23.06.2003

SOZIOLOGIEErna kommt bald wieder

Wie erklärt sich der Siegeszug von Paul und Sophie? Eine neue Studie geht der Frage nach, was die Lieblingsvornamen der Deutschen über den Zustand der Gesellschaft aussagen.
Quintus, Sixtus, Septimus - vom Kinderreichtum erschöpft, zählten die alten Römer schon mal ganz schlicht von fünf bis sieben, um ihren Nachwuchs zu benennen. Erst die Moderne hat die Lust auf immer mehr verschiedene und ausgefallene Vornamen geweckt - und die Qual der Wahl erhöht.
Dazu mussten religiöse Verpflichtungen gelockert werden oder sich die christlichen Traditionsbestände dem Zeitgeist unterwerfen: Johannes, Matthias, Josef - Hitnamen des katholischen Milieus vor hundert Jahren - sind von den Lieblingen der Jetztzeit abgelöst worden: Daniel, David, Lukas heißen heute die Jungs von der Bibelquelle.
Warum soll es den Heiden besser gehen? Teutonische Namens-Eichen wie Friedrich, Hedwig, Hans und Hermann werden heute von nordischem Gestrüpp überwuchert. Die Neles, Haukes, Fraukes, die Nilse, Björns und Birgers sprießen. Zugleich weht der Wüstensand des Alten Testaments seit den achtziger Jahren kräftig durch die Namenswelt, es knirscht - vor allem in den höheren Ständen - immer öfter nach Jonas, Sarah und Benjamin.
Das gelobte Land der Globalisierung drängt natürlich auch an die Taufbecken: Wie die Eds, Stans, Johns im Angelsächsischen bellen nun auch vor deutschen Nachnamen computerflotte Einsilber à la Tim, Jan und Tom. Südliche Phantasien - zu den Brigitten, Yvonnen und Manuelas sind die Chloës, Michelles, Lucas gestoßen - bleiben heute so ungebrochen wie der Drang der Eltern, ihre Kinder mit höherer Kultur zu verkuppeln: Bela, Sophie und Sebastian wirken da noch bescheiden angesichts des gravitätischen Namenshits 2002: Alexander.
Mit kaiserlichem Instinkt hat Franz Beckenbauer die Mode erspürt: Sein vierter Sohn heißt mit Zweitnamen Maximilian, Zweiter der Hitliste 2002. Und klar: Kevin, immer wieder Kevin, allein war er, vor allem in den Neunzigern, nur zu Haus, im Standesamtsregister nicht.
An der Namenswahl lässt sich besonders gut überprüfen, was es mit Schlagwörtern wie Säkularisierung, Individualisierung und Transnationalisierung auf sich hat. Ob Franz oder Fritz, Gitta oder Britta, das ist keine Frage von Macht oder Geld, sondern von Geschmack, Gefühl und Zeitgeist. Die Analyse der Vornamenvergabe verlangt die intelligente Kombination verschiedener soziologischer Erklärungsmodelle.
Was die unlängst erschienene Studie "Die Moderne und ihre Vornamen" des Leipziger Kultursoziologen Jürgen Gerhards, 48, interessant macht, ist der lange Zeitraum, den seine Untersuchung beobachtet*. Der Autor hat die Geburtsregister von Gerolstein und Grimma von 1894 bis 1994 ausgewertet - die eine Stadt liegt in der Eifel, die andere ist sächsisch. Um zu statistisch verallgemeinerbaren Aussagen zu kommen, bezog Gerhards Untersuchungen aus anderen Regionen mit ein.
Erste Erkenntnis: Der Anteil der christlichen Vornamen ist im Laufe von 100 Jahren von 50 auf etwa 32 Prozent gesunken. 1894 gehörten Katharina, Maria, Magdalena und Elisabeth zu den gebräuchlichsten christlichen Mädchennamen, der Bezug auf die heiligen Schutzpatroninnen war noch sehr präsent.
Die weiblichen Vornamen, die heute die Flagge des Christentums hochhalten, sind nicht nur weniger geworden, sie klingen unfeierlicher: Marie, Sarah und Anna.
Die Verweltlichung der Namensvergabe verlief nicht gleichmäßig. Es tun sich interessante Unterschiede zwischen dem protestantischen Grimma und dem katholischen Gerolstein auf. Das Standesamtsregister wird zum Geschichtsbuch.
Luthers Anhänger verabschieden sich bereits nach dem Ersten Weltkrieg von christlichen Vornamen. Evangelische Jungs heißen nach deutsch-kaiserlichem Vorbild Heinrich, Friedrich, Wilhelm oder wie der Cheruskerheld Hermann und gern auch dem Eisernen Kanzler Bismarck folgend Otto. Das Preußenreich hat
den Protestantismus zur selbstbewussten staatstragenden Konfession auserkoren, die Evangelischen leben ihre nationalen Neigungen in den Namen aus.
Anders die Katholiken. Bismarcks zeitweiliger Kulturkampf hatte ihnen zugesetzt. Dagegen wehren sie sich und halten den hergebrachten Namen die Treue.
Erst 1934, die Nazis sind an der Macht, vollzieht sich auch im katholischen Gerolstein die Hinwendung zu deutschen Namen. Was preußisch-evangelische Deutschtümelei im katholischen Milieu nicht schaffte, passierte während Hitlers Diktatur.
Bis auf etwa 50 Prozent bringen es die deutschen Namen insgesamt, und ihre Beliebtheit geht erst deutlich zurück, als BRD und DDR gegründet werden. 1994 machen deutsche Vornamen nur noch etwa 5 Prozent aus.
In das Auf und Nieder nationaler Namenswallungen sind vor allem die Jungen einbezogen, Mädchen gehören in der Vorstellung der Eltern eher zu einer "übersinnlichen, außerweltlichen Sphäre" (Gerhards). Da werfen die Eltern die christlichen Traditionen selbst in der NS-Zeit nicht so leicht fort.
Mädchennamen sind in den Augen ihrer Erzeuger weniger mit gesellschaftlich-politischen Willensbekundungen befrachtet. Hier dürfen sich Phantasien und Wünsche stärker ausleben. Als Film, Musik und Fernsehen von den fünfziger Jahren an fremdländische Vornamen nach Deutschland Ost und Deutschland West spülen, sind es weibliche Rufnamen, die den neuen Moden mit Natalie, Jennifer, Peggy und Sandy folgen.
Belege für eine der wichtigsten Thesen der heutigen Soziologe, für die Behauptung von der Individualisierung der Gesellschaft, findet Gerhards in seinem Material aus Grimma und Gerolstein zuhauf. So werden nicht nur die religiösen Bindungen, sondern auch die Verwandtschaftsstrukturen bei der Vergabe der Vornamen immer unwichtiger. Sein Kind so zu nennen, wie Vater, Mutter oder Oma und Opa hießen, das gefällt immer weniger Eltern. Schließlich schwindet auch die Bedeutung der Familie für die soziale Sicherung, die von Renten- und anderen Versicherungen übernommen wird: Aus Not müssen immer weniger Eltern ihren Eltern zu Willen sein.
Wohlstand fördert die Namensphantasien. "Waren 1894 von 100 vergebenen Namen 38 Prozent unterschiedliche Namen, so waren 100 Jahre später 81 Prozent der Namen unterschiedlich", hat Gerhards ausgezählt. Der Fundus wird - in den fünfziger Jahren ist der Prozess allerdings so gut wie abgeschlossen - immer größer; ein
Beleg für den Wunsch in der Gesellschaft nach Individualität.
Keine Bestätigung durch die Vornamensvergabe findet die von Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim vertretene verschärfte These, wonach sich auch die sozialen Milieus auflösen. Eine "Entschichtung" zwischen "Niedrigqualifizierten", "Qualifizierten" und "Hochqualifizierten" findet nicht statt.
Wie kann man das feststellen? Gerhards und sein Team zählten aus, wie oft Vornamen von Popstars und Fußballstars vergeben wurden - eher Merkmal für die unteren Schichten - und wie viele der griechischen Mythologie entstammten - Zeichen höherer Bildung des Namensgebers.
Und siehe da: Weder in Gerolstein noch im ehedem sozialistischen Grimma weist die Taufnamen-Auswertung auf eine klassenlose Namenswelt hin. Gerhards: "Ganz im Gegenteil: Waren es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch circa 46 Prozent der Namen, die von allen drei Bildungsschichten benutzt wurden, so sind es am Ende des 20. Jahrhunderts nur noch 28 Prozent. Die Schichtendifferenzen nehmen nicht ab, sondern im Zeitverlauf eher zu", stellt Gerhards fest.
Die Namensmoden ändern sich schnell. Rund die Hälfte der Top-Ten-Namen verschwindet innerhalb weniger Jahre aus der Liste. Gleichzeitig herrscht, was Gerhards eine "dosierte Diskrepanz" nennt.
Was gemeint ist, zeigt der Name Markus. In den siebziger Jahren ist er zunächst unter den ersten zehn, später schaffen das die Abkömmlinge Marc, Marco und Marcel. Ähnliches gilt für den Ost-Hit Steffen, der Stefan und Steve in die Charts nachzieht. Jenny bereitet phonetisch das Feld für Jessica und Jennifer, Christian für Christopher, Christoph und Chris.
Von Tradition und Sinn befreit, müssen Vornamen vor allem eins: gut klingen. Die phonetische Ähnlichkeit entscheidet über Anschlusserfolge auf dem Modemarkt. Doch wer nur noch den Lauten folgt, kann trotzdem eine letzte reale Beschreibungskraft von Namen nicht außer Kraft setzen: ob es sich bei dem Getauften um einen Jungen oder ein Mädchen handelt.
In den strengen deutschen Bestimmungen ist zwingend vorgeschrieben, dass Namen - Ausnahme Maria - geschlechtseindeutig sein müssen; in den USA wird das freier gehandhabt: Hier darf man völlig neue Namen erfinden. Da heißt es mitunter raten, ob sich hinter Kariffe, Furelle, Chanti oder Rashueen ein Junge oder ein Mädchen verbirgt. Doch Tests mit Studenten in den Vereinigten Staaten und in Deutschland ergaben, dass die Probanden das Geschlecht meistens richtig am Klang bestimmten.
Bei einem letztlich endlichen Namensreservoir kann es passieren, dass eine vergangene Mode wieder als neue Mode eingeführt wird, wenn die alten Bezüge und Traditionen vergessen sind.
So prophezeit der Autor Jürgen Gerhards denn auch eine baldige Konjunktur deutscher Vornamen: "Dann werden Karl, Heinrich, Wilhelm, Otto, Berta, Erna und Annegret auch wieder in den Top 10 zu finden sein und Leon, Daniel, Niklas, Sophie, Michelle, Sarah und Hannah ersetzt haben, bis diese wiederum - nach einer langen Latenzphase - eine Chance erhalten werden."
NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Jürgen Gerhards: "Die Moderne und ihre Vornamen - Eine Einladung in die Kultursoziologe". Westdeutscher Verlag, Wiesbaden; 204 Seiten; 18,90 Euro. * Mit Sohn Joel Maximilian und Partnerin Heidi Burmester.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 26/2003
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Erna kommt bald wieder

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