23.06.2003

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEFeuer frei

Selbst ist der Mann - auch beim Bau einer Cruise Missile.
Es ist nicht leicht, Bruce Simpson zum Nachbarn zu haben. Klar, auch anderswo gibt es Leute, die ein bisschen laut sind, zum Beispiel weil sie stundenlang mit dem Aufsitzmäher übers Grundstück knattern. Unangenehm sind auch die Typen, die im Herbst mit einem Laubbläser auf dem Rücken in der Einfahrt herumlärmen. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was Bruce Simpson veranstaltet.
Simpson testet Raketenantriebe.
Auf seinem Grundstück, manchmal auch auf der Straße vor dem Garten. Den Lärm hört man bis zum Golfplatz, und der ist fünf Kilometer weit weg. Der nächste Nachbar lebt nur einen Kilometer entfernt - weniger als die Startbahnlänge eines Verkehrsflughafens.
Bruce meint es nicht böse. Triebwerke, Motorengestank, Gewummer in der Brennkammer - er mag das. Außerdem hat er zuerst hier draußen gewohnt, im abgeschiedenen Norden Neuseelands, nahe der Ortschaft Helensville. Die Nachbarn kamen alle nach ihm.
Er nimmt sogar Rücksicht: Keine Triebwerktests in der Mittagszeit sowie nach 19 Uhr und an Sonntagen. Er ist ein freundlicher, weißhaariger Herr von 49 Jahren, er will keinen Ärger. Bruce will einfach nur in Ruhe seine Cruise Missile bauen.
Mit ein wenig Geschick, meint er, könne das jeder: im Hinterhof einen Marschflugkörper zusammenbasteln.
Das sei wirklich nicht schwer, hat er vor einem Jahr auf einer Technikseite im Internet behauptet. Und weil ihm seine Technikkollegen nicht glaubten, will er es jetzt beweisen.
Wenn der Flugkörper fertig ist, soll er 160 Kilometer weit fliegen, eine Zehn-Kilogramm-Last tragen und auf hundert Meter genau treffen können. Wie eine richtige Cruise Missile wird Simpsons Geschoss mit einem satellitengestützten Navigationssystem ausgestattet, über einen Steuercomputer, eine Bordkamera und ein Radarsystem verfügen. Für den Sprengkopf stellt sich Bruce eine Ladung Mehl vor. Mehl erinnert ihn an Anthrax-Pulver. Alles zusammen soll nicht mehr als etwa 5000 Euro kosten, nicht eingerechnet die Arbeitsstunden.
Alle Bauteile sind frei erhältlich, das GPS-System hat Simpson bei EBay gekauft, die Steuerelektronik stammt aus einem Online-Shop.
Simpson ist gelernter Elektroingenieur, seit Mitte der Neunziger jedoch arbeitet er als Webdesigner und - sehr erfolgreich - als Betreiber einer neuseeländischen News-Seite. Den Baufortschritt dokumentiert er im Internet.
Schon als Kind, erzählt Simpson, habe er sich für alles interessiert, was fliegt, vor allem aber für das, was fliegt und dabei Krach macht. Die deutsche V1 aus dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel: simples Design, einigermaßen flugfähig - und ziemlich laut.
Den Schub bekam die V1 von einem Pulse-Jet, zu Deutsch: Pulsostrahltriebwerk. So etwas soll auch Simpsons Cruise Missile antreiben. Das Prinzip ist ganz einfach: Man braucht ein Rohr aus hitzefestem Stahl, an dem einem Ende ist das Rohr dicker als am anderen.
Von der dicken Seite aus gelangt Luft in das Triebwerk, wird dort mit Treibstoff vermischt und in einer Brennkammer entzündet. Ein Ventil sorgt nun dafür, dass der Druck der Explosion nach hinten entweicht. Von vorn strömt neue Luft ein für die nächste Zündung. Ein gut laufender Pulsoantrieb bringt es auf 60 Zündungen in der Sekunde.
Das macht einen höllischen Lärm.
Simpson hat schon mehrere Pulsotriebwerke gebaut, und er weiß deshalb, dass Dinge, die im Prinzip ganz einfach sind, im Detail oft Probleme machen.
Die Zündung zum Beispiel: Am besten läuft ein Pulse-Jet, wenn von vorn ordentlich Luft einströmt - aber dazu muss er in Bewegung sein. Simpson nimmt einen Laubbläser und pustet in die Öffnung. Das klappt ganz gut. Nur einmal stand er ungünstig zum Wind: Die Startflamme versengte ihm Bart und Augenbrauen.
Ein andermal verbrennt ihn sein Testmodell am Bein, er hatte das Triebwerk auf einen Gokart montiert, um zu sehen, wie viel Schub es entwickelt. Das Rohr, das aussah wie ein fetter Angeberauspuff, war zu nah am Sitz angebracht.
Als Brennstoff nimmt Simpson Butangas. Er montiert eine Gaskartusche auf den Gokart und bringt das Triebwerk auf einem Stahlgestell über ihm an. Seitdem kann er tatsächlich per Jet-Antrieb durch die Gegend fahren. Auch das ist nicht ohne Tücke: Die Straße vor dem Haus ist holprig, der Gokart schwer zu steuern. Bei mehr als 50 Stundenkilometern kriegt Simpson Angst. Einmal geht seinem Kart der Sprit aus, gerade als Simpson die heckenumrahmte Einfahrt seines Gartens durchquert hat. Mit einem letzten Fauchen fackelt ihm der Pulsoantrieb das Grünzeug ab.
Bruce Simpsons Marschflugkörper kann nicht wie eine normale Rakete von einer Rampe abheben. Simpson wird die "Low Cost Cruise Missile" von der Ladefläche seines Pick-ups abfeuern - bei Tempo 130.
Die neuseeländische Luftwaffe ist informiert. Sie soll ihm eine Flugstrecke zuweisen und die Route überwachen, sagt Simpson. Auch das FBI und die CIA wissen Bescheid. Simpson ist ja kein Terrorist, er will nur zeigen, wie leicht es Terroristen hätten.
Bisher haben die Behörden nicht geantwortet. Vielleicht glauben sie ihm nicht, vielleicht halten sie ihn für bekloppt. In ein paar Wochen, sagt Simpson, will er fertig sein. Dann wird er es ihnen zeigen. ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 26/2003
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