DER SPIEGEL



FILM

Die große Illusion

Von Jenny, Urs und Wolf, Martin

Das Science-Fiction-Spektakel "Matrix Reloaded" sprengt spielerisch die Grenzen der Schwerkraft - und des Verstandes.

Achtung: Dieser Artikel ist möglicherweise eine Fälschung. Es könnte sein, dass es sich nur um die Simulation eines Textes handelt - genauso wie das Papier, auf dem er gedruckt ist, sich vielleicht nur so anfühlt wie Papier, in Wahrheit aber nichts weiter ist als Einbildung. Übrigens nicht nur das Papier: Alles um uns herum - ob man es nun sehen, hören, schmecken, riechen oder fühlen kann - existiert möglicherweise gar nicht.

Klingt gaga? Völlig undenkbar? Das ist ja gerade der Trick: Von sich selbst abgelenkt, merken die Menschen nicht, dass sie in Wirklichkeit in einer Art Wachkoma dahindösen, am Leben gehalten in einer Nährlösung. Derart sediert und aufs Beste unterhalten durch eine Schein-Realität, wird den Menschen ihre Energie von heimtückischen Maschinen abgesaugt, die sich damit ein schönes Roboterleben machen.

Das ging ein paar Jahrzehnte gut, bis im Jahre 1999 der Film "Matrix" dieses Geheimnis lüftete. Seitdem wissen die Menschen - oder zumindest die zig Millionen, die den Film damals im Kino gesehen haben, 4,3 Millionen allein in Deutschland -, dass sie von Computern versklavt und ausgelutscht werden. Dass die Welt, wie wir sie kennen, nur ein Rasterbild ist, eine einzige große Illusion: die Matrix nämlich.

Weil diese Erkenntnis allein doch ein bisschen zu pessimistisch wäre für einen Hollywood-Film, zeigte "Matrix" auch ein paar mutige Menschen, die gegen die Maschinen kämpften. Die Rebellen hüpften mühelos zwischen der Wirklichkeit und ihrer Simulation hin und her; sie trugen dabei lange schwarze Mäntel, dunkle Sonnenbrillen und auch sonst schwer an ihrer Bedeutung; sie prügelten und schossen virtuos auf die Roboter ein, bis denen der Saft ausging. Am Ende waren die Maschinen platt, die Helden müde, die Zuschauer begeistert über noch nie gesehene Spezialeffekte, angerichtet aus fernöstlichem Kampfsport und Computertricks - und das Hollywood-Studio Warner Brothers um 460 Millionen Dollar reicher.

Es ist normal, dass man in Hollywood nach so einem Erfolg eine Fortsetzung dreht. Doch weil bei "Matrix" alles ein bisschen größer ist, gibt es gleich zwei: Diese Woche kommt "Matrix Reloaded" in die deutschen Kinos, für November ist "Matrix Revolutions" angekündigt. Allein die extra für diese Doppelproduktion entwickelten Effekte sollen 120 Millionen Dollar gekostet haben (SPIEGEL 20/2003).

Dabei hatte das Phänomen "Matrix" kein ausgekochter Produzent mit Hilfe von Trendscouts, Spezialeffekte-Tüftlern und Marketing-Strategen in die Welt gesetzt; im Gegenteil, niemand hatte damit gerechnet, und es scheint auch in Hollywood eine Art Naturgesetz zu sein, dass das wahrhaft Neuartige, Überraschende und Befreiende - wie zum Beispiel "Star Wars" im Jahr 1977 - unerwartet und plötzlich und umso triumphaler auf der Szene erscheint.

1999 sollte in Hollywood das Jahr des Neubeginns von "Star Wars" werden. Doch dem kamen Andy und Larry Wachowski, zwei Frechdachse aus Chicago, mit "Matrix" zuvor - und selbst jene, die ihnen viel zutrauten, hatten sich nicht vorgestellt, dass die beiden dem Veteranen George Lucas so einfach die Show stehlen könnten: Auf einen Schlag sah der neue "Star Wars"-Film sehr alt aus.

Über die Wachowski-Brüder, 1965 und 1967 geboren, ließ ihre Produktionsfirma damals verlauten, sie arbeiteten seit 30 Jahren zusammen; im Übrigen sei wenig über sie bekannt. Wenn es nach ihnen ginge, wäre das nach wie vor genug. Beide scheinen Schulversager gewesen zu sein, haben sich ohne College-Abschluss als Handwerker durchgeschlagen und an einer Zukunft als Comic- oder Filmautoren gebastelt. Ersten Erfolg brachte ein Drehbuch, das ihre dauerhafte Verbindung mit dem Action-Spektakel-Produzenten Joel Silver begründete.

Um sich, während sie schon am "Matrix"-Manuskript arbeiteten, selbst als Regisseure zu qualifizieren, drehten sie 1996 den frechen kleinen Psychothriller "Bound", dann gab Silver grünes Licht für "Matrix": Der "intellektuelle Actionfilm" sollte ein Spektakel mit Spiritualität werden. Ob die Brüder schon damals eine Trilogie im Sinn hatten, ist fraglich. In den wenigen Interviews, die sie widerwillig gaben, ist davon keine Rede, und seither entziehen sie sich der Öffentlichkeit. Auch die Europa-Premiere in Cannes fand vergangene Woche ohne sie statt.

Der eine neigt zu kulturhistorisch-philosophischem Lesestoff, der andere zu Comics und Science-Fiction; Filmfreaks sind sie beide. Das sieht man ihrem Werk an und ebenso, was sie mit autodidaktischer Gefräßigkeit an Mythen und Sagenstoffen, Abenteuergeschichten und Science-Fiction-Weltentwürfen verschlungen haben.

Sie bilden sich nicht ein, Erfinder zu sein; sie puzzeln, recyceln, verwerten. Die Grundmuster menschlicher Urerfahrung, die unübersehbar ähnlich in griechischen wie in germanischen Heldensagen, in fernöstlichen wie in indianischen Märchen erscheinen, bezeichnen auch die Wachowskis gern mit C. G. Jungs Begriff "Archetypen". Und es ist ihnen bewusst, dass das ihr "Matrix"-Konzept prägende Gefühl für die Scheinhaftigkeit der äußeren Realität eine Vorstellung ist, in die sich schon antike Philosophen wie christliche Mystiker oder buddhistische Asketen versenkt haben - den Namen des Modephilosophen Jean Baudrillard setzen sie nur wie ein Sahnehäubchen drauf.

Was die Tiefenwirkung von "Matrix" ausmacht, ist die filmische Eleganz, die den Zusammenhang der Motive suggeriert: Aus der Überzeugung, dass die Wirklichkeit eine überwindbare Illusion sei, gewinnt der Kung-Fu-Kämpfer seine Schwerelosigkeit und Schlagkraft, und der ideale Ort der Erfahrung, dass und wie unser Hirn sich von einer Simulation beglücken und überwältigen lassen kann, ist das Kino.

"Matrix Reloaded" macht weiter, wo der erste Film aufhörte. Die Maschinen, die gern in Menschengestalt auftreten - sie fahren Audi und kleiden sich wie Investmentbanker - haben ihre Akkus wieder aufgeladen und nehmen nun die Ausrottung der letzten freien Menschen in Angriff. Immer tiefer dringen sie ins Erdinnere vor, wo diese Rebellen sich in der geräumigen Höhle einer Hippiekommune namens Zion verschanzt haben.

Dort menschelt es tatsächlich sehr: Liebe, Intrigen, Eifersucht, und den Müll müsste auch mal dringend jemand raustragen. Die Frauen nölen, dass die Männer lieber Krieg führen als auf die Kinder aufzupassen; und über die Frage, wie man sich dem Endkampf gegen das totalitäre "System" stellen kann, wird im Senat so gründlich und folgenlos debattiert wie in den Vereinten Nationen; schließlich gibt es eine Abstimmung mit den Füßen, als alle zusammen zu einer Art Grotten-Techno tanzen.

Der Hoffnungsträger der Revolution aber, Neo, genannt der Auserwählte (für angeblich 30 Millionen Dollar Gage: Keanu Reeves), darf derweil in einer Nebenhöhle seine Geliebte Trinity (Carrie-Anne Moss) verführen. An dieser Stelle war offenbar kein Budget für Spezialeffekte vorgesehen; der Orgasmus wird deshalb mit mimischen Mitteln simuliert. Die anderen Kampfszenen sind überzeugender: Neo & Co. hetzen von Konfrontation zu Konfrontation, als folge der Film der Dramaturgie eines Computerspiels. Aggressive Roboterklone werden mit größtmöglichem tricktechnischem Getöse vertrimmt, und zum Finale gibt es die aufwendigste Autoverfolgungsjagd der Filmgeschichte, für die General Motors angeblich 220 Fahrzeuge ins Rennen geschickt hat. Die Hälfte davon ging bei den Dreharbeiten zu Schrott.

Das alles ist recht kurzweilig, solange die Helden als Hochleistungskaratekämpfer nur Hände und Füße sprechen lassen; sobald sie den Mund aufmachen (Textprobe: "Was ist passiert?" - "Ich weiß es nicht."), wünscht man einen schnellen Sieg der Maschinen.

"Matrix Reloaded" endet, wie Produzent Silver sagt, als "filmus interruptus": unmittelbar vor der Generaloffensive des Systems gegen das letzte Bollwerk der menschlichen Rebellen. Bisher haben - mit Ausnahme von Steven Spielbergs "A.I." - noch alle Science-Fiction-Filme, in denen die Auslöschung der Menschheit drohte, uns mit deren Errettung in letzter Sekunde beglückt. Da die Wachowskis schon im Namen ihres messianischen Helden Neo erraten lassen, dass er derjenige welcher ist, "the One", darf man auf Heil hoffen.

Naturgemäß ist der Freiheitsbegriff, in dessen Namen hier die Erlösung der Menschheit aus der Versklavung durch eine totalitäre Computerwelt erkämpft wird, ein ganz romantischer und naiver. Es steckt eine schöne Ironie darin, dass genau der Film, der sich damit brüstet, in einem Ausmaß wie keiner zuvor ein Maschinenprodukt und eine hochcomputerisierte Simulation zu sein, seine Helden mit der Parole antreten lässt: Nieder mit der Computerwelt! Zurück zur Natur! URS JENNY, MARTIN WOLF


DER SPIEGEL 21/2003
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