19.05.2003

KINODie Handys der Toten

Das Verhältnis von Mensch und Maschine ist ein großes Thema beim Festival in Cannes. Und Außenseiter Lars von Trier beleidigt wieder einmal die Amerikaner.
Diesmal begann Cannes in der Warteschleife. Weil am Dienstag vergangener Woche die französischen Fluglotsen eifrig streikten, hingen Stars und Regisseure auf dem Weg zum Festival auch am Boden in der Luft. Einen ganzen Tag lang erschien Cannes als der unerreichbarste Ort der Welt.
Die zwei meisterwarteten Helden des Festivals lösen Transportprobleme auf ihre Art: In "Matrix Reloaded" (siehe Seite 166) pfeift Keanu Reeves in der Hauptrolle auf sämtliche Lotsen und saust wie Superman mit vorgestreckter Faust durch die Luft. Und der dänische Regiestar Lars von Trier, der an Flugangst leidet, zuckelt vorzugsweise mit dem eigenen Wohnmobil von Kopenhagen an die Côte d'Azur.
Freiflug oder Bleifuß, Reeves oder Trier - in Cannes stehen sie sich nun gegenüber als die aktuellen Antipoden des Weltkinos: auf der einen Seite effektgeladene Science-Fiction-Spektakel wie "Matrix Reloaded" oder "Terminator 3" (von dem wenige Minuten gezeigt wurden), die nichts unversucht lassen, damit dem Zuschauer die Augen übergehen; auf der anderen Seite karge Werke wie Triers "Dogville", ein Lehrstück, das mit den Mitteln des abstrakten Theaters arbeitet.
"Man kann die Entwicklung des Kinos auf zwei Arten vorantreiben", glaubt Trier. "Indem man die Technik forciert oder indem man sie reduziert." In diesem Jahr forciert Cannes die Technik wie selten zuvor, und es ist kein Zufall, dass der älteste Film im Programm ausgerechnet Chaplins Klassiker "Moderne Zeiten" von 1936 ist. Wie in diesem Film steht auch in den neuen Spektakeln das Verhältnis von Mensch und Maschine zur Debatte.
So zeigt James Cameron außer Konkurrenz seinen 3-D-Imax-Film "Ghosts of the Abyss", eine Dokumentation über das Wrack der "Titanic". Dem Schiff, dem der Regisseur mit seinem Spielfilm vor sechs Jahren ein Denkmal setzte, rückt er diesmal mit ferngesteuerten Kamerarobotern auf den stählernen Leib.
"Niemand wird die 'Titanic' je mit seiner bloßen Hand berühren können", erzählt Cameron im Gespräch. "Doch die Kameras, die ich ins Innere des Wracks gelenkt habe, kamen mir so vor wie zusätzliche Körperteile, die die Reichweite meiner Augen und Arme erweiterten."
Diese Technikbegeisterung, die das Sensorium des Menschen durch die Maschine zu erweitern sucht, wird in Cannes auch in diesem Jahr nicht nur gefeiert, sondern auch persifliert. In seiner amüsanten Dürrenmatt-Hommage "Ce jour-là" lässt der Cannes-Veteran Raul Ruiz, 61, die zeitgleich klingelnden Handys dreier Verstorbener eine fröhliche Symphonie des Todes intonieren. Wer dieser Tage auf dem überfüllten Boulevard Croisette Ohrenzeuge wird, wie die Kakophonie der Handys die Musik berühmter Filmkomponisten übertönt, die aus allen Lautsprechern schallt, weiß diesen Scherz zu würdigen.
Und da ist natürlich noch dieser Däne, der keineswegs glaubt, dass die Zukunft des Kinos allein in der Technik liegt. Aus jedem neuen Werk macht Trier ein formales Experiment. "Dogville", der um 1930 in den Rocky Mountains spielt, ist eine neue Kunstform, eine Verschmelzung von Film, Theater und Literatur. Die Stars - darunter Nicole Kidman und Lauren Bacall - spielen realistisch, doch in einem stilisierten Bühnenbild sprechen sie ausgefeilte Dialoge.
Der Film handelt von einer Dorfschönen in den Bergen, die sich eines Tages für die Demütigungen, die ihr die Dorfbewohner angetan haben, rächt. Dem Regisseur gelingt es, durch die Konzentration auf das Wesentliche, die Phantasie herauszufordern. Was der Zuschauer nicht sieht, darf er sich dazudenken - der Titel-"Hund" etwa ist nur durch sein herzhaftes Bellen präsent. Wie spielende Kinder sich auf der Straße mit ein paar symbolischen Kreidestrichen eine Welt nach ihrer Vorstellung zeichnen, so entwirft Trier den Kunstort Dogville, in dem die Bewohner unsichtbare Türen öffnen und schließen.
Diese abstrakte Geografie verwandelt das Dorf in einen Spiegel der menschlichen Seele, in dem Gut und Böse, Demut und Arroganz nebeneinander aufscheinen können. So gerät "Dogville" auch zu einer Abrechnung mit Amerika, mit dessen Selbstgerechtigkeit, Macht und Brutalität.
So recht auf Völkerverständigung scheint das diesjährige Festival sowieso nicht eingestellt zu sein. In dem horrend missglückten Eröffnungsfilm "Fanfan la Tulipe", Remake eines Mantel-und-Degen-Films der fünfziger Jahre, dem sogar die französische Filmkritik Chauvinismus vorwirft, bekommen kauderwelschende Preußen laufend billige Scherze auf die Pickelhaube. Der sympathischste Deutsche in diesem Film ist ein irrer General, der frankodeutsch radebricht, pausenlos "kaputt!" schreit und schließlich den Hitlergruß mimt - und das zur Zeit von König Ludwig XV. LARS-OLAV BEIER,
ROMAIN LEICK
Von Lars-Olav Beier und Romain Leick

DER SPIEGEL 21/2003
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