Von Bornhöft, Petra und Schäfer, Ulrich
Wenn Rezzo Schlauch über seinen obersten Dienstherrn, den "Superminister", redet, dann klingt alles super: Wolfgang Clement sei ein "sehr angenehmer Chef", der ihm, dem grünen Fremdling im Bundeswirtschaftsministerium, große Freiheiten gewähre. "Sehr, sehr große Freiheiten" sogar.
Und "Freiheit ist immer richtig", wusste schon Ludwig Erhard, der Vater des deutschen Wirtschaftswunders. Freiheit sei die entscheidende Voraussetzung für das "Glück des deutschen Menschen".
Kann es also einen glücklicheren Menschen geben als Schlauch, der als Parlamentarischer Staatssekretär in jenem Ministerium dient, das einst Erhard führte? Der zudem einen zweiten - noch imposanteren - Titel trägt: "Beauftragter der Bundesregierung für den Mittelstand"? Der in einem luftigen Berliner Altbau-Büro mit Stuckdecke residieren darf? Der Monat für Monat mit insgesamt rund 17 000 Euro für den Tagesstress entschädigt wird?
Am Freitag vergangener Woche hockte Schlauch im Stuttgarter Landtagsrestaurant "Plenum" und blickte in ein halbes Dutzend Fernsehkameras. Glücklich sah er nicht aus. Eher genervt.
Er sollte sich erklären. Warum hat er seine "Dienstreise" nach Amerika für einen ausgedehnten privaten Abstecher nach Los Cruces im US-Bundesstaat New Mexico genutzt und dort seinen Bruder besucht?
Der Mittelstandsbeauftragte, zu dessen vornehmsten Aufgaben es gehört, den Wohlstand für alle zu mehren, konnte die Aufregung nicht verstehen. Was hatte er schon getan? Doch nichts anderes, als in einer "wirklich engagierten Reise" das deutsch-amerikanische Verhältnis zu kitten: in "über 30 Gesprächen und Einzelterminen" im Silicon Valley und Santa Fé, in Detroit, Chicago und Washington. Sogar Chrysler-Chef Dieter Zetsche hat Schlauch getroffen.
Und nicht nur das. Jetzt will er zwei amerikanischen Firmen helfen, sich in Deutschland anzusiedeln. Das Rezzo-Intermezzo - so die eigentliche Botschaft für die Kameras - schafft Arbeitsplätze.
Kurz darauf saß der Herr Staatssekretär in einem Hinterzimmer, verschränkte die Arme hinterm Kopf und gab sich als ein Mann, der gelernt hat. Aus der Aufregung um seinen letzten Osterurlaub zum Beispiel. Schlauch, damals noch Fraktionsvorsitzender der Grünen, hatte sich mit dienstlich erflogenen Bonusmeilen First Class nach Thailand abgesetzt.
Auch deshalb verlor er nach der Wahl seinen Posten als Fraktionschef, wurde aber gut dotiert mit seinem jetzigen Job entschädigt, wo er bisher nicht sonderlich aufgefallen ist. "Der ist für uns nicht wichtig", sagt der Präsident eines führenden Wirtschaftsverbandes. Schlauch hat schließlich andere Sorgen.
Vor allem: Wie kann er verhindern, dass ihm so etwas wie die Bonusmeilenaffäre noch einmal passiert: "Natürlich wollte ich meinen damaligen Fehler nicht wiederholen."
Sorgfältig bemühte er sich deshalb, dem nächsten Osterurlaub - beim Bruder in New Mexico - den Anstrich äußerster, dienstlicher Korrektheit zu geben. Freiwillig verzichtete er auf die First Class und gab sich mit der Business Class zufrieden. Sodann habe er mehrmals im Ministerium "mündlich nachgefragt", ob er den privaten Besuch und die dienstlichen Termine koppeln könne. "Die haben mir ein Okay gegeben", sagt er.
Um auf jeden Fall auf der richtigen Seite zu stehen, bat sein Büro sicherheitshalber zwei Tage vor Abflug die Reisestelle des Wirtschaftsministeriums schriftlich, "die Privatanteile der Reise zu bestimmen, diese Herrn Schlauch mitzuteilen, bei der Reisekostenabrechnung zu berücksichtigen bzw. in Rechnung zu stellen". Mit diesem Vermerk, sagt Schlauch, habe er "nur dokumentieren wollen, dass alles ordnungsgemäß läuft". Doch wie viel private Unterbrechungen verträgt eine Reise, die laut Anfrage "in erster Linie dienstlicher Natur" ist? Das soll sich auch Schlauchs Dienstherr Wolfgang Clement gefragt haben.
Daheim in Baden-Württemberg kochte derweil die Volksseele, die virtuelle zumindest. "Rezzo, alter Schmarotzer, bezahl deine Rechnungen doch mal selber", schrieben Besucher ins Gästebuch seiner Homepage, ehe viele der kritischen Kommentare vom Webmaster gelöscht wurden.
Schlauch ist sich keiner Schuld bewusst. Immerhin hatte er an 10 von 20 Reisetagen wichtige Termine. Auf der Luftwaffenbasis Alamogordo etwa, wo er deutsche Soldaten besuchte. Oder bei Bill Richardson, dem Gouverneur von New Mexico, um über "verstärkte Investitionen in der Tourismuszusammenarbeit" zu sprechen. "Das Ding riecht", kommentiert ein Kabinettsmitglied die Reiseaktivitäten von Schlauch, der das natürlich anders sieht.
Die Übernachtungen in Santa Fé werde er aus eigener Tasche bezahlen, versichert er. Auch in Chicago seien, obwohl er dort dienstlich unterwegs war, keine Übernachtungskosten für das Ministerium entstanden; Rezzo nächtigte privat.
Doch ausgerechnet beim teuersten Teil der Reise, den Transatlantikflügen, bleibt er stur. Nein, die werde er nicht bezahlen, auch nicht teilweise. Denn: "Alle Flüge waren dienstlich initiiert." Mal abgesehen davon, dass ihn bisher niemand aufgefordert habe, die Flüge selbst zu bezahlen.
Für das Wirtschaftsministerium scheint der Fall nicht ganz so klar zu sein: "Eine Dienstreise", teilte eine Sprecherin am Freitag mit, "besteht aus Vorbereitung, Durchführung und Abrechnung. Wir sind noch nicht am Ende dieses Prozesses angelangt." PETRA BORNHÖFT, ULRICH SCHÄFER
DER SPIEGEL 19/2003
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