Von Festenberg, Nikolaus von
Bitterfeld - was für ein ätzender Name, der bis zur Wende nach Chemie schmeckte, nach verdreckter Luft, nach sozialistischem Leichtsinn im Umgang mit der Natur.
Bitterfeld in den Junitagen von 1953: ein Ort der Hoffnung. Die Menschen laufen auf den Straßen, sie rufen nach freien Wahlen, nach gerechtem Lohn. Man sieht Arbeiter, die auf einmal frei reden können wie am Morgen einer neuen, besseren Zeit.
Wirklichkeit waren beide Bilder. Aber das vom optimistischen Bitterfeld ist vergessen. An diesem Mittwoch startet im Ersten eine aufwendige historische TV-Erkundung, die mit drei bemerkenswerten Filmen das Ziel hat, den Aufstand vom 17. Juni zu rekonstruieren: jene kurze Zeitspanne zwischen aufkeimender Hoffnung und deprimierender Tragödie, als die Sowjetpanzer die Proteste erstickten.
Den Vortritt im Erinnerungsreigen ließen die öffentlich-rechtlichen Programmplaner der MDR-Produktion "Tage des Sturms". Schließlich waren es die Ostdeutschen, die den Aufstand begannen und die unter seiner Niederschlagung leiden mussten.
Der MDR, das zeigt schon der Schauplatz des Films, hat den Auftrag zur Heimaterkundung ernst genommen: Sein 17.-Juni-Beitrag spielt in Bitterfeld und nicht in Berlin - also an einem Ort, von dem es keine historischen Aufnahmen aus dem Jahr 1953 gibt, nur mühsam zusammengetragene Dokumente und einige Erinnerungen von Zeitzeugen. Erschwerend kam hinzu, dass von der einstigen Industrielandschaft heute fast nichts mehr erhalten ist. So mussten der Regisseur Thomas Freundner und sein Team ins polnischoberschlesische Kattowitz ausweichen, um ein halbwegs authentisches historisches Ambiente mit dampfenden Lokomotiven und fünfziger-Jahre-düsteren Straßen einzufangen.
Mit der gleichen Sorgfalt wie bei der Rekonstruktion der Äußerlichkeiten bemühten sich die "Tage des Sturms"-Macher um ein glaubhaftes Drehbuch, das vom Schriftsteller Erich Loest und dem Produzenten Hans-Werner Honert stammt. Die Geschichte will möglichst unspektakulär daherkommen: So lässt die Bitterfelder Familie Mannschatz ihr bescheidenes Leben in kleinbürgerlichen Glücksmomenten aufstrahlen, wenn es Braten aus dem Karnickelstall gibt und ein Glas Obstwein.
Doch bald erweist sich die Idylle als trügerisch, die Verhältnisse verschlechtern sich und bringen selbst die Gutwilligen auf. Rentner Mannschatz (gespielt von Peter Sodann) ist so ein Gutwilliger, ein strammer Sozialist und alter Kämpfer, nur leider in der falschen Partei gewesen: in der SPD, die mit den Kommunisten seit 1946 zur SED zwangsvereinigt ist.
Mannschatz muss von einem alten Mitkämpfer, dem Stasi-Funktionär Pfefferkorn (ihm gibt Hans Peter Hallwachs die knorzige Attitüde eines Herrenreiters), erfahren, dass er nicht mehr als zuverlässig angesehen wird. Zum Vorsitzenden eines Veteranenvereins wird er nicht gewählt, seine Frau (TV-Star Thekla Carola Wied legt die Rolle ergraut und mit einer proletarischen Routine hin, als wäre sie 20 Jahre am Berliner Brecht-Ensemble in die Lehre gegangen) hat Scherereien, weil sie Kostüme für die evangelische Junge Gemeinde näht.
Die Probleme der Alten, die der Film ausbreitet, sind aber nur der Vorsturm zum eigentlichen Sturm des 17. Juni. Dort geht es um die katastrophale ökonomische Lage, in die die Arbeiter geraten sind. Ulbricht und seine Lakaien haben massiv Geld aus der Produktion abgezogen, um den Aufbau der Kasernierten Volkspolizei zu finanzieren.
Die SED-Führer kompensieren das nach Gutsherrenart: Sie verordnen erhöhte Normen, aber dafür soll es kaum einen Pfennig mehr in die Lohntüte geben. Hinzu kommt ein chronischer Materialmangel, der die Arbeiter zu unbezahlten Ruhepausen zwingt.
An der Ost-Berliner Baustelle der Stalinallee explodiert die Unzufriedenheit, und Streikaktionen breiten sich schnell über die gesamte DDR aus. Auch nach Bitterfeld ist die Welle geschwappt. Wie das genau geschieht, verschweigen der Film und das Drehbuch. Auch von den Diskussionen über das Mittel des Streiks im Sozialismus erfährt der Zuschauer leider nichts - dabei handelt es sich um ein innerhalb der Linken heikles Thema, sind doch die Arbeiter gemäß der Ideologie Besitzer der Produktionsmittel.
Der Film verlässt sich bei der Darstellung des Aufstands dann doch lieber auf das Gut-böse-Schema: hier die aufrechten Protestler, dort die bösen Feiglinge, Opportunisten und Denunzianten.
Was das linke Gewissen bedrängt, tragen die Alten unter sich aus: Pfefferkorn steht für unnachsichtige Strenge, ein Antifaschist, der am 17. Juni die Welt voller brauner Teufel sieht.
Alfred Mannschatz hat dagegen mehr Gespür für die neue Zeit. In seinem bei ihm lebenden Schwiegersohn (Wotan Wilke Möhring), der spontan von seinen Kollegen zum Streikführer ausgerufen wird, erkennt der Alte den neuen Menschen: einen furchtlosen Arbeiter, der mit dem 17.-Juni-Protest den wahren Sozialismus in Besitz zu nehmen versucht. Das sind die schönsten Momente von "Tage des Sturms", wenn Sodann mit verschmitztem, nach innen gekehrtem Lächeln seine Sympathie für den Jungen ausdrückt.
Der Sinn für die Stimmung in der Provinz ist die Zier dieses Films. Die Kamera blickt oft aus der Tiefe des Karnickelstalls auf die Welt und die Darsteller, nicht um im System Gefangene zu zeigen, sondern um Bodenhaftung zu vermitteln. Die für fast jede epische Annäherung an die Historie obligate Liebesgeschichte um die Mannschatzische Schwiegertochter (blond, unberechenbar und sinnlich: Franziska Petri) passt langohrenweich in den Film: Die Schöne will ihrem Mann nicht aufs platte Land nach Mecklenburg folgen, weshalb sie einem Jungingenieur vorübergehend schöne Augen macht. Dass gerade diese unschuldige Frau bei der Niederschlagung des Aufstands mit einer Bestrafung bezahlen muss, bringt bittere Feinheit in die Bitterfeld-Tragödie.
Schon eine Woche später ist ein TV-Produkt von ganz anderer, nämlich ungleich wilderer Machart zu sehen: das von Peter Keglevic inszenierte Melodram "Zwei Tage Hoffnung".
Da beide Filme in der ARD laufen, haben die Autoren von "Zwei Tage Hoffnung" und "Tage des Sturms" zuvor die Drehbücher des anderen gelesen. Das blieb Gott sei Dank folgenlos. Denn Keglevic und sein Produzent Nico Hofmann ("Der Tunnel") setzen auf Dramatik, auf den Aufruhr der Arbeiter ebenso wie auf den Aufruhr der Herzen. Ihre Geschichte spielt im geteilten Berlin, der Hauptarena des Kalten Krieges. Die Familie Kaminski ist in Ost und West geteilt. Helmut (Sebastian Koch), nach negativen Erfahrungen in der DDR, lebt im Westen und arbeitet als Journalist für den Rias. Sein Vater (Matthias Habich) und vor allem sein als Polit-Funktionär arbeitender Bruder Wolfgang (Hans-Werner Meyer) sind überzeugte Ostler.
Es sind zwei Hauptlinien, auf denen die Handlung den dramatischen Aktionen des 17. Juni zutreibt. Der Westbruder recherchiert seinem Ostbruder hinterher und bekommt heraus, dass der sich an einer Entführung von West-Berlin nach Ost-Berlin beteiligt hat. Die andere Handlungsebene ist die Unzufriedenheit, die sich an der Stalinallee ausbreitet und in die der Ostbruder und der Vater als Brigadeleiter hineingezogen werden.
Die Kunst des Films besteht - wie schon im "Tunnel" - in der geschickten Beschleunigung des Geschehens. Zur Entlarvung des Bruders kommt für den Westler Helmut auch noch der Kampf um die Liebe der Krankenschwester Angelika (Lisa Martinek), die er dem Ostbruder entreißt.
Der Zuschauer fühlt mit, wie die Uhr abläuft. Die Sowjets greifen ein, Blut fließt, und am Ende rennt die geteilte Familie um ihr Leben.
Es ist gleichsam die andere Seite der Wahrheit über den 17. Juni (und auch die Seite, die das geruhsamere Ostprodukt "Tage des Sturms" nicht zeigt): dass Geschichte eine Dramatik gewinnen kann, die alles mitreißt. Im rasenden Fluss der Bilder von Tränen und Trubel wird Geschichte zum Sprint: Wer kommt gerade noch rechtzeitig über die Sektorengrenze nach Westen? Wir erleben kein Erklärungsstück über historische Probleme, sondern eine - allerdings hinreißend inszenierte - Rettungsoper.
Aber wie war es wirklich am 17. Juni? Die dritte TV-Lektion erteilt Hans-Christoph Blumenberg am 3. Juni im ZDF mit dem Doku-Drama "Der Aufstand". Auch dieser Film unterscheidet sich von den beiden vorhergehenden grundlegend. Wie schon im "Deutschlandspiel" mischt Blumenberg fiktionale Handlung mit historischen Aufnahmen und Statements von Zeitzeugen. Ex-Rias-Redakteure wie Egon Bahr und Klaus Bölling erzählen von der Furcht der USA, der Aufstand könnte den Status quo zwischen Ost und West gefährden. Schauspieler stellen die historisch verbürgte Blindheit der DDR-Führung für die ökonomische Vernunft nach.
Blumenberg macht das Ausmaß der Tragödie des 17. Juni außenpolitisch sichtbar. Der Aufstand der Empörten blieb isoliert, er störte die Alliierten, er schien Adenauers Politik der Westintegration zu behindern, er wurde bald in einen Kokon pathetischer Rhetorik eingewebt und als Feiertag entsorgt. Er kam, wie das Spontane meistens, zur Unzeit. Dabei gehört der 17. Juni zu den eher raren Ereignissen, auf welche die Deutschen stolz sein können - handelte es sich doch nach Meinung fast aller Historiker tatsächlich um eine Erhebung für die Demokratie. NIKOLAUS VON FESTENBERG
DER SPIEGEL 19/2003
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