Von Beyer, Susanne
Er gilt als der Metternich der Baukunst, geschickt, privilegiert und bei den Mächtigen beliebt. Seine Aufträge bekommt er direkt zugesprochen - ohne Wettbewerb. Der französische Premierminister François Mitterrand hatte ihn 1983 freihändig zum Baumeister für die Louvre-Pyramide in Paris bestimmt. Die amerikanische Präsidentenwitwe Jackie Kennedy wollte ihn unbedingt für die Kennedy-Bibliothek in Boston haben.
Und noch im hohen Alter ist der chinesisch-amerikanische Architekt Ieoh Ming Pei, 86, bei den Regierungschefs begehrt. Den Auftrag für den Anbau am Deutschen Historischen Museum in Berlin hatte er direkt von Helmut Kohl bekommen, das war 1995, als der noch Bundeskanzler war.
Nun ist der Anbau ans barocke Zeughaus fertig gestellt. Er wird am Freitag dieser Woche mit einer Schau zur "Idee Europa" eröffnet.
Alles deutet darauf hin, dass das Gebäude, das schon jetzt als "Pei-Bau" in aller Munde ist, Besucher in Scharen anziehen wird. Allein beim Vorbesichtigungswochenende kamen 20 000 Leute, nur um das leere Museum zu sehen.
Der Pei-Bau wirkt, neben der verspielten Pracht des Zeughauses, als wäre er für einen anderen Planeten entworfen worden: radikal modern, krude, auf atemraubende Weise einfach. Die Materialien: Glas, Beton, Stahl und nur ein wenig Sandstein.
Und doch: Pei schafft auf seine Art Bezüge zum umliegenden, alten Gemäuer. Eine riesige Glaswand in seinem Foyer verläuft parallel zur Nordfront des Zeughauses. Der Besucher des Pei-Baus nimmt die historische Fassade wahr, als gehörte sie dazu.
Trotz der technischen Anmutung wirkt das Gebäude nicht kalt: Auf dem sandsteinfarbenen Boden des Foyers wird der Wechsel von Licht und Schatten zelebriert wie auf einer Naturbühne. Wenn Regentropfen an den Glasscheiben haften bleiben, werfen sie Punkte auf die gegenüberliegende Wand, wie eine magische, flüchtige Tapete, die bei der nächsten Wolke verschwindet. Die gegenüberliegenden Kastanienbäume lassen sich von den verschiedenen Galerien, Balkonen und Treppen aus in immer wieder anderen Perspektiven betrachten.
Die gläserne Spirale, als Treppenturm und markantes Zeichen gedacht, scheint sich zu drehen. "Die Formen, die ich als Architekt entwickle, müssen genau zu dem Strom, der sie umgibt, passen", sagt Pei. Das klingt esoterisch - und ist genau so gemeint. Dem Architekten geht es bei der sehr materiellen Baukunst vor allem um Immaterielles: um Schwingungen, um Schatten.
Doch so lustvoll Pei in seinem Foyer Raum verschwendet, so knauserig legt er die eigentliche Ausstellungsfläche an. Die Räume, in denen wechselnde Historienspektakel zu sehen sein werden, ducken sich in einem steinernen Block, der, an das Foyer anschließend, den Schwung des Eingangsbereichs schroff ausbremst.
Die hermetische Anmutung des Ausstellungsblocks hat - auch - praktische Gründe: Empfindliche Kunstwerke oder Dokumente sollen geschützt werden, Tageslicht darf, wenn überhaupt, nur spärlich scheinen. Daher gibt es, wie in vielen Museen üblich, kaum Fenster. Doch weil zudem die Decken niedrig hängen, wirken die Räume, schon wenn sie leer sind, beinahe bedrückend. Das räumliche Versprechen des Eingangs wird hier gebrochen.
Allerdings liegt das Grundstück auch denkbar ungünstig: Es ist arg eingeklemmt hinter dem Zeughaus. Der Platz ist nicht viel größer als ein besserer Berliner Hinterhof.
Immerhin 2700 Quadratmeter Präsentationsfläche hat Pei dennoch für das Museum herausgeschlagen. Wenn das angrenzende Zeughaus saniert ist und im nächsten Jahr mit einer Dauerschau zur deutschen Geschichte (vom 9. Jahrhundert bis in die Gegenwart) bespielt werden kann, kommen 7500 Quadratmeter Ausstellungsfläche hinzu.
Pei hatte erst gezögert, ob er einen Auftrag für ein derart schwieriges Grundstück annehmen soll. Doch dann war er immer wieder nach Berlin eingeladen worden, und er begann sich für die historische Mitte der Stadt, in der der Kraftakt der deutschen Einheit so sichtbar ist, zu interessieren.
Außerdem reizte ihn, dass er nun jenes Land kennen lernen könnte, aus dem seine wichtigsten Lehrer, die Bauhaus-Größen Walter Gropius und Marcel Breuer, während der dreißiger Jahre in die USA geflohen waren.
Pei selbst hatte 1935 seine Heimat China verlassen, und als er Anfang der vierziger Jahre an der Harvard Graduate School of Design auf Gropius und Breuer traf, fühlte er sich gleich mit ihnen verbunden. Sie teilten das Schicksal der Heimatlosigkeit, aber auch ästhetische Überzeugungen: die klaren, strengen, zugleich gläsern-leichten Bauhaus-Formen taten es dem jungen Asiaten an.
Dass sich für den Architekten mit der Achse Chi-na-Amerika-Deutschland ein Kreis schließen würde, diese Aussicht nahm Pei für das Berliner Vorhaben ein.
Viermal im Jahr reiste der rüstige Altmeister an, um die Bauarbeiten zu überwachen, und als die ersten Gerippe des Foyers fertig waren, ließ er zwei Videokameras installieren, um in New York per Internet die Fortschritte zu beobachten.
Das Ergebnis begeistert vor allem durch seine raffinierten Lichtachsen und Kreismotive. Als hätte Gropius noch einmal beim späten Le Corbusier Kurse genommen und sich zu dessen plastischer Kraft bekehrt.
Mit diesem Spätwerk zeigt ausgerechnet der betagte Pei den Deutschen, wie sie ihre ehrwürdigste Architekturtradi-tion, die Bauhaus-Sprache, verjüngen könnten. SUSANNE BEYER
DER SPIEGEL 21/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.