Von Ilsemann, Siegesmund von
Tief im Inneren des Bergs Chonma, 140 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Pjöngjang, fühlen sich Nordkoreas Atomtechniker sicher: Keine der Waffen, die bisher weltweit zum Einsatz kamen, hätten das Bollwerk aus Fels und Beton knacken können, hinter dem sie ihr Bombenprogramm vorantreiben.
Doch mit solcher Sicherheit ist es demnächst vorbei: Sollten die Rüstungstüftler der Vereinigten Staaten ihre Pläne verwirklichen, müssen die nordkoreanischen Kollegen künftig einen superharten Pfeil aus Titan fürchten, der, aus dem Weltraum herabgeschleudert, Granit und Stahlbeton bis zu einer Stärke von mehr als 20 Metern durchbrechen kann. Seine kinetische Energie allein reicht aus, die unterirdische Festung in eine Todeszone und die Atomanlagen in Schrott zu verwandeln.
Amerikas neue Superwaffe, so die jetzt enthüllten Pläne des Pentagon, soll von einem Weltraumgefährt gestartet werden, das keine zwei Stunden zuvor in den USA aufgestiegen war. Der "Bunkerbrecher", den ein solches "Hypersonic Cruise Vehicle" (HCV) abwirft, wird allein von der Schwerkraft auf vielfache Schallgeschwindigkeit beschleunigt und findet satellitengesteuert seinen Bestimmungsort.
"Falke" heißt das Zukunftsprojekt. Das Akronym "Falcon" (Force Application and Launch from Continental USA) steht für die weltweite Anwendung und den Einsatz militärischer Macht vom Boden der USA aus. Die neue Strategie soll die Supermacht Amerika von Allianzen unabhängig machen und ihrem Militär eine beispiellose globale Reichweite verleihen.
Vergangenen Mittwoch gab ein Sprecher des Verteidigungsministeriums den Projektstart bekannt, bereits in dieser Woche werden der US-Rüstungsindustrie die Anforderungen für das neue System präsentiert. Und schon 2010 soll eine Vorstufe des neuen Arsenals zur Verfügung stehen. 15 Jahre später erwarten die Planer die vielfach schallschnellen HCVs startklar in ihren Hangars. Dann wäre jeder Punkt auf dem Globus binnen zwei Stunden für amerikanische Waffen erreichbar. "Unsere Streitkräfte werden stark genug sein, jeden denkbaren Gegner von Rüstungsbemühungen abzuhalten, die USA militärisch zu überholen oder auch nur gleichzuziehen", verspricht George W. Bush.
Unbehindert durch möglicherweise unwillige Verbündete, will die Supermacht künftig rund um den Erdball ihre Interessen mit militärischen Mitteln durchsetzen können. Auch die Stationierung eigener Truppen in weit entfernten Erdteilen könnte drastisch reduziert werden.
Gegen eine solche Bedrohung aus dem Weltall gibt es einstweilen keine Gegenwehr. Von vier Standorten auf dem amerikanischen Kontinent sollen die Hochgeschwindigkeitsträger starten - für potenzielle Gegner so gut wie unerreichbar.
Auf orbitaler Flugbahn können die Raumfähren ihre mehr als fünf Tonnen schwere Waffenlast über jeden Punkt der Erde manövrieren, ohne dafür Starterlaubnis oder Überfluggenehmigungen zu benötigen. Pentagon-Planer jubeln bereits: "Eine unüberwindbare taktische Abschreckung, gegen die jede gegnerische Verteidigung wirkungslos bleibt."
In zwei Stufen soll das System entstehen. Bis 2010 können so genannte Common Aero Vehicles (CAV), unbemannte Mehr-
zwecktransporter, von Raketen in den Weltraum getragen werden. Von dort steuert das CAV wie ein Spaceshuttle im Gleitflug jene Punkte an, von denen seine tödliche Nutzlast das Ziel erreicht - mit einer Treffgenauigkeit, die weniger als drei Meter vom Bestimmungspunkt abweicht.
Die Bewaffnung der CAVs entstammt zum Teil dem heutigen US-Waffenarsenal und umfasst intelligente Bomben, Marschflugkörper oder neuartige Bunkerknacker. Die CAVs sollen vor allem in der Lage sein, "gehärtete und tief eingegrabene Ziele zu zerstören". Ihre Geschosse müssten dazu eine Aufschlaggeschwindigkeit von wenigstens 4300 Kilometern in der Stunde erreichen, schreiben die Planer vor.
Die 15 Jahre später einsatzbereiten HCVs unterscheiden sich neben einer zwölffachen Nutzlast vor allem dadurch, dass sie wie unbemannte Flugzeuge an frei wählbare Landeorte zurückkehren. Binnen Stunden aufgetankt und bewaffnet, sollen die Kampfdrohnen jeden Erdwinkel mit einem Dauerbombardement belegen können: Was sie etwa bewirken sollen, beschreiben die Pentagon-Planer an den Erfordernissen des Afghanistan-Kriegs.
Wäre der Falke bereits 2001 verfügbar gewesen, hätte er ein breites Spektrum von Einsatzmöglichkeiten eröffnet: "Angriffe mit hyperschallschnellen, tief eindringenden Sprengköpfen, um al-Qaida-Gruppen in Höhlen auszuschalten; der Einsatz von Präzisionsbomben zur Vernichtung von Taliban-Einheiten oder gar der Abwurf von billigen, zielsuchenden Sprengkörpern, die Jagd auf Terroristenführer machen".
Bei solchen Aufgaben stehen die neuen Waffensysteme allerdings vor genau den gleichen Hürden, vor denen schon die intelligenten Waffen von heute versagt haben: Allen Versuchen, den Terrorpaten Osama Bin Laden oder Saddam Hussein und seine Führungsclique mit gezielten Enthauptungsschlägen zu beseitigen, fehlte es vor allem an einem - an verlässlichen Informationen über den Aufenthaltsort der Zielpersonen. SIEGESMUND VON ILSEMANN
DER SPIEGEL 28/2003
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