26.05.2003

NACHRUFDIE FÜßE DES DICHTERS

Biermann, 66, Sänger und Lyriker, dessen jüdischer Vater 1943 in Auschwitz ermordet wurde, stieß vor einem Jahr auf ein Gedicht des ihm unbekannten Moses Rosenkranz, den er in der „Welt“ voreilig als verstorbenen Kollegen pries - der 1904 geborene Rosenkranz lebte noch. „Da hatte ich also fahrlässig einen Lebendigen totgesagt!“, schrieb Biermann danach in seinem Buch „Über Deutschland. Unter Deutschen“ (2002). Das Missgeschick hatte eine anrührende Begegnung am Krankenlager des Dichters zur Folge, die Biermann hier schildert - in einem Nachruf, der dem am vorvergangenen Samstag gestorbenen Rosenkranz jede Genugtuung widerfahren lässt.
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Meine Füße, sollst du wissen, die Füße sind das Beste an mir! Das sagte bei Gelegenheit zu seiner jungen Frau der Dichter aus der Bukowina, und er lachte leicht in sich rein dabei. Der Verseschreiber saß Tag für Tag in seinem Arbeitszimmer und schrieb seine Gedichte, die Frau ging zur Arbeit in die Dorfschule als Lehrerin. Dabei widmete sie sich mit Begeisterung vorzüglich den Kindern in den Anfängerklassen, die noch unverdorben klug sind und unverdrossen lernbegeistert. Jahrzehnte lang lebte das Ehepaar so hin im Hochschwarzwald. Erst ab 1986 erschienen einige seiner Gedichte in der Bundesrepublik, allerdings mit geringer Verbreitung, und ein Prosaband, der etliche Leser fand.
Und als er sehr alt geworden war und auch sie nicht mehr die Jüngste, sagte er ihr mit einem Lächeln: Wenn ich bald tot bin, dann vererbe ich dir meine Füße. Sie sind kräftig und gut geformt. Und spottete: Ostfüße. So was findest du hier im Westen kaum. Barfuß bin ich manchmal mit ihnen als Kind durch Schnee und später als Häftling über ewiges Eis gelaufen, über Schotter und scharfe Steine. Unter Tage im Uranbergwerk brachten kriminelle Häftlinge eine eiserne Lore zum Kippen und begruben mich unter dem Abraumgestein. Aber es ist nie etwas Schlimmes passiert mit meinen Füßen. Ohne die wäre ich nicht so gut durchgekommen. Diese unverwüstlichen Füße haben mich schon durch meine frühe Kindheit sicher getragen.
Das ist nun im wunderschönen Monat Mai des Jahres 2003 zu vermelden: Der Dichter Moses Rosenkranz ist dieser Tage friedlich in seinem Bett gestorben. Er hat es auf fast 99 Lebensjahre gebracht - und das ist für mich eins von der Sorte Wunder, die noch unfassbarer sind als allerhand Weltwunder. Dieser rebellische Mensch hat es nämlich geschafft, seine Zeit auf Erden auf fast hundert Jahre auszudehnen, obwohl er doch auf seinem Lebensweg tausend Tode gestorben ist.
Als 1941 die deutsche Wehrmacht in Rumänien einrückte, geriet der Jude Moses Rosenkranz in den Gewahrsam rumänischer Faschisten, in verschiedene Arbeitslager in der Moldau. Kurz vor der Befreiung, im Jahre 1944, gelang ihm die Flucht. Freunde in Bukarest versteckten ihn, so entging er der Endlösung.
Im Lager war er mit einem Leidensgefährten zusammengetroffen: dem Lyriker Paul Celan. Ein anderer Dichter aus den Czernowitzer Literatenkreisen, Immanuel Weißglas, geriet mit seinen Eltern in ein noch gefährlicheres Lagergebiet in Transnistrien. Alle drei jüdischen Poeten überlebten die Nazi-Lager. Einer wurde dann weltberühmt: Paul Antschel (rumänisch: Ancel), der die Buchstaben seines Namens in die elegantere Form Celan gebracht hatte. Berühmt wurde Celan mit einem seiner Gedichte, das viele Deutsche gut kennen. Manche können die eindrucksvollsten Elemente der "Todesfuge" sogar auswendig hersagen, zumindest den Anfang und den Schluss: "Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken / wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng ... / der Tod ist ein Meister aus Deutschland / dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith".
Ich habe vor kurzem einen Essay verfasst, worin ich den Verfasser der "Todesfuge" dafür lobe, dass er den allergrößten Teil seines wirkungsmächtigen Gedichtes aus Gedichten übernommen hat, die ursprünglich von seinen beiden Leidensgenossen Rosenkranz und Weißglas stammen. Die literarischen Beckmesser und Neider würden schreien: Plagiat! Manche Germanisten, die mit Hilfe von Celans chronisch kryptischen Texten wenigstens ihren Doktortitel ergattert haben, schelten: Verleumdung!! Mich kümmern weder die einen noch die anderen. Nein, ich verteidigte den nach Paris entwichenen Wortedieb, denn: Er hatte immerhin genial "geklaut". Und vor allem dies: Ohne Celans "Todesfuge" wären diese dichterischen Kostbarkeiten wohl kaum zu einer lebendigen Wirkung in der Welt gekommen.
Der knapp entkommene Rosenkranz genoss nach dem Sieg über die Deutschen nur eine kurze Frist lang seine kleine Freiheit, sie dauerte bis 1947. Er wurde in Bukarest von der sowjetischen Geheimpolizei gekidnappt und in die UdSSR verschleppt. Er stand ein Jahr in Moskau durch: im zentralen Foltergefängnis der Staatssicherheit Lubjanka, auch die Kerker Lefortowo und Butyrka. Dann führte ihn sein Leidensweg durch etliche Lager des Gulag. Die längste und schwerste Zeit überlebte er nördlich vom Polarkreis, in Norilsk. Das ist ein Schreckenswort für die Kenner: Endlose Winter. Ewiges Eis. Uranbergbau. Hunger. Der gefürchtete Kältesturm Purga. Ein besonders brutales Lager-Reglement. Grausame Schikanen. Wahnwitzige Disziplinarstrafen. Ein Jahr nach dem XX. Parteitag der KPdSU, auf dem Chruschtschow den Personenkult um Stalin und die Verbrechen des Regimes zum ersten Mal - wenn auch stark untertrieben - angeprangert hatte, im Jahre 1957, kam Moses Rosenkranz frei. Die Sklavenarbeit im Gulag war auch ökonomisch zu uneffektiv geworden, und vornehmlich deshalb wurden die meisten Konzentrationslager der Sowjetunion nun aufgelöst.
Der Mann war inzwischen 52 Jahre alt, hatte in den letzten zehn Jahren Gefangenschaft seine Zähne verloren, aber nicht seinen Biss. So versuchte er, wieder in Bukarest zu leben. In dieser Zeit schrieb er wie besessen alle Gedichte auf, die er im Laufe der Jahre verfasst hatte. Da für einen unbeugsamen Häftling wie Rosenkranz der Besitz von Papier und Bleistift bei schwerer Strafe verboten war, konnte er erst jetzt alles, was er im Kopf gespeichert hatte, festhalten. Von damals stammt auch die erste Niederschrift eines Gedichtes aus dem Lager beim großen Fluss Jenissej, der sich ins polare Nordmeer ergießt - "Dem Ende zu":
ES IST DIE ZEIT GEKOMMEN ABZUNEHMEN
VIELLIEBE WELT ICH MUSS DIR SCHON ENTGLEITEN
MUSS WIE EIN FLUSS AUS DIESEM LANDE STRÖMEN
DIE UFER LASSEND WEIT ZU BEIDEN SEITEN
DIE SCHÖNEN UFER REICH AN LIEBEN PLÄTZEN
AUCH WENN ICH RECHT ERINNRE AN VERHASSTEN
DENN MEINE WANDRUNG WAR NICHT NUR ERGÖTZEN
ICH MUSSTE AUCH DURCH FINSTERNISSE TASTEN
NUN ISTS VORÜBER UNBEGRENZTE FERNE
NUR LICHT UND WASSER NIMMT MICH STILL ENTGEGEN
SIE EILT MICH NICHT UND WARTET BIS ICH LERNE
MICH WIE EIN TROPFEN IN IHR MEER ZU LEGEN
Geboren wurde Moses Rosenkranz 1904 in dem Dorf Berhometh am Pruth. In bäuerlicher Kultur wuchs er auf, also nicht in der hoch kultivierten Atmosphäre um die legendären literarischen Salons der bukowinischen Hauptstadt Czernowitz. Der Vater dieses jüdischen Dorfjungen fristete das Leben als Pächter eines landwirtschaftlichen Gutes im Norden der Bukowina. Das klingt schon irreführend opulent. Üppig war dieses Leben nicht, eher karg: "Ich kam zur Welt in einer Kate / in der kein Platz für mich bestand". Kinder, die in diesem kleinen fruchtbaren Land zwischen Ungarn und Rumänien und Österreich und Polen auf die Straße spielen gingen, mussten schon an die fünf Sprachen sprechen, wenn sie mit den Kindern der Nachbarn sich schön streiten und verständigen wollten.
In seinem Buch "Kindheit. Fragment einer Autobiographie" schildert der Dichter, wie er als ein Knirps in eine glühende Kuhle stürzte, weil seine etwas älteren Geschwister - fast die gleiche Konstellation wie bei Joseph und seinen Brüdern - den Dreijährigen in eine Feuergrube geschubst hatten, wo im Garten in Kesseln grad große Mengen von Pflaumenmus gekocht wurden. Der Kleine war bald aus der schon verglimmenden Glut wieder herausgezogen worden, lag dann wie tot: "stumm und reglos, aber atmend" auf dem Lehmboden des Elternhauses. Ein kleineres Wunder, wie diese Brandwunden heilten. Ich erwähne diese Episode, weil der Dichter Moses Rosenkranz nun, gegen Ende seines Lebens, abermals genauso "stumm und reglos, aber atmend" dem Tode entgegendämmerte.
Im Oktober 1996 war der Dichter plötzlich erblindet, drei Jahre später hatte er aufgehört zu sprechen, und Gesprochenes nahm er nicht mehr wahr. Seine Frau fütterte ihm Nährbrei ein und Getränke. Sie wusch und pflegte ihn, kämmte seine schönen Haare, stutzte seinen weißen Bart, salbte ihm sorgfältig die neu entstehenden Wunden, wenn seine immer noch dünner werdende Haut nicht mehr standhielt. Der Körper hinfällig, aber immer noch sein schönes Menschengesicht. Ich habe dieses altgewordene Liebespaar zum ersten Mal vor gut einem Jahr besucht, weil mich eines seiner frühen Gedichte begeistert hatte: "Des Bauern Tod". So habe ich dann mit dem Dichter, auch wenn er inzwischen für meine Worte unerreichbar war, in Ruhe reden können.
Ich hatte auch meine Gitarre dabei und sang ihm, wie seine Frau es wollte, zweimal dasselbe Lied vor: "Ich möchte am liebsten weg sein / Und bleibe am liebsten hier" - dabei spekulierte ich darauf: Genau das wird er am ehesten gut verstehn, denn er kennt dieses paradoxe Gefühl selber und womöglich besser als ich.
Es war klar erkennbar, dass nicht einmal seine Frau in den letzten Jahren hatte herauskriegen können, ob ihr Mann noch etwas merkte und was er wirklich hätte sagen wollen, wenn er ihre Hand mit sanftem Druck festhielt. Dass es nun aber wirklich zu Ende gehen würde mit ihm, das merkte sie deutlich genug.
Als ich mich nun daran machte, für sein Sterbe-Gedicht "Dem Ende zu" eine Musik zu finden, korrigierte ich gleich mal zwei, drei Stellen im Text, die mir missfielen. Schon die Anfangszeile "Es ist die Zeit gekommen abzunehmen" ärgerte mich. Ich hörte in meiner Phantasie schon das höhnische Gelächter mancher Leute, die sagen: Abnehmen! Jetzt singt dieser Biermann schon Lieder über die Schlankheitskur eines Fettsacks. Nun pfeift er auf dem letzten privaten Loch eine Art Diät-Propaganda, statt schlanke politische Lieder wie in seinen besseren Zeiten. Also korrigierte ich, da es ja immerhin ein Gedicht über das Verlassen der Welt war: "Es ist die Zeit gekommen, Abschied nehmen".
Aber so sehr es sie wohl freute, dass der neue Freund in Hamburg nun eine Musik zum Text ihres Mannes komponiert - gegen diese Verschandelung protestierte seine Frau mit stiller Entschiedenheit. Sie sagte: "Du verdirbst das Gedicht vom Rosenkranz aus Angst vor den Spöttern, die sich darüber mokieren, dass da Reklame gemacht wird fürs Abnehmen! So diät-idiotisch lesen das doch höchstens die überfressenen Wohlstandsbürger, und denen darf man doch nicht nachgeben - ich hoffe also, du nimmst diese Veränderung zurück, denn sonst ist alles verdorben." So überlegte ich noch mal neu. Diese sture Frau des Dichters hatte Recht. Wer Angst vor solchen Missdeutungen der Banausen hat, ist selber einer. Dabei weiß ich sehr wohl, dass in einem kurzen Gedicht ein kleines Wort "alles verderben" kann.
Gottes Dolmetzsch Martin Luther hat sich manchmal tagelang mit dem hoch gelehrten Philipp Melanchthon um ein einziges Wort bei der Arbeit an der deutschen Bibel rumgestritten. Luther selbst konnte nur wenig Hebräisch, beherrschte mittelmäßig Griechisch, aber dafür glänzend Latein. Also übersetzte er den Urtext mit Hilfe der lateinischen Bibel, der "Vulgata". Dort findet sich im Johannes-Evangelium Kapitel 3, Vers 30 das Wort "abnehmen", wie es auch Rosenkranz in seinem Gedicht verwendet.
Doktor Luther übersetzte das lateinische Wort "minui" mit "abnehmen". An dieser Stelle sagt Johannes der Täufer ja im Blick auf Christus: "Illum oportet crescere me autem minui." Auf Luther-Deutsch: "Er mus wachsen, ich aber mus abnemen." Genau daran erinnert unser Johannistag, der auf Grund dieser Bibelstelle am 24. Juni begangen wird. Mit der Sommersonnenwende im Juni nämlich nehmen die Tage wieder ab bis kurz vor der Geburt Christi im Dezember.
Also korrigierte ich meine allzu forsche Korrektur, denn ich hatte den Rosenkranz offensichtlich nur verschlechtbessert. Das von ihm verwendete Wort ist tiefer und vieldeutig, denn alles hat seine Zeit ... und nimmt dann auch ab, hier im Gulag-Gedicht: die Chance, das Lager zu überleben. Der abgemagerte Körper hatte kaum noch Fett oder Muskeln, und wer in diesen Kälten und bei dieser Schwerstarbeit noch mehr abnahm, war sowieso verloren. Die Hoffnung auf eine Freilassung nahm ab, die üblichen Fristen der Verurteilung lagen zwischen 10 und 20 Jahren und wurden willkürlich verlängert, das Gebiss verfaulte, die Häftlinge verloren bei dem elenden Fraß ohne Vitamine die Zähne. Das Interesse der Außenwelt am Schicksal dieser Millionen Menschen hinter Stacheldraht konnte kaum noch abnehmen, denn es ging gegen null. Die Verrohungen zeigen sich auch daran, wie das Mitleid unter Menschen abnimmt, in einem totalitären Regime ja fast total.
Auch in der zweiten Zeile der zweiten Strophe hatte ich mit einem flotten Strich das Wörtchen "recht" rausgeschmissen, weil ich es mit Augen gelesen hatte, die nun mal in meinem Gehirn enden. Ich empfand es als ein Füllwort, das hier nur den Rhythmus befriedigen sollte. Warum dieses eitel einschränkende "wenn ich recht erinnre"! Aber seine Frau half mir auch hierin auf, denn sie erinnerte mich nicht nur daran, dass es den Häftlingen verboten war, irgendetwas aufzuschreiben. Schlimmer war die tiefe Angst der Überlebenden, dass die jahrelangen Torturen ihnen das Gedächtnis verfälscht haben könnten bis ins Abstruse, bis in die Fallgruben einer wahrheitsbesessenen Lügengeschichte. Dabei kenne ich doch die panische Angst davor, dass man sich auf seine Erinnerungen nicht verlassen kann, weil durch tausendfaches Grübeln und hundertfaches Wieder- und Wiedererzählen sich die Lebensgeschichten abstrus verfälschen, abschwächen, übersteigern, so dass man am Ende nicht mehr wissen kann, wer man ist, weil man vergaß, wer man gewesen war. Also: In diesem Gedicht ein wichtiges und richtiges und kostbares Wort, und es wäre ein Frevel gewesen, es mit der Musik wegzudrücken.
Immerhin hatte ich das unglaubliche Prosabuch mit den Kindheitserinnerungen des Dichters gelesen. In einem mir unvertraut östlich gefärbtem Deutsch hatte Moses Rosenkranz es 1958 geschrieben - und ich gebe zu: mich hatte des Autors detailliertes Erinnerungsvermögen bis an die Grenze des Misstrauens verblüfft. Wenn ich nun runterfahre in den Hochschwarzwald, um in einer kleinen Trauerfeier mit den Nachbarn und Freunden des Dichters seiner zu gedenken, wird er längst oben auf seiner Wolke sitzen. Nun geht es ihm endlich besser. Nach einem dermaßen langen Leben sitzt dieser lebenslängliche Einzelgänger nun skeptischen Blickes zusammen mit einigen Schicksalsgenossen, die schon Jahrzehnte da oben auf den Säumigen gewartet hatten: verbrannte Juden, erfrorene Gojim, abgeschlachtete Kommunisten, gefolterte Christen, verurteilte Trotzkisten, hingerichtete Konterrevolutionäre, vernichtete Volksfeinde, gemeuchelte Aristokraten, liquidierte Parteischädlinge, ausgelöschte Intellektuelle. Auch der Dichtermentor Alfred Margul-Sperber wird ihn begrüßen, auch die gestorbenen Dichter Celan und Weißglas. Er wird sich, wie im Leben auch, ein bisschen abseits halten und dennoch mit manchem da oben ohne Falsch reden.
Ich bilde mir ein, er trifft dort den weltberühmten Walter Benjamin, der ihn im Leben nicht so interessiert haben wird wie mich. Aber dem geistreichen Großstädter-Charme dieses Kulturphilosophen, das kann man vermuten, wird der knurrige Einzelgänger vom Lande nicht widerstehen können. Der zwölf Jahre früher geborene Philosoph wird allerdings als ein relativ junger Mann dort oben sitzen, denn er hatte sich ja schon 1940 auf der Flucht vor den Nazis im spanischen Port-Bou in den Tod geflüchtet.
Walter Benjamin wird sagen: Verehrter Herr Rosenkranz, ich habe nur einmal im Leben als Dichter dilettiert und habe mit einer poetischen Bildinterpretation bei allen philosophierenden Banausen den Vogel abgeschossen: Meinen Angelus Novus - den kennt jeder gehobene Nichtkenner. Und Rosenkranz wird sagen: Würden Sie mir das bitte erklären, mir ist es - das soll Sie nicht kränken - unbekannt. Also wird der Benjamin sagen: Verehrter Herr Rosenkranz, es gibt ein Bild von Paul Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.
Den uralten Neuankömmling wird es tief ergreifen, was er da zum ersten Mal hört. Er wird sagen: Das! das ist ja genau, was ich erlebt habe, wir alle haben es. Mein bester Herr Benjamin, das ist kein dilettantisches Gedicht, das ist besser als ein Gedicht. Sie sollten das unbedingt aufschreiben! - Das habe ich, Verehrtester, und man kann es noch heute für wenig Geld als Buch bei Suhrkamp kaufen.
Und Rosenkranz wird sagen: Die Stelle mit den Füßen gefällt mir besonders, da wo der Fortschritt dem Engel die Trümmer vor die Füße schleudert. Die Füße sind nämlich wichtiger, als die reinen Kopfmenschen wohl denken. Schaun Sie sich, Herr Kollege, meine Füße an. Ich hatte in den letzten Wochen, noch unten auf der Erde in Lenzkirch, mir die linke Ferse durchgescheuert. Ob Sie es glauben oder nicht: Genau an jenem Samstagnachmittag, als ich vorsichtig anfing aufzuhören mit der Atmerei, da zog meine Frau sachte von meiner verheilten Wunde den trockenen Schorf ab. Die Haut ist jetzt wieder heil, schaun Sie sich das an: sie ist wie neu. Da lachte der Philosoph: Woher wolln Se denn das so genau wissen! Verehrtester, wie konnten Sie das überhaupt noch sehn oder merken. Da knurrte der Rosenkranz: Und ob ich kann! Ich habe es mitgehört, als meine Frau von dieser Heilung ihrem Freund in Hamburg am Telefon so begeistert erzählte.
Und Walter Benjamin wird sagen: Nichts für ungut, verehrtester Herr Rosenkranz. Ich freue mich, dass Sie hier oben so wohlbehalten angekommen sind. Es gefällt mir, dass Sie bei solchen höheren Problemen um den Fortschritt als Begriff der Geschichte dermaßen konkret von Ihren Füßen sprechen. Das ist eben der erhellende Blick des Dichters auf diese Welt.
Von Wolf Biermann

DER SPIEGEL 22/2003
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