02.06.2003

FUSSBALLIm Reich der Mittel

Über hundert Ausländer spielen in Chinas Profiliga. Viele von ihnen haben in Europa keinen Club mehr gefunden. Die Gagen sind verlockend, doch das Leben ist gewöhnungsbedürftig.
Ohne Cara und Luca wäre es nichts geworden mit China. Also wollte der Fußballprofi Jörg Albertz, 32, von den Clubmanagern von Shanghai Shenhua erst einmal wissen, ob er mit Cara, einem Schäferhund, und Luca, einem Labrador, in der Stadt spazieren gehen könne, "ohne dass sie in einem Kochtopf landen". Die Bosse versprachen freies Geleit, die Vierbeiner kamen im klimatisierten Frachtraum, von einer Quarantäne wurde abgesehen - und der gebürtige Rheinländer nahm die Herausforderung China an.
Doch nun steht Albertz mit Cara und Luca etwas verblüfft vor dem Century Park im Stadtteil Pudong und hat es mit einem renitenten Torwächter zu tun, der ihm den Eintritt verwehrt: "Tiere nicht erlaubt." Um den blonden Deutschen sammeln sich im Nu zwei Dutzend Shanghaier, die nicht ihn, den neuen Sportstar der Millionenmetropole, sondern ängstlich die riesigen Viecher anstarren, an denen noch die deutschen Steuermarken hängen.
Für seine Haustiere hat Albertz dieser Tage mehr Zeit, als ihm recht sein kann. Vom Hamburger SV im Februar abgeschoben, durfte er bei Shanghai Shenhua ("Blume Shanghais") erst fünf Meisterschaftsspiele absolvieren. Die Kritiken waren positiv, dreimal siegte das Team, doch dann kam das "Schwere Akute Respiratorische Syndrom" (Sars) übers Land, und die Profiligen mussten ihren Betrieb unterbrechen.
Albertz ist einer von mehr als hundert europäischen, afrikanischen und amerikanischen Fußballern, die ihr Geld im Reich der Mitte verdienen. Sie alle sind Pioniere in einer Nation, die trotz ihrer 1,3 Milliarden Einwohner zu den Fußballzwergen gehört. Zwar qualifizierten sich die Chinesen für die letzte Weltmeisterschaft, doch die drei Spiele gingen klar verloren, ohne dass ihnen auch nur ein Treffer gelang. Erst seit neun Jahren besitzt das Land eine Profiliga, in dieser Saison kämpfen 29 staatliche und private Vereine in zwei Klassen um Meisterschaft und Aufstieg. Der deutsche Elektromulti Siemens sponsert den Wettbewerb der oberen 15.
Bis auf die Armeemannschaft Ba Yi haben inzwischen alle Clubs internationale Spieler verpflichtet. Jedem Verein ist es erlaubt, bis zu vier Ausländer anzuheuern, drei davon dürfen gleichzeitig auf den Platz. Oft körperlich überlegen und ausgebuffter als die chinesischen Balltreter, dirigieren sie nicht selten das Spiel.
Zum großen Sprung ins ferne Shanghai entschied sich
Jörg Albertz, nachdem er beim HSV im vergangenen Herbst nicht mal mehr auf die Ersatzbank durfte und sich "verarscht" fühlte. Als sein Berater die chinesische Ostküste als Arbeitsplatz ins Gespräch brachte, wusste der Mittelfeldmann "absolut nichts von China und von seinem Fußball. Da schluckt man schon". Albertz greift zur Zigarette: "In der ersten Nacht in Shanghai wollte ich nur noch eins: nach Hause. Das war mir alles zu viel."
Inzwischen sind Albertz und seine Freundin Mirjana Bogojevic, 23, Miss Germany 2001, fest entschlossen, sich an die exotischen Verhältnisse anzupassen. "Es ist doch traumhaft, ein anderes Land kennen zu lernen und dabei seinen Beruf auszuüben", schwärmt er. Keck ruft der Profi "Wei" ("Hallo") und "Ni hao" ("Guten Tag") in sein Handy.
Mehr braucht er nicht: Mit seinen serbischen Trainern und den zwei anderen Ausländern aus Bulgarien und Honduras verständigt er sich auf Englisch mit schottischem Akzent, das er während seiner fünf Jahre bei den Glasgow Rangers gelernt hat. Mit den chinesischen Teamkollegen unterhält er sich per Handzeichen.
Shanghai, wie Hamburg eine Hafenstadt mit internationalem Flair, versüßt ihm den Wechsel durch westlichen Luxus: Seine 250-Quadratmeter-Villa liegt zwischen Rasenflächen und Golfplatz weit weg vom quirligen Zentrum am Meer.
Albertz'' Nachbarn im amerikanischen "Links"-Wohnpark sind Amerikaner, Neuseeländer und Deutsche. Abends sieht er Spielfilme auf den Kanälen HBO oder Star-TV. Die Deutsche Welle überträgt, wenn auch knapp, Nachrichten aus der Bundesliga. Billig ist dieser Lebensstil nicht: Ein Haus kostet über 4000 Euro im Monat, der Verein schießt nur rund 540 Euro zu.
Einkaufen gehen Albertz und seine Freundin in den französischen Supermarkt "Carrefour" oder in einen deutschen Lebensmittelladen auf der anderen Seite des Huangpu-Flusses. Albertz: "Da trifft man sich mit Deutschen. Das ist schön."
Dass Albertz'' Profileben seit fast acht Wochen nur noch aus Training und Übungsspielen gegen die zweite Garnitur des Vereins besteht, wird allmählich zum Problem: "Ein Profi will gefordert werden", sagt er. Noch ist unklar, wann die Saison wieder beginnt. In seiner Not erwog der Verband sogar, die Spiele ohne Zuschauer anzusetzen und sie stattdessen alle live im Fernsehen zu übertragen. Weil die Zahlen neuer Sars-Fälle abnehmen, haben die Fußballfunktionäre die Zentralregierung gebeten, den Betrieb Mitte Juni, spätestens Anfang Juli wieder freizugeben.
Fußball, das hat Albertz nach drei Monaten erkannt, ist in China voller Merkwürdigkeiten. Bei den staatlichen Vereinen wie Shenhua reden oft lokale Parteifürsten bei der Mannschaftsaufstellung mit, die Schiedsrichter sind häufig parteiisch. "Sie pfeifen selten gegen die Heimmannschaft", sagt Albertz.
Zu den Schwächen des chinesischen Fußballs zählt der Deutsche auch die mangelnde Disziplin der Profis: "Da läuft jeder rum, wie er will." Anweisungen des Trainers würden oft nicht ernst genommen: "Manche hören nicht richtig zu, die quatschen nur."
Ungewohnt ist für ihn auch, dass es nach dem Schlusspfiff sofort zurück ins Hotel geht: "Vielleicht denken die, Duschen ist ungesund", fragt sich Albertz. Und als nach einem Spiel in Chengdu chinesisches Essen serviert wurde, flüchtete er mit den anderen Ausländern zu McDonald''s.
Zum Glück ist da Liu Xiaofei - eine freundliche Chinesin, die an der Sporthochschule Köln promovierte und später bei Werder Bremen in der Merchandising-Abteilung gearbeitet hat. Sie spricht perfekt Deutsch, kennt beide Fußballwelten und ist für Albertz und seine Freundin eine Art seelischer Notanker in der Fremde.
Liu leitet die Vermittlungsagentur Aplas, die Berufskicker nach China holt. "Früher waren die Ausländer in China sehr billig und sehr schlecht", sagt sie. "In dieser Saison ist das Niveau höher." Albertz soll für sie nur der Anfang sein: Derzeit träumt Liu Xiaofei von einem Transfer des Schalkers Andreas Möller.
Für einen Fußballer aus Europa gehört allerdings eine große Portion Mut oder Verzweiflung dazu, in diese fremde Fußballwelt im Fernen Osten einzutauchen: Nur die Stars bekommen einen Dolmetscher. Viele Legionäre verlassen selten ihr Hotelzimmer - außer zum Training und zu den Spielen, die teilweise mit extremen Reisestrapazen verbunden sind. Denn mal kicken sie im teils tropischen Yunnan, mal im hoch gelegenen Sichuan, dann wieder in der Steppe der Inneren Mongolei.
Andererseits lohnt sich der China-Kick: Während in Europa wegen des Sparzwangs vieler bislang wohlhabender Vereine etliche Profis in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, ist in Peking oder Shanghai eine Jahresgage von einer Million Dollar, wie Liu sagt, "nicht unrealistisch". Weil China auch im Fußball zur Großmacht aufsteigen will, erhoffen sich die Funktionäre, dass ihre Kicker von den Ausländern lernen.
Der Amerikaner Gerardo Laterza, 28, tingelt seit fünf Jahren durch die Liga. "In Europa habe ich es nicht geschafft", gesteht der gebürtige Venezolaner, "aber in China geht es mir prima."
Mittlerweile spricht er ein wenig Chinesisch und beginnt sich in die Denkweise seiner Mitspieler einzufühlen. So hat er gelernt, dass der raue Ton der europäischen Profis nicht gut ankommt: "Du musst vorsichtig sein", sagt er, "wenn du deine Leute anschreist, werden sie sauer und spielen dich nicht mehr an."
Laterza ist inzwischen bei Gansu Tianma ("Himmlisches Pferd") in Lanzhou gelandet - zweite Liga, Viertletzter. Die knapp 2000 Kilometer von Shanghai entfernte Stadt liegt am Gelben Fluss und besitzt so viele heruntergekommene Staatsfabriken, dass die Bewohner die mit Abstand schmutzigste Luft in ganz China einatmen.
Der Amerikaner lebt im Vier-Sterne-Hotel Legend im Zentrum. Von der Decke des Foyers hängen rot-goldene Volants, das Restaurant serviert Steaks und Spaghetti. Seine Arbeitsstelle, das Sieben-Meilen-Fluss-Stadion, repräsentiert dagegen die harte chinesische Wirklichkeit. Es bröckelt und rostet, die Abfälle vom letzten Spiel liegen auf den Treppen. Die Zuschauer sitzen auf Beton. Wenn Laterza nach dem Schlusspfiff an der Reklametafel mit der Schauspielerin Gong Li und an den grün uniformierten Anti-Aufruhr-Militärs ins Stadioninnere trabt, erwartet ihn als Umkleidekabine eine bessere Abstellkammer.
Dennoch kam das trübe Lanzhou für ihn in den Wochen vor der Sars-Zwangspause dem Fußballhimmel sehr nahe. Neben ihm kickte eine Legende: der Engländer Paul Gascoigne, 36. "Das ist eine Ehre, mit einem solchen Spieler in einer Mannschaft zu sein", schwärmt Laterza.
Doch ob Laterza von Gascoigne, den die Chinesen "Jia-si-ke-yin" rufen, noch allzu viel lernen wird, scheint ungewiss. Zwar hatte das Enfant terrible gegen sein Heimweh ein paar trinkfeste Kumpel aus England mitgebracht, als der Spielbetrieb aber unterbrochen wurde, flog Gascoigne in die USA, um in einer Klinik Alkohol und Depressionen zu bekämpfen.
Viele Fans in Lanzhou fürchten, dass er nicht zurückkehrt. Wegen der abgesagten Spiele ist der Club knapp bei Kasse. Erst neulich haben sich Laterza und die anderen Ausländer beim Fußballverband über ausstehende Gehälter beschwert.
So wird Paul Gascoigne, der Mann, der ehedem in Wembley oder Rom die Massen betörte, für die Chinesen womöglich auf immer verschollen bleiben. Kurz vor seinem US-Trip hat er über die kargen Verhältnisse in Lanzhou philosophiert: "Ich habe in der ganzen Welt gespielt. Ich liebe Fußball. Ich würde auch in Afghanistan spielen." ANDREAS LORENZ
* Oben: mit dem NBA-Basketballer Yao Ming (r.) in der TV-Sendung "Stars gegen Sars" am 11. Mai in Shanghai; unten: im Spiel gegen Guangzhon am 7. April in Gansu.
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 23/2003
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