05.05.2003

POP„Ich bin Amerikas Alptraum“

Der Rockmusiker Marilyn Manson, 33, über seine Schock-Kunst, kreative Selbstzensur in den USA und seine neue CD
SPIEGEL: Mr. Manson, Sie sind dank Ihres wüsten Auftretens der umstrittenste Rockstar der USA. Wieso stellen Sie Ihr neues Album ausgerechnet in Berlin vor?
Manson: Ich liebe diese Stadt der Extreme, sie ist wunderbar, geheimnisvoll und gefährlich. Berlin ist wie Hollywood - ein sehr existenzialistischer Ort.
SPIEGEL: Vor allem aber einer, an dem Sie kaum Protest zu befürchten haben - gegen Ihre Songs oder dagegen, dass Sie im Michael-Moore-Film "Bowling for Columbine" heftig Amerika kritisiert haben. Ist es angesichts der derzeitigen Atmosphäre in den USA eine gute Idee, gerade jetzt ein neues Album herauszubringen - schließlich mussten sich Kollegen wie Madonna oder die Dixie Chicks wegen vermeintlich unpatriotischer Umtriebe öffentlich entschuldigen?
Manson: Ich finde, es ist genau die richtige Zeit. Nie zuvor in meiner Karriere habe ich mich so stark kreativ gefordert gefühlt. Die momentane Stimmung in den USA erinnert mich an die Art, wie in Deutschland vor gar nicht so langer Zeit mit so genannter entarteter Kunst umgegangen wurde. Doch Gefahr und Angst bringen häufig große Kunst hervor. Die schlimmste Form der Zensur in Amerika ist zurzeit die Selbstzensur. Immer weniger Menschen haben den Mut, ihre Meinung öffentlich zu sagen. Aus Angst vor Repressalien.
SPIEGEL: Welche Repressalien haben Sie erlebt?
Manson: Es wurde immer wieder versucht, meine Auftritte zu verhindern oder meine Platten aus dem Radio zu verbannen.
SPIEGEL: Mit Ihrem besonnenen und eloquenten Auftritt in Moores Oscar-prämiertem Film haben Sie selbst viele Ihrer Fans überrascht. Sind Sie stolz darauf?
Manson: Ich sehe es als meine Aufgabe an, alle Vorstellungen, die sich die Menschen von mir machen, permanent ad absurdum zu führen. Hier in Berlin zum Beispiel stelle ich Aquarelle aus - und auch dadurch irritiere ich viele meiner Fans. "Bowling for Columbine" ist ein sehr wichtiger Film, doch ich habe in Moores Interview nichts anderes gesagt als bei zahlreichen Gelegenheiten zuvor. Aber ich gebe zu: Es entbehrt nicht der Ironie, dass ich neuerdings unter amerikanischen Linken und bei vielen Europäern als "guter" Amerikaner gelte. Ich bin bestimmt kein besonders liebenswürdiger oder vorbildlicher Mensch.
SPIEGEL: Heißt das, Sie finden es in Ordnung, dass Ihnen zumal in den Vereinigten Staaten viele Menschen mit Hass begegnen?
Manson: Liebe und Hass - ich glaube, es ist beides zu gleichen Teilen. Und das belegt für mich den Erfolg meiner Arbeit. Ich repräsentiere gleichermaßen den amerikanischen Traum und Alptraum - so wie Marilyn Monroe und Charles Manson. Jede Gesellschaft braucht eine Figur wie mich, die alles in Frage stellt; eine ureigene, atmende Verkörperung des Teufels. Ich habe diesen Part mit Begeisterung übernommen.
SPIEGEL: Aber unter der Maske sind Sie dann doch ein braver, friedliebender Mann?
Manson: Ich halte nichts von Friedensliedern und Demonstrationen, wenn Sie das meinen. Es ist viel effektiver, eine aufrüttelnde künstlerische Vision zu präsentieren. Das versuche ich mit dem neuen Album "The Golden Age of Grotesque". Ich sehe meine Arbeit wie die Gemälde von Hieronymus Bosch - eine verschlungene Zurschaustellung von Gewalt, deren Schrecken immer auch Erlösung beinhaltet.
SPIEGEL: Warum reagieren Amerikaner stärker auf Ihre Provokationen als Europäer?
Manson: Weil sie meine extreme Kunst direkt auf sich beziehen. Sie wirkt wie ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Europäer reagieren auch heftig auf mich, aber für sie bleibe ich immer auch ein Exot - und sie scheinen einen besseren Sinn für die ironischen und satirischen Elemente meiner Arbeit zu haben.
SPIEGEL: Und doch halten auch hier viele Ihren Mummenschanz für gefährlich.
Manson: Das einzig Gefährliche daran ist, dass ich mein Publikum zu freiem Denken motiviere und es möglicherweise inspiriere.
SPIEGEL: Sorgt sich Ihre Plattenfirma, dass Ihr neues Werk boykottiert werden könnte?
Manson: Nein, Ärger gab es nur mit einem Cover-Entwurf des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein. Er hatte ein Foto von mir im Stil von Mickey Mouse bearbeitet, aber die Plattenfirma hatte zu viel Angst vor Disney - und davor, dass große Händler das Album nicht in ihre Läden nehmen würden. Es ist schon lustig, wie viel Wirbel man in den USA mit ein wenig Schminke und zwei großen Ohren erzeugen kann. Amerikaner mögen es nicht, wenn man ihre Ikonen verunstaltet.
SPIEGEL: Helnwein gilt wie Sie als Provokateur des Kulturbetriebs - haben sich da zwei verwandte Seelen getroffen?
Manson: Ein Künstler, der nicht provoziert, wird unsichtbar. Kunst, die keine starken Reaktionen auslöst, hat keinen Wert. Helnwein hat das verinnerlicht und entspricht damit genau dem Kern meiner Musik. Unsere Zusammenarbeit erschöpft sich nicht darin, dass ein Künstler einem Musiker ein Cover für sein Album malt. Wir schaffen zusammen Kunst, die unseren Gemütszustand wiedergibt.
SPIEGEL: Helnwein sagt, Sie seien ähnlich einsam wie er.
Manson: Ganz bestimmt. Es ist übrigens nicht nur schön, sondern auch befremdlich, jemanden zu finden, der tatsächlich das Gleiche liebt wie man selbst. Ich bin gewohnt, für meine Ideen verurteilt zu werden - und plötzlich ist da jemand, der mich auf Anhieb versteht. Ich war nie ein geselliger Mensch. Das ist einer der Gründe, warum Leute wie ich Entertainer werden - weil sie anders nicht kommunizieren können.
INTERVIEW: JÖRG BÖCKEM, CHRISTOPH DALLACH
Von Jörg Böckem und Christoph Dallach

DER SPIEGEL 19/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 19/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POP:
„Ich bin Amerikas Alptraum“

Video 00:54

Atemberaubende Aufnahmen Taucher wehrt Tigerhai ab

  • Video "Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn" Video 01:54
    Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn
  • Video "Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang" Video 02:45
    Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang
  • Video "Nach Freilassung von Deniz Yücel: Es bleibt ein bitterer Beigeschmack" Video 02:02
    Nach Freilassung von Deniz Yücel: "Es bleibt ein bitterer Beigeschmack"
  • Video "Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem Penis-Park auf sich hat" Video 02:28
    Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem "Penis-Park" auf sich hat
  • Video "Schwerer Erdrutsch in Rom: Straße bricht weg - Autos stürzen in die Tiefe" Video 00:54
    Schwerer Erdrutsch in Rom: Straße bricht weg - Autos stürzen in die Tiefe
  • Video "Seltene Aufnahmen: Oktopus beim Schlüpfen gefilmt" Video 00:35
    Seltene Aufnahmen: Oktopus beim Schlüpfen gefilmt
  • Video "Schock-Moment in Mailand: Teenager rettet Kleinkind von den Gleisen" Video 00:51
    Schock-Moment in Mailand: Teenager rettet Kleinkind von den Gleisen
  • Video "Schulschießerei in Florida: Er war vorbereitet" Video 01:49
    Schulschießerei in Florida: "Er war vorbereitet"
  • Video "Invasion auf kleinen Beinen: Otterfamilie im Wohngebiet" Video 00:39
    Invasion auf kleinen Beinen: Otterfamilie im Wohngebiet
  • Video "Dramatisches Video: Flugzeug verliert Teile des Triebwerks" Video 01:13
    Dramatisches Video: Flugzeug verliert Teile des Triebwerks
  • Video "Seidlers olympischer Selbstversuch: Wiiiiiiischhääääääääään! Jeeeeeeeeeeetzt!" Video 05:38
    Seidlers olympischer Selbstversuch: "Wiiiiiiischhääääääääään! Jeeeeeeeeeeetzt!"
  • Video "Amateurvideo: Was passiert, wenn man auf ein vereistes Trampolin springt" Video 01:22
    Amateurvideo: Was passiert, wenn man auf ein vereistes Trampolin springt
  • Video "SPD und CSU am Politischen Aschermittwoch: Hustenanfälle und Linke Spinner" Video 02:11
    SPD und CSU am Politischen Aschermittwoch: Hustenanfälle und "Linke Spinner"
  • Video "Der Tag bei Olympia: Deutschland sammelt weiter Gold" Video 02:54
    Der Tag bei Olympia: Deutschland sammelt weiter Gold
  • Video "Olympia-Slapstick in Südkorea: Was Athleten abseits der Piste so treiben" Video 01:02
    Olympia-Slapstick in Südkorea: Was Athleten abseits der Piste so treiben
  • Video "Atemberaubende Aufnahmen: Taucher wehrt Tigerhai ab" Video 00:54
    Atemberaubende Aufnahmen: Taucher wehrt Tigerhai ab