02.06.2003

VÖLKERRECHTDie Brücke von Varvarin

Sind im Krieg Zivilisten wehrlose Opfer? Eine serbische Mutter verklagt in Bonn die Bundesrepublik Deutschland, weil ihre Tochter 1999 bei einem gezielten Nato-Luftangriff ums Leben kam. Bis heute haben die Militärs den Vorfall nicht erklärt. Von Thomas Hüetlin
Es war der 24. März 1999, als Deutschland zum ersten Mal seit 54 Jahren wieder in einen Krieg zog. Es war der Tag, an dem Harald Kampfmeyer seine Mission begriff.
Kampfmeyer sagte zu seiner Frau Cornelia: "Setz dich vor den Fernseher, nimm die Zeitungen und mache eine Liste aller Bombardements der Nato-Verbrecher." Cornelia ist Chemikerin, sie hatte kurz vorher ihren Job verloren.
An einem Samstag in diesem Frühjahr, vier Jahre danach, sitzen die Kampfmeyers in einer Drei-Zimmer-Mietwohnung in Berlin-Müggelheim und wirken sehr aufgekratzt. So wie zwei Schüler, die ihre Zeugnisse verbrennen und dem Direktor die Reifen aufschneiden.
Das mag am Kaffee liegen, den Frau Kampfmeyer serviert und den Herr Kampfmeyer verschüttet. Oder an den Tausenden Euro aus ihrem Vermögen, die die Kampfmeyersche Mission bis jetzt verschlungen hat.
Aber wahrscheinlicher für die große Aufregung der beiden ist ein anderer Grund: Sie haben Klage eingereicht gegen die Bundesrepublik Deutschland - vor einer Zivilkammer des Landgerichts Bonn. Sie fordern 3,5 Millionen Euro Schadensersatz. Der Vorwurf, der in dem demnächst beginnenden Prozess verhandelt wird: Deutschland habe sich am 30. Mai 1999 an einem Kriegsverbrechen beteiligt, als Nato-Bomber eine Brücke in Serbien angriffen, 10 Zivilisten töteten und über 30 weitere zum Teil schwer verletzten.
Eine kleine Brücke, in der Nähe eines kleinen Ortes namens Varvarin. Das nächste militärische Ziel, eine Kaserne, lag 22 Kilometer weit weg; der Kosovo ist rund 65 Kilometer entfernt - ein paar Stunden mit einem kleinen Auto auf miesen Straßen.
Schon vor Beginn des Krieges war es den Kampfmeyers klar gewesen, dass es zu einem solchen Zwischenfall kommen würde, zu einer Katastrophe, die ein Dorf wie Varvarin auch in zwei Generationen noch erschüttern wird und den Rest der Welt aber nur zwei Minuten lang interessiert.
Während die Kampfmeyers damals Tag für Tag die Bomberflüge auswerteten, haben sie ein Desaster erwartet. Sie glaubten, dass die Nato Unschuldige in großer Zahl umbringen würde. Das Gemetzel war ihre Chance. Eine Chance, das zu tun, von dem Harald Kampfmeyer, 52, heute sagt, es sei "größer als alles, was wir bislang in unserem Leben unternommen haben, und größer als alles, was wir noch unternehmen werden".
Die Nato ist kein Gegner, mit dem man es mal eben aufnimmt, und so dauerte es bis zum Januar 2001, ehe Herbert Kampfmeyer sich in Belgrad in ein Taxi setzte und es 180 Kilometer südlich in Varvarin halten ließ. Er traf Menschen dort, denen Beine zerfetzt und Finger abgerissen worden waren. Er traf Opfer, denen Bombensplitter so dicht neben der Wirbelsäule steckten, dass es ebenso gefährlich ist, das Schrapnell operativ zu entfernen wie mit ihm weiterzuleben.
Und er traf Vesna Milenkovic, 38. Sie war die Frau des Bürgermeisters, und sie wirkte auch 20 Monate nach dem Angriff noch so, als wäre sie gerade aus den Bombentrümmern gekrochen. Ihre Tochter Sanja, von Splittern durchbohrt, war an jenem 30. Mai auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.
Sanja ist 15 Jahre alt geworden, sie hatte hellbraune Augen und dunkelblonde Haare. Sie war die zweitbeste Mathematikerin ihres Jahrgangs in ihrem Land, seit einem halben Jahr besuchte sie das mathematische Elite-Internat von Belgrad. Sanja - sie war die Sehnsucht auf Zukunft, in einem Dorf, in dem es Paprika und Tomaten gibt, aber keine Hoffnung auf ein besseres Morgen.
Ihre Mutter Vesna Milenkovic wurde halb irre vor Trauer. Den Rest hätten beinahe die Telefonate besorgt, die sie dann mit offiziellen Stellen führte.
Anrufe, die immer die gleichen Fragen wiederholten: Warum diese kleine Brücke? Warum das kleine Varvarin? Warum die kleine Sanja? Warum vier Raketen auf diese ländliche Idylle mittags um eins? An einem Sonntag, dem Fest der Dreifaltigkeit, als das Thermometer 32 Grad zeigte und die Mädchen die Haare hochgesteckt hatten, für den Kirchgang und für den Flirt auf dem Wochenmarkt hinterher?
Die einzige Antwort, die sie bekommen hat, sind die wenigen Zeilen, die das Public Information Office der Supreme Headquarters Allied Powers in Europe (Shape) schon am Tag des Angriffs veröffentlichte: "Heute haben Nato-Flugzeuge einen koordinierten Angriff gegen die Autobahnbrücke von Varvarin geflogen. Diese war eine Hauptkommunikationslinie und ein vorgesehenes, legitimes Ziel. Vier Flugzeuge griffen zwischen 1101 und 1106 Zulu Time an und verwendeten dabei präzisionsgelenkte Waffen, die alle ihre vorgesehenen Ziele erfolgreich trafen. Die Nato ist nicht in der Lage, serbische Berichte über Opfer zu bestätigen, zielt aber niemals absichtlich auf Zivilisten."
Diese Zeilen klingen militärisch kalt und arrogant, und vor allem sind sie im einzig nachprüfbaren Punkt falsch: Es gibt keine "Autobahn", die nach Varvarin führt, und es gab nie eine "Autobahnbrücke". Das "designierte" Ziel, das die Bomber "erfolgreich" trafen, hatte eine Breite von 4,50 Metern und eine Tragfähigkeit von acht Tonnen. Die "Autobahnbrücke" war so schmal, dass Autos sie nur einspurig überqueren durften. Hätten mehrere Militärlaster versucht, die Eisenkonstruktion aus dem Jahr 1924 zu benutzen, wäre sie zusammengebrochen.
Es waren solche Dinge, die Vesna Milenkovic auch noch das Gefühl gaben, verhöhnt zu werden - bis dann im Januar 2001 Harald Kampfmeyer, der Mann mit dem Musterschülergesicht aus Berlin, zu ihr nach Varvarin kam und sagte, er wolle helfen, und er brauche dazu nur ihre Zustimmung und die der anderen Opfer.
Seitdem ist die Trauer ein wenig gewichen. Jetzt kämpft sie um Aufklärung, warum ihre einzige Tochter zusammen mit neun anderen Menschen sterben musste an jenem Feiertag im Mai. Damals fühlte sie sich, "als ob kaltes Wasser durch meine Adern fließt". Sie nahm einen Job im 180 Kilometer entfernten Belgrad an, stand jeden Morgen um 4.30 Uhr auf, fuhr jeden Tag insgesamt fünf Stunden im Autobus - nur um nicht erdrückt zu werden in ihrem eigenen Wohnzimmer in Donji Katun, einem kleinen Weiler vor Varvarin. Die Geschwüre in ihrem Magen wuchsen trotzdem. Sie war allein, ihre Tochter war auch ihre beste Freundin gewesen.
Varvarin ist kein guter Ort, um traurig zu sein. Auf den staubigen Straßen rattert nur ab und zu ein Traktor. In den wenigen Kneipen sitzen alte Männer, die sich alte Geschichten erzählen. Fragt man sie, woher der Name Varvarin kommt, erzählen sie die mittelalterliche Legende von einer Frau, die das Dorf an die Türken verraten habe. Zur Strafe sei diese Hexe dann von den Bewohnern des Dorfes gekocht worden. Varvarin heiße "dort, wo die Frau gekocht wurde".
Dort, wo die Frau gekocht wurde. Es ist nicht unbedingt so, dass Vesna Milenkovic gern in Varvarin lebte. Als Kind nahmen sie die Eltern für ein paar Jahre mit ins bayerische Ingolstadt, schickten sie später aber zurück. Dann: frühe Heirat, ein Sohn, eine Tochter und ein Mann, der wollte, dass sie Paprika und Käse verkauft auf dem Markt. Sie studierte nachts. Jura. Erkämpfte sich einen Job bei einer Firma für Holzbearbeitung. Als die erste Geschäftsreise nach Deutschland anstand, sagte ihr Mann, sie könne, wenn sie fahre, gleich dort bleiben.
Sanja sollte es besser haben. Der Tochter traute sie all das zu, was ihr selbst versagt bleiben würde: eine große Karriere, Belgrad, Freiheit. Manchmal, erzählt sie, sei sie mit der Tochter in die Hauptstadt gefahren, zusammen hätten sie dort im vornehmsten Hotel, im "Hyatt", einen Orangensaft getrunken. Sanja sollte den Wohlstand kosten.
Die Tochter war von Zahlen besessen, die Mutter musste nicht drängeln. Das Kind rätselte oft nächtelang über mathematischen Problemen, aber ihre Begeisterung endete schnell, wenn es um Hausarbeit ging. Abtrocknen war ihr zuwider. "Wie willst du dieses Problem denn lösen, wenn du später allein lebst?", fragte die Mutter. "Mama, bei mir wird alles vollautomatisch laufen", antwortete die Tochter, "alles auf Knopfdruck."
Varvarin, dort, wo die Frau gekocht wurde, schien bereits hinter ihnen zu liegen. Besuchte nicht Sanja seit einem halben Jahr das mathematische Elite-Gymnasium in Belgrad? War sie nicht schon ein Großstadtmädchen?
Im Frühjahr 1999 begann der Krieg. In Belgrad heulten jetzt jede Nacht die Sirenen, Bomben explodierten. Sanja, so hatten es sich Mutter und Tochter überlegt, sollte nach Hause kommen - aufs Land, in Sicherheit.
Einige Tage später traf Sanjas beste Freundin, Marina Jovanovic, ein, auch sie hatte es in Belgrad nicht mehr ausgehalten. Zusammen genossen die beiden den Frühling in der Provinz. Die Flugzeuge zogen weit oben am Himmel dahin, die Nato schien Varvarin vergessen zu haben. Der Tod stürzte dauernd aus dem Himmel über Belgrad und dem Kosovo, aber in Varvarin war er nur ein Summen in der Dunkelheit, nicht mehr. "Es war wie in den Ferien", sagt Marina Jovanovic heute.
Sie interessierten sich nicht für Politik. Oder für Milosevic. Oder für Großserbien. Für sie war es nur Gezeter, was täglich aus den staatlichen Radio- und Fernsehprogrammen dröhnte. Leonardo DiCaprio war wichtig. Oder das tägliche Aerobic. Und ihre Bäuche. Straff sollten sie sein - wie gespannte Bettlaken. 150 Sit-ups schaffte Marina, dann verließ sie meist die Lust, aber Sanja war nicht zu stoppen. "Los", sagte sie dann, "noch mal 150."
Manchmal lagen sie im Gras und überlegten, ob sie nicht nach Griechenland durchbrennen sollen. Orangen ernten. Nie mehr das Wort Krieg hören. Zwei reiche Jungs heiraten. Und sie beschlossen: Wenn eine von beiden heiratet, dann muss sie in einem Hotel mit hohen Decken feiern - damit die andere dort auf dem Tisch tanzen kann. Hotels, die es in Varvarin nicht gibt. Nur in Belgrad. Oder in Beverly Hills.
Amerika hieß ihre größte Sehnsucht. Und daran änderten die Bomben auch nichts, die die Amerikaner nun auf das Land der beiden Mädchen warfen.
Am 30. Mai, einem Sonntag, wurde in Varvarin das ewige Leben gefeiert - das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. In der Vorstellung der serbisch-orthodoxen Kirche, vereinigen sich Gott und sein Sohn mit dem Heiligen Geist, und der Himmel, die Erde und die Menschen werden mit einem göttlichen weißen Licht erfüllt. Ein hoher Feiertag. Ein Tag, an dem Familien zusammenkommen bis spät in die Nacht.
Vesna Milenkovic hatte Spanferkel besorgt, 30 Gäste erwartete sie. Sanja wollte vorher mit ihren Freundinnen in die Kirche nach Varvarin, danach auf den großen Wochenmarkt, eine Art Basar, wo es Fleisch, Obst und Gemüse gibt, aber auch die schicken Güter des reichen Westens, gefälscht irgendwo im Osten, Lippenstifte aus Bulgarien für 3 Euro, Texas aus der Türkei für 15 Euro. Sie meinen Jeans, wenn sie Texas sagen in der serbischen Provinz.
Die Mädchen hatten sich fein gemacht. Sanja trug eine weiße Hose, ein rosa Hemd, weiße Sportschuhe. Die Freundin Marina eine rote Levi's, ein blaues T-Shirt, weiße Sandalen, auf dem Rücken einen schwarz-weißen Wollrucksack für die Einkäufe. Die Mädchen sollten Toilettenpapier, Haarspangen, Zahnbürsten und ein Teesieb besorgen. Und sie hatten es eilig. Sie wollten nicht zu spät zur Kirche kommen. Als sie um 8.30 Uhr pünktlich aufbrachen, wurden sie von Marijana Stojanovic begleitet, einer weiteren Freundin.
"Passt auf wegen der Flugzeuge. Man weiß nie", sagte Sanjas Mutter, als sie das Haus verließen, hinein in jenen Frühlingstag, der nach Rosmarin und frischem Gras roch.
"Siehst du die Bombe?", sagte Sanja lachend und deutete auf den blauen Himmel. "Sie wird genau auf uns fallen." Es war so ein Scherz, mit dem man versucht, den Krieg aus seinem Leben zu verbannen.
Das Singen in der Kirche, die Jungs und das Erdbeer-Softeis auf dem Markt hatten die Laune der Mädchen weiter gesteigert, und als sie gegen ein Uhr mittags das Dröhnen des Marktes hinter sich ließen, hatten sie die erste Hälfte eines Tages verbracht, von dem sie glaubten, es sei ein perfekter Sonntag. Sie gingen auf die Brücke zu. Sanja sagte zu Marina: "Dein Rucksack hängt nur über einer Schulter. Nimm ihn auf beide, sonst verlierst du ihn, wenn wir rennen müssen."
Sekunden später waren sie auf der Brücke, und Marina erinnert sich an ein Geräusch, das klang, als würde eine Flex versuchen, sich durch eine riesige Eisenplatte zu fressen. "Ein fürchterlicher Einschlag schleuderte uns durch die Luft", sagt sie. "Ich hörte die Schreie meiner Freundinnen. Es herrschte eine entsetzliche Hitze. Ich fühlte mich, als ob ich verglühe und in der Luft schwebe."
Ein Angler, der am Ufer stand, namens Radomir Stojanovic, wird später sagen, es seien zwei Kampfflugzeuge gewesen, die zwei etwa zwei Meter lange Flugkörper abfeuerten. Die Raketen trafen die Brücke genau über dem Mittelpfeiler. Die Explosion durchtrennte die Eisenstreben, ließ den mittleren Teil der Brücke ins schmutzig-grüne Wasser der Morava krachen.
Die Brücke hat sich in einen steilen Abhang verwandelt. Oben kauert Marina, in der Mitte Marijana Stojanovic, unten, fast im Wasser, Sanja. Auf der anderen Seite des Brückenpfeilers versinken zwei Menschen mit ihrem roten Auto in den Fluten. Es sind der Schweißer Ratobor Simonovic und seine Mutter Ruzica.
Als Marina aus einer kurzen Ohnmacht erwacht, erschrickt sie wegen ihrer blutenden Hand, dann sieht sie ihr rechtes Bein. Der zerschmetterte Unterschenkel scheint nur noch durch Haut mit dem Körper verbunden. Die Luft riecht wie in einer Schweißerwerkstatt.
"Wir leben", ruft Marijana von unten.
"Wir träumen", sagt Marina von oben. "Es ist nicht möglich, dass man einen solchen Angriff überlebt. Und wenn wir tatsächlich noch leben, dann werden die Flugzeuge wiederkommen."
"Nein, das war's", sagt Marijana. Sie hat Angst, nach unten zu rutschen und zu ertrinken. Sie kann nicht schwimmen.
Marina starrt ihr kaputtes Bein an. Sie hat Angst, dass man ihr Bein amputieren wird - falls sie überleben sollte. In diesem Augenblick sieht sie Flugzeuge "so groß wie Autos". Zwei weitere Raketen werden abgefeuert. Explosionen. Hitze. Rauch.
Die Raketen treffen die halb versunkenen Brückenteile auf der Seite von Varvarin. Es sterben sieben Menschen, die den Mädchen vom Wochenmarkt her zu Hilfe geeilt waren. Zwölf weitere werden zum Teil schwer verletzt. Die Explosionen sind so gewaltig, dass ein zimmergroßes Brückenteil gut hundert Meter weit in den Friedhof jenseits der Kirche geschleudert wird.
Sanja rutscht nach der zweiten Explosion nach unten. Sie liegt nun mit dem Kopf im Wasser, gibt kein Lebenszeichen mehr von sich. Nur ihre Brust hebt und senkt sich regelmäßig. Marina kriecht hinunter, um Sanjas Kopf über Wasser zu halten. Sie stützt sich auf die Ellbogen, weil sie ihre Beine nicht mehr benutzen kann. Marina ist verzweifelt. Ihre beste Freundin hat keine klaffenden Wunden, aber sie hat ihr Bewusstsein verloren. Marina und Marijana rufen Sanjas Namen, dann "Upomoc", das serbische Wort für Hilfe.
Marina holt eine Wasserflasche aus ihrem Rucksack und tupft das leblose Gesicht ihrer Freundin ab. Sie glaubt, dass ihr Sanja jetzt zulächelt. Marina ruft: "Ich werde dich retten."
"Wie willst du das schaffen?", sagt Marijana. "Dein Bein ist kaputt."
Sanjas Mutter steht beim ersten Angriff der Flugzeuge in der Küche ihres Hauses, das höchstens vier Kilometer entfernt ist. Der Knall ist so laut, dass die Scheiben klirren. Sie rennt in den Garten.
"War das eine Bombe auf Krusevac?", fragt ihr Mann.
"Nein, das war die Brücke", sagt die Mutter. "Geh ins Haus und probier mal das Telefon. Wenn die Leitung tot ist, gibt es die Brücke nicht mehr."
Sanjas Mutter rast im Auto zur Unglücksstelle. Ein paar Leute aus Varvarin kommen ihr entgegen. "Haben Sie die Mädchen gesehen?"
"Nein, fahren Sie nicht zur Brücke. Dort wurde gebombt."
Die Brücke liegt im Wasser wie mit einem Messer abgeschnitten. Es herrscht Stille. Die Mutter versucht, durch das reißende Wasser zu ihrem Kind zu gelangen. Sie ertrinkt fast. "Zwei Hände", sagt sie später, hätten sie herausgezogen. Dann ist alles wie in einem Film. In Zeitlupe. Ohne Ton.
Sanja wird auf ein Brett gelegt und in den Krankenwagen getragen. Vesna Milenkovic fährt mit. Sanjas Augen bewegen sich, aber sie ist ohne Bewusstsein. Sie liegt auf der Brust und atmet schwer. Die Mutter schreit den Arzt an: "Doktor, tun Sie was! Drehen Sie sie um, sie bekommt keine Luft mehr. Ich verliere das Kind vor meinen Augen."
Der Arzt lässt die nächste Ambulanz ansteuern. Sanja bekommt eine Spritze. Die Mutter muss in ein anderes Auto steigen. Sie fahren ins Kreiskrankenhaus nach Krusevac.
Dort sieht die Mutter, wie ein Arzt aus dem Zimmer kommt und seine Handschuhe abstreift. "Ich muss zu meiner Tochter", ruft sie. Sanja ist tot.
Die Eltern nehmen das Kind mit nach Hause, waschen es in der Badewanne, bahren es auf dem Esstisch auf und bestatten es am nächsten Tag in einem weißen Sarg. Die beiden Freundinnen überleben. Marijana mit 20 Bombensplittern im Körper, Marina mit 52, einen weiteren Splitter, etwa ein Kilogramm schwer, findet man in ihrem Rucksack. Außer den Toten und den Narben gehört das Schrapnell zu dem wenigen Konkreten, was blieb von jenem Mittag, als der Tod auf Varvarin fiel.
Für die Opfer ist der Angriff auf ihr kleines Dorf bis heute ein Mysterium - schrecklich, dunkel, ungeklärt. Die Nato tut nichts, um Licht in den Vorfall zu bringen.
Bis heute sagt niemand, warum die Brücke als militärisches Ziel herhalten musste. Es sagt niemand, warum die Angreifer zweimal kamen. Es sagt niemand, welcher Nation die Flugzeuge angehörten.
Nur Michael Kämmerer, damals zuständig für die deutsche Presse im Supreme Headquarters der Allied Powers in Europe, hat sich bisher zu dem Vorfall geäußert. Der "Zeit" sagte er, dass es sich bei der Brücke um ein so genanntes Sekundärziel gehandelt habe. Ein Ziel also, welches sich Piloten suchen, wenn ihr eigentliches Ziel bereits zerstört ist oder wegen schlechter Sicht oder anderer Gründe nicht angreifbar ist - ein Ausweichziel.
Was überhaupt ein Ziel in der "Operation Allied Force" sein durfte, darüber besteht immer weniger Klarheit. Offiziell heißt es bis heute, die Ziele seien mit allen Nato-Partnern abgestimmt worden, und Ziele, bei denen ein Nato-Partner sein Veto eingelegt habe, seien von der Liste gestrichen worden. Inoffiziell hält man es für möglich, dass der Nato-Rat einem Angriff auf die Brücke von Varvarin nicht zustimmen musste.
Die Amerikaner, hat der damalige französische Außenminister Hubert Védrine in einem Interview mit der BBC gesagt, hätten gelegentlich getan, was sie wollten. "Sie haben dabei eigene Gelder eingesetzt, und die Entscheidungen kamen, wie die Kommandos, direkt aus den USA. Den europäischen Verbündeten waren diese zusätzlichen Einsätze nicht bekannt."
Darüber hinaus herrschen im Cockpit einer F-16 ohnehin eigene Gesetze. "Sie zielen auf das Secondary Target, weil sie nicht das ganze Flugbenzin und Adrenalin für nichts verschwenden wollen", sagt Andrew Brookes, 30 Jahre lang Pilot bei der Royal Air Force und heute Analytiker beim International Institute for Strategic Studies in London. "Wenn die Piloten die Bomben wieder mit zurück nach Hause bringen, wird der Kommandeur sie als Feiglinge beschimpfen."
Der Erfolgsdruck ist hoch, die Möglichkeit, sich über ein Ziel aus 5000 Meter Höhe Gewissheit zu verschaffen, gering. "Dort oben ist man auf einen Mini-Bildschirm angewiesen, während man mit 400 bis 500 Knoten sehr schnell dahinfliegt", sagt Brookes. "Es ist unmöglich zu erkennen, ob da unten Spezialeinheiten auf dem Weg zu einer ethnischen Säuberung oder ein paar Zivilisten auf dem Weg in die Kirche sind." Vielleicht hätten die Piloten einfach die falsche Brücke getroffen.
War also das Desaster von Varvarin ein Versehen, ein Fehlwurf? War es ein Kollateralschaden oder ein Kriegsverbrechen? Auf jeden Fall beschloss die Nato nach dem 30. Mai 1999, Brücken nicht mehr zu bombardieren, sofern in deren Umgebung mit Zivilisten gerechnet werden musste.
Man kann diese Änderung der Strategie als ein Schuldeingeständnis interpretieren. Geholfen hat sie den Opfern von Varvarin wenig. Bis heute bleibt ihnen bei ihrer Suche nach Aufklärung und Gerechtigkeit nur jene Notiz in einem Report von Amnesty International, die anzweifelt, ob die Brücke ein "legitimes militärisches" Ziel war, und die darüber hinaus den Zeitpunkt des Angriffs scharf kritisiert. "Wieso konnte die Nato Angriffe zur Mittagszeit, wenn das Risiko, Zivilisten zu treffen, besonders hoch ist, nicht vermeiden?"
Die Strategie der Nato im Krieg hieß: aus großer Höhe Bomben abwerfen, Hauptsache, die Piloten sind sicher. Die Strategie der Nato nach dem Krieg scheint ebenso auf einseitige, absolute Sicherheit ausgerichtet: Schweigen, Achselzucken, warten, bis Gras über die Sache und die Toten wächst.
Das ist eine moralisch fragwürdige, aber bewährte Strategie. Vor allem ist es eine Strategie, die nicht mit Menschen rechnet wie Vesna Milenkovic, die keine Ruhe geben wird, bis sie erfährt, warum ihr Kind sterben musste.
Es war eine Art letzter Auftrag, den ihr die Tochter erteilt hat. So erträgt Vesna Milenkovic auch die Rückschläge, die sie immer wieder erleben muss. Zum Beispiel die Klageerwiderung durch die Anwälte der Bundesregierung: In kühlen Worten bedauern die Juristen, dass es zu Zivilopfern gekommen ist, in ebenso kühlen Worten verlangen sie, die Klage abzuweisen und die Kosten des Verfahrens den Klägerinnen und Klägern aufzuerlegen.
Die Bundesregierung beruft sich darauf, dass die 14 "Tornados", mit denen sich Deutschland an der "Operation Allied Force" beteiligte, ausschließlich zur Aufklärung und zur Zerstörung der gegnerischen Luftabwehr genutzt worden seien. Außerdem behauptet sie, dass deutsche Flugzeuge auch nicht mittelbar an der Zerstörung der Brücke von Varvarin beteiligt gewesen seien. "Fest steht", schreiben die Anwälte, "dass an diesem Tag überhaupt keine Militärflugzeuge der Bundesrepublik Deutschland im Raum Varvarin zum Einsatz kamen."
Eine Reaktion ebenso vorhersehbar wie unpräzise. Denn das Auskundschaften der Ziele erfolgte selten am Tag der Bombardierung, sondern lange vorher. "Das ist wie bei einem Banküberfall", sagt Hans Wallow, ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter, Autor und Unterstützer der Klage. "Einer macht die Pläne, einer steht Schmiere, und einer räumt den Tresor aus."
Außerdem habe die Nato bei ihrem Angriff auf die Zivilisten von Varvarin gegen das Genfer Zusatzprotokoll über den Schutz der Opfer internationaler bewaffneter Konflikte verstoßen. Die Bundesrepublik müsse demnach haften, da sie als Mitglied der Nato an militärischen Aktionen teilgenommen und mit den anderen Mitgliedern den fraglichen Luftangriff beschlossen habe.
Aber auch diese Argumentation ist anfechtbar: Gilt doch das Genfer Zusatzprotokoll nur, wenn es sich um eindeutig nichtmilitärische Ziele handelt, was nach Ansicht von Völkerrechtsexperten im Fall der Brücke von Varvarin nicht eindeutig zu klären sein wird. Außerdem haben die USA, Frankreich und die Türkei das Genfer Zusatzprotokoll nie unterschrieben.
Es ist dieses Versteckspiel hinter Paragrafen, das Vesna Milenkovic als einziges Mittel geblieben ist, um herauszufinden, warum ihre Tochter sterben musste. Die braunen Haare streng zurückgekämmt, angetan mit einem makellosen blauen Hosenanzug, versucht die Mutter einem Konflikt Haltung entgegenzusetzen, der als militärische Auseinandersetzung begann und jetzt als juristische fortgesetzt wird.
"Es tut weh", sagt Milenkovic, "Anwälte werden dafür bezahlt, die Unschuld ihrer Mandanten zu erklären. Ich weiß, wie das geht. Schließlich habe ich selbst Jura studiert. Dabei müssten doch alle wissen, dass das, was an jenem Tag geschah, falsch war. Es gibt nur niemand zu."
Nur einmal wurde bisher Schadensersatz für die Opfer der "Operation Allied Forces" gezahlt: als Entschädigung für die Raketen der USA, die irrtümlich in der chinesischen Botschaft in Belgrad einschlugen - 54 Millionen Mark. Ohne Paragrafen, Klageschriften, Gerichtsverfahren. Für China gibt es Respekt, aber nicht für eine Mutter irgendwo in Serbien, deren Name nicht für die Geschichtsbücher und Weltkarten der Sieger taugt.
Es ist eine riesige Lücke im Völkerrecht, eine moralische Kluft, die geschlossen werden müsste - der Prozess in Bonn ist der Anfang, Klageschriften aus den Kriegen in Afghanistan und Irak werden vorbereitet. Wenn Kriege wieder in unsere Zivilisation eindringen, dann sollte auch die Zivilisation eindringen in den Krieg. "Es muss eine Völkerrechtsordnung her, in der auch Individuen eine Chance zur Rechtsdurchsetzung bekommen und nicht nur Staaten", sagt Horst Fischer, Professor für Internationales Humanitäres Völkerrecht an der Universität Leiden.
Die Aussichten, das Desaster von Varvarin vor deutschen Gerichten aufklären zu können, sind gering. Aber das scheint Harald Kampfmeyer, den Mann mit dem Musterschülergesicht und Initiator der Klage, nicht zu betrüben. Strahlend steht er in Socken in seinem Wohnzimmer in Berlin-Müggelheim und schwärmt von seinem Kampf für Gerechtigkeit. Der Höhepunkt seines Lebens.
Kampfmeyer, früher Berufsoffizier bei der NVA, heute Manager bei einem Mineralölkonzern, ist besessen. Besessen davon, dass die DDR der bessere deutsche Staat war, die Bundesrepublik nur ein "Jurassic Park für Altfaschisten" ist. Er ist besessen davon, dass der Kampf der Serben gerecht war und der Einsatz der Amerikaner nur eine weitere Etappe auf deren Weg "zu einer neuen Weltordnung".
Für Kampfmeyer ist klar, was am 30. Mai 1999 auf der Brücke von Varvarin geschah. Die Amerikaner verübten ein Kriegsverbrechen, und die Deutschen halfen ihnen dabei.
Fragt man Kampfmeyer, warum er das Desaster von Varvarin ausgerechnet vor ein deutsches Zivilgericht bringen will, antwortet er: "Weil ich finde, jeder Bürger ist verantwortlich für seinen Staat, und in den USA wären die Anwälte noch teurer gewesen." Der Prozess ist seine Waffe, den verlorenen Krieg in Serbien doch noch zu gewinnen.
Für Vesna Milenkovic ist der Prozess eine Waffe im Kampf um Wiedergutmachung, um Gerechtigkeit.
Seit dem Januar 2001 kennen sich Milenkovic und Kampfmeyer, sie sind befreundet, sie brauchen sich, auch wenn sie eigentlich etwas völlig Unterschiedliches wollen.
"Diese Klageverfahren sind der Beginn, dass anderen Opfern Gerechtigkeit widerfahren kann", sagt Vesna Milenkovic und beteuert gleich hinterher, dass es ihr Leid tue, Deutschland verklagen zu müssen. Deutschland, ihr Lieblingsland. So pazifistisch wie fast keines im Westen.
Dort sieht sie nun ihre letzte Chance, Gerechtigkeit zu finden für ihre tote Tochter. Und das heißt herauszufinden, warum Sanja sterben musste an jenem blauen Festtag im Mai, als die Luft nach Rosmarin roch und der Krieg weit weg war. So weit weg, dass die Mutter das Wichtigste in ihrem Leben, die Tochter, aus dem Haus ließ.
"Es ist nicht der Schadensersatz, um den es geht", sagt Vesna Milenkovic, und ihre Stimme ist jetzt weich und frei von Ärger. "Das Geld ist das Letzte. Ich will endlich, dass einer sagt, es war falsch, Ihr Kind zu töten."
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 23/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VÖLKERRECHT:
Die Brücke von Varvarin

Video 00:51

Aufregung im Netz "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles

  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Schuldeneintreiber in Köln: Meine Rolex können sie aber nicht mitnehmen" Video 48:02
    Schuldeneintreiber in Köln: "Meine Rolex können sie aber nicht mitnehmen"
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Naturschauspiel: Der letzte Supermond des Jahres" Video 00:45
    Naturschauspiel: Der letzte Supermond des Jahres
  • Video "Virales Video: 45 Klapperschlangen unter dem Haus" Video 01:06
    Virales Video: 45 Klapperschlangen unter dem Haus
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf" Video 02:17
    Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf
  • Video "Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf" Video 01:58
    Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg
  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles