07.06.2003

„Alles ein großer Bluff“

Der Uno-Waffeninspektor Peter Franck über die Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak
Franck, 39, arbeitet bei einer Hamburger Firma als Computerspezialist für die Wiederherstellung von Daten und ist Vorsitzender des Chaos Computer Clubs. Von Anfang Dezember 2002 bis Anfang März 2003 kontrollierte er im Auftrag der Uno das irakische Waffenprogramm. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Die amerikanische Regierung hat, allen Ankündigungen zum Trotz, bis heute keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden. Wundert Sie das?
Franck: Nein, überhaupt nicht. Warum sollten sie erfolgreicher sein als wir? Die Uno-Spezialisten gehörten zu den Besten, die die Welt zu bieten hat - und wir haben auch nichts gefunden.
SPIEGEL: Es gibt also keine Massenvernichtungswaffen im Irak?
Franck: Da halte ich es mit Chefinspektor Hans Blix: Das kann man erst dann sagen, wenn man absolut alles geprüft hat. Meine persönliche Einschätzung ist mittlerweile allerdings, dass es den Amerikanern weder um die Massenvernichtungswaffen noch um das irakische Volk gegangen ist.
SPIEGEL: War Ihnen nicht bewusst gewesen, dass es die Amerikaner unabhängig von Ihren Ergebnissen auf einen Krieg anlegten?
Franck: Nein, wir haben unseren Job unheimlich ernst genommen. Wir haben geglaubt, dass es immer noch eine kleine Chance gäbe, den Krieg zu verhindern. Im Nachhinein muss man natürlich sagen, dass das ein Irrtum war.
SPIEGEL: Haben Sie denn verfolgt, wie sich die Debatte im Sicherheitsrat und in den Medien zuspitzte?
Franck: Nur teilweise. Fürs Fernsehen fehlte es in unserem Bagdader Hauptquartier anfangs an Antennenverstärkern, aber wir haben zumindest Internet-Zugang gehabt. Die Sitzungen des Sicherheitsrats haben wir uns natürlich live angeschaut ...
SPIEGEL: ... auch die vom 5. Februar, in der Colin Powell vermeintliche Beweise für "rauchende Colts" präsentierte?
Franck: Einige von uns hatten sich ein Wochenende freigenommen und die Sitzung auf Zypern im Pub Green Door verfolgt. Als es hieß, Powell wolle 90 Minuten reden, dachte ich: Okay, jetzt kommen die Amis mit all dem Zeug, das sie uns immer vorenthalten haben. Jetzt präsentieren sie den großen Knall. Aber beim Zuschauen war schnell klar, dass es alles ein großer Bluff war, dass sie nichts hatten.
SPIEGEL: Wieso?
Franck: Beispielsweise lagen zwischen den Aufnahmen der Satellitenbilder, mit denen Colin Powell beweisen wollte, dass die Iraker an einem Ort unmittelbar vor unserem Eintreffen geheime Dinge zur Seite geschafft hätten, in Wahrheit mehrere Wochen. Was Powell sagte, hat schlichtweg nicht gestimmt.
SPIEGEL: Haben Sie die angeblichen Beweise persönlich überprüfen können?
Franck: In einem Fall, unsere Inspektion war längst vorbei, hat Powell theatralisch auf einen unserer Einsätze verwiesen, bei dem es um die Inspektion eines Bunkers gegangen war. Powell legte ein Satellitenbild vor, auf dem ein Fahrzeug vor einem Munitionsbunker mit aufmontiertem Wassertank zu sehen war. Den Wagen hat Powell als Dekontaminationsfahrzeug dargestellt, mit dem irakische Soldaten nach Unfällen mit Chemie- oder Biowaffen hätten dekontaminiert werden können.
SPIEGEL: Und was haben Sie wirklich vor Ort gesehen?
Franck: Wir hatten kurz vorher festgestellt, dass es sich bei den Fahrzeugen um ganz normale rote Löschfahrzeuge der Feuerwehr handelte. Auf dem Satellitenbild konnte man bloß nicht sehen, dass das Ding rot angemalt war. Das war Künstlerpech. Da setzte sich bei uns die Überzeugung durch, dass das meiste, was die Amerikaner über den Irak wussten, von Satellitenaufnahmen stammte. Die haben schlichtweg am Schreibtisch gesessen und Satellitenbilder interpretiert.
SPIEGEL: Trifft das auch auf andere Behauptungen zu?
Franck: Im Prinzip schon. Man kann das, was die Amerikaner behauptet haben, im Nachhinein auch als Machbarkeitsstudie bezeichnen: Es hätte stimmen können.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass die Amerikaner bewusst manipuliert haben?
Franck: Wenn man mehr Geld für Rüstung haben will, werden die Waffenzahlen des Feindes eben etwas überinterpretiert. Wir haben beispielsweise einen Luftwaffenstützpunkt inspiziert. Bei dem hatten die Amerikaner die Zahl der Jagdflugzeuge fünfmal zu hoch eingeschätzt. Die amerikanischen Zahlen waren meistens falsch, immer zu hoch.
SPIEGEL: Wie fühlt man sich als Inspektor, wenn die Welt so offensichtlich über den Kriegsgrund getäuscht wird?
Franck: Blix hat intern sehr, sehr deutliche Worte gefunden, die ich an dieser Stelle nicht wiederholen möchte.
SPIEGEL: Ihr norwegischer Kollege Jörn Siljeholm hat die Beweise als "Müll" bezeichnet.
Franck: Weil ich ein höflicher Mensch bin, sage ich: Das war im Grunde alles nur eine Show für das US-Publikum.
SPIEGEL: Haben die Amerikaner Ihnen intern bessere Materialien gegeben?
Franck: Ich habe jedenfalls keine besseren gesehen. Die amerikanischen Akten waren zwar als hochgeheim eingestuft, sie wurden uns persönlich aus New York überbracht, und wir durften sie in der Regel nur unter Aufsicht durchgehen. Dabei waren das im Wesentlichen dürftige Dossiers mit Bewertungen von Satellitenaufnahmen, auf denen bestimmte Bereiche markiert waren. Zum Teil waren die Bilder mehrere Monate oder sogar Jahre alt. Ich habe nie einen Hinweis darauf gesehen, dass tatsächlich ein Agent vor Ort gewesen ist. Man kann in Bilder viel hineininterpretieren, wenn man nicht da gewesen ist. Seitdem erscheint es mir so, dass die Geheimdienste auch nur mit Wasser kochen - wenn überhaupt.
SPIEGEL: Wie sind denn die Uno-Inspektoren bei ihrer Suche vorgegangen?
Franck: Einige haben Proben von Chemikalien oder biologischen Stoffen genommen. Unsere Gruppe hat Datenproben untersucht. Per Filter haben wir Zehntausende Dateien und Datenträger nach bestimmten englischen und arabischen Stichwörtern wie Anthrax durchsucht, inklusive sämtlicher nur vorstellbaren Niedlichkeitsformen und Abwandlungen.
SPIEGEL: Und dabei was gefunden?
Franck: Wenig. Auf jedem zweiten Rechner hatten die Iraker schlicht Microsoft Office, AutoCad und FoxPro laufen, also klassische Büro-, Konstruktions- und Datenbankprogramme. Die haben im Wesentlichen ganz normale Verwaltungsarbeit mit ihren Computern gemacht.
SPIEGEL: Es gab nichts, was Sie stutzig gemacht hat?
Franck: Wir haben uns natürlich Gedanken gemacht, warum an bestimmten Stellen nichts zu finden war. Manche Rechner waren beispielsweise in Ministerien, Chemiefabriken oder Raffinerien geradezu jungfräulich, mit neu eingerichteten Festplatten. Andere Computer waren offenbar gerade erst ausgetauscht worden. Es gab auch Hinweise darauf, dass die Iraker bei der Verschlüsselung von Daten auf dem aktuellen Stand waren. Aber das waren alles keine Beweise, höchstens Indizien dafür, dass hier was versteckt worden sein könnte.
SPIEGEL: Wussten denn die Iraker, wann Sie wo suchen wollten?
Franck: Aus Sicherheitsgründen haben wir den Kreis der Mitwisser möglichst klein gehalten. Oft haben wir noch am Morgen das Ziel geändert. Wenn wir mit dem Hubschrauber unterwegs waren, mussten wir, um nicht von der irakischen Flugabwehr oder amerikanischen Flugzeugen in den Flugverbotszonen abgeschossen zu werden, frühzeitig mitteilen, welche Routen wir fliegen wollten. Unsere Piloten haben deshalb bis zur letzten Minute taktiert und jeweils eine ganze Reihe von Planquadraten als Ziele angegeben. "Box-Planing" wird das genannt. Erst während des Flugs haben wir dann mitgeteilt, welches Ziel wir wirklich ansteuern würden. Trotzdem war den Irakern ab einem bestimmten Punkt klar, wohin wir wollten.
SPIEGEL: Wie sind Sie Waffeninspektor geworden?
Franck: Das traf mich gänzlich unerwartet. Die Uno hatte ihre Mitgliedstaaten um Spezialisten gebeten. Ich bin im Auswärtigen Amt wohl nicht ganz unbekannt ...
SPIEGEL: ... weil Sie gleichzeitig auch Vorsitzender des Chaos Computer Clubs sind.
Franck: Der Chaos Computer Club hat mittlerweile einen hervorragenden Ruf. Wir werden immer wieder als Experten hinzugezogen. Das war vielleicht einer der Gründe, mich bei der Uno vorzuschlagen. Dann bin ich nach Wien zur Internationalen Atomenergiebehörde zum Vorstellungsgespräch geflogen. Keine sechs Wochen später, Anfang Dezember, war ich in Bagdad.
SPIEGEL: Würden Sie die Arbeit noch einmal machen?
Franck: Es war schon ein hammerharter Job. Wenn man die Aufgabe ernst genommen hat, war man nach drei Monaten absolut ausgebrannt. Wir haben sogar Weihnachten und Neujahr inspiziert. Andererseits hat mir ein Kollege neulich eine E-Mail geschickt, die das Gefühl ganz gut auf den Punkt bringt: Wenn man eine Weile draußen ist, sehnt man sich irgendwann doch wieder nach dem Job. INTERVIEW: GEORG MASCOLO,
JOACHIM PREUß, HOLGER STARK
Von Georg Mascolo, Joachim Preuß und Holger Stark

DER SPIEGEL 24/2003
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