16.06.2003

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEStirb langsam

Wie ein kroatischer Musiklehrer sieben Unglücke überlebte
Bis zu seinem 32. Geburtstag deutete nichts darauf hin, dass Frane Selak, Musiklehrer, Akkordeonspieler und Liebhaber italienischer Volkslieder, dazu auserwählt sein könnte, die Unerforschlichkeit göttlicher Ratschlüsse am eigenen Leib zu erfahren.
Drei Jahrzehnte lang war sein Leben unauffällig verlaufen. Er hatte die Musikschule besucht und das Komponieren und Klavierspielen erlernt; er hatte geheiratet, einen Sohn gezeugt, er war geschieden worden und hatte erneut geheiratet.
Es war im Januar 1962, als Frane Selak in Sarajevo den Zug nach Dubrovnik bestieg. Er hatte geschäftlich in Sarajevo zu tun gehabt, jetzt war er müde und wollte nach Hause. Die Bahnlinie führt durch eine Schlucht entlang der Neretva, einem kleinen Fluss, der schon im Sommer empfindlich kalt, im Winter aber eisig ist. Draußen regnete es. Selak erinnert sich, dass mit ihm eine alte Frau im Abteil saß.
Es war dunkel, irgendwo auf den Gleisen lag ein Felsbrocken. Der Zug sprang von den Schienen und stürzte in den Fluss. Selak landete im Wasser. Mit der einen Hand hielt er die Frau umklammert, mit der anderen versuchte er zu schwimmen. Kurz bevor ihn die Kräfte verließen, packte ihn ein Mann bei der Hand und zog ihn ans Ufer. 17 Menschen starben.
In dieser Nacht begann Selaks zweites Leben.
"Ich war immer gläubig", sagt Selak, "Gott ist mit mir." Er ist ein freundlicher, untersetzter Mann, der Mozart liebt und die Walzer von Johann Strauß. "Ein Mann, der nicht an Gott glaubt, lebt nicht gut", sagt er. Um den Hals, über dem Polo-Shirt, trägt er ein Kreuz an einer goldenen Kette.
Ein Jahr nach seiner Rettung aus der Neretva erhielt Selak telefonisch die Nachricht, seiner Mutter gehe es schlecht. Sie litt unter Diabetes, und weil Selak keine Zeit verlieren wollte, bestieg er das Flugzeug von Zagreb nach Rijeka. Es war eine DC-8, Selak hatte keinen Sitzplatz mehr bekommen, aber er trank Tee und scherzte mit der Stewardess. Auf einmal öffnete sich die hintere Tür der Maschine.
Selak sah, wie die Stewardess hinausgezogen wurde, dann riss es ihn selbst nach draußen. 17 Passagiere, die beiden Piloten und die nette Stewardess kamen ums Leben. Selak landete in einem Heuhaufen. Er stand unter Schock - aber er war unverletzt. Den Beginn seines dritten Lebens feierte er in einem Krankenhaus, in der Traumatologie in Zagreb.
Für seine Freunde und Verwandten wurde er der Mann, der das Unglück magisch anzog.
Ihm selbst kam sein Leben immer mehr vor wie ein Märchen. Seine zweite Ehe ging auseinander, er heiratete ein drittes Mal, wurde abermals geschieden, heiratete erneut. Die Frauen in seinem Leben wechselten und die Städte, in denen er mit ihnen wohnte. Nur das Unglück blieb, das ihn verfolgte.
Einmal stürzte er mit einem Bus von einer Brücke in einen Fluss, der allerdings so flach war, dass Selak mit dem Schrecken davonkam. Zweimal fing sein Auto während der Fahrt Feuer. Und mit jedem Malheur wuchs in Selak die Überzeugung, sein Leben bestehe im Wesentlichen aus einer Reihe von Prüfungen - je härter das Schicksal ihn anfasse, desto großzügiger würde er eines Tages belohnt, belohnt für seine Duldsamkeit.
Der vorerst letzte Zwischenfall ereignete sich vor sieben Jahren im Gebirge. Selak hatte seinen Wagen aus der Werkstatt abgeholt und fuhr Serpentinen, als ihm in einer Kurve ein Uno-Lastwagen entgegen kam. Der Fahrer hatte ihn offenbar nicht gesehen, Selak krachte in die Leitplanke, kam von der Straße ab, der Skoda überschlug sich. Zu seinem Glück war er nicht angeschnallt - als die Beifahrertür aufsprang, wurde er aus dem Wagen geschleudert. Er sah, wie sein Auto 150 Meter tief stürzte und schließlich explodierte.
Die Wende kam zwei Tage nach seinem 73. Geburtstag. Seit Jahren hatte Selak Lotto gespielt, 7 aus 39, und nie etwas gewonnen, sieht man mal von vier Richtigen ab, für die es kaum etwas gab. Am 5. Juni 2002 aber knackt Selak den Jackpot. Sechs Millionen Kuna, über 800 000 Euro, werden ihm ausgezahlt.
Es war das Zeichen, auf das er gewartet hatte.
"Ich hatte immer nur Pech", sagt Selak und lacht. "Und plötzlich kommt das Lotto, und alles ist vergessen."
Von dem Geld kauft er ein Haus mit einem großen Garten, in dem ein Springbrunnen plätschert, ein Wochenendhaus an der Küste und ein Boot. Er ist inzwischen ein alter Mann. Wenn er jetzt keinen Spaß hat, wann dann?
Er kauft einen Citroën für sich und einen Ford Ka für seine Lebensgefährtin, dann heiraten die beiden.
Im Garten errichtet Selak eine kleine Kapelle mit einer Marienstatue. In der Kapelle stehen frische Blumen und bunte Grablichter, und ab und an schauen Leute aus dem Ort vorbei, um den Segen dieser Heiligen zu erbitten, die ihre Gläubigen so zuverlässig schützt.
Die kroatische Zeitung "Jutarnji List" bittet ihn um ein Interview. Selak erzählt von den sechs Unfällen und gibt noch einen siebten dazu, einen Mauleseltritt aus seiner Militärzeit, weil "sieben" gewaltiger klingt als "sechs" - und weil es auf einen mehr oder weniger nicht ankommt. Und so geht die Geschichte von Frane im Glück um die Welt.
Vor ein paar Tagen hat er seinen 74. Geburtstag gefeiert. Er ist gesund, das Auto funktioniert, und seine Frau ist 20 Jahre jünger als er.
Die Feier klappt, keine Katastrophen, nicht mal ein Missgeschick. Für Selak läuft es ganz gut zurzeit. Bis wir wieder von ihm lesen. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 25/2003
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