt, sagt Gast nicht.
So ist Hans-Jürgen Koch endlich frei für seinen Plan vom großen Geld, ein unbescholtener Bürger mit einer blütenweißen Polizeiakte für ein ehrenwertes Geschäft.
Doppelt oder nichts? Jetzt spielt Koch alles oder nichts, das Spiel seines Lebens, und die Spielbälle sind keine anderen als die Kämmerer der Republik: Kassenwarte, seriöse, nüchterne, trockene Zahlenmeister, die härtesten Gegner, die sich ein Finanzbetrüger aussuchen kann.
Im Oktober 1984 stellt sich Koch bei ebenjenen Stadtkassen-Leitern vor, die er gerade noch für Gast abtelefoniert hat: "Es würde mich freuen, wenn Sie auch weiterhin zu meinen Kunden zählten", schreibt er, verspricht Diskretion und sichere Abwicklung. Dass die Firma hinter der Geschäftsadresse nur aus einem verschlissenen Korbsessel und einem Küchentisch, aus Schreibmaschine und Telefon besteht, sieht man dem perfekten Brief nicht an.
Trotzdem macht Hans-Jürgen Koch in diesen Jahren wohl mit die seriösesten Geschäfte seines Lebens. Ob er allerdings seriös geworden war, muss man mit Jörg Lutz, Bürgermeister der badischen Gemeinde Grenzach-Wyhlen, bezweifeln - der 14 000-Einwohner-Ort hat durch Koch vermutlich 800 000 Euro verloren. "Soll doch keiner glauben, dass Koch anfangs redlich war und erst später die krummen Sachen drehte", sagt Lutz. Kochs Vorgeschichte spricht eher dafür, dass er sich in den 16-Stunden-Arbeitstagen jener Zeit nur den Anschein von Seriosität erschuften wollte.
Aber mit welchem Erfolg. Koch wird zum Wundermann für Kämmerer in der ganzen Republik. Egal ob sie nach einem Steuertermin für ein paar Tage einen Überschuss in der Kasse haben oder kurz mal ein Loch stopfen müssen - er vermittelt ihnen die passende Gemeinde fürs Kreditgeschäft, immer nur per Fax, doch immer zu besseren Zinsen als die Banken.
Wer fragte schon danach, dass dieser schnelle Geldverkehr zwischen Kommunen bereits damals umstritten war - nach heutiger Einschätzung der Bundes-Finanzdienstleistungsaufsicht sogar eindeutig illegal. Tatsächlich fragten die Kämmerer ja nicht mal nach, ob der Zaster wirklich aus der Stadt kam, die Koch ihnen auf den Zettel getippt hatte.
"Der Koch öffnete uns neue Horizonte, Anlagen unter 30 Tagen kannten wir doch gar nicht", erinnert sich Albert Kärcher, Bundesvorsitzender des Fachverbands der Kommunalkassenverwalter. Natürlich wurden dann manche Kollegen "sehr leichtgläubig"; "wie vereinbart" stand meist nur auf dem Wisch aus Bad Heilbrunn, und das reichte. Doch wollte man nicht immer nur das Beste für die Stadt?
Geschickt unterfütterte Koch das Vertrauen. Zum Beispiel im Juli 1990. Da holte er sich den Leiter der Stadtkasse Vaihingen/Enz ins Team, der nun badenwürttembergischen Kassenwarten im "Kollegengespräch" die Dienstleistungen seines Herrn anpreisen sollte. Später spendierte Koch dem Kassenchef der Städtischen Kliniken Osnabrück auch schon mal zwei Wochen Urlaub auf der Jagdfarm in Namibia, die er sich zugelegt hatte. Und zahlte ihm 50 000 Mark - angeblich nur ein Darlehen.
Ob nun Komplizen oder Ahnungslose - wie Befehlsempfänger folgen bald Kreise, Städte und Gemeinden akkurat jedem Zahlungsavis, das ihnen Koch ins Haus schickt. Allein der badische Ortenaukreis lässt in zehn Jahren rund 270 Kreditgeschäfte mit 600 Millionen Mark über ihn laufen. Beim Landkreis Osterode am Harz sind es in acht Jahren 246 Deals mit 585 Millionen Mark, im westfälischen Witten binnen fünf Jahren 377 mit 1,1 Milliarden. Koch weist an, die Kassenchefs spuren.
Selbst dann noch, als keiner mehr durchblickt. Der Makler hat nämlich damit angefangen, das simple Hin und Zurück zwischen zwei Städten in riesige Rückzahlungskarusselle umzuwandeln: Gibt also die Stadt A der Stadt B einen Kredit, zahlt jetzt die Stadt C zurück, manchmal sogar die Stadt D, die bei C in der Kreide steht. Einziger Sinn: Verwirrung stiften, ein Tarnnetz über die Löcher im System spannen - an denen Koch sich nun, so die Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft, Millionen abzapft.
Um solche Abflusslöcher zu bohren, muss er sich selbst in den Geldkreislauf einklinken, als angeblicher Kreditgeber. Beispiel Osnabrück: 1989 bietet Koch der Stadt zehn Millionen an, aus seiner eigenen Schatulle, Laufzeit bis 1999. Zins und Tilgung gehen also auf sein Privatkonto, zehn Jahre lang.
Tatsächlich aber hat sich Koch das Geld selber nur gepumpt, noch dazu mit kurzen Krediten, insgesamt gerade mal für ein Jahr. Und bevor sein Darlehen im März 1990 bei der Frankfurter Sparkasse ausläuft, lässt er es nun von der Gemeinde Grenzach-Wyhlen ablösen. Und das Darlehen von Grenzach-Wyhlen kurz danach von drei anderen Gemeinden und einem Klinikum. Und so weiter und so fort, ein Schneeballsystem, in dem Koch ständig Löcher stopft und so viel Geld im Umlauf hält, dass der Schwund nicht auffällt.
Zwölf Städte zahlen so direkt auf Kochs Sparkassenkonto in Weilheim. Osnabrück zehn Millionen Mark, Hagen mehr als acht, Salzgitter mehr als fünf, dazu die Zinsen. Auch Gießen, Göttingen, Sprockhövel und Grenzach-Wyhlen überweisen - zusammen jene gut 31 Millionen Euro, die nun wahrscheinlich perdu sind. Während nämlich alle anderen Kommunen wenigstens hoffen können, mit "Plusminusnull" aus dem Labyrinth herauszufinden, bleibt das düpierte Dutzend wohl auf seinem Schaden sitzen.
Dafür sorgt ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom vergangenen November. Alle Kommunen müssen nun ihre Koch-Geschäfte miteinander rückabwickeln. Tausende, Zehntausende Überweisungen, die Mutter aller Papierkriege, seit Monaten. Einige Städte werden ihr Geld allerdings schon deshalb abschreiben müssen, weil sie gar keine Papiere mehr haben - geschreddert nach zehn Jahren, nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist.
Wenigstens in der Theorie aber wären am Ende der ganzen Retourrechnerei alle wieder bei null. Nur eben nicht das Dutzend Kommunen, das direkt an Koch zahlte. Koch in Namibia zahlt nicht zurück. Und wer weiß, was bei ihm überhaupt noch zu holen wäre.
Denn der Cash-Dealer hat gut gelebt. Nicht erst im Exil, sondern schon bevor im November 1999 die Steuerfahndung bei ihm vorbeischaute. Und bevor endlich im März 2000 die ersten Städte erfuhren, dass der Chef der Finanzberatung nicht mal gerade abwesend war, sondern abgehauen.
Was hat der Mann bis dahin geprasst: keine Waldorfschule im nahen Bad Tölz? Dann fahren seine Zwillinge halt 50 Kilometer nach München, wenn''s sein muss, im Taxi. Die Ehefrau unglücklich? Dann bekommt sie eben ein Pferd. Nur eines? Eine ganze Pferdezucht. Wenn Koch aber von Pferden gar keine Ahnung hat? Egal. "Den Scheißbauern zeig ich''s", soll Koch gesagt haben, und ersteigert auf Auktionen in Oberbayern Gaul um Gaul, Hauptsache teuer.
Erst die Jägerei jedoch veredelt bei ihm Gier zu vollendeter Verschwendung. In den Waffenvitrinen seines Hauses in Bad Heilbrunn, in das er 1985 einzieht, reiht der Waidmann bis zur Flucht rund 150 Gewehre auf. Doppelflinten und Repetierbüchsen, Bockbüchsflinten und Bockdoppelbüchsen, Bergstutzen und Drillinge, einige für mehr als 50 000 Euro das Stück, andere von unschätzbarem Wert: An die 20 Schießeisen hat er sich aus früherem DDR-Staatsbesitz besorgt. Sie gehörten einem anderen Jagdverrückten - Erich Honecker.
Seelenruhig lässt Koch noch im Dezember 1999 alles einpacken und nach Namibia verschiffen, auch den signalroten Mercedes 600 SL, dann jettet er selbst mit seiner jungen Geliebten Rita S. hinüber. Nur zwölf Stunden bevor die Polizei mit dem Haftbefehl klingelt.
In Namibia hat er vorgesorgt: Das Revier ist gut gehegt - auch hier ist die Jägerei für ihn der Keim aller Dinge. Über 100 Quadratkilometer zieht sich die "La Rochelle Hunting Lodge" im Norden, die Koch seit 1994 ausbauen lässt: Swimmingpool, Whirlpool, Tennisplatz mit Flutlicht, die längste Flugzeuglandebahn Namibias in Privatbesitz. Eine Gutsherrlichkeit, in der er deutsche Jagdtouristen ballern lässt, auf Oryx-Antilopen und Schwarznasen-Impalas.
Getrickst, gedreht, genarrt wird weiter: Erst gehört La Rochelle seiner Frau, angeblich ohne dass die davon etwas weiß, dann übernimmt Koch selbst, dann überschreibt er die Farm seiner Geliebten Rita, die zu ihrer mutmaßlichen Strohfrau-Rolle lieber nichts sagen will, und seit neuestem nun die beliebteste aller Hab-und-Gut-Verstecke: eine Stiftung.
Vielleicht soll die Konstruktion auch das Gewissen sensibler deutscher Jäger sedieren, die im Urlaub lieber an kapitale Böcke als an Kapitalanlagebetrug denken wollen. Unverändert wird im Internet für das Waidmann-Abenteuer auf La Rochelle geworben ("Zum Abschuss kommen ausschließlich reife Trophäenträger"); allerdings sollen die Geschäfte unter Kochs internationalem Haftbefehl gelitten haben.
Dabei warb er selbst lange Zeit sehr erfolgreich für sein Jagdschlösschen: Noch im Frühjahr 2000 erlegte Seine Exzellenz, Staatspräsident Sam Nujoma, höchstpersönlich 32 Stück Wild auf der Farm des in Deutschland schon gesuchten Geschäftsmanns. Und auch der frühere Tourismus-Minister Gert Hanekom ging dort jagen, diktierte gar einer namibischen Journalistin 1997 in den Block: "Koch ist unser Mann, ein Investor, wie wir ihn mögen."
Damals hatte Koch auch gerade die ersehnte Ernennung zum Honorarkonsul bekommen, einen Titel, der nicht nur sein Ego auf XXL-Größe schwellen ließ, sondern von dem er sich womöglich Immunität erhoffte. Falls es mal eng werden sollte.
Nun also ist es eng, nun sitzt Koch, nun braucht er die schützende Hand, weil er nicht ausgeliefert werden will, doch es hat Fehler gegeben. Das Bild von Nujoma beim La-Rochelle-Besuch als Pressemitteilung zu versenden war keine gute PR-Idee. Der "Tölzer Kurier", Kochs Heimatzeitung, garnierte das Foto mit der Schlagzeile: "Will Koch den Präsidenten ''kaufen''?", das gab einigen Wirbel in Namibia.
Der Präsident soll verstimmt sein. Sehr verstimmt. Schließlich hatte Namibia Koch erst kurz zuvor den Konsultitel aberkannt. Und dann so ein Bild. Präsident mit angeblichem Großbetrüger. Gesucht von dessen Heimatland - das jedes Jahr zwölf Millionen Euro Entwicklungshilfe nach Namibia herüberpumpte.
"Nujoma will ihn jetzt loswerden", vermutet deshalb ein deutscher Diplomat. Dafür spricht, dass Koch im vergangenen Oktober hinter Gitter kam. Und dass der Präsident schon im Dezember 2001 ein Gesetz abzeichnete, wonach Auslieferungen nach Deutschland nun möglich sind. Einen Antrag auf Freilassung gegen Kaution hat der High Court inzwischen abgelehnt, dabei hatte Koch umgerechnet gut 1,9 Millionen Euro geboten und behauptet, er sei unschuldig.
"Die namibische Seite zeigt großes Verständnis für unser Auslieferungsbegehren, Namibia hat offenbar kein Interesse, Herrn Koch zu schützen", sagt Justizministerin Zypries in Berlin, von Amts wegen die erste Jägerin des verlorenen Schatzes. Und das Treffen mit ihrem Kollegen Tjiriange in der kommenden Woche soll den Gejagten, dessen Anwälte sich zu dem Fall nicht äußern wollen, der Heimat noch ein Stück näher bringen.
Er wird hier keine Bewunderer mehr finden, Freunde schon gar nicht. Vater und Mutter sind verbittert gestorben, er hatte schon vorher mit ihnen gebrochen - "die eigenen Eltern zu Lebzeiten abgehakt, dazu gehört schon was", sagt sein Bruder. Auch er selbst hat seit fast 20 Jahren kein Wort mehr mit Hans-Jürgen gesprochen, "da sind Welten zwischen ihm und mir", und er meint nicht die Kilometer.
Und Gabriele? Die Ehe steht nur noch auf dem Papier, seit fünf Jahren. Sie sagt, sie habe nichts gewusst. Vielleicht hat sie nichts ahnen wollen. Aber sie gehört zu denen, die dafür bezahlen, dass sie Hans-Jürgen Koch zu nahe kamen: Sie hat Schulden bei der Gemeinde Bad Heilbrunn, weil Koch sie auf den Nebenkosten für das Haus sitzen lässt. JOACHIM BRAUN, JÜRGEN DAHLKAMP
* Bei einem Empfang für Präsident Nujoma in New York vor Kochs Flucht nach Namibia.
Von Joachim Braun und Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 19/2003
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