07.06.2003

DOKUMENTARFILM

Hass auf die braune Brühe

Im Westen galten sie nach 1945 als Landesverräter, im Osten als Märtyrer - die Verschwörer der Berliner Widerstandsorganisation "Rote Kapelle", die den Sowjets zuarbeitete, um Hitler zu stürzen. Sechzig Jahre nach der großen Hinrichtungswelle, der 1942/43 rund 50 Nazi-Gegner aus dem Kreis um Harro und Libertas Schulze-Boysen sowie Arvid und Mildred Harnack zum Opfer fielen, zeigt das ZDF am 16. Juni in der Reihe "Das kleine Fernsehspiel" einen fesselnden Dokumentarfilm über die Gruppe*.

Regisseur Stefan Roloff, der als Maler und Filmemacher in New York lebt, birgt die Schicksale der Männer und Frauen der "Roten Kapelle" aus dem Schutt von Ideologie und Schlapphut-Klischee. Er knüpft dabei an einen privaten Bezugspunkt an: Sein Vater Helmut Roloff, langjähriger Direktor der Berliner Hochschule für Musik, war einer der letzten Überlebenden des Zirkels. Bei ihm hatte die Gestapo im September 1942 das erste von mehreren Funkgeräten gefunden, welche die Gruppe von den Sowjets erhalten hatte. Sein Leben rettete der gelernte Jurist, der nicht zuletzt unter dem Druck der politischen Verhältnisse auf Konzertpianist umgesattelt hatte, indem er in vier Monate dauernder Gestapo-Haft eisern die Rolle des naiven, unpolitischen Klaviervirtuosen durchhielt.

Den 1955 geborenen Regisseur interessierte die Geschichte seines Vaters zunächst nicht weiter, zumal der sein bewegtes Vorleben im Untergrund weitgehend beschwieg. Erst wenige Jahre vor dessen Tod mit 89 Jahren im September 2001 begann der Sohn ihn intensiv zu befragen, und der greise Herr öffnete sich plötzlich - bei laufender Kamera.

Kein Kommentar aus dem Off ordnet ein oder ergänzt, wie in einer Geste der Wiedergutmachung überlässt der Film das Wort ausnahmslos Zeitzeugen - neben Helmut Roloff etwa dem damals erst 16-jährigen Rainer Küchenmeister, dessen mit der später enthaupteten 22-jährigen Cato Bontjes van Beek gewechselte Liebes-Kassiber zu den eindrucksvollsten Dokumenten zählen. Im Film liest seine Tochter Eurydice die herzergreifenden Zeilen Catos an Rainer aus der Todeszelle, während man den Adressaten als alten Mann im Hintergrund sinnieren sieht. Manches Puzzlestück, das sich im akribisch recherchierten Begleitband findet, fehlt im Film, doch die Konturen werden klar: Hier konspirierten keineswegs kommunistische Top-Agenten, sondern vor allem Individualisten und Kosmopoliten - "Leute, die in dieser braunen Brühe nicht leben wollten", wie Küchenmeister im Film sagt.

Neben dem Spionagevorwurf gründeten zahlreiche Todesurteile denn auch auf Flugblattaktionen, die zum Widerstand aufriefen ("Krieg, Hunger, Lüge, Gestapo - wie lange noch?") - was nach dem Krieg ebenso wenig beachtet wurde wie der Umstand, dass der Kreis Kontakt nicht nur zur Sowjetunion, sondern auch zu Briten und Amerikanern unterhielt.

Dennoch gerieten die Überlebenden nach dem Ende der Nazi-Herrschaft sofort in das Visier westlicher Geheimdienste. Freigegebene US-Akten belegen, wie erfolgreich ehemalige Nazi-Ermittler den Siegern ihre Sicht unterschoben und so ihre Haut retteten: Ungeprüft übernahm etwa die Spionageabwehr der US-Armee (CIC) die Aussage des Anklägers am Reichskriegsgericht, Manfred Roeder, der die "Rote Kapelle" als weiter aktives, brandgefährliches Spionagenetz schilderte - für dessen Aufdeckung er natürlich gebraucht wurde.

Nur 20 Prozent der "ausschließlich von den Sowjets gesponserten Organisation" seien bekannt, behauptete ein CIC-Bericht 1948, ein anderer warnte, die Überlebenden könnten sich "gegen die besten Interessen der Vereinigten Staaten" wenden. Erneut wurden diese so Ziel von Abhöraktionen und Bespitzelung - einige womöglich bis in die siebziger Jahre hinein. Auch Helmut Roloff erfuhr Jahre nach seiner NS-Haft nur durch Zufall, dass der Verfassungsschutz Erkundigungen über ihn einholte.

* "Rote Kapelle", Regie: Stefan Roloff. Montag, 16. Juni, um 0.15 Uhr im ZDF.

DER SPIEGEL 24/2003
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