19.05.2003

KRIMINALITÄTSpuren in den Kreml?

Die deutsche Immobilien-Firma SPAG soll der russischen Mafia als Geldwaschanlage gedient haben. Jetzt schlugen hiesige Ermittler erstmals zu. Das Netzwerk zieht sich bis nach Moskau.
Rechtsanwalt Markus Rese fiel aus allen Wolken. Nachdem er 15 Jahre lang mit der Commerzbank in Heidelberg gute Geschäfte gemacht hatte, herrschte plötzlich Eiszeit. Die Großbank teilte ihm vergangenes Jahr mit, dass sie die Geschäftsbeziehung sofort beenden werde.
Inzwischen ist Rese klar, weshalb ihn die Bankiers ohne Vorwarnung aus der Kundenkartei gestrichen haben. Als Vorstand der St. Petersburg Immobilien und Beteiligungs AG (SPAG) befindet er sich seit August 2001 im Visier des Bundeskriminalamts (BKA), des Zollkriminalamts sowie der Darmstädter Staatsanwaltschaft.
Monatelang wurden Konten bei verschiedenen Banken in Deutschland gefilzt, Telefone abgehört und Rechtshilfegesuche ausgewertet. Am vergangenen Dienstag, Punkt neun Uhr morgens, schlugen die Fahnder zu.
Neben der SPAG-Zentrale im hessischen Mörfelden durchsuchten 200 Polizisten bundesweit insgesamt 27 Firmen und Wohnungen. Wegen ihrer Rolle als Großaktionärin musste in Unterschleißheim die Baader Wertpapierhandelsbank ihre Aktenschränke öffnen. In Hamburg war eine Vermögensverwaltungs GmbH das Ziel.
Das Verfahren richtet sich gegen "neun Beschuldigte", bestätigt Staatsanwalt David Ryan Kirkpatrick. Neben Rese und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Peter Sauer dürften ein ehemaliger Vorstand sowie Ex-Aufsichtsräte betroffen sein, darunter der Manager einer Investmentbank.
Die Ermittler hegen denselben Verdacht wie lange vor ihnen schon der Bundesnachrichtendienst (BND): Jahrelang soll die seit 1997 börsennotierte Immobiliengesellschaft der St. Petersburger Mafia als Geldwaschanlage gedient haben. Laut Kirkpatrick können "namentlich bekannte Angehörige der Gruppierung" mit der SPAG in Verbindung gebracht werden.
Die Affäre birgt politischen Sprengstoff: Russlands Präsident Wladimir Putin, einst stellvertretender Oberbürgermeister von St. Petersburg, saß bis März 2000 im SPAG-Beirat. Danach bestand ein direkter Draht in den Kreml. Wladimir Smirnow, bis vor eineinhalb Jahren hochrangiger Mitarbeiter in Putins Wirtschaftsverwaltung, war zuvor Direktor einer SPAG-Tochter. Er hält vermutlich bis heute über eine Offshore-Firma Aktien des Unternehmens.
Nach Einschätzung der Fahnder lief die Geldwäsche über ein internationales Netzwerk. Profite aus Menschenhandel, Alkoholschmuggel, Schutzgelderpressung und Autoschiebereien sollen über ausländische Konten, Liechtensteiner Stiftungen sowie Briefkastenfirmen in Finnland und auf den Kanalinseln verschoben worden sein. Schließlich flossen sie über Aktienkapitalerhöhungen in die Buchhaltung der südhessischen Firma, so der Verdacht.
Zum Kreis der ominösen Aktionäre gehören unter anderem die Oy Legrus Trading im finnischen Espoo, die EC Experts Ltd. auf der Isle of Man sowie VS Real Estate Ltd. auf Jersey. "Die drei Firmen dürften mutmaßlichen Mitgliedern der kriminellen Vereinigung in St. Petersburg wirtschaftlich zuzurechnen sein", heißt es bei der Staatsanwaltschaft.
Die Ermittlungen konzentrieren sich zudem auf drei Firmen mit Verbindungen nach Liechtenstein: Euromerkur, IC Deposit & Holding und die inzwischen gelöschte Mc Kenzie Foundation.
Mit Hilfe der beschlagnahmten Akten versuchen die Behörden nun, die Finanzströme und deren kriminelle Quellen lückenlos nachzuweisen. Die bislang vorliegenden Anhaltspunkte reichen nicht.
"Die Vorwürfe sind so alt, wie sie falsch sind", gibt sich deshalb Vorstand Rese siegessicher, "uns wurde kein einziger Beweis vorgelegt." Zudem sei Putin nur ehrenhalber im Beirat gesessen und habe mit dem operativen Geschäft nichts zu tun gehabt.
Tatsächlich kann Staatsanwalt Kirkpatrick die Gesamtsumme der angeblich gewaschenen Gelder "bislang noch nicht beziffern". Die Ermittler vermuten, dass aus den Kapitalerhöhungen "mindestens 32 Millionen Mark" in die Petersburger Unterwelt zurückgeflossen sein könnten. Es gebe Hinweise, dass die transferierten Summen "unter Mithilfe der deutschen Täterseite zweckentfremdet verwendet wurden".
Dabei soll Reses Truppe "über Berater- und Provisionsverträge" auch noch in die eigene Tasche gewirtschaftet und so ahnungslose Anleger über den Tisch gezogen haben. Dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zurzeit den Verdacht auf Insiderhandel und Kursmanipulation untersucht, erhöht zusätzlich den Druck auf die Firma, deren Geschichte bis Anfang der neunziger Jahre zurückreicht.
Auf Einladung einer deutschen Großbank reiste damals, kurz nach der Wende in der Sowjetunion, eine Delegation aus St. Petersburg nach Frankfurt am Main. Mit auf der Suche nach Auslandskapital war auch der damalige Lokalpolitiker Putin. Zahlreiche Gespräche mit Bankiers endeten jedoch ohne Ergebnis. Keiner wollte in St. Petersburg Geld investieren. Stattdessen kam es 1992 zur Gründung der SPAG - unter Beteiligung des Magistrats der Stadt St. Petersburg.
Als treibende Kraft fungierte Sauer, der Putin mehrmals persönlich traf. Der gelernte Wirtschaftsprüfer sitzt bis heute im Aufsichtsrat der SPAG. Im aktuellen Ermittlungsverfahren gilt er als wichtige Figur.
In der elfjährigen Firmengeschichte konnten Sauer & Co. über mehrere Kapitalerhöhungen beinahe 25 Millionen Euro einsammeln, ein Teil stammte aus völlig unverdächtigen Quellen.
Offiziell investiert das Management in zwei Immobilienprojekte, die wiederum von zwei Petersburger Tochterfirmen gemanagt werden. Dabei kam es 1999 zu einer komplizierten, aber für die Ermittler höchst interessanten Transaktion: Lange Zeit gehörten die lokalen Töchter nämlich nicht zu 100 Prozent der SPAG. In den Tresoren der verdächtigen Offshore-Gesellschaften lagerten bedeutende Minderheitsanteile. Erst im Zuge einer Sachkapitalerhöhung lieferten sie ihre Pakete bei den Deutschen ab und stockten so ihre Anteile an der SPAG weiter auf.
Doch das Geschäft mit den Immobilien läuft weit weniger rund, als es den Anlegern vollmundig versprochen wurde. Zwar kann das Geschäftszentrum Tambowskaja einige Mieter vorweisen. Aber das geplante Einkaufszentrum Nevsky International Center droht zu scheitern, bevor es überhaupt steht.
Eigentlich will einmal das finnische Kaufhaus Stockmann dort einziehen. Doch der Startschuss für den Bau des 100 Millionen Euro teuren neuen Shopping-Paradieses in bester Lage wird immer wieder vertagt. Zuletzt versprach Vorstand Rese den Abriss des alten Gebäudes für Ende 2002.
Fünf Monate später sind noch immer keine Bagger angerückt. Laut den Verantwortlichen hapert es an der Finanzierung. Gespräche mit verschiedenen Banken seien erfolglos gewesen. Der Aktienkurs fiel auf ein historisches Tief, was nicht nur der Großaktionärin Baader Bank herbe Verluste bescherte.
Die unendliche Geschichte angekündigter Baumaßnahmen ist für die deutschen Ermittler ein Indiz für den virtuellen Charakter des ganzen Konstrukts. Die Theorie vom Scheinprojekt passt ins Bild der skrupellosen Geldwäscher, das bereits der BND vor drei Jahren verbreitete.
Damals begannen die Fahnder einen Frontalangriff auf das Fürstentum Liechtenstein. In einem umstrittenen Dossier tauchte der Treuhänder Rudolf Ritter auf. Seine damalige Rolle als Aufsichtsrat der SPAG interessierte die Agenten besonders. Dass Putin zur selben Zeit im Beirat saß, hatte einen speziellen Charme.
Inzwischen hat die Liechtensteiner Justiz gegen Ritter Anklage erhoben. Für das kolumbianische Cali-Kartell soll er über eine Million Euro gewaschen haben. Daneben wird ihm Untreue mit zu teuer verkauften SPAG-Aktien vorgeworfen. Beides weist er zurück.
Ob allerdings die Russenmafia über Liechtenstein Kapitalerhöhungen der SPAG mitfinanziert hat, konnte laut Kirkpatrick bislang "nicht festgestellt" werden. Derzeit weiß man lediglich, dass verschiedene Geldgeber über liechtensteinische Firmen und Stiftungen "ca. 3,5 Mio. Mark" in die SPAG investierten. Einige davon befanden sich in der Obhut von Ritter. Das Geld floss über Banken in Vaduz.
In der Affäre um die SPAG gibt es indes nicht nur zur Person Ritter viele offene Fragen. Auch die genaue Rolle von Wladimir Smirnow, dessen Wochenend-Datscha gleich neben der von Putin lag, bleibt undurchsichtig. Der Ex-Kreml-Mann, der heute im internationalen Handel mit Atommaterial tätig ist, hielt in der Vergangenheit entscheidende Fäden in der Hand.
Eine ältere Unternehmensstudie der Bank Ellwanger & Geiger lobt die politischen Kontakte der SPAG enthusiastisch. Smirnow sei Putin nach Moskau gefolgt und dort in der Verwaltung des staatlichen Auslandsvermögens tätig. "Der auch durch die Beiratstätigkeit Putins bestehende gute Kontakt wird somit weiter stabilisiert", folgerten die Stuttgarter Privatbankiers. Bis heute führen sie für die SPAG ein Girokonto und stehen deshalb "in Verbindung mit dem BKA", wie ein Sprecher bestätigt.
Smirnow war vergangene Woche für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Zweifellos würde er aber die Vorwürfe dementieren. Die Fahnder vermuten den Ursprung des kriminellen Geldes nämlich bei der berüchtigten Tambow-Gruppe. Mutmaßlicher Kopf der Bande ist Wladimir Barsukow, der sich heute Kumarin nennt. Laut Erkenntnissen des BKA sitzt er gar im Management einer SPAG-Tochter. Aber stimmt das wirklich?
Aufsichtsratschef Sauer, der alle Vorwürfe für "absurd" hält, kann sich auch bei dieser Frage kaum beherrschen. Barsukow habe "zu keinem Zeitpunkt eine Managementfunktion" innegehabt. "Ich habe ihn lediglich zusammen mit Herrn Smirnow ein paar Mal in Petersburg getroffen. Dabei ging es nicht um Geschäfte." BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 21/2003
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