07.06.2003

TIEREKrieg gegen die Friedensboten

Straßentauben trotzen allen Abwehrtricks, auch Tötungsaktionen sind vergebens. Geplagte Städte haben nun Erfolg mit dem „Augsburger Modell": In betreuten Taubenschlägen bleiben die Schwärme unter Aufsicht, zur Geburtenkontrolle werden die Eier gegen Attrappen ausgetauscht.
In uralter Zeit war der gurrende Vogel noch kultig: Als Begleiter der babylonischen Liebesgöttin Ischtar oder auch der legendären Königin Semiramis, die sterbend im weißen Federkleid entschwebte, eroberte das Turteltier den gesamten Orient.
Die Taube, geflügeltes Sinnbild höherer Mächte, überdauerte den Untergang sagenhafter Reiche und Religionen und rettete sich, mit dem Olivenzweig im Schnabel, bis ins Christentum: In Gestalt einer Taube sah Jesus, bei seiner Taufe, den Heiligen Geist zu sich niederkommen. Zum Pfingstfest flatterte, als Verkörperung des Heiligen Geistes, stets die Taube ins Bildnis. Als Friedensbringerin war sie jahrhundertelang symbolhaft im Einsatz - zuletzt bei den Demonstrationen gegen den Irak-Krieg.
Doch in den Straßen der heutigen Städte
haben die Nachfahren von "Columba livia", der Felsentaube, ihren Nimbus verloren. Seit sie trippelnd und pickend massenhaft Plätze bevölkert und Bahnhöfe, Brücken und Denkmäler als Ersatzfelsen besetzt, ist die Himmelsbotin zum irdischen Lästling geworden. Statt Verehrung schlagen ihr nun Widerwille und sogar Hass entgegen.
Kommunen und Hausbesitzer sind aufgebracht wegen der Kosten, die Verschmutzungen durch Tonnen von Kot verursachen. Die "Ratten der Lüfte", fürchten ängstliche Bürger, könnten Seuchen übertragen. Sogar das Gurren, in Salomos "Hohelied" noch als "betörend" gerühmt, geht den Zeitgenossen zunehmend auf die Nerven: "In fast jeder größeren Stadt", berichtet Daniel Haag-Wackernagel, Zoologe an der Universität Basel, "sind Straßentauben zum Problem geworden."
Verwilderte Haustauben, die in den Ruinen des Zweiten Weltkriegs einst ideale Brutstätten fanden, haben sich mit dem wachsenden Wohlstand explosionsartig vermehrt: Sie finden Weggeworfenes im Überfluss. So wurde der Körnerspezialist zum Allesfresser - und damit zum "erfolgreichsten Tier im menschlichen Lebensraum" (Haag-Wackernagel).
"An keinem anderen Tier scheiden sich derart heftig die Geister", sagt der Forscher, der als Taubenpapst unter den Wissenschaftlern gilt: Hätschler und Hasser beschimpfen einander. Wer die gefiederten Vagabunden füttert, muss mit Grobheiten und Aggression rechnen. Die missliebig gewordenen Vögel selbst werden mit aufwendigen Methoden vergrämt oder auch behördlich umgebracht. Während einsame Senioren unbeirrt ihre Lieblinge versorgen, rufen Taubenfeinde zur Vernichtung und zur Quälerei auf. Im Internet haben die Hasser sogar eigene Web-Seiten, auf denen das Treten nach Tauben als Sport deklariert wird. "Ein regelrechter Taubenkrieg", so Haag-Wackernagel, "ist in Deutschland vielerorts im Gange."
"Weiter so", ermunterte jüngst die Münchnerin Karin Fleidl in der "Abendzeitung" den unbekannten Taubenvergifter, der seit geraumer Zeit Zyankalikügelchen am Odeonsplatz ausstreut. Die ungebetenen Gäste auf ihrem Balkon bringen die Hausfrau in Rage: "Wenn ich eine erwische, schlag ich sie tot."
Doch Stahlspitzen, Netze, elektrisch geladene Drähte oder Geruchssprays, wie sie Spezialfirmen namens "Kill-Team" oder "Clean Team" anbieten, "verlagern das Problem nur", sagt Haag-Wackernagel: An einem Ort vergrault, richten sich die robusten Vögel am nächsten Platz wieder ein.
Auch natürliche Feinde wie Wanderfalken, auf deren Einsatz manche Städte bauen, können die einmal urbanisierten Tauben nicht wirklich dezimieren: Dort, wo die Falken gebrütet haben, etwa am Kölner Dom, "werden die Tauben zwar weniger", berichtet Ulrich Lanz, Falkner und Falkenexperte des bayerischen Landesbundes für Vogelschutz. "Doch zwei Straßen weiter", so Lanz, zeige auch diese Abschreckung schon keine Wirkung mehr. Den Krallen der Beutegreifer zu entgehen, lernen die anpassungsfähigen Tauben rasch: Sie fliegen nahe an den Gebäuden vorbei und "nutzen nicht mehr den freien Luftraum" (Lanz).
Eine neuartige Pille wiederum, die Tauben unfruchtbar machen soll, könnte künftig zur schonenden Dezimierung beitragen, so hoffen auch die Tierschützer. Doch das Genehmigungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen.
Hilf- und ratlos versuchte etwa die Hälfte von 52 befragten deutschen Städten bis vor drei Jahren, ihre Schwärme durch Tötungsaktionen zu verkleinern. Immer noch lässt Mannheims Bürgermeister Rolf Schmidt Tausenden eingefangenen Tauben das Genick brechen - ein sinnloses Unterfangen, wie Biologen glauben; denn "bis heute ist kein Beispiel bekannt, dass eine größere Population auf diese Weise nachhaltig reduziert werden konnte" (Haag-Wackernagel).
"Allenfalls zu einer Verjüngung der Bestände", so der Zoologe und Taubenzüchter Thomas Bartels, führten solche Aktionen: Die enorme Fruchtbarkeit der Stadttauben (bis zu zwölf Junge pro Jahr und Paar) gleicht die Verluste rasch aus.
Nach all den kostspieligen Misserfolgen greifen frustrierte Stadtverwaltungen nun zu einer Lösung, die zuerst in Basel, dann auch in Augsburg und Aachen, in Tübingen und Esslingen erstaunliche Wirkung gezeigt hat und es Bürgern, Tierschützern und Ornithologen gleichermaßen recht macht - die Umsiedlung der Vögel: Städtische Taubenschläge, wie es sie früher gab, werden zu diesem Zweck neu eingerichtet - als beaufsichtigte Brutstätten, in denen die Geburtenkontrolle durch Eierklau funktioniert: Die Gelege werden regelmäßig gegen Gips- oder Plastikeier ausgetauscht.
Jungvögel auf der Suche nach Nistplätzen kommen freiwillig in die Taubenhäuser - sie lassen sich vom Futter, das auf dem Einflugbrett und im Schlag bereitliegt, anlocken. Erwachsene Tauben siedeln erst um, wenn ihre wilden Brutstätten geschlossen sind. Haben die Vögel einmal Eier gelegt, ist der Umzug geglückt.
Da die Tiere sich am liebsten im Schlag aufhalten und hier auch den Großteil ihrer jährlichen Pro-Kopf-Produktion von zehn Kilogramm Kot hinterlassen, bleiben die Gebäude draußen weitgehend verschont.
Auch die Kölner Ford-Werke schützen, mit Hilfe Freiwilliger im Betrieb, ihre Produktionshallen seit November vergangenen Jahres nach dem Augsburger Modell. "Hunderttausende von Euro wurden bis dahin ausgegeben, um die Tauben mit Netzen zu vergrämen", sagt Produktionssupervisor Meinrad Merklin, "doch wenn in den Netzen auch nur das kleinste Loch entstand, war alles umsonst."
In Augsburg selbst haben Helfer unter Leitung des Lehrers Rudolf Reichert allein im letzten Jahr an den sieben installierten Schlägen fast 12 000 Eier entnommen. Die Augsburger Taubenpfleger sorgen nun für artgerechtes Futter und säubern die Schläge. Der Mist wird auf eine Deponie geschafft - "eine enorme Entlastung für die Gebäude", wie Reichert sagt.
Nach und nach konnten immer mehr Schwärme aus dem historischen Zentrum der Fuggerstadt in ihre neuen Behausungen am Rande gelockt und dort sesshaft gemacht werden: "Auch tagsüber sind sie fast alle drin", so Reichert. "Da wird gepickt und gebalzt, da bilden sich Paare." Nur ein einziger Taubenslum ist noch übrig geblieben.
Bis zur erfolgreichen Umsiedlung musste (für 20 000 Mark jährlich) allein der Seiteneingang des prächtigen Renaissance-Rathauses jeden zweiten Tag vom Taubenschiss gesäubert werden. "Die Vergrämung war teurer als das, was wir hier investieren", sagt Kämmerer Walter Graf: Ein Schlag mit 150 Nistplätzen, staubdicht auf Dachböden, in Gauben oder auch in einer Hochgarage untergebracht, kostet einmalig rund 4000 Euro.
Vorher waren mitten in Augsburg Jäger auf der Pirsch, die den Bestand nicht wirklich dezimieren konnten - aber die Ballermänner verschreckten viele Bürger und schossen obendrein viele Tiere flügellahm.
Einstimmig hat der Stadtrat einen Fünfjahresvertrag beschlossen, nach dem das Konzept nun "ausgedehnt und weitergeführt" werden soll. Inzwischen waren bereits Beamte aus Nürnberg und München da, die das Modell zu Hause einführen wollen. Auch Hamburg erwägt, am taubenreichen Rödingsmarkt, drei Schläge einzurichten.
Einhellig haben die Augsburger auch auf ein Fütterungsverbot verzichtet, wie es in den meisten deutschen Großstädten existiert. Auf Hinweistafeln werden die Bürger lediglich gebeten, nicht zu füttern. Verbote haben zur Folge, dass unbelehrbare Taubenfreaks nachts ihre Körner ausstreuen - zur Freude der Ratten. Gänzlich vertrieben werden sollen die Vögel ohnehin nicht. Graf: "Ein paar Tauben gehören zum Stadtbild."
Ihren Frieden mit den Tauben haben mittlerweile auch die Aachener geschlossen, die sieben Taubenschläge einrichten ließen. Elisabeth Heß, wie Reichert Mitglied der Bundesarbeitsgruppe Stadttauben in der Organisation "Menschen für
Tierrechte", betreut die Schläge mit ehrenamtlichen Helfern. Auch in Aachen wurden bis 1996 rund 2000 Tauben jährlich "betäubt, eingefangen und getötet", sagt Amtsfrau Elke Wartmann, "ohne dass sich wirklich etwas änderte".
Um die Schwärme an die neue Behausung zu gewöhnen, werde zwar "ein langer Atem benötigt", sagt Wartmann, die sich seit zwei Jahrzehnten mit der Taubenplage beschäftigt. Doch das betreute Wohnen funktioniert: "Wir wollen weitermachen."
Die Treue zum Schlag und das Brüten auf engem Raum in Kolonien hatten sich schon die Ägypter zur Ptolemäerzeit für ihre riesigen Taubenhäuser zu Nutze gemacht. Damals wurden, in altertümlicher Massengeflügelhaltung, Tauben zu Tausenden angesiedelt. Von den Kotbergen, die sich in solchen Schlägen anhäufen, lebt noch heute in Ägypten, in der Türkei und in Iran eine regelrechte Taubendungwirtschaft.
Bereits die antike "Taubenmanie" (Haag-Wackernagel) brachte eine Vielzahl von Rassen hervor. Ihre Fruchtbarkeit ließ sich unter günstigen Bedingungen leicht steigern, so dass schließlich übers ganze Jahr Junge schlüpften. Auf den vorzüglichen Orientierungssinn und ihren Heimkehrtrieb verließen sich damals Seefahrer, die Tauben mitführten, um die Küsten zu orten.
Als Boten für militärische Zwecke setzte die Schweizer Armee jahrzehntelang Brieftauben ein: Der "selbstreproduzierende Kleinflugkörper auf biologischer Basis mit fest programmierter automatischer Rückkehr aus beliebigen Richtungen und Distanzen", so das offizielle Merkblatt, tat seinen Dienst bis 1995.
Gerade die Brieftauben haben indes zur Überbevölkerung in den Städten beigetragen. Auf dem rasenden Wettflug nach Hause, für den sie durch Kraftfutter, harte Selektion und trickreiche Grausamkeiten wie sexuellen Frust oder Trennung vom Ei getrimmt werden, bleiben viele Brieftauben erschöpft auf der Strecke - und gesellen sich dann zu den städtischen Schwärmen.
Im urbanen Schlaraffenland liegt für sie die Nahrung auf der Straße. Doch Pommes, Waffeln oder auch Schokoreste, die von den Vögeln in bis zu 16 000 Pickbewegungen pro Tag aufgenommen werden, sind für die Verdauungsorgane der Körnerfresser gar nicht gut geeignet und können sie krank machen.
So liegen in Augsburgs letztem Taubenslum tote, schon mumifizierte Vögel zuhauf auf einem Kotteppich herum: "Unter furchtbaren Bedingungen", so Reichert, hausen Hunderte Vögel in dem Abbruchhaus, aus dem sie nun umgesiedelt werden sollen.
Staub und Federn fliegen auf, als die Betreuer ihre Schützlinge besuchen. Mit beruhigenden Worten ("Seid''s brav") kriechen die Helfer, mit Taschenlampe und Schutzanzug ausgerüstet, in alle Winkel, um neu gelegte Eier auszutauschen. So manche beringte Rassetaube findet sich unter den Tieren, die nach und nach eingefangen und in einen benachbarten, neuen Schlag umgewöhnt werden sollen.
Der Taubenschlag ist, fugendicht und nur durch eine verschlossene Tür zugänglich, unter dem Dach eines ehemals gräflichen Palais eingebaut. Auf 30 Quadratmetern, in 165 Nistzellen, die in einer Regalwand mit herausnehmbaren Brettern untergebracht sind, wohnen die blaugrauen Vögel mit den schillernden Halsfedern. Dreimal pro Woche sehen hier Bernhard und Rosemarie Grundler nach dem Rechten, versorgen die Tiere, spachteln den Dreck weg und führen Buch über die Geburtenkontrolle - die aber nicht total ausfällt.
Im gelblichen Daunenkleid drückt sich ein einwöchiges Taubenküken ins Polster. "Ab und zu", meint Frau Grundler, die vorgewärmten Gipseier in der Hand, "müssen die auch mal einen Bruterfolg sehen." RENATE NIMTZ-KÖSTER
* Gemälde von Paolo Veronese (1528 bis 1588).
Von Renate Nimtz-Köster

DER SPIEGEL 24/2003
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