02.06.2003

ZEITGESCHICHTE

Bäche von Blut

Von Bönisch, Georg und Hartmann, Frank

Vor 60 Jahren haben deutsche Gebirgsjäger auf der Insel Kephallenia etwa 5000 italienische Soldaten getötet. Ein Dortmunder Staatsanwalt rollt den Fall neu auf, Zeugen schildern die grausigen Details der beispiellosen Tat. Wird das Massaker endlich gesühnt?

Die Landzunge von Agi Theodori ist dicht mit Nadelwald bewachsen. Leichter Harzgeruch liegt in der Luft. Eine Lichtung gibt den weiten Blick frei über die Insel Kephallenia gleich neben Ithaka, wo der Sagenheld Odysseus zu Hause war. Im Westen glitzert das Ionische Meer, beigefarben schimmern die Häuser des Hafens von Lixouri.

Eine Idylle vor der Küste Griechenlands. Aber auch ein Ort der Exzesse, der Qualen, des Todes.

Nahe dem Leuchtturm ragt ein Mahnmal in den Himmel - als Erinnerung an ein Massaker, das deutsche Soldaten verübten und das bis heute nicht gesühnt ist. Vor 60 Jahren, im September 1943, starben auf Kephallenia mindestens 4000, wahrscheinlich sogar 5300 Italiener, die kurz zuvor noch Freunde und Verbündete der Hitler-Truppe waren - die meisten niedergemäht vom MG-Feuer, andere erstochen oder erschlagen.

Diese barbarische Tat, urteilte Telford Taylor, der US-Chefankläger beim Nürnberger Tribunal, sei eine der willkürlichsten und ehrlosesten Aktionen gewesen, von der er je gehört habe. Der deutsche Historiker und Wehrmachtskenner Gerhard Schreiber brandmarkt Kephallenia als "eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen".

Für italienische Patrioten waren die Bluttaten der Beginn der "Resistenza", des Widerstands gegen Faschismus und Nazi-Besatzer. Kephallenia - das ist auch Synonym für den in Deutschland lange erfolgreich verlaufenen Versuch, Hitlers Wehrmacht als ehrbare Truppe zu verklären.

Schon einmal, 1964, hatte ein junger Staatsanwalt aus Dortmund gegen Offiziere und Unteroffiziere zu ermitteln begonnen. Es war noch die Zeit der Schlussstrichmentalität. Vier Jahre später stellte er das Verfahren ein, mangels Beweisen oder weil keine "lebenden deutschen Wehrmachtsangehörigen ermittelt werden" konnten. Außerdem sei der "in Frage kommende Tatbestand" - Totschlag - verjährt.

Über drei Jahrzehnte lang blieben die Akten weggesperrt. Nun arbeitet ein Oberstaatsanwalt in Dortmund mit Verve am wiederaufgenommenen Verfahren: Ulrich Maaß, 56, zuständig für die Verfolgung von NS-Verbrechen, will endlich herausfinden, was wirklich in jenen Tagen auf der griechischen Insel geschah - und wer für die Taten zur Rechenschaft zu ziehen ist.

Die Aktenlage sei "heute viel besser" als in den sechziger Jahren, sagt Maaß. Hunderte ehemalige Soldaten beispielsweise lebten in der DDR und waren bis zur Wende nicht zu erreichen. Wöchentlich landen auf seinem Schreibtisch neue Namen möglicher Kephallenia-Kämpfer - und damit auch potenzieller Schuldiger: 4000 Soldaten sind ermittelt, mindestens 300 von ihnen leben noch, knapp 100 sind bereits vernommen worden.

Etwa zehn Männer, bilanziert Oberstaatsanwalt Maaß, könnten "als Täter übrig bleiben, vielleicht ein paar mehr, vielleicht ein paar weniger". Es sind Greise. Der Jüngste ist 81, der Älteste 93. Ob ihnen je der Prozess gemacht werden kann, ist nicht nur eine biologische Frage.

Es ist auch eine juristische. Ganz selten wurde in der Bundesrepublik ein Wehrmachtssoldat wegen Kriegsverbrechens verurteilt. Aber jetzt geht es um Mord. Und Mord verjährt nicht.

Rom, im Sommer 1943. Regierungschef Benito Mussolini, Italiens Duce und Vertragspartner von Adolf Hitler, wird im Juli abgesetzt, am 8. September erklärt die neue Führung den Austritt aus dem Kriegsbündnis mit Berlin. Der Führer tobt.

Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) ordnet sofort an, die von italienischen Truppen gehaltenen Territorien zu besetzen und die Streitkräfte zu entwaffnen. Hätte es Widerstand gegen die Weisungen gegeben, so der Historiker Schreiber, wäre dies für Hitler und das OKW "ein wahrer Alptraum" gewesen - und deshalb folgte der Befehl, bei italienischen Truppen, die "mit Aufständischen gemeinsame Sache" machten, alle Offiziere "nach Gefangennahme standrechtlich zu erschießen" und die anderen Soldaten zum Arbeitseinsatz an die Ostfront zu schicken.

Dies waren nicht nur flagrante Verstöße gegen die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konvention. Spezialist Schreiber hält die Befehle "historisch betrachtet" sogar für "einzigartig" in der Welt.

Griechenland war zu jenem Zeitpunkt besetzt, auf Kephallenia lag die gut 11 000 Mann starke Gebirgsdivision "Acqui", die General Antonio Gandin befehligte. Gandin weigerte sich, wie von vielen befürchtet, die Waffen niederzulegen. Er nehme "Befehle nur vom italienischen König" oder der neuen Regierung entgegen.

Nach ersten Gefechten warfen die Deutschen einen harten Haufen in den Kampf: Truppen der 1. Gebirgsdivision aus dem oberbayerischen Mittenwald, besonderes Kennzeichen: ein Edelweiß auf der Uniform. Am 18. September verschärfte Hitler die Gangart. Auf Kephallenia dürften, so die neue Order, "wegen des gemeinen und verräterischen Verhaltens ... keine italienischen Gefangenen gemacht werden", einer seiner Generäle hielt die Soldaten "ausdrücklichst" dazu an, "mit größter Bedenkenlosigkeit im Einzelfall vorzugehen".

Verbrecherische Befehle, auch nach damaliger Rechtslage. Jeder Soldat hatte ein Merkblatt mit den "Zehn Geboten für Kriegführung des deutschen Soldaten" im Gepäck: "Es darf kein Gegner getötet werden, der sich ergibt, auch kein Freischärler."

Was am 21. und am 22. September tatsächlich folgte, war eine Blutorgie ohne Beispiel. Allein bei der Ortschaft Troianata wurden 900 Soldaten mit Garben aus Maschinenpistolen liquidiert, erinnert sich der Feldkaplan Romualdo Formato:

Es gab kein Entweichen ... Man überholte sich, stürzte, zertrat sich gegenseitig und bildete schließlich einen zuckenden Haufen. Aus ihm sprudelten Bäche von Blut. Aber nicht alle waren tot ... Noch immer hörte man Röcheln und Stöhnen.

Dann dachten sich die Deutschen einen grausamen Trick aus. Sie schrien: "Hier sind die Sanitäter. Wer noch am Leben ist, komme hervor ... " Nach einiger Zeit krochen etwa 20 Menschen unter größter Anstrengung hervor, blutig, verletzt und verängstigt ... Mit einer MG-Salve wurden die restlichen Überlebenden getötet.

Ein deutscher Soldat rühmte sich, er allein habe mindestens 150 Italiener getötet. Viele Männer, gab der Artilleriehauptmann Amos Pampaloni zu Protokoll, hätten "Mutter" geschrien und "Gott", "dann ratterten Maschinengewehre". Schließlich seien die Gebirgsjäger "laut lachend und singend" abgezogen.

Die "Abschlussmeldung" des Einsatzes war verräterisch knapp: "Division 'Acqui' wurde in 36-stündigem, in einem Zug mit nur kurzen Unterbrechungen geführten Angriff ... vernichtet."

Etwa 5000 Italiener überlebten - vorerst. Sie seien, so heißt es in einem Militärpapier, "ohne Waffen meist außerhalb des Gefechtsbereichs in geschlossenen Abteilungen übergelaufen". Hitler hatte den Befehl "überraschenderweise" (Schreiber) abgemildert.

Kephallenia, 24. September 1943. Im "Roten Haus" auf der Landzunge von Agi Theodori, wo heute das Mahnmal steht, tagt ein Standgericht. Es macht kurzen Prozess. General Gandin und 137 seiner Offiziere werden zum Tode verurteilt.

Viereinhalb Stunden, von 8 Uhr bis 12.30 Uhr, dauerte die Exekution. Danach wurden die Leichen mit Steinen beschwert, in Booten aufs offene Meer hinausgefahren und versenkt. Italienische Marinesoldaten, die helfen mussten, seien - so Augenzeugen - unmittelbar danach getötet worden.

Hitler-General Hubert Lanz, Chef des XXII. Gebirgs-Armeekorps, wurde 1948 vom Nürnberger Militärtribunal wegen der Tötung Gandins und seiner Leute zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er saß nur ein paar Jahre ab. Lanz ist der Einzige, der bislang bestraft wurde.

Turin, im Frühjahr 1964. Simon Wiesenthal, der Eichmann jagte, hält in der norditalienischen Stadt einen Vortrag. Eine Frau, in schwarzer Trauerkleidung, spricht ihn an. Sie berichtet von ihrem Sohn, "unser einziges Kind", und ihrem Mann, der "an gebrochenem Herzen" gestorben sei.

Der Sohn war auf Kephallenia stationiert - und dort gestorben. "Nie", beklagte sich die Dame, "ist etwas unternommen worden, den Fall zu klären."

Ganz stimmte das nicht. Sieben Jahre zuvor hatte der Oberste Militärgerichtshof Italiens mehr als 30 deutsche Offiziere verurteilt - in Abwesenheit jedoch und damit folgenlos. Freilich war das Engagement der Justiz, gedeckt von der Politik, nicht sonderlich groß.

Heute argumentieren die Verantwortlichen von gestern, sie hätten schweigen müssen. Sonst hätte es Widerstände gegen den Aufbau der Bundeswehr gegeben. "Der Kalte Krieg", erklärte der frühere Verteidigungsminister Paolo Emilio Taviano, habe "uns keine Wahl" gelassen.

Wiesenthal jedenfalls war damals überrascht: "Kephallenia? Der Ort ist mir unbekannt."

Aber er recherchierte, und "nach und nach" sei ihm klar geworden, warum in Deutschland niemand ermittelte. Weder die SS noch die Gestapo waren am Kephallenia-Massaker beteiligt - "dieses Verbrechen", so Wiesenthal, "hatte die Wehrmacht begangen, und in der Bundesrepublik waren einflussreiche Kräfte bestrebt, die Wehrmacht aus allen Kriegsverbrecherprozessen herauszuhalten."

Wiesenthal ließ der Ludwigsburger "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" eine Liste möglicher Täter zukommen, Ludwigsburg informierte die Staatsanwaltschaft in Bochum - hier lief gegen einen der Ex-Offiziere bereits ein Verfahren in anderer Sache. Bochum gab den Vorgang nach Dortmund weiter, Dortmund nach München, München wiederum nach Dortmund.

Unter dem Aktenzeichen 45 Js 34/64 begann Staatsanwalt Johannes Obluda dann tatsächlich zu ermitteln. Er stieg in Archive und hörte über 320 Zeugen - und musste dennoch das Verfahren einstellen.

An Obludas Arbeit, der später stellvertretender Polizeipräsident einer Stadt im Ruhrgebiet wurde, hat sein Nach-Ermittler Maaß "eigentlich nichts auszusetzen". Auch Wiesenthal lernte Obluda als "energischen Beamten" kennen.

Vielleicht waren Atmosphäre und Büro-Umgebung damals mit schuld daran, das Kephallenia-Verfahren vier Jahre nach Einleitung "zu beerdigen", wie es im Jargon der Ermittler heißt. Bei einer groß angelegten Untersuchung stellte das nordrhein-westfälische Justizministerium 1995 fest, dass Obludas Abteilungsleiter bereits im Mai 1933 Hitlers NSDAP beigetreten war und vier Jahre lang der SA angehört hatte.

Kephallenia, im Frühjahr 2003. Das Haus, in dem Spiros Vangelatos aufgewachsen ist, liegt unterhalb der damaligen Dorfschule am Berghang von Troianata. Maaß braucht Leute wie ihn. Der frühere Leiter einer Sprachenschule besitzt trotz seiner 76 Jahre ein phänomenales Gedächtnis, selbst für grausige Details: "Wir hatten gehört, dass die Deutschen den ganzen Tag in anderen Dörfern Italiener getötet hatten", erzählt er. "Deshalb versteckte sich meine ganze Familie im Haus. Auf einer Wiese vor dem Dorf hatten die Deutschen mehrere hundert Italiener zusammengetrieben."

Später am Abend seien die Italiener in die Schule eingesperrt worden. Dort hätten sie bei Kerzenschein gesungen: "Mama, ich bin so glücklich, dass ich zu dir zurück komme", berichtet Vangelatos. "Sie glaubten wohl, die Deutschen würden sie in ihre Heimat zurückschicken."

Tags drauf versteckte sich der junge Grieche hinter einem Mandelbaum und hörte, wie den Soldaten befohlen wurde, sich mit dem Gesicht zu der etwa einen Meter hohen Feldmauer aus lose aufeinander gelegten Steinen umzudrehen. Angeblich, um sich die Ansprache eines Offiziers anzuhören. Vangelatos: "Aus anderen Gegenden hallten vereinzelt Schüsse nach Troianata. Dann schoss man auch hier mit den beiden Maschinengewehren auf die Gruppe." Wie lange, weiß er nicht mehr: "Es waren kurze Salven."

Die deutschen Soldaten ließen die Exekutierten achtlos zurück und zogen am gleichen Tag weiter. In Troianata bat der Ortsvorsteher deshalb die Dorfbewohner, die Toten zu beseitigen. "Es war heiß, der Leichengestank unerträglich", weiß Vangelatos noch, der selbst mit anfasste: "Wir haben die Toten mit Karren, Leitern und Decken zu zwei versiegten Brunnen außerhalb des Dorfes gebracht und sie hineingeworfen."

Stavros Niforatos ist heute 96. Er steht an einer Schlucht und deutet auf eine Stelle kurz hinter der silbernen Leitplanke. "Hier lagen welche", sagt der alte Gynäkologe. "Sie waren verstreut bis da unten hin." Niforatos sieht in die Schlucht hinab, wo alte Kühlschränke, Heizöfen und Ölkanister durcheinander liegen - so wie damals die Leichen der italienischen Soldaten. "Es waren Dutzende. Manchen hatte man die Kehle durchgeschnitten, als hätte man Schafe geschlachtet."

Die Brunnen, von denen Vangelatos berichtet, sind längst zugeschüttet. 1953 wurden die letzten Opfer in die Heimat überführt. Vangelatos will im Kephallenia-Verfahren umfassend als Zeuge aussagen.

Mittenwald, Pfingsten 2003. In wenigen Tagen treffen sich auf dem Hohen Brendten wieder aktive und ehemalige Gebirgsjäger. Sie wollen ihrer gefallenen, vermissten und verstorbenen Kameraden gedenken. Die "Brendtenfeier" wird seit 46 Jahren begangen, sie gilt als größte deutsche Soldatenveranstaltung.

Im vergangenen Jahr wurde sie erstmals von Antifaschisten und linken Autonomen gestört - unter anderem wegen Kephallenia. Jugendliche riefen "Mörder hinter dem Edelweiß - es gibt nichts zu feiern", später versuchten sie, den Kameradschaftsabend im "Postkeller" zu verhindern. Es hagelte Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch und Beleidigung.

Ein General sagte in der Festrede, "Tradition" sei "das Bindeglied innerhalb der Seilschaft der Generationen", und "solche Gedenkfeiern wie heute sind der Knoten, den eine Seilschaft zum Zusammenhalt" brauche. Dutzende Veteranen der 1. Gebirgsdivision, vor 60 Jahren eingesetzt auf Kephallenia, hörten ergriffen zu.

Auf dem Hohen Brendten steht, als Erinnerung an gestern, ein Ehrenmal. Auf der Landzunge von Agi Theodori, als Warnung für morgen, ein Mahnmal.

GEORG BÖNISCH, FRANK HARTMANN


DER SPIEGEL 23/2003
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