07.07.2003

MARKETING Saufen für die Gorillas

Mit der Hilfe deutscher Biertrinker wollen die Brauerei Krombacher und Fernsehstar Günther Jauch den Regenwald in Afrika retten.
Auftritt Günther Jauch. Nicht als Moderator bei "Stern TV"; weder als Fragensteller beim Millionenquiz noch als Gastgeber beim Jahresrückblick oder Kommentator eines internationalen Skispringens. Jauch kann auch anders.
Er fährt mit seinem Kombi bei einem Getränkemarkt vor und packt einige Kästen Krombacher Bier ein. Eine gute Wahl, findet der Fernsehstar, denn "mit jedem verkauften Kasten Krombacher fließt eine Spende in die Regenwaldstiftung des WWF", des World Wide Fund for Nature.
Der Regenwald, um den es geht, liegt "im Herzen Afrikas", im Dreiländereck Kamerun, Kongo-Brazzaville und Zentralafrikanische Republik - also ziemlich weit weg von der westfälischen Kleinstadt Kreuztal, wo das Krombacher gebraut wird.
Als die Bierfirma ihr "Regenwald Projekt" vergangenes Jahr auf den Weg brachte, gab es gleich Ärger mit der Konkurrenz, die mit Hilfe zweier "Wettbewerbsvereine" vor Gericht zog. Das Oberlandesgericht Hamm erlegte den Brauern laut Krombacher-Marketingchef Hans-Jürgen Grabias auf, "das Transparenzgebot zu beachten, das heißt, wir werden deutlich darstellen, wie das Geld eingesetzt wird". Ein Jahr später, zu Beginn der zweiten Kampagne, die bis Ende Juli laufen soll, zeigte sich Grabias mehr als zufrieden: "Es war die bislang erfolgreichste Verkaufsförderungskampagne in der Geschichte unseres Unternehmens."
Es war überhaupt ein gutes Jahr für die "größte Familienbrauerei in Deutschland", wie Firmensprecher Franz J. Weihrauch stolz anmerkt. Der Umsatz konnte um über acht Prozent auf 460 Millionen Euro gesteigert werden, und die Regenwald-Kampagne, sagt Weihrauch, war "ganz sicher einer der Faktoren, die für große Aufmerksamkeit gesorgt haben". Sie habe acht bis neun Millionen Euro gekostet.
Eine Zahl, die Weihrauch nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert: Jauch hat eine Million Euro Honorar bekommen, genauso viel wie Krombacher 2002 an den WWF überwiesen hat. Für die Brauer und den Promi hat sich die Aktion also gelohnt. Wie aber sieht es mit dem Regenwald aus, der "nachhaltig" geschützt werden soll?
Es gibt ein "Programm", und es gibt Angaben über die "Maßnahmen & Tätigkeiten des WWF" vor Ort, die von Krombacher unterstützt werden. Als ihr Programmziel geben die Westfalen an, "die hohe Biodiversität zu erhalten", zugleich die "einheimische Bevölkerung in das Projekt" zu integrieren, denn "nur gesellschaftliche Stabilität garantiert schlussendlich den erfolgreichen Naturschutz".
Klingt das schon sehr viel versprechend, so nehmen sich die "Maßnahmen & Tätigkeiten" noch mutiger aus. Vorgesehen sind etwa der "Schutz der Waldfauna" oder "Patrouillen im Kampf gegen Wilderei", womit schon Albert Schweitzer einverstanden gewesen wäre.
Etwas exotischer und damit dem Genius Loci angemessen scheint ein "Programm zur Gorilla-Habituierung als neue Attraktion für Öko-Touristen". Auch gegen die "Förderung der Pygmäen durch Alphabetisierung" wird niemand etwas einwenden, denn wo große Affen "habituiert" werden sollen, dürfen kleine Menschen nicht benachteiligt werden.
Alkoholismus, hat schon Wolfgang Neuss gewitzelt, sei der dritte Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, offen für jedermann, leicht zu begehen und von schnellem Erfolg gekrönt. Nun, dank Krombacher, Jauch und WWF, wird der bewusste Alkoholkonsum zum Mittel der Entwicklungshilfe und der Nächstenliebe. Schon heute bekommen Täter, die im Rausch Straftaten begehen, in der Regel mildernde Umstände, demnächst werden sie ein Alibi haben, das sie über jeden Verdacht erhebt: "Ich wollte doch nur, dass die Pygmäen Lesen und Schreiben lernen!"
Und statt bei Saufgelagen "Einer geht noch rein!" zu rufen, werden Kampftrinker "auf den Regenwald" anstoßen.
Das alles sind wunderbare Aussichten, die man nicht positiv genug bewerten kann. Bevor aber Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul das Patronat für die nächste Krombacher-Kampagne übernimmt, sollten sich alle Beteiligten über die wahren Dimensionen des Projekts bewusst werden.
In allen Presse-Infos und allen Werbespots mit Günther Jauch wird auf "das Ziel" hingewiesen: 25 Millionen Quadratmeter Regenwald sollen heuer geschützt werden, nachhaltig geschützt. Das klingt gigantisch. Nach Amazonas-Becken oder wenigstens Oderbruch. Es ist aber weder das eine noch das andere. 25 Millionen Quadratmeter sind 25 Quadratkilometer, also eine Fläche von fünf mal fünf Kilometer Kantenlänge. Jeder halbwegs trainierte Jogger würde ein solches Grundstück in zwei bis drei Stunden umrunden.
Der Grunewald, eine Grünfläche innerhalb der Berliner Stadtgrenzen, umfasst 30 Quadratkilometer. Allein der Grunewald also ist größer als "der Regenwald" im Herzen Afrikas, den Krombacher in diesem Jahr nachhaltig schützen wird. Wenn Brauer und Trinker in diesem Tempo weitermachen, werden in nur 100 Jahren schon 2500 Quadratkilometer Regenwald geschützt sein, eine Fläche von der Größe Luxemburgs, und das ist sogar auf der europäischen Landkarte nur ein kleiner Klecks.
Eine Schnapsidee, hätte man früher gesagt. Heute wird sie mit Bier begossen und mit Jauch besiegelt. HENRYK M. BRODER
* Werner Zidek, Geschäftsführer des WWF Deutschland.
Von Broder, Henryk M.

DER SPIEGEL 28/2003
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