Von Kerbusk, Klaus-Peter
Normalerweise hätte Microsoft-Chef Steve Ballmer in so einem Fall nicht einmal zum Telefonhörer gegriffen. Schließlich ging es nur um rund 30 Millionen Euro - läppische 0,1 Prozent vom Jahresumsatz des Software-Giganten.
Doch diesmal nahm der Chef die Sache vorsorglich selbst in die Hand. Ende März, während eines Urlaubs in der Schweiz, machte Ballmer einen Abstecher in die bayerische Landeshauptstadt, um Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) seine Aufwartung zu machen. Denn ausgerechnet in München, am Sitz der Deutschland-Zentrale von Microsoft, wollte die Stadtverwaltung die Verträge mit dem US-Konzern kündigen.
Hinter verschlossenen Rathaustüren ging Ballmer, den die Konkurrenz gern als "General Patton der Software-Industrie" beschreibt, auf Schmusekurs und versprach einen deftigen Preisnachlass beim anstehenden Software-Wechsel in der Stadtverwaltung sowie Hilfe bei der Aktion "Schulen ans Netz". Der prestigeträchtige Auftrag, so schien es, war gerettet.
Umso größer war das Entsetzen, als Ballmers Deutschland-Statthalter Jürgen Gallmann am vergangenen Mittwoch das Abstimmungsergebnis des Stadtrats an die Microsoft-Zentrale in Redmond mailte. Bis auf die CSU-Fraktion hatten sich alle Abgeordneten gegen Microsoft entschieden. Stattdessen sollen die 14 000 PC der Stadtverwaltung künftig mit einer Software des Erzrivalen Linux ausgerüstet werden.
Während der sonst nicht gerade zart besaitete US-Konzern über "unfaire Ausschreibungspraktiken" jammerte, brach in der Linux-Gemeinde Jubel aus. Richard Seibt, dessen SuSe Linux AG zusammen mit IBM das erfolgreiche Gegenangebot abgegeben hatte, sah gar historische Parallelen: "Was in der großen Weltpolitik der Fall der Berliner Mauer war, das wird dieses Votum in unserer Branche sein."
Noch wankt der Software-Riese aber nicht. Das Image des Quasimonopols, mit dem Microsoft die PC-Welt beherrscht wie kein anderer Konzern, hat allenfalls einen kleinen Kratzer bekommen.
Die Schlappe im Kampf gegen Tux, das Pinguin-Maskottchen der Linux-Gemeinde, hat sich Microsoft vor allem selbst zuzuschreiben - mit einer bereits vor zwei Jahren getroffenen Entscheidung. Damals beschloss der US-Konzern, sein Betriebssystem Windows NT auslaufen zu lassen.
Ab 2003, so lautete die knappe Mitteilung an die Kunden, werde es keine Weiterentwicklung und keine technische Unterstützung mehr für das Betriebssystem geben, mit dem Microsoft in den neunziger Jahren in die Zentralrechner von Firmen und Verwaltungen vorgestoßen war. Stattdessen sollten die Kunden ihre Computer gefälligst auf die verbesserte Nachfolger-Version Windows XP umrüsten.
Als Microsoft kurz darauf auch noch ein neues, auf den ersten Blick drastisch teureres Preissystem ankündigte, brach Unmut unter den EDV-Fachleuten in Behörden und Firmen aus. Da traf es sich gut, dass ein 1991 von dem finnischen Computerfreak Linus Torvalds entwickeltes Betriebssystem allmählich seine Kinderkrankheiten überwunden hatte und zum Nulltarif im Netz erhältlich war.
Linux hieß die Alternative, die Torvalds aus dem betagten Betriebssystem Unix destilliert und zum Symbol einer so genannten Open-Source-Bewegung gemacht hatte. Anders als bei Microsoft sind die Strukturen und Befehlszeilen solcher offenen Programme für jedermann einsehbar und können bei Bedarf sogar verändert werden.
Zunächst fand die produktive Anarchie nur bei eingefleischten Microsoft-Hassern Anklang. Doch allmählich entdeckten auch Konzerne wie IBM, Hewlett-Packard oder SAP, dass die freie Software durchaus Geld abwerfen kann und sich trefflich im Kampf gegen den Giganten Microsoft einsetzen lässt. Zwar ist die Software weiterhin kostenlos, doch die Umrüstung und Wartung der Computer sowie die Schulung der Mitarbeiter wirft ordentliche Gewinne ab.
Da der Argwohn gegen den Riesen aus Redmond weit verbreitet ist, gewann Linux inzwischen beachtliche Marktanteile bei den so genannten Servern, jenen Zentralcomputern, die komplette PC-Netzwerke steuern. Weltweit arbeitet schon jeder vierte Server auf Linux-Basis.
Damit wird Microsoft aber nicht im Mark getroffen - denn in den meisten Fällen wurden veraltete Unix-Systeme von Linux abgelöst. Für Microsoft ist der Server-Bereich dagegen immer noch ein Wachstumsmarkt, nur der Expansionsdrang wird gebremst. Auf das äußerst lukrative Kerngeschäft mit Heimcomputern und Bürorechnern hat sich der Vormarsch des Pinguins ohnehin kaum ausgewirkt. Denn die Umrüstung ist für Privatanwender und Kleinbetriebe immer noch zu aufwendig.
In stilleren Stunden gibt sich SuSe-Chef Seibt denn auch eher bescheiden. "Unser Geschäftsfeld", räumt der ehemalige IBM-Manager ein, "bleiben Server in mittelständischen und großen Unternehmen." KLAUS-PETER KERBUSK
DER SPIEGEL 23/2003
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