19.05.2003

KIRCHE

Unbarmherzige Schwestern

Von Wensierski, Peter

Priester und Nonnen misshandelten in den fünfziger und sechziger Jahren Tausende Jugendliche, die ihnen in Heimen anvertraut waren. Die damals Betroffenen wollen den Skandal nun aufklären, stoßen aber auf eine Mauer des Schweigens.

Die Umerziehung zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft begann mit einer Lüge, im Namen des Herrn.

Im Fond des Autos, erinnert sich Gisela Nurthen an jenen Tag im Frühjahr 1961, habe eine fremde Frau gesessen und ihr gesagt: "So, jetzt machen wir einen kleinen Ausflug nach Dortmund, da triffst du viele Mädchen in deinem Alter, es wird dir sicher gefallen."

Gisela Nurthen, damals gerade 15, glaubte ihr und stieg ein. Die Fahrt von Detmold nach Dortmund war kurz, dann hielt der Wagen in der Oesterholzstraße 85 vor einem düsteren Ziegelsteinbau, umgeben von hohen Mauern. Eine Nonne führte das Mädchen in einen Raum, in dem es in wadenlange graue Heimkleidung gesteckt wurde. Der Blick nach draußen war ebenso trist: An den Fenstern fehlten die Griffe, Gitter markierten das Ende aller Sehnsüchte. Aus einer Ecke drang leiser Kirchengesang.

Der Teenager hatte verstoßen gegen Sitte und Anstand, wie sie die junge und prüde Bundesrepublik damals definierte. Trotz des Verbots ihrer allein erziehenden Mutter war Gisela tanzen gegangen, hatte sich am Ende nicht nach Hause getraut, war mit einem Jungen nach Hannover gefahren und am nächsten Morgen beim Versuch, zurückzutrampen, von der Polizei aufgegriffen worden. Nur 24 Stunden später hatte sie der Vormund beim Jugendamt, "weil weitere Verwahrlosung droht", in das Dortmunder Heim geschickt - geleitet von den "Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul".

So begannen zwei unbarmherzige Lebensjahre, die der erwachsenen Frau noch heute zu schaffen machen. Zwei Jahre lang war das junge Mädchen mitten in Dortmund eine Gefangene, ohnmächtig gegenüber einem perfiden Repressionssystem frommer Schwestern, mit Prügel gezwungen zu Gebet, Arbeit und Schweigen.

Giselas Schicksal teilten in den Anfangsjahren des Wirtschaftswunderlandes viele Gleichaltrige. 1960 trimmten katholische und evangelische Erzieher in rund 3000 Heimen mit 200 000 Plätzen die ihnen Anvertrauten. Sobald sich die Tore der konfessionellen Besserungsanstalten hinter ihnen schlossen, mussten viele von ihnen schmerzhaft erfahren, was damals Buße bedeutete: Misshandlungen, Ungerechtigkeiten, soziale Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen im Namen Gottes und der Kirche, die bis heute unangeklagt und damit ungesühnt sind.

Erst ein Kinofilm beendete die Sprachlosigkeit der Opfer: "The Magdalene Sisters" des britischen Regisseurs Peter Mullan über die Demütigungen und Qualen "gefallener Mädchen" in katholischen Magdalenen-Heimen Irlands. Der Film ermutigte Gisela Nurthen und viele andere einst Weggesperrte, ihr jahrzehntelanges Schweigen über die deutschen Verhältnisse zu brechen: "Die Betreiber der Heime, die Frauen- und Männerorden, die Verantwortlichen in Jugendämtern und Kirchen sind uns noch was schuldig."

Viele ehemalige Heimkinder verstanden die Botschaft des Films, begriffen, dass die Traumata ihrer Kindheit auch deshalb oft noch heute andauern, weil es hier zu Lande kein breites öffentliches Bewusstsein, keine Aufarbeitung ihres Schicksals gegeben hat. Jetzt wollen sie reden über jene, die sie heute noch in ihren Träumen verfolgen und die der deutsche Filmtitel benennt: "Die unbarmherzigen Schwestern".

In Amerika und England verlangen seit kurzem ehemalige Opfer katholischer Heime Entschuldigung und Wiedergutmachung. Sollten sich auch die deutschen Heimkinder dazu entschließen, müssen sie sich wohl auf einen schweren Kampf gegen die Institution Kirche einrichten. Der Vatikan reagierte bislang ähnlich abweisend wie vor zehn Jahren, als die ersten Missbrauchsvorwürfe gegen Priester laut wurden. Und bei der Deutschen Bischofs-

konferenz, den Ordensgemeinschaften, bei Caritas und Diakonie will man angeblich nicht wissen, was jahrzehntelang unter ihrer Verantwortung geschehen ist.

Dabei liegen die letzten dieser Fälle gar nicht so lange zurück. So wurden Kinder im "St. Joseph-Haus" in Seligenstadt noch 1992 blutig geschlagen. Und im katholischen Stift zu Eisingen bei Würzburg wurden sie noch im Jahr 1995 beispielsweise zur Strafe in Badewannen mit kaltem Wasser gesteckt.

Doch vor allem von 1945 bis etwa 1970 wurden die schlimmsten Pädagogikvorstellungen der Nazi-Zeit in der kasernierten Fürsorgeerziehung nahezu ungebrochen fortgesetzt. Erst die "Heimkampagne" der Apo und vereinzelte, auch von Ulrike Meinhof unterstützte "Befreiungsaktionen" leiteten Reformen ein.

Auf einer Tagung über katholische Heimerziehung beschrieb 1959 der Frankfurter Jesuitenpater Karl Erlinghagen seinen Brüdern und Schwestern Erziehern, mit wem sie es in den Heimen zu tun hätten: "Die Menschen, die Sie vor sich haben, seien sie nun Psychopathen, seien sie kriminell, seien sie irgendwie sinnesgeschädigt, auch ganz normal, diese Menschen leiden unter dem gleichen Fluch der Erbsünde, unter dem die ganze Menschheit leidet."

Den Fluch der Erbsünde bekämpften die unbarmherzigen Schwestern in Dortmund vor allem mit akkordähnlicher Arbeit. Gisela Nurthen wurde schon bald in jenen Trakt beordert, in dem Dutzende Mädchen mit gesenktem Blick nähten und stopften, wuschen, mangelten und bügelten. Dabei herrschte Sprechverbot, nur Marienlieder waren erlaubt. Arbeitsbeginn war sechs Uhr. Bis zu zehn Stunden schuftete die 15-Jährige fortan im immer gleichen Takt - erst beten, dann mangeln.

Schon die geringsten Verfehlungen, erinnert sich die Frau, hätten Schläge oder andere Bestrafungen durch die Nonnen nach sich gezogen. "Wir wurden nummeriert und durften nur in Zweierreihen durchs Haus marschieren - zur Kirche, zur Toilette, zum Essen." Als sie im Schlafraum ein Elvis-Lied summte, musste Nurthen zur Einzelhaft in die "Klabause", eine Isolationskammer mit Pritsche und Eimer. Dem Essen wurden Medikamente untergemischt - welche das waren, hat sie nie erfahren.

Die hauseigene Großwäscherei war für die Schwestern ein lukratives Geschäft. Die Arbeit bringe, so der "Kirchliche Anzeiger", einen "nicht unerheblichen Teil" der Kosten ein. Dortmunder Hotels, Firmen, Krankenhäuser und viele Privathaushalte zahlten gut - und fragten nicht, wer da fürs Reinwaschen missbraucht wurde. "Die Kunden bekamen uns nie zu sehen, es gab einen Abholraum, zu dem war uns der Zutritt streng verboten." Lohn für die Mädchen gab es keinen, nicht mal Taschengeld - und als Folge auch keinen Rentenanspruch für diese Jahre. "Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter", sagt Gisela Nurthen. "Mein Platz war an der großen Heißmangel. Das stundenlange Stehen in großer Hitze, das ständige Falten großer Bettwäsche ließ sämtliche Glieder schmerzen. In Zweierreihen trotteten wir abends schweigend in den Gängen zurück wie geprügelte Hunde."

"Jede Minute des Tages wurden wir bewacht, auch während des Entkleidens zur Nacht, jede Schamgrenze wurde verletzt. Sie spielten mit Schlüsseln oder Rosenkränzen und fixierten unsere jungen Körper." Die "Barmherzigen Schwestern" referierten dann gern darüber, wie man sich wirklich "unten reinwäscht", und kontrollierten es auch.

Den jungen "Sünderinnen" wurden immer wieder die heiligen Vorbilder vor Augen geführt, die "Blutmale der heiligen Therese von Konnersreuth", Märtyrer, die lieber Folter ertrugen, als sich vom Glauben abzuwenden, oder die heilige Agnes, die sich geopfert habe, um ihre "Unversehrtheit" zu bewahren.

In ihrer Not empfanden es die Jugendlichen schon als Wohltat, zur Arbeit in die Großküche im Keller abkommandiert zu werden. "Das war der Traum aller, denn dort hielten sich die wenigsten Nonnen auf. Man konnte miteinander flüstern, wenigstens bis man die rasselnden Schlüsselbunde der verhassten Spitzhauben hörte", erzählt Gisela Nurthen.

Aber fast immer sei es um das alltägliche Elend gegangen, um geplante Ausbrüche, um Selbstmordversuche, etwa mit geschmuggelten Scheren aus der Nähstube oder Messern aus der Küche, um Sprünge aus den Fenstern oder auch um tatsächliche Suizide.

Es gibt heute kaum noch zugängliche Unterlagen über die düstere Realität in den Erziehungsheimen, die so friedfertige Namen trugen wie "Jugendheim Marienhausen" oder "Zum guten Hirten". Der Münchner Monsignore Alois Hennerfeind pries 1959 das Engagement der katholischen Drillmeister euphemistisch: "Welch unendlicher Wert an Liebe ist in den 22 400 Personen dargestellt, die in unseren 1500 Heimen Tag für Tag erzieherisch wirken."

Während die Deutschen unter Konrad Adenauer und Ludwig Erhard draußen neue Freiheit und Wirtschaftswunder erlebten, verbrachten von 1945 bis 1970 schätzungsweise eine halbe Million Kinder und Jugendliche ihre besten Jahre in solchen Anstalten.

"Wer damals misshandelt und in vielen Fällen auch sexuell missbraucht wurde, hat es später in seinem Leben mitunter weitergegeben", sagt der Aachener Herbert Kersten. In dieser Hinsicht hätten sich "die Ordensmänner und -frauen eigentlich am meisten schuldig gemacht".

Kersten gehört zu einer Gruppe von rund 25 ehemaligen Bewohnern des Eschweiler Kinderheims. Sein Bruder, ebenfalls ein Heimkind, wurde als Erwachsener zum Sexualstraftäter. Weil er glaubte, immer nur rückfällig werden zu können, brachte er sich 1998 um. "Daran sind die Nonnen schuld", habe sein Bruder im letzten Gespräch mit ihm geklagt, ehe er aus dem Fenster sprang, sagt Kersten.

Nur vereinzelt waren bisher Täter von damals bereit, mit ihren Opfern zu sprechen. Eine Dernbacher Nonne vom Orden der "Armen Dienstmägde Jesu Christi", die in verschiedenen katholischen Heimen gearbeitet hatte, ließ sich auf das Wiesbadener Ex-Heimkind Alexander Homes ein, als dieser für sein Buch "Gottes Tal der Tränen" recherchierte.

Sie gab zu, mit ihren Mitschwestern "im Namen Jesu Christi" Kinder körperlich

und seelisch gequält, gedemütigt und bestraft zu haben: "Auch ich fing an, Kinder zu schlagen, zu bestrafen. Und ich wusste - wie alle anderen Nonnen und Erzieher auch -, dass die Kinder sich nicht wehren konnten. Sie waren uns, unseren Launen, unserer Macht hilflos ausgeliefert."

Man habe bei den Kindern eine große Angst verbreitet, die "ihre Seele und ihren kleinen Körper und ihr junges Leben" beherrschte. Als Unterdrückungsinstrument habe der Glaube gedient. "Durch die Drohung mit Gott", gestand die Schwester, "hatten wir die Kinder unter Kontrolle, auch ihre Gedanken und Gefühle."

Ein Entkommen war kaum möglich. "Nach draußen sind die Türen zu", beschreibt der "Kirchliche Anzeiger" in seiner Weihnachtsausgabe von 1964 vieldeutig das Dortmunder St. Vincenzheim. Und sagt auch ungeniert, warum: Die Mädchen seien "zu schwach für die Freiheit". Ihnen seien "Verantwortung und Pflicht fremde Begriffe", hier würden sie endlich "ordnende Maßstäbe" erfahren. Bei den Eingesperrten entlud sich die Wut über die Unterdrückung mitunter in Verzweiflungstaten. So würgte 1961 eine 18-Jährige die Wachhabende mit den Händen, um an Schlüssel für die Flucht zu kommen.

Heute sind in den meisten dieser Häuser die Spuren der Vergangenheit wegrenoviert, sowohl bei den Fassaden als auch in der Geschichtsschreibung. In Jubiläumsbroschüren wird die Zeit gern übersprungen, und in Ordnern existieren nur noch selten Aktenvermerke oder Fotos, die die dunklen Kapitel belegen könnten.

Der Aachener Jürgen Schubert - bis zum 18. Lebensjahr im St. Johannesstift in Marsberg/Sauerland, das die Barmherzigen Vincenz-Schwestern aus Paderborn unterhielten - scheiterte beim Versuch, seine früheren Peiniger zu verklagen. Er sagt: "Ich wurde immer wieder misshandelt, mit Fäusten und schweren Gegenständen traktiert." Aber es gab keine gerichtsverwertbaren Beweise. Die Nonnen ließen ihn nicht in ihr Archiv.

Auch Gisela Nurthen hat sich vergebens bemüht, irgendeine Spur ihrer Leidenszeit im Dortmunder Vincenzheim zu finden. Die Akten der beteiligten Institutionen - vom Jugendamt bis zum Vormundschaftsgericht - sind unauffindbar oder vernichtet worden.

Nur im Paderborner Mutterhaus der "Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul", die sich Ende 1994 aus der Erziehungsarbeit zurückzog, könnten sich womöglich noch Unterlagen finden lassen. Doch hinter den dicken Mauern dürfen, so eine Order von Generaloberin Schwester Mediatrix, Interessierte nur bis ins Besucherzimmer. Dort führt dann Sprecherin Schwester Gabriele ein ganz besonderes Schweigegelübde vor.

"Wir haben keine Akten", wiederholt Schwester Gabriele nur monoton das Credo des Ordens. "Unsere alten Schwestern, die in den Heimen waren, wollen heute in Ruhe gelassen werden, die möchten wir nicht mehr in solche Gespräche einbeziehen." Schwester Gabriele war in den achtziger Jahren selbst in leitender Stellung im Dortmunder Vincenzheim und will angeblich nichts über die Jahre davor wissen. Eine Auseinandersetzung über die Zustände in den Heimen der Vincentinerinnen fand nicht statt. "Darüber haben wir nie gesprochen. Es hat uns ja auch bis heute keiner gefragt."

Auch viele der ehemaligen Heimkinder haben die schlimmen Jahre einfach nur vergessen wollen. Manche verschwiegen sie selbst dem Lebenspartner und den Kindern - wie Marion L., heute 49 Jahre alt.

"Ich hatte eine große Scham, darüber mit jemandem zu sprechen", berichtet sie. "Selbst meinem Sohn habe ich es lange Zeit verschwiegen, auch bei Nachfragen." Dabei hatte der Sohn Gründe nachzubohren: Schreie der Mutter in der Nacht, ihre unmotivierten Gefühlsausbrüche, eine lebenslange Tablettensucht als Folge der dem Essen beigemischten Medikamente, mit denen Kinder ruhig gestellt worden waren.

Marion L. lebte in kirchlichen Heimen, bis sie 19 wurde, im Paderborner "Erzbischöflichen Kinderheim" der Vincentinerinnen und in einem Diakonissen-Heim im westfälischen Scherfede. Dort, erinnert sie sich, zischten allabendlich die Weidenruten auf die Kinder nieder, die vor dem Prügelzimmer wegen ihrer tagsüber begangenen "Verfehlungen", zu denen schon das Bohren in der Nase zählte, Schlange stehen mussten.

Marion und viele der hundert anderen Heimkinder wurden immer wieder eingesperrt in eine heute noch erhaltene Dachbodenabseite. Im Zwielicht der Kammer entwarf sie schon als Zwölfjährige wiederholt Selbstmordpläne. Einmal versuchte sie, vom Balkon zu springen, ein andermal legte sie sich auf die Gleise - und rollte dann doch beim Geräusch des nahenden Zuges zur Seite. "Ich wollte einfach nur noch, dass alles aufhört, denn die frommen Schwestern haben uns Kinder nicht als Menschen behandelt."

Weil ihre Mutter eine Affäre mit einem Ausländer verleugnen wollte, war Marion bereits mit sechs Monaten ins Heim gekommen. Den Vormund, der das entschied, hat sie niemals zu Gesicht bekommen. Sie nennt ihn einen "Schreibtischtäter", mitschuldig an einem System der unkontrollierten Kindesmisshandlung durch die vereinte Staats- und Kirchenmacht.

Jugendliche wie Gisela und Marion wurden auch Opfer eines letzten wertkonservativen Aufbäumens der bundesdeutschen Gesellschaft für Zucht und Ordnung. Nachbarn oder Lehrer dienten den Jugendämtern als Denunzianten, meldeten etwa den "unordentlichen Lebenswandel" junger Töchter allein erziehender Mütter. Die Einweisungsgründe hießen: Herumtreiberei, Arbeitsplatzwechsel, Schuleschwänzen, Renitenz, sexuell haltlos.

Der verbissene Kampf gegen die Jugendkultur von Rockmusik, Minirock und Opposition, erfuhr Gisela Nurthen schon bei ihren ersten Recherchen, forderte viele Opfer - "von denen die meisten, heute um die 50 Jahre alt, im Leben beeinträchtigt wurden".

Kaum dem Dortmunder Vincenzheim entkommen, siedelte sie mit 21 Jahren sofort in die Vereinigten Staaten um, "nur weg von Deutschland". Erst vor wenigen Jahren kam sie nach Westfalen zurück. Auf Arbeits- und Sozialämtern, in Therapie- und Selbsthilfegruppen traf sie ehemalige Heimkinder, die nach und nach bereit waren, offen über ihr Schicksal zu sprechen. Gemeinsam wollen sie nun die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit suchen.

Dass dies auch neue Demütigungen bedeuten kann, hat Gerald H., 53, gerade erst erfahren. Ihn hatten seine christlichen Erzieher im Salvator-Jugendheim im westfälischen Hövelhof 1970 sechs Wochen lang in einen dunklen Bunker gesperrt. Der Jugendliche hatte versucht, dem Arbeitszwang, den ständigen Schlägen und Demütigungen der Salvatorianer-Brüder durch einen Fluchtversuch zu entgehen.

Gerald H. will endlich über diese Zeit mit den verantwortlichen Kirchenleuten sprechen. Er hofft auf eine kleine Geste der Entschuldigung, der Wiedergutmachung. Ein Bruder Martin, erinnert er sich, habe ihn und die anderen ganz besonders sadistisch gequält. Doch Bruder Martin ruht heute auf dem Friedhof des Ordens.

Zum ersten Mal seit 33 Jahren wagte sich der Schweißer Ende März wieder in das Salvator-Haus hinein. Die Baracken, in denen er einst schuftete, sind vollkommen renoviert. Der heutige Heimleiter, Franz-Josef Vullhorst, erlaubte ihm den Zutritt nur bis zur Pforte. Bunker und Schlafräume blieben tabu, "weil wir hier immer noch Kinder haben, da kann man nicht einfach so reingehen". Vullhorst ließ sich immerhin zur Aktensuche im Archiv überreden - und förderte dabei einen nicht vernichteten Ordner zu Tage.

Gerald H., der kurz darin blättern durfte, war fassungslos. Die Akte enthält ein Foto von ihm, als er 18 war. Es prangt auf einem Formular, auf dem fett gedruckt "Beobachtungsbogen" steht. Rund 100 Dokumente zeigen, wie nichtig damals die Gründe für seine Heimeinweisung waren. Obendrein gibt es Originale von Briefen, die er im Heim an seine Mutter schrieb, die aber offenbar von den Salvatorianer-Brüdern abgefangen wurden, ebenso liebevolle Briefe seiner Mutter, die ihm nie ausgehändigt wurden.

Auch eine Art Gutachten seines letzten Lehrers findet sich. Der schrieb: "Wenn Gerald nun in ein gutes Milieuumfeld hineinkommt, hat er alle Chancen, ein gutes und erfolgreiches Leben zu führen."

Gerald H. weinte, der Heimleiter guckte betreten und nahm ihm die Akte wieder ab. Er verlangte einen "ordentlichen" Antrag auf Akteneinsicht. Gerald H. stellte ihn an Ort und Stelle schriftlich.

Am nächsten Tag wurde der Heimchef vom Hausjuristen der Caritas in Paderborn gerüffelt. Die Einsicht in die Akte "hätte nicht geschehen dürfen", sagte der fromme Advokat, "es könnte ja Negatives drinstehen". Ein paar Tage später verweigerte das Heim, beraten vom Erzbistum Paderborn, die Herausgabe der Papiere. Für Gerald begann ein langer Kampf um seine Akte.

Der erste kurze Einblick hat bei ihm die Erinnerung an Pater Vincens befördert. Der geistliche Herr findet sich heute in Berlin. Dort ist er seit 1972 ein wohlgelittener Mann, Gefängnis- und Notfallseelsorger, mit Ehrungen überhäuft, vom Bundesverdienstkreuz bis zum Verdienstorden des Landes. Vor wenigen Monaten erst ging Pater Vincens in den Ruhestand, begleitet von freundlichen Würdigungen.

Vor Kameras und Mikrofonen redet er immer noch gern und viel, aber nur selten darüber, was er vor seiner Berliner Zeit gemacht hat. Gerald H. traf ihn im Garten seines Alterssitzes, dem Salvatorianer-Kloster in Berlin-Lankwitz. Erst nach wiederholter Nachfrage gab der Pater zu, im Heim von Hövelhof gewesen zu sein. 300 schwer Erziehbare seien dort gewesen, erinnerte er sich.

Dabei huschten, als Gerald und Pater Vincens sich gegenüberstanden, die Augen des Salvatorianers hin und her, signalisierten Erschrecken über die unverhoffte Begegnung mit der verdrängten Vergangenheit. Ein mitgebrachtes Jugendbild des ehemaligen Heimkindes wollte der Ordensmann schnell wieder abgeben. Ja, räumte er dann ein, man habe schon mal Störenfriede in einen "Besinnungsraum" gesteckt. "Aber nur kurz."

Besinnungsraum? Oder Bunker? Gerald H. erinnerte sein Gegenüber daran, dass er sechs Wochen in dieser Isolation mit Eimer und matratzenloser Holzpritsche zubringen musste. "Das hatte ich nicht zu verantworten, und deswegen muss ich jetzt wohl das Gespräch beenden."

Pater Vincens ließ seinen Gesprächspartner, der noch so viele Fragen an ihn hatte, einfach stehen, drehte sich um und zog sich in sein Kloster zurück. An der Pforte stockte er und rief: "Und bitte, verlassen Sie das Grundstück." PETER WENSIERSKI

* Szene aus dem Film "Die unbarmherzigen Schwestern", 2002. * Oben: Filmszene mit Caterina Valente, Bill Haley und den Comets 1958; unten: vor dem Erzbischöflichen Kinderheim Paderborn.

DER SPIEGEL 21/2003
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