07.07.2003

RAUSCHGIFT„Lass mich die Nacht überleben“

Drogen zu nehmen, um kreativ zu sein, gilt in manchen Berufen als karrierefördernd. Mit Alkohol, Koks oder Heroin pushen sich Manager, Musiker und andere Medienstars. Über seine Sucht und sein Doppelleben schreibt ein etablierter Journalist und chronischer Junkie.
Zwei Tage vor Weihnachten versuchte ich, meine Freundin zu erwürgen. In den letzten Jahren waren es immer wieder diese Wochen um den Jahreswechsel, in denen mein Leben aus den Fugen geriet. Seit 15 Jahren schlug ich mich schon mit meiner Heroin-Abhängigkeit herum, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Dutzende Entgiftungsversuche und zwei stationäre Langzeittherapien hatte ich hinter mir. Seit einigen Monaten spritzte ich wieder täglich Heroin, oft zusammen mit Kokain*.
Beinahe zwei Jahre war alles gut gegangen, dieses Mal. Ich schrieb mittlerweile für die interessantesten Zeitungen des Landes und verdiente ziemlich anständig, im Sommer war ich in eine geräumige Altbauwohnung gezogen. Und, vielleicht das Wichtigste, ich hatte mich wieder verliebt. An diesem Abend, kurz vor Weihnachten, lag der Körper meiner Freundin auf dem hölzernen Dielenboden und wand sich unter mir, meine Hände an ihrem Hals.
Wenige Stunden zuvor hatte ich mich noch krampfhaft bemüht, diese Hände zu verbergen. Ich saß in einer Hotelsuite und interviewte einen der renommiertesten Regisseure Deutschlands. Seit einiger Zeit hatte ich dazu übergehen müssen, in die kleinen Adern auf meinem Handrücken und auf den Fingern zu injizieren. Die Venen an meinen Armen waren völlig zerstört. Mittlerweile sahen meine Hände aus wie Klauen aus einem Horrorfilm - geschwollen, entzündet, zerstochen. Ich trug nur noch Pullover mit sehr langen Ärmeln. Glücklicherweise war es Winter. Der Regisseur hatte schöne schlanke Hände. Hände, die ständig in Bewegung waren. Die mit meinem Aufnahmegerät spielten, wenn er nachdachte. Hände, mit denen er seine Welt zu gestalten schien.
Es fiel mir schwer, mich auf unser Gespräch zu konzentrieren. Ich hatte mit dem Flugzeug anreisen müssen, und meinen letzten Druck hatte ich mir vor vielen Stunden gesetzt, vor dem Abflug. Heroin an Bord zu schmuggeln war mir zu riskant erschienen. Außerdem versuchte ich, meinen Konsum wenigstens ansatzweise zu kontrollieren, indem ich jeden Tag nur eine bestimmte Menge kaufte. Am Ende des Tages wurde es daher oft eng. Ich wurde unruhig, litt unter Schweißausbrüchen. Ich wollte nach Hause. Jetzt gleich. Es bereitete mir körperliche Anstrengung, meine Aufmerksamkeit auf irgendetwas anderes zu richten. Dennoch gelang es mir, das Interview durchzustehen. Wenn es etwas gab, das ich noch mehr fürchtete als die Entzugsqualen, dann war es die Vorstellung, meinen Job zu verlieren. Seit meinem 17. Lebensjahr hatte ich davon geträumt, mit Schreiben mein Geld zu verdienen. Vor beinahe zehn Jahren war dieser Traum wahr geworden. Manchmal schien es mir, als sei meine Arbeit der letzte Rest von Leben, der mir noch geblieben war.
Also klammerte ich mich an meine Arbeit. Bei jedem Auftrag zerfraß die Angst, alldem nicht mehr gewachsen zu sein, meine Eingeweide. Ich begriff selbst nicht, wie es mir gelang, Reisen durchzustehen, Interviews zu führen, Texte zu schreiben.
Also saß ich in diesem Hotelzimmer und redete, zerfressen von Versagensangst, Scham, Selbsthass und Drogengier. Nur diese verdammten 45 Minuten. Dann hast du es überstanden. Ich sah dem Regisseur dabei zu, wie er mit seinen Gesten seine Sätze rahmte. Stunden später sah ich meinen Händen zu, die den Hals meiner Freundin würgten.
Den Junkies, die an Bahnhöfen herumschnorren, sieht man meist an, dass sie drogenabhängig sind. Die Kokser und Fixer jedoch, die Erfolg im Beruf haben und weiter funktionieren, führen ein Doppelleben. Arbeiten und sich mit Drogen zu inspirieren gehört für sie zusammen. Schätzungsweise 2,5 Millionen Kiffer, 150 000 Heroin-Junkies und 100 000 Kokser in Deutschland konsumieren jährlich für drei Milliarden Euro Drogen.
Wer nicht mehr klarkommt mit seiner Sucht, wer zusammenklappt und Hilfe sucht, auf den warten 450 Ambulanzen, 11 000 Entzugs- und 50 000 Substitutionsplätze. Therapiebedürftig sind aber offenbar weit über 150 000 Deutsche.
Am 25. Juni billigte das Bundeskabinett den "Aktionsplan", mit dem sich deutsche Drogenprobleme "nachhaltig reduzieren" lassen sollen. Rauschgiftabhängigkeit ist für Rot-Grün nicht mehr nur ein Verbrechen, sondern eine Krankheit und heilbar.
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, 48, fördert die rund 20 deutschen Fixerstuben, sie ließ rechtliche Hürden bei der Methadon-Substitution ausräumen, und sie lässt testen, ob es in Zukunft Heroin auf Rezept geben könnte: In sieben deutschen Städten spritzen derzeit 560 Junkies unter ärztlicher Aufsicht dreimal täglich bis zu 400 Milligramm reines, synthetisch hergestelltes Heroin. Rund 35 Millionen Euro kostet das erste deutsche Modellprojekt.
Das Dilemma der Drogenpolitik aber ist, dass sie nur die Junkies erreicht, die schon am Ende sind. Nicht aber die Mehrheit, die gelegentlich Rauschgift spritzt, schnieft, inhaliert, schluckt - und Hilfe ablehnt oder nicht braucht. Wer die Drogenbeauftragte nach Michel Friedmans Koks-Affäre fragt, bekommt zu hören: "Mich stört es, wenn ein Einzelfall herausgehoben wird, ohne dass das gesellschaftliche Problem diskutiert wird."
Die Rückreise nach dem Interview war eine Tortur. Schon im Taxi war ich weggedämmert, ein flacher, fiebriger Erschöp- fungsschlaf, aus dem ich ständig hochschreckte. Ein Film von kaltem Schweiß bedeckte meine Haut. Es sah danach aus, dass ich meinen Flug verpassen würde. Noch eineinhalb Stunden länger auf meinen nächsten Druck warten zu müssen schien mir unerträglich. Ich sah alle 90 Sekunden auf die Uhr.
Drogensucht macht dir die Zeit zum Feind. Du wartest. Ständig, in endloser Wiederholungsschleife, immer wieder aufs Neue. Auf das Ende der Schmerzen, deinen Dealer, das nächste Geld, einen Platz in der Entgiftung oder einfach nur darauf, dass der Tag endlich zu Ende geht. Dass alles endlich zu Ende geht. Nach jedem Druck läuft die Uhr wieder unaufhaltsam gegen dich.
Vielleicht ist das das Hinterhältigste an der Sucht - sie macht dir alles und jeden zum Feind. Die Zeit, deinen Körper, der nur durch lästige Bedürfnisse auf sich aufmerksam macht, Freunde und Familie, deren Sorgen du nicht zerstreuen kannst, eine Welt, die nur Forderungen stellt, denen du dich nicht gewachsen fühlst. Nichts strukturiert das Leben mit solcher Eindeutigkeit wie die Sucht. Sie lässt keinen Raum für Zweifel, nicht mal für Entscheidungen. Zufriedenheit misst sich an der vorhandenen Drogenmenge. Sucht ordnet die Welt.
Ich war an diesem Nachmittag nur einige hundert Kilometer von zu Hause entfernt, aber es schien mir wie das Ende der Welt. Zu Hause, das war da, wo die Drogen auf mich warteten. Dass ich den Flieger noch erreichte, konnte meine Unruhe nur kurzfristig zügeln. Der Start verzögerte sich, ich dämmerte wieder vor mich hin. Jedes Mal, wenn ich die Augen öffnete und sah, dass die Maschine immer noch auf dem Rollfeld stand, hätte ich heulen können. Der Entzug kroch langsam in meine Glieder und biss sich in den Knochen fest. Ein inwendiges Reißen in Armen und Beinen, als wären Muskeln und Sehnen zu kurz.
In meiner Wohnung wartete Monika auf mich. Sie war nachmittags bei unserem Dealer gewesen, einem jungen Schwarzen, und hatte Heroin und Kokain gekauft. Das nötige Geld hatte ich ihr vor meinem Abflug gegeben. Das war unser ganz persönlicher Deal - ich verdiente das Geld, und sie ging los, Drogen besorgen.
Ich hasste alle Junkies, wollte mit der Szene so wenig wie möglich zu tun haben. Und bei der Arbeit beschränkte ich, wenn es irgend ging, meine Kontakte mit den zuständigen Redakteuren auf E-Mail und Fax, ging erst ans Telefon, wenn die Nachricht auf dem Anrufbeantworter keinerlei Aufschub mehr zuließ. Mit meinen Freunden redete ich schon lange nicht mehr, ich hatte ihnen sowieso nichts zu sagen.
Wie so häufig in den vergangenen Wochen hatte ich stundenlang im Bad gesessen und versucht, eine Ader zu finden, die noch nicht völlig zerstört war. Vor allem das Kokain zerfrisst die Venen, die zahllosen Einstiche mit nichtsterilen Spritzen tun das Übrige. In meinem Badezimmer sah es aus wie in einer Schlachterei, Blutschlieren im Waschbecken und auf dem Boden, Wände und Decke bespritzt.
Die Entzugserscheinungen an diesem Tag war ich halbwegs losgeworden, indem ich zunächst ungefähr ein Gramm Heroin geraucht hatte - das braune Pulver verdampft auf einem Alu-Blech, das von unten erhitzt wird, der Rauch wird inhaliert, so tief wie irgend möglich. Da die Droge den Umweg über die Lunge nehmen muss, lässt die Wirkung einige Minuten auf sich warten, eine Ewigkeit also. Der Rausch steigt nur langsam und bedächtig in den Kopf, der erlösende Kick bleibt aus. Ein wenig wie Sex ohne Orgasmus.
Außerdem war das Inhalieren eine Tortur für mich. Ich bin Asthmatiker, meine Lunge rasselte schon nach kurzer Zeit, jeder Zug schmerzte wie ein Messerstich und löste Übelkeit und Brechreiz aus. Mit jedem vergeblichen Injektionsversuch wuchs meine Unruhe.
Mein Kopf war voll von Bildern, von Erinnerungen an Augenblicke voller Verzückung und unglaublicher Intensität. Erinnerungen daran, wie ich als 14-Jähriger Haschisch schätzen lernte, weil ich plötzlich Musik nicht nur hören, sondern im ganzen Körper spüren konnte. Daran, wie ich im LSD-Rausch mit vor Staunen offenem Mund vor einer Fußgängerampel stand und der Wechsel der Farben kleine Lichtexplosionen in meinem Hirn auslöste. Neben mir meine Freunde, auf magische Weise mit mir verbunden. Erinnerungen an meinen ersten Druck, der mich ähnlich gefangen nahm wie mein erster Sex: daran, wie das Heroin-Kokain-Gemisch all meine Nervenzellen zum Schwingen brachte, bis ich vor erregter Spannung vibrierte, eine Art riesiger chinesischer Gong aus Fleisch und Knochen. An die alles besänftigende Wirkung des Heroins, eine Art Lenor für die Seele, das dich warm umschließt wie die Fruchtblase den Fötus.
Die Erinnerung an Stunden, die ich in drogenbefeuerter Zweisamkeit verbrachte, ein nacktes Mädchen neben mir, selbst die zarteste Berührung ließ elektrische Wellen durch unsere Körper sirren. Damals nahm ich Drogen, weil es großartig war. Ich hatte mich für Drogen entschieden. Bewusst und, wie ich meinte, aus sehr guten Gründen: Drogen lösten all die Versprechen der Zigarettenwerbung ein. Wir gingen meilenweit für den nächsten Druck, und Junk schmeckte nach Freiheit und Abenteuer. Ich war 18 Jahre alt und hätte nicht anders leben wollen. Tagsüber zog ich mit meinen zwei Freunden durch die Stadt, organisierte Geld und Drogen, betrank mich in Kneipen und auf Konzerten. Abends fuhr ich mit dem einen nach Hause und legte mich wohlig berauscht zu seiner Schwester ins Bett, mit der ich damals eine Art Beziehung hatte. So ungefähr stellte ich mir das Paradies vor.
Nur noch Erinnerung, meinem Zugriff entzogen. 15 Jahre trennten mich von diesem Paradies. Ich hielt die erlösende Spritze in den Händen und fand noch nicht einmal einen Weg in meine Blutbahn. Ich hatte schon zwei oder drei volle Spritzen wegwerfen müssen, da durch die vergeblichen Injektionsversuche Blut in die Kanüle gelangt war, das irgend- wann verklumpte. Mein linker Arm war taub geworden, nachdem ich die Suche nach einer Vene aufgegeben und das Heroin-Kokain-Gemisch völlig entnervt in das Gewebe meines Unterarms injiziert hatte.
Einmal hatte ich versehentlich eine Arterie erwischt, ein fataler Irrtum, statt der ersehnten Betäubung nur ein Gefühl wie flüssige Lava in den Adern. Ich hatte sogar schon versucht, in die Venen auf meinem Penis zu injizieren. Was sich verhältnismäßig schwierig gestaltete, da die Haut und die Adern nur im erigierten Zustand über die nötige Spannung verfügen. Der Versuch, diesen Zustand aufrechtzuerhalten und gleichzeitig eine Spritze hineinzustechen, ging meist daneben.
Monika lag im Schlafzimmer auf dem Bett. Lag da wie eine Marionette, der man die Schnüre zerschnitten hatte, weltentrückt, rauschverloren. Zum einen fraß der Neid mich auf, nach diesem Zustand hatte ich mich seit Stunden gesehnt. Zum anderen ekelte ihr Anblick mich an.
Das war vielleicht das Schrecklichste an einer Junkie-Beziehung - die fast symbiotische Verstrickung erzeugt immer sehr schnell sehr viel Hass. Der andere wird zum Spiegel, in dem du all das erkennst, was du an dir selbst verabscheust. Du verachtest ihn dafür. Weil es einfacher ist, als sich selbst zu hassen.
Dein Partner ist dein wichtigster Verbündeter und dein schlimmster Feind. Die Sucht kettet aneinander, aus den falschen Gründen, sicher, aber mit unglaublicher Macht. Du willst den anderen verletzen, zumindest mit Worten, weil du in diesem Moment eine Ahnung davon bekommst, wo du aufhörst und der andere anfängt.
Monika und ich lebten seit Monaten so. Sie brauchte mein Geld, meine Wohnung. Ich brauchte sie, damit ich mich von der Szene fern halten konnte und nicht Gefahr lief, verhaftet zu werden. Brauchte sie, weil sie mir immer wieder eine Art Galgenfrist verschaffte: Wie hätte ich noch Zeit und Energie für meine Arbeit finden sollen, wenn ich mich noch jeden Tag um die Drogenkäufe hätte kümmern müssen? Außerdem konnte ich mich an ihr aufrichten: In manchen Momenten schien sie mir viel kaputter und süchtiger, als ich selbst es war.
Wir fühlten uns einander ausgeliefert. Oft schrien wir uns an, vor allem, wenn es darum ging, die letzten Drogenreserven aufzuteilen. Als ich herausfand, dass Monika ein paar Dutzend meiner CDs verkauft hatte, weil ihr die Kokain-Menge, die ich bezahlte, nicht ausreichte, warf ich sie aus meiner Wohnung. Am nächsten Abend stand sie wieder vor meiner Tür. Ich ließ sie herein. Wir hatten beide von Anfang an gewusst, dass es so ausgehen würde. Nachts im Bett klammerten wir uns wie Ertrinkende aneinander, so, wie ich mich als kleiner Junge an meinen Teddy geklammert hatte. Sex oder gar Zärtlichkeit spielten keine Rolle mehr.
Jedes Frühjahr verliest die Drogenbeauftragte in Berlin den Drogen- und Suchtbericht. Darin steht eine Zahl, auf die alle warten, eine Zahl, an der ihre Arbeit gemessen wird - die Zahl der Toten im Drogenkrieg.
Gemessen wird die Drogenbeauftragte der Bundesregierung daran, ob diese Zahl sinkt oder steigt. Sinkt sie, wird man sagen, die Caspers-Merk, die macht ihre Sache schon. Steigt die Zahl, wird es Ärger geben - oder einen neuen Drogenbeauftragten.
Am 29. April dieses Jahres sprach Marion Caspers-Merk eine Zahl ins Mikrofon, laut und stolz, als handelte es sich um die Neuzugänge der SPD in einer deutschen Kleinstadt: 1513 Menschen starben im Jahr 2002 an den Folgen des Rauschgiftkonsums, viele von ihnen an einer Überdosis. "1513" - das ist der Rekord seit 1997 und 17,5 Prozent weniger als 2001, da waren es 1835 Tote, 2000 sogar 2030. Seit zwei Jahren ist die Zahl der Rauschgifttoten rückläufig, wie auch die Zahl der "erstauffälligen Konsumenten harter Drogen". Diese Zahlen sind für Caspers-Merk der Beweis, dass Drogenpolitik erfolgreich sein kann. Sie machen sich gut auf Drogenkonferenzen, wenn wieder Kritiker von Versagen sprechen, vom verlorenen Krieg gegen das Gift.
Es war September, als ich Monika zum ersten Mal sah, ein sonnenmatter Spätsommerabend, aber das Frösteln in meinem Körper ging mir bis auf die Knochen. Es war mein erster Tag in einer Drogenklinik im Westerwald. Seit beinahe zwei Wochen hatte ich kaum noch geschlafen, 45 Minuten pro Nacht, im Höchstfall. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich mich substituieren lassen, hatte von einem Arzt den Ersatzstoff Polamydon bekommen. Das sollte mir helfen, die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken. Das Polamydon war mir schnell widerlich geworden. Es nahm mir die Entzugssymptome, sicher. Aber auf Drogen ging es mir wenigstens ab und an so elend, dass ich mich im Vergleich dazu an anderen Tagen gut fühlte. Polamydon versetzte mich in ein dumpfes Dämmern. Völlige Antriebslosigkeit, ich schlurfte morgens in meine Apotheke, und das war es. Arbeiten ging gar nicht mehr. Warum auch? Ich saß nur noch vor dem Fernseher, stundenlang.
Drei Wochen vor Therapiebeginn hatte ich im Krankenhaus entgiftet. Jeden Tag wurde die Polamydon-Menge, die ich nahm, reduziert. In der letzten Woche bekam ich nichts mehr. Erst da begannen die echten Schwierigkeiten. Anders als der Heroin-Entzug, der ungleich schmerzhafter, aber dafür auch überschaubarer abläuft - nach zwei Wochen ist das Gröbste überstanden -, zieht sich der Polamydon-Entzug schier endlos hin. Beinahe drei Monate dauerten meine Schlafstörungen. Meine Glieder schmerzten, keine Liegeposition war lange auszuhalten. Manchmal stand ich kurz davor, meinen schnarchenden Zimmerkollegen zu erdrosseln.
Monika war schon zwei Monate hier. Als ich sie zum ersten Mal sah, saß ich auf der letzten Stufe einer Treppe, ausgelaugt und bewegungsunfähig. Sie schien die Treppe hinaufzufliegen. Anfang 20 und das schönste Mädchen, das ich seit langer Zeit gesehen hatte - so jung, so aufregend, sie schien mir zu flirren vor Energie und Leben. Nie war ich so anfällig für diese Gefühle wie in diesen Momenten: Kurz nach dem Drogenentzug war mir jedes Mal, als wäre meine Haut verkehrt herum auf den Körper getackert. Jahrelang hatten die Opiate alle anderen Bedürfnisse beinahe völlig ausgeschaltet. Jetzt kamen sie mit Macht zurück. Monika ging es ähnlich. Wir stürzten uns aufeinander. Dass Beziehungen, die in Therapien entstehen, dem Alltag meist nicht standhalten und dass fast alle mit dem Rückfall enden, wusste ich. Aber Statistiken, dachte ich, konnten uns nichts anhaben.
Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis sich die Sucht wieder in unser Leben schlich. Schon Monate bevor einer von uns beiden rückfällig wurde, war sie da. Unsere Beziehung wurde immer enger, hermetischer, abhängiger. Schließlich geschah es immer häufiger, dass ich abends nach Hause kam - damals arbeitete ich als Urlaubsvertretung in der Redaktion eines großen Magazins - und den Notarzt in der Wohnung vorfand. Weil Monika kollabiert war und sich in Krämpfen auf dem Boden wand. Der Arzt injizierte ihr Valium, sie lag auf meinem Bett und dämmerte weg. Ich saß daneben und fand keine Ruhe, aufgewühlt, verängstigt und gelähmt. Ein Gefühl wie langsames Ausbluten. Bis der Heroin-Rausch irgendwann das Einzige war, was mir Linderung verhieß.
Und jetzt - jetzt blickte ich auf meine Hände, sie waren das Erste, was ich sah, als die Nebel in meinem Kopf durchlässiger wurden. Hände an ihrem Hals. Sie schrie. Ich konnte sie nicht hören, aber ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten. Sie wand sich, trat, schlug um sich. Zerrte an den Händen, die sie würgten und am Boden festhielten. Nur langsam sickerte in mein Bewusstsein, dass diese Hände meine waren. Es dauerte Minuten, bis ich realisierte, was geschah, was ich gerade tat. Ich ließ sie los, abrupt, verstört. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war.
Monika hatte mir einen Druck gesetzt, das war das Letzte, an was ich mich erinnerte. Mehr als ein halbes Gramm Kokain, in meine Halsvene. Etwas, was ich nur sehr selten tat. Weil Einstichstellen am Hals schwer zu verbergen sind. Monika hatte mir die Spritze setzen müssen, weil ich mit den seitenverkehrten Bewegungen vor dem Spiegel nicht zurechtkam. Dann, erzählte sie mir, war ich umgefallen, mit dem Kopf hart auf dem Boden aufgeschlagen und bewegungslos liegen geblieben. Mein Körper wurde steif, und meine Lippen färbten sich blau. Ich hatte eine Überdosis Kokain erwischt. Irgendwann öffnete ich die Augen und sah, dass sich jemand über mich beugte. Dass es Monika war, die panisch vor Angst an mir rüttelte, kapierte ich nicht. Ich lag am Boden, mir ging es elend, und da war jemand über mir. Alles entlud sich, und Monika war das geeignete Ziel. Ich erinnerte mich später nur daran, sie durch die Wohnung gejagt zu haben, bis ihr Hals in meinen Händen war. Und ich erinnerte mich an Wut. Unbändigen Hass und unbedingten Willen, ihr wehzutun. Völliger Kontrollverlust, animalisch und bösartig.
Am Anfang suchen sie den Kick. Sie wollen Abenteurer sein und ausprobieren, wie tief sie eindringen können in andere Dimensionen. Am Ende gelingt Junkies selten der Ausstieg. Am Ende suchen sie Erlösung.
"Es solle sein letzter Schuss sein, versprach Axel, dann bin ich los vom Stoff, dann werde ich endlich clean", sagt Axels Mutter. Ihr Sohn, ein neugieriger Junge, 19 Jahre alt, hochintelligent und Bester seiner Klasse im Skifahren, spritzte Heroin. Seine Eltern wollten lange nichts wissen, sie schauten weg. Vor acht Jahren starb Axel an dem Schuss, der sein Ausstieg sein sollte, er brach sein Versprechen. Vielleicht ahnte er, dass nur im Tod Erlösung liegt. Er setzte sich eine Überdosis, den goldenen Schuss.
Axels Familie gründete das Schöpflin-Versandhaus. Axels Familie hat keinen Sohn mehr, aber sie hat ein Haus mit Garten und Geld. Damit Axels Tod endlich einen Sinn bekommt, ließen sie die Villa Schöpflin zum Zentrum für Suchtprävention ausbauen, einer Anlaufstelle für Jugendliche und ihre Familien. Die Villa steht im Landkreis Lörrach an der Grenze zur Schweiz, 1997 gab es dort 14 Drogentote, bisheriger Negativrekord. Lörrach gehört zum Wahlkreis von Marion Caspers-Merk.
Auf der Einweihungsfeier sprach die Drogenbeauftragte von Fehlern ihrer Vorgänger und davon, dass man Visionen brauche im Kampf gegen das Rauschgift. "Hätte es diese Einrichtung schon damals gegeben", sagten Axels Verwandte in ihren Reden, die sie unterbrechen mussten, als Trauer und Wut wieder hervorbrachen, "wären wir heute noch eine glückliche Familie." "Wir erwarten, dass sich unsere Hoffnungen endlich erfüllen", sagten sie, "in diesem Haus muss wieder gelebt werden!"
Die Bilder in meinem Kopf sortierten sich zu Erinnerung. Der Schock ließ mich am ganzen Körper zittern, ich würgte, der Geschmack von Galle in meinem Mund. Monika wand sich unter Heulkrämpfen und schrie immer wieder, warum ich sie so sehr hassen würde. Es klingelte an der Tür. Zunächst begriff ich kaum, was dieses Geräusch zu bedeuten hatte.
Dann sah ich den Widerschein von Blaulicht, der durch mein Fenster fiel. Auf der Straße vor meinem Haus ein Krankenwagen und ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Monika sagte, sie habe den Notarzt gerufen, als ich regungslos auf dem Boden lag. Sie habe sich nicht anders zu helfen gewusst. In meiner Wohnung lagen umgestürzte Möbel, auf dem Dielenboden benutzte Spritzen und auf dem Küchentisch einige Gramm Heroin und Kokain.
Es klingelte wieder, diesmal direkt an meiner Wohnungstür. Der Polizist sagte, er habe einen Notruf erhalten, und wenn ich nicht öffnen würde, wäre er berechtigt, die Tür aufzubrechen. Ich öffnete. Wie es mir gelang, die Beamten zu beruhigen, weiß ich nicht mehr. Irgendwann gingen sie, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass auch Monika wohlauf war. Gingen, ohne meine Wohnung betreten zu haben.
Als sie weg waren, schluckte ich meinen gesamten Vorrat an Valium, schüttete zwei Liter Bier in mich hinein und rauchte so viel Heroin, wie ich in meine Lunge zwingen konnte, ohne zu erbrechen. Sog den Rauch in meine Lungen, als wäre ich gerade dem Ersticken entronnen. Danach brach ich heulend zusammen. Ich klammerte mich an Monika, wimmerte und stammelte: "Bitte hilf mir." Immer wieder diesen einen Satz. Es war kurz vor Mitternacht. Am nächsten Morgen musste ich um 8.30 Uhr am Hauptbahnhof einen Zug erreichen, mittags sollte ich ein Interview in einer anderen Stadt führen. In meinem Kopf war nur noch ein einziger Gedanke. Obwohl ich seit Jahrzehnten an keine Religion mehr glaubte, klang es wie ein Gebet: "Lieber Gott, lass mich die Nacht überleben."
Ich stand die Nacht durch. Und auch den nächsten Tag, inklusive Interview. Nach den Weihnachtsfeiertagen meldete ich mich im Krankenhaus für einen Entgiftungsplatz an. Wochen später, an dem Tag, an dem ich ins Krankenhaus ging, warf ich Monika aus meiner Wohnung. Einige Male kam sie noch zurück, einige Male ließ ich sie wieder herein, um sie in immer kürzeren Abständen wieder vor die Tür zu setzen. Irgendwann kam sie nicht wieder. Monate später entschied ich mich zu einer weiteren stationären Drogentherapie. Im vergangenen Jahr nahm ich mein Leben wieder ganz in meine Hände.
Monika sah ich zuletzt vor einigen Monaten zufällig auf der Straße. Sie sah sehr ausgezehrt aus. Soweit ich weiß, lebt sie noch.
* Der Autor des autobiografischen Textes arbeitet seit rund zehn Jahren für deutsche Zeitungen und Magazine, auch für den SPIEGEL. Die Zwischentexte verfasste SPIEGEL-Redakteurin Fiona Ehlers.

DER SPIEGEL 28/2003
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RAUSCHGIFT:
„Lass mich die Nacht überleben“